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WM 2011: Fußball ohne Idioten

Was waren wir froh über die Zeilen von Fred zur Frauenfußball-WM, mit deren Hilfe wir gestern Abend beim Spiel Deutschland – Kanada (2:1) alle Fragen der Söhne beantworten konnten.

Denn ich bin ja kein Fußball-Auskenner und sowieso nur Turnier-Gucker. WM, EM, das ist alles prima und lässt mich mitfiebern, Bundesligen jedoch interessieren mich nicht die Bohne. Und gestern habe ich zum ersten Mal ein Frauenfußballspiel in ganzer Länge gesehen. Doch es wird nicht das letzte bleiben, denn es hat Spaß gemacht auf eine Art und Weise, die diese WM noch zu einem persönlichen Sommerhit machen könnte, dem im besten Fall die manchmal unangenehme Aufregung der Männer-Version fehlt, weil im besten Fall die manchmal unangenehm aufgeregten Männer fehlen. Fußball ohne Idioten. Keine schlechte Aussicht.

Kurzer Einwurf: Ich hatte das Wort „Idioten“ zuerst mit diesem Artikel verlinkt, Nico Rosberg fühlt sich jedoch falsch zitiert.

Dabei war ich im Vorfeld enttäuscht und verärgert. Enttäuscht darüber, dass sich der angenehme Teil der Aufregung der vergangenen Weltmeisterschaften nicht so recht einstellen wollte. Und verärgert darüber, dass es dann doch Halbnacktfotos sein mussten, mit denen man die mediale Aufmerksamkeit für diese WM steigern wollte. Nichts gegen die körperliche Inszenierung der Sportlerinnen, das macht man mit den Kerlen ja genauso. Warum aber kaum jemand auf die offensichtliche Idee gekommen ist, die Damen mit modernen Stilmitteln als das zu präsentieren, was sie sind, nämlich Hochleistungssportlerinnen, das bleibt mir rätselhaft. Wie so etwas auch ohne nasse T-Shirts geht, zeigen die großen Sportartikelhersteller regelmäßig, den feinen Unterschied zwischen sexy und sexistisch sollte man also kennen.

All der Ärger war jedoch gestern schnell verflogen, denn es dauerte nur wenige Minuten, bis ich den Trick heraus hatte, um diese WM genießen zu können:

Man muss einfach nur aufhören zu vergleichen.

Denn es ist vollkommen egal, ob und (wenn ja) wie Frauen anders Fußball spielen als Männer, worin sich die National-Teams unterscheiden, wohin mehr Geld fließt oder welche WM mehr Zuschauer hat. Diese WM 2011 ist ein in sich geschlossenes Turnier, es steht für sich und dabei zählen nicht Podolski und Schweinsteiger, sondern Garefrekes und Okoyino.

Und alle anderen, deren Namen ich erst noch kennenlernen werde. Denn dass es neben den amtierenden Weltmeisterinnen aus dem eigenen Land für mich bisher keine favorisierten Teams gibt, dass ich noch keine Ahnung habe, wie die Engländerinnen, die Brasilianerinnen, die Schwedinnen spielen, das macht dieses Turnier zu etwas Neuem für mich. Nur wenige selbsternannte Experten quatschen einem bislang das Ohr ab bei dieser WM, von Schland-Gegröhle fehlt noch jede Spur (kann noch kommen …), schwarzrotgelbe Auto-Wimpel vermisse ich nicht und auch, dass man mir nicht an jeder Ecke Sammelpunkte für Deutschland-Irgendwas unterjubeln will, empfinde ich eher als angenehm.

Ob diese WM weiterhin Spaß machen wird, entscheiden allein die Spiele. Ich freu mich drauf, und Fred wird uns mit einigen Artikeln auf dem Laufenden halten.

Denen macht’s auch Spaß:
Schorleblog
Ennomane

Notiz am Rande: Auf Twitter stellte jemand die Frage, wieso es zwar „Damentennis“, aber „Frauenfußball“ heiße. Jemand anderes (ich habe den Link nicht gespeichert, sorry) vermutete, dass Fußball historisch gesehen vielleicht eher als „Unterklassensport“ gesehen wurde und daher nicht von Damen gespielt wurde. Dabei gab es beide Varianten auch vor Jahrzehnten schon, zum Beispiel, als der DFB 1955 den Damenfußball verbieten wollte und ein Jahr darauf trotzdem 18.000 Zuschauer das Länderspiel der deutschen Damen-Fussballmannschaft in Essen sahen (Deutschland – Holland 2:1). In Großbritannien zog es dabei schon 1920 immerhin 53.000 Zuschauer zum Spiel der Dick Kerr’s Ladies gegen die St. Helens Ladies, doch auch dort verboten 1921 die Männer der Football Association den Damen den Sport – das Stadionverbot für Damenfußballspiele wurde erst 1970 wieder aufgehoben.

35 Kommentare

  1. 01
    geroyche

    so ganz ohne idioten war das gestern dann doch nicht.
    ich sag nur „Fußball-WM der Frauen ist, wenn man trotzdem Spaß hat“
    http://www.news.de/medien/855195682/das-erste-geht-baden/1/

  2. 02

    Nach Ansicht der Tonbandabschrift des Pressegesprächs, die Nico Rosberg auf seine Internetseite gestellt hat, muss man wohl sagen, dass der gute Mann recht unsauber zitiert worden ist:

    http://www.nicorosberg.com/2011/06/nico-rosberg-hier-durch-bekommt-ihr-mal-einen-eindruck-vom-haifisch-becken-formel-1/

  3. 03
    Martin

    Fussballerisch bewegt sich das alles so auf U15-Niveau und deren WM würde ich mir auch nicht angucken. Da es aber so gehypt wird und ich mich dem auch nicht entziehen kann ( es ist ja auch schön gemeinsame Themen zu haben) werde ich auch mal reinzappen.

  4. 04
  5. 05

    Keine Idioten im Stadion, das mag sein. Faire und fachkundige Fans wie gestern behauptet wurde? Wohl kaum. Das hat man daran gemerkt, dass Joseph Blatter nicht ausgepfiffen wurde, als er auf der Stadionleinwand zu sehen war. Eher ahnungslos als fair, denn der hat es verdient ausgepfiffen zu werden.
    Trotzdem haben die Damen richtig gut gespielt. War überrascht, denn ich bin zwar kein Chauvinist, aber dennoch bislang ein großer Frauenfußball-Skeptiker. Weiter so Mädels!

  6. 06

    Danke! BTW hier noch ein Blog, das wirklich lesbar und lustig über die WM bereichtet (und ein schwacher Trost, dass es keine Spieleberichte von Fred gibt): http://iniwmblog.wordpress.com/

  7. 07
    S. Schwarzmeister

    Der Frauenfußball ist nur so „groß“ eben wegen Leuten wie Podolski und Schweinsteiger. Fan-zahl, Fördergelder, Funktionäre. Da müssen es sich Leute wie Garefrekes und Okoyino, die sonst irgendwo auf nem Stadion-Vorplatz kicken würden, schon gefallen lassen andauernd mit den Männern verglichen zu werden.
    Und ich glaube jetzt mal, dass das denen gar nicht so unrecht ist.

  8. 08
    Meph

    @Nennenswertes: Den Moment haben wir im Stadion einfach verpasst, weil wir vermutlich aufs Feld geguckt haben. Mein Kumpel und ich hatten uns schon Stunden vorher warmgelaufen, um Blatter bei der Nennung seines Namens auszubuhen. Laut SpOn hatte ja die Regie dann verzichtet, ihn namentlich zu begrüßen, wegen des Pfeifkonzerts.

  9. 09

    Die Notiz am Rand wurde übrigens am Rande der Gesellschaft schon, naja: „beantwortet“.

  10. 10

    @c.sydow: Hm. Aber ist das nun wirklich falsch zitiert? Abgesehen von den offenbar äußerst dämlichen Journalisten kommt von Rosberg achtmal „Boah“ und dann der Paralympics-Vergleich. Ich ergänze es oben trotzdem, danke dir für den Hinweis!

  11. 11

    @diaet: Super, danke! Ist ergänzt. :)

  12. 12
    rob rob, der robert

    Gibt es eigentlich irgendwo ein Tippspiel, bei dem man innerhalb des Freundeskreises beweisen kann, wer das beste gefühlte Wissen im Frauenfußball hat?

    Edith: Bei der Abschrift der Pressekonferenz, die sydow gelinkt hat, tun sich ja eklige Abgründe auf.

  13. 13
    Florian

    Guter Artikel. Genau meine Meinung – danke!

  14. 14
    meiner einer

    Die entspannte Haltung der „Fans“ zu dieser WM offenbart doch genau ihr Problem: Sie ist nämlich für die Volksseele nicht wichtig. Mein Eindruck ist, die „Idioten“ fehlen deshalb weil es zwar schön ist wenn die Mädels gewinnen, aber keiner das Gefühl hat die Welt geht unter wenn sie verlieren, und nicht Weltmeister werden. Es ist ein klein wenig wie eine groß aufgezogene U19 WM(der Jungs). Spitzenunterhaltung fürs Sommerloch, aber danach eben so schnell wieder vergessen, untergegangen zwischen DSDS und der Wok-WM.
    Gleichzeitig ist diese fehlende Relevanz aber auch der größte Vorteil dieses Turniers: Endlich mal ein sportliches Großereignis dass noch nicht so groß ist, dass Kommerz und Vermarktung es vollkommen pervertiert haben.

  15. 15

    Lt. diesem Link (http://www.dwdl.de/zahlenzentrale/31791/sensationeller_auftakt_fr_die_frauenfuballwm_/) hier, war es wohl das bis dato meistgesehenste Frauen-Fussballspiel in Deutschland, mit 14 Millionen Zuschauern.

    Ich persönlich finde es noch ein bisschen befremdlich wenn Frauen mit dem Fussball spielen, obwohl ich für Gleichberechtigung bin. Vielleicht ist es nur eine Sache der Gewohnheit!^^

  16. 16
    S. Schwarzmeister

    @meiner einer: „Endlich mal ein sportliches Großereignis dass noch nicht so groß ist, dass Kommerz und Vermarktung es vollkommen pervertiert haben.“
    Wir sehen hier eine WM die größenteils aus Amateuren besteht, und trotzdem intensive Media-Coverage in Fernseh , Zeitung, Blog, Radio etc.
    Inklusive peinlicher Hintergrunds-und Leidengeschichten, Fake-Reality Portraits der Spieler, schön aufbereitet mit Storywriter in HD zur besten Sendezeit.
    Ironie vom feinsten.

  17. 17
    Martin

    Sehe ich auch so. Ich finde die Vermarktung und den Hype pervers um die Frauen-WM. Im Grunde gibt es keine Begeisterung dafür aber alle wollen irgendwie Kohle und Aufmerksamkeit damit generieren. Echter Unfug.

  18. 18
    Fufu Fi

    Bei Tietjen und Hirschhausen war gestern Shary Reeves (ja die von ‚Wissen macht Ah!‘) in der Talkrunde.

    http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/tietjen_und_hirschhausen/tietjenundhirschhausen377.html

    Ich finde wenn man ihr zuhört macht Damen-Fußball noch mehr Spaß.

  19. 19
    Julius

    So, Ruhe jetzt. Nationalhymnen, Aufstellung, Anpfiff Mexiko-England. \o/

  20. 20

    @Johnny Haeusler:

    Ja, finde ich schon. Der Journalist versucht (oder besser „die Journalisten versuchen“) ihn in eine bestimmte Richtung zu treiben. Die Aussage dass Frauen nicht die gleiche Leistung wie Maenner bringen kommt erst einmal von einem Journalisten, ebenso der Kommentar mit den „Schwuchteln“.

    Rosberg sagt dann im Prinzip das was Du auch sagst, naemlich dass man eben nicht Maenner, Frauen oder Paralympics vergleichen sollte, sondern die individuellen Leistungen. So lese ich das hier, was ich fuer den entscheidenden Teil halte:

    Aber es gibt doch auch Paralympics, die man sich auch ansieht. Das ist doch so, dass dort ein Mensch nicht die ganz große Leistung bringen kann, aber unter sich sind sie alle ähnlich und deswegen ist es trotzdem spannend.

    Jetzt kann man fies sein und behaupten er wuerde damit Frauen und/oder Paralympics herabwuerdigen und sagen die waeren minderwertig. Dann muss ich aber Dir genau das gleiche vorwerfen, denn im Endeffekt sagst Du mehr oder weniger das gleiche, naemlich dass das ganze spannend ist wenn man die individuell vergleichbaren Leistungen betrachtet.

    PS: Und ich sehe nur ein „Boah“ von Rosberg.

  21. 21

    @Armin: Bei den „Boahs“ habe ich übertrieben, sorry.

    Ansonsten: Schwierig. Wie gesagt, die Journalisten kommen selten dämlich und fies rüber, man sollte aber hoffen, dass der Mann so was gewohnt ist und sich nicht aufs Glatteis führen lässt. Denn der Vergleich bleibt doch zumindest äußerst ungeschickt. Aber ich will das auch nicht überbewerten, habe ja meine eigenen Erfahrungen mit komischen Zitaten. Ich habe das oben noch mal anders gemacht.

  22. 22
    Maddes

    All der Ärger war jedoch gestern schnell verflogen, denn es dauerte nur wenige Minuten, bis ich den Trick heraus hatte, um diese WM genießen zu können:
    Man muss einfach nur aufhören zu vergleichen.

    Tut mir leid, selbst wenn man keine Vergleiche anstellt, verspürt man eine Mischung aus Humor und Schmerz, wenn mal wieder eine der Spielerinnen einen Kullerpass zu ihrer Nebenfrau tritt oder mit dem Ball in Richtung Gegentor stolpert. Und spätestens nach 20 Minuten ist einem so langweilig, dass man weiterzappt.
    Wenn Männerfußball so schlecht wäre (und das ist auch schon vorgekommen), würde ich mir auch was anderes anschauen.

  23. 23
    Jan(TM)

    Fußball ohne Idioten? Coole Idee. So ein völlig leeres Stadion hat schon was.

  24. 24
    fruchtiger

    Ob Prolligkeit oder Stutenbissigkeit sympathischer ist , muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich kann aus meiner Erfahrung sagen, dass mir offenes Proleten lieber ist als Lästereien im Hintergrund, dass muss nicht unbedingt eine Geschlechterfrage sei . Doch der Fußball ist einer sportliche Wettkampf der für direkte agressive Auseinandersetzungen wie geschaffen ist, deswegen stellt sich die Frage der Unaufgeregtheit gar nicht.

    Bestes Beispiel, Mathias Sammer. An sich ein kühler Kopf, aber an Hitzigkeit auf dem Platz gar nicht zu überbieten.

  25. 25
    Edo Z.

    Tja, den Eventies ist halt egal, wozu sie ihre Schlandfahnen schwenken, Hauptsache „Gemeinschaftserlebnis“ und „Feiern“. Und wenn vom fachfremden Eventpublikum die Welle beim Anstoß gemacht wird (selbst die Spielerinnen haben irritiert geschaut) und der Frauenfußball ausschaut wie „Männerfußball“ aus dem letzten Jahrtausend – egal, Hauptsache wir lassen uns „Event“ einreden und sitzen pflichtschuldig vor der Glotze.

    Gut, wenn man nur EM/WM schaut hat man eh nicht so den Durchblick im Fußball, da sieht dann die Unterschiede nicht so.

  26. 26

    Das Spiel am Sonntag fand ich prima – gut anzuschauen und am Ende spannend. Es wird ein großer Hype um diese WM gemacht und ich finde das gut so. Es ist die einmalige Chance das Thema „Frauenfussball“ einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Eine WM auf einem fernen Kontinent hätte wohl auch hier bei Spreeblick (bitte um Korrektur, wenn dem nicht so sein sollte) nicht die Resonanz gefunden.

    Frauen -und Mädchenfussball ist ein noch recht fragiles Gebilde – viele Vereine müssen darum kämpfen ihre Mannschaften aufstellen zu können. In der Leistungsspitze geht es um einigermaßen ähnliche Bedingungen wie im Männerfussball – Es ist Leistungssport mit einem Umfeld, in dem Männer nicht spielen würden. Das muss sich ändern und dafür soll auch gern alles getan werden. Ob dazu auch die Fotos einiger Spielerinne gehören halte ich allerdings für zweifelhaft.

  27. 27

    Mit dem Fussball gucken mache ich mich schwer, und wenn dann auch noch Frauenfussball angepriesen wird, schalte ich erst gar nicht den Fernseher ein. xD ^^

  28. 28

    Ach ja, Fußball ohne Idioten. Dabei werden auch hier unter den Kommentaren Meinungen wie „Kullerpässe“ und auf „U-15 Niveau“ vertreten. Dabei kann die Männerelf auch mal einen schlechten Tag haben, so wie sich die deutschen Mädels wohl auch gegen Kanada mehr erhofft hatten. Ein paar „Idioten“ bleiben immer, zumindest konnte diese WM aber schon deutlich mehr Zuschauer begeistern und die Frauen- WM zu einem Stückchen mehr Normalität verhelfen.

  29. 29
  30. 30
    Bernd

    Gut – is eine Meinung. Aber bitte mal präzisieren was mit Idioten gemeint ist.

  31. 31

    Eventies nennt man uns also. Geile Attitüde dieses „Fußball ist nicht groß genug für euch und uns“ :D

  32. 32
  33. 33

    @Martin:
    Sport als Marketingobjekt

    Keine neue Erkenntnis zu
    sehen dass so mancher ach
    so toller ‚Spieler‘ Mio. € an-
    häuft ohne etwas dafür zu
    tun.
    Da spricht nicht der Neid,
    vielmehr das Unverständnis.

    Alles Gute

  34. 34
    rollo39

    Unsere großartigen Fußballfrauen wollten in der Kabine feiern,
    wurden aber erstmal von der Grünen Roth zugelabert,die Mädels haben
    es aber mit viel Sinn für die Redselige Claudia weggesteckt.

    Denken ist die schwerste Arbeit die es gibt.Das ist wahrscheinlich der
    Grund,warum sich so wenige damit beschäftigen.
    H. Ford

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