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Who’s to blame?

Als Nutzer von Unterhaltungselektronik sitzt man in einer moralischen Klemme, aus der es kein Entrinnen gibt. Allein totale Entsagung wäre ein Weg, denn egal, für welche Hersteller man sich entscheidet und welche Geräte man nutzt: Irgendwo auf der Welt sitzt mit ziemlicher Sicherheit jemand, der eben dieses Gerät für viel zu wenig Lohn und in heftigen Überstunden zusammengeschraubt hat, damit wir es noch ein wenig günstiger kaufen können und die beteiligten Hersteller noch ein wenig mehr daran verdienen.

Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser jemand ein Mitarbeiter von Foxconn ist (dem taiwanischen Unternehmen, das mit rund einer Million Beschäftigter für etwa 40 Prozent der jährlichen Elektronik-Umsätze in Höhe von 150 Milliarden Dollar zuständig ist), ist hoch, denn nicht nur Apple lässt bei Foxconn produzieren, sondern so gut wie jeder in der Branche.

Nachdem in den vergangenen Jahren die Selbstmordrate unter Foxconn-Mitarbeitern anstieg und die Kritik nicht bei Foxconn stoppte, sondern sich auch an die beauftragenden Unternehmen richtete, schickte das WIRED-Magazin für seine aktuelle Ausgabe den Gizmodo-Redakteur Joel Johnson nach China, um sich des Themas anzunehmen.

Herausgekommen sind dabei zwar keine wirklich investigative Recherche (die bei einem solchen Konzern offiziell wahrscheinlich auch nicht möglich wäre), keine Lösungen, keine beruhigenden Antworten, wohl aber ein äußerst lesenswerter Artikel. Johnson gelingt es, die zu Beginn dieses Lese-Tipps beschriebene Misere, in der wir alle stecken, als Leitthema zu nutzen und um seine Suche nach einer Antwort zu beschreiben auf die Frage, ob er mit seinem Faible für Elektronik für das Leid anderer Menschen (mit)verantwortlich ist.

1 Million Workers. 90 Million iPhones. 17 Suicides. Who’s to Blame?

Wer noch mehr Zeit hat, sollte auch die Kommentare lesen.

22 Kommentare

  1. 01
    monojoe

    blubb

  2. 02
    ben

    Es ist doch nicht nur in der Unterhaltungselektronik-Sparte so, kaum ein Kleidungsstück besteht nicht aus Baumwolle die in Ländern der dritten Welt zu schlechten Bedingungen geerntet wurde, kaum ein Stück Fleisch das gegessen wird stammt nicht von einem Tier das in einem Mastbetrieb „leben“ musste, kaum ein Stück Obst wird nicht um die halbe Welt verschifft um unserem Konsum gerecht zu werden, kaum ein Gemüse wird nicht zu Niedriglöhnen gepflanzt und geerntet.
    Das alles währe gar nicht mal sooo schlimm, weil man es ja ändern könnte, aber kaum einen Menschen stört es so sehr das er Konsequenzen zieht, wirkliche Konsequenzen zieht…

  3. 03

    Was mich wirklich ärgerte an dem Artikel ist die nach Sensationen heischende Überschrift, die jede abgeklärten Versuch einer Auseinandersetzung mit dem Thema von vornherein schwierig macht.

    Nur mal so als Relation: China hat offiziell ca. 66 Suizide pro Jahr pro 1Millionen Menschen, Deutschland: 110 / Jahr / pro 1Million Menschen, die USA 111.
    In der US-Armee sind’s 217, die Zahlen für deutschen Soldaten im Auslandseinsatz hab ich gerade nich.

    Ds macht jeden einzelnen Suizid nicht besser, aber wenn man diese Zahlen kennt, wirken 17 auf einmal schon etwas anders.
    Versteh mich nicht falsch (und eigentlich muss ich den Zusatz nicht bringen, oder?) – Das Thema Sweatshops, Ausbeutung von (Wanderarbeitern), Arbeitsbedingungen etc in Asien ist wichtig und es hat sich inzwischen sogar auch viel zum positiven verändert.
    Die wirklich perverse Seite des Kapitalismus zeigt sich aber erst, wenn man weiss, dass wenn China die Arbeitsbedingungen und Löhne anzieht, die Fabriken nicht mehr konkurenzfähig sind, weil Apple und Konsorten sich dann halt n neuen, billigeren Stadort suchen. So einfach und traurig läuft das ab.

    Isn guter Artikel, aber ich hab mich wirklich doll über die Überschrift geärgert.

  4. 04
    Flo

    Suizidrate in Deutschland 11,4 je 100.000 Einwohner pro Jahr (2007)
    Suizidrate bei Foxconn 0,34 je 100.000 Mitarbeiter pro Jahr (Schnitt der letzten halben Dekade*)

    * „evidence gathered from news reports and other sources indicates that 17 Foxconn workers have killed themselves in the past half decade“

    Wie heißt es so schön im Wissenschaftsdeutsch? Statistisch nicht signifikant…

  5. 05

    Soweit ich das irgendwo mal (ich glaube bei Deutschlandfunk) gehört habe, sind die Arbeitsbedingungen bei der Produktion von Elektronik (abgesehen von der Eintönigkeit) teilweise auch gesundheitsschädigend, z.B. bei der Säurebehandlung von Platinen ohne nennenswerten Arbeitsschutz.

    Wie schon andere Kommentatoren geschrieben haben, ist leider noch keine Besserung in Sicht, da die Konzerne wenig Bewusstsein für faire Arbeitsbedingungen zu haben scheinen.

  6. 06
    S. Schwarzmeister

    Der erste Kommentar von Tom Wootton zeigt doch schon, dass das ein typischer Wired Article ist, den man einfach mit nem pseudo-kontreversen Thema aufgeladen hat, um genügend Buzzwords reindrücken zu können.
    Und tada, sie haben ihr Ziel erreicht.

  7. 07
    homecage

    Wann kommt der pc Pc?

  8. 08

    Mal im Ernst: Selbst wenn die Statistiken nicht signifikant sind, steht dieser Fall, wie viele andere auch, dafür, dass wir in unserer schönen tollen Glanz- und Hightechscheinwelt leben und gerne vergessen (oder nicht wissen) unter welchen Umständen die Menschen leben und arbeiten und zu großen Teilen unsere Welt zusammengebaut haben.

    Manchmal geht es nicht um die Statistik, sondern um die Geschichte, die dahinter steckt.

    Selbst wenn die Selbstmordrate nicht höher ist, kann man daraus nicht folgern, dass die Produktions- und Lebensbedingungen in Schwellenländern total super sind. Dies wird aber durch die Entkräftigung der Statistik suggeriert.

  9. 09
    Roger

    You are to blame. Hier permanent auf Gutmenschen machen und auf re:publica T-Shirts von einer Firma verkaufen, der seit Jahren systematische sexuelle Belästigung von der Chefetage bis in die Läden vorgeworfen wird neben anderen netten Dingen. Einfach ‚“american apparel“ sexual harassment‘ in Google eingeben und auf der Timeline nachlesen, was da so passiert.

    Nee, wußtet ihr natürlich nicht. Ist ja nur der Zulieferer.

    Fasst euch bei der eigenen Nase.

  10. 10

    @Roger: Meine Nase ist ziemlich groß, ich stoße quasi automatisch ständig dran und bin zwar generell sowieso an allem Schuld, nur nicht daran, „permanent auf Gutmensch zu machen“. Du kennst mich nicht, also lass bitte einfach blinde Unterstellungen sein, in denen du dir dein eigenes kleines Feindbild zusammen bastelst.

    Nicht nur wegen der von dir erwähnten Geschichten rund um AA, die seit mindestens sechs Jahren bekannt sind und für die der Chef (Name gerade nicht parat) meines Wissens schon mehrfach und zurecht vor Gericht stand, bin ich kein Freund von AA, ich finde schon die Qualität und das Image scheiße. Tatsächlich kann jeder jedoch selbst entscheiden, ob er ein AA-Shirt kauft oder eine andere Marke wählt, Spreadshirt bietet verschiedene Hersteller an. Spreadshirt vorzuschreiben, AA aus dem Programm zu nehmen, steht mir weder zu noch hätte ich dabei eine Chance.

    AA aber für die rp aus dem Angebot zu nehmen, wäre sicher machbar, darüber kann man reden. Könntest du mir vorher den Gefallen tun, und alle anderen Hersteller checken, ob die komplett in Ordnung sind? Das wäre eine große Hilfe. Wir können die Sache gerne in gemeinsamer Verantwortung angehen: johnny@spreeblick.com.

  11. 11

    @S. Schwarzmeister: @Fred Fredson: Es geht darum, wie man das Thema an Leute bringt, die es bisher vlt. noch nicht auf dem Schirm hatten. WIRED ist ein Mainstream-Magazin.

  12. 12
    S. Schwarzmeister

    @Johnny Haeusler:
    Leute die das Thema vlt. noch nicht auf dem Schirm hatten, werden wohl kaum auf Spreeblick bzw. Wired kommen, da man da schon ziemlich unter nem Stein gelebt haben muss. Das Thema wurde schon vor Monaten immerhin wochenlang durchgekaut.

  13. 13

    @S. Schwarzmeister: Okay: du findest den Artikel blöd und überflüssig, ich finde, es ist ein lesenswerter Text. Dann hätten wir das geklärt. :)

  14. 14

    @Johnny Ich habe in keiner Art und Weise versucht gegen die Veröffentlichung hier oder bei Wired zu reden. Eher das Gegenteil. Im Gegensatz zum @Schwarzmeister kenne ich genug Leute, die unter Steinen leben.

  15. 15
    Felix Moniac

    Als Anfang können wir überlegen lernen, welche Elektronik wir wirklich benötigen.

    Ich besitze einen Thinkpad, der solide verarbeitet ist, und hoffe, dass er, wenn ich ihn gut hege und pflege, noch mindestens fünf Jahre hält. Dann ist er fast zehn Jahre alt, vielleicht macht er dann nochmal ein paar Jahre mehr mit.

    Gott sei Dank, ich brauch nur Internet und Textverarbeitung.

    Das ist vielleicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Immerhin aber ein Tropfen.

    Man könnte sich auch überlegen, z.B. beim Smartphone auf OpenSource umzusteigen. Dann kann man sein Gerät sehr lange benutzen und mit aktueller Software (cyanogen, z.B.) bespielen und ist dann nicht auf neue Hardware angewiesen.

  16. 16

    @Fred Fredson: Schon klar, es war ungeschickt von mir, auf beide Kommentare in einem zu reagieren, denn in deinem Fall war das eher ergänzend und zustimmend gemeint.

  17. 17

    „die moralische klemme“ schließt sich noch stärker, wenn mann nach afrika (ost kongo), wo die mineralien zur herstellung unserer iphones, notebooks etc gewonnen werden, schaut.verantwortlich sind doch wohl firmen, wie auch apple, die ihr geld und manpower lieber in PR-kampagnen wie „red“ stecken, statt sich um die integrität ihrer zulieferer zu kümmern. ich bin der meinung, dass das für einen konzern, der ja auch die vorzüge des rechtsstaat genießt eigentlich selbstverständlich sein sollte… leider gottes gilt halt immer noch überall: profit over people.

  18. 18
    Roger

    Sehr geehrter Herr Hausler,

    nein, ich kenne Sie nicht. ich habe auch nicht als Person angesprochen. Ich spreche (daher Plural) die Autorinnen und Autoren des Weblog Spreeblick an. Wenn ich die Beiträge hier lese zu Weltfrauentag, den Stolz Websites zu „gendern“, etc., und gleichzeitig sehe dass Sie mit dieser Firma Geld einnehmen, dann ist mein „kleines Feindbild“ geweckt.

    Das läßt sich in einem Wort zusammenfassen: Heuchler. Mit Fingern auf andere zeigen, moralische Hoheit zu reklamieren und gleichzeitig die eigenen Standards zu verachten.

    Ihre Argumentation: „die anderen sind für ihre Zulieferer verantwortlich, wir nicht.“ Jeder kann also sebst entscheiden, ein T-shirt (iPhone) von re:publica (aus Foxconnscher Fertigung) zu kaufen. Aha.

    Sie scheren sich einen Mist um ihre eigenen Ansprüche, die Sie an andere stellen. Wenn ihnen die Zustände dieser Firma „seit mindestens sechs Jahren bekannt sind“ dann sollten Sie seit mindestens sechs Jahren KEINE T-SHIRTS DIESER FIRMA VERKAUFEN.

    Das Geld mit denen der Chef von AA nach Medienberichten seine Opfer zum Schweigen bringt, wird nämlich auch mit re:publica T-Shirts verdient. Ich werde nicht ihre Arbeit tun und einen Zulieferer finden, der menschlichen Ansprüchen genügt. Das müssen Sie alleine tun.

    Schönen Abend noch.

  19. 19

    @Roger:
    Deine Äusserungen wirken mit dazu bei, die Seite,
    respektive den Verlag KG indirekt zu unterstützen.

    Wobei mir immer noch nicht klar ist wie man damit
    Geld erwirtschaften kann. Naja, doof geboren und
    blöd gestorben.

    PiPi

  20. 20

    @Roger: Ich lese in dieser Debatte nur eine Person, die sich moralisch über andere erhebt und mit dem Finger auf sie zeigt. Und da es völlig egal ist, was ich Ihnen antworte: Möge ihr Leben so perfekt sein, wie sie es von anderen erwarten.

  21. 21

    Hmm

    Das Thema,
    wie einige wenige erkannt haben, ist die Frage nach der Herkunft
    von Produkten und nicht zuletzt von biologischen Erzeugnissen.

    Was kann der Verbraucher tun, um sicher zu sein dass …?

    Fairtrade

  22. 22

    @Johnny Haeusler:
    Apro pos Moralisch

    Die Entsorgung der billig gekauften Waren wird umso teurer,
    desto mehr gekauft wird. Irgendwie Surreal aber dennoch Realität.

    Grüße alle Volkswirte und Ökonomen (-innen).

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