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The state of Spreeblick

Keine Sorge, wir haben keinen Staat gegründet. Stattdessen schien es mir mal wieder an der Zeit, ein kleines Status-Update in eigener Sache zu tippen, eine Tradition im Hause Spreeblick.

Denn mit dem Ritt ins zehnte Spreeblick-Jahr verändert sich dieses Blog mal wieder ein wenig, was einige regelmäßige Leserinnen und Leser ja schon bemerkt haben. Nach vielen verschiedenen Formen und Formaten, mit denen hier experimentiert wurde, kehrt Spreeblick wieder dorthin zurück, wo es hergekommen ist und kann ganz definitiv wieder als mein persönliches Blog angesehen werden. Eine Tatsache, die auch visuell umgesetzt werden soll, sobald die Zeit dafür vorhanden ist.

Wir – damit meine ich neben meiner eigenen Person besonders Tanja, die sich in der Vergangenheit massiv um die Beiträge anderer Autoren gekümmert hat, und auch Christoph, der uns (auch) technisch zur Seite steht – haben in den vergangenen Jahren viel Zeit, Energie und auch jede Menge Geld in dieses Projekt investiert. Wir waren mit mehreren Autoren eine Art „Blog-Magazin“, haben uns kulturell, politisch und technisch umgeschaut und engagiert, haben einigen tollen Quatsch gemacht und gemeinsam mit den Leserinnen und Lesern viele inspirierende Diskussionen geführt und großartige Aktionen auf die Beine gestellt. Die re:publica ist und bleibt ein wichtiger Teil dessen, was Spreeblick mit angeschoben hat, und es gibt jede Menge guter Erinnerungen an das, was wir hier mit euch erleben dürfen. Das alles macht zwar immer noch Spaß, dennoch überkam mich in den letzten Jahren eine zunächst schwer zu definierende Unzufriedenheit („Liebes Tagebuch, eine merkwürdige Stimmung hat von mir Besitz ergriffen …“), die sich im vergangenen Sommer manifestierte und endlich zu konkreten Beschlüssen führte.

Es gab nämlich eine Zeit, in der wir sicher waren, dass Spreeblick in der deutschsprachigen Blog-Landschaft gute Chancen hätte, zu einem halbwegs relevanten Meinungsmagazin mit vielen Autoren zu werden, eine Art Huffington Post ohne Millionärsgattin und ohne den ganzen Celebrity-Gossip (der jedoch, das bleibt meine Überzeugung, die Huffington Post eigentlich erfolgreich macht, aber das ist ein anderes Thema).

Doch wir mussten erkennen, dass diese Idee ohne eine sichere Finanzierung eines Redaktionsteams über mehrere Jahre hinweg nicht umsetzbar war. Die Honorare für unsere wenigen Autoren speisten sich ja immer auch aus Querfinanzierungen, hier mal eine Website betreut, dort mal ein Konzept geschrieben. Eine echte Finanzierung, die zur Fokussierung nötig gewesen wäre, hätte von Dritten kommen müssen, die selbige verständlicherweise nicht ohne strategische und inhaltliche Einmischung geleistet hätten. Zudem hätte der Zwang zur zukünftigen, kompletten Refinanzierung brutalste Maßnahmen bedeutet. Denn wie nahezu jede existierende kommerzielle Online-Publikation wäre dann auch Spreeblick nicht mehr an „Advertorials“ und „Full Splash Pop Down Over Under Scream Screens“ vorbei gekommen.

Mehrfach standen Tanja und ich also vor der Frage: Wollen wir das? Wollen wir an die Weisungen Dritter gebunden sein, wollen wir regelmäßige Finanz-Meetings, wollen wir unsere Zeit überhaupt mit Meetings, Personalfragen und mehrseitigen Excel-Sheets verbringen?

Und die ehrliche Antwort lautete immer wieder: Nö. Hätten wir einen Partner getroffen, der sich „richtig“ angefühlt hätte, wäre es vielleicht anders gekommen, haben wir aber nicht.

Und das ist von heute aus betrachtet auch prima so, uns geht es nämlich super dabei.

Aus meiner persönlichen Sicht erkläre ich meine aktuelle Stimmung so: Nachdem Spreeblick viele Jahre lang begleitete, was ich tue, wurde es immer mehr zu dem, was ich tue. Und das genügt mir nicht mehr. Ich habe erkannt, dass ich genau so arbeite und somit auch lebe, wie ich nie arbeiten und leben wollte – ich sitze den ganzen Tag an einem Schreibtisch vor einem Computer.

Und obwohl der Rechner bzw. das Netz natürlich ein zentraler Bestandteil, eines der wichtigsten Werkzeuge bei meiner Arbeit bleiben wird (denn ich schreibe und kommuniziere schließlich viel), muss, will und werde ich diesen Blog-Beamten-Zustand beenden.

Für Spreeblick bedeutet das nun interessanterweise gar nicht so wahnsinnig viel Veränderung, die auffallendste wird wohl sein, dass die Posting-Frequenz zurück geht bzw. schon zurück gegangen ist. Ich empfinde keinen Druck mehr, täglich etwas veröffentlichen zu müssen (es gibt derzeit 10.350 Postings auf Spreeblick – das sind, großzügig auf zehn Jahre verteilt, durchschnittlich 86 Posts pro Monat), lasse mir mit Themen mehr Zeit. Ich werde weiterhin auf einiges verweisen, was ich im Netz und drumherum liebe, werde auch in Zukunft bei bestimmten Themen meine Klappe nicht halten können, nutze nach wie vor die sozialen Kanäle wie Twitter und Facebook und bin außerdem viel zu sehr Gadget-Freak, als dass ich auf Tests spannender Geräte verzichten könnte. Doch ich will das alles nur tun, wenn ich es tun will – und nicht, weil ich das Gefühl habe, dass ich es tun muss. Ich werde – und wir werden – noch in diesem Jahr neben Spreeblick und der re:publica neue Pläne umsetzen, mich und uns anderen Dingen zuwenden, die nur teilweise direkt mit dem Internet zu tun haben. Und auch über diese wird man an dieser Stelle lesen können.

Eigentlich glaube ich, dass Spreeblick nicht unter unseren Gedanken und Beschlüssen und Aktivitäten leiden wird – und hoffe sogar, dass das Gegenteil der Fall sein wird. Change is good.

94 Kommentare

  1. 01
    robert

    Ich lese Spreeblick jetzt schon ungefähr so lange wie ich das Internet benutze (weil ich noch nicht so alt bin bedeutet das: fast mein halbes Leben). Vor ein paar Jahren habe ich mal einen Eure-alten-Alben-waren-soviel-besser-Kommentar geschrieben, von wegen alles wär viel zu kommerziell geworden etc. blabla. Dafür möchte ich mich hiermit entschuldigen. Das war dumm und kindisch. Heimlich bin ich zum Glück trotzdem treu geblieben und dieser Beitrag jetzt lässt mich verstehen, warum.
    Johnny, du bist mein Internet-Jugendheld.

  2. 02
    CHRIS.O.MAT

    Warum die Rechtfertigung? Endlich genug Luft zwischen den Zeilen, um die verpassten acht Jahre nachzulesen.

    Merci und euch: gute Laune!

  3. 03
    Moolder

    Ja genau mach mal. Ich bin dabei!

  4. 04

    It was fun while it lasted!

    Ich hätte Euch den größeren finanziellen Erfolg gegönnt, um weitermachen zu können!

    Aber so wird’s wieder spannend und ich verstehe es jetzt mal so: der Häusler ist ahead of the curve und jetzt schau mer mal was der macht, was dann 2 Jahre später alle anderen machen!

    Horrido!

    Hans

  5. 05

    Ich wünsche dir viel Erfolg bei deinen Umstellungen.

    Von meiner Erfahrung her bringen Änderungen immer neue Inspirationen und neue spannende Erlebnisse und Erkenntnisse.

    Ich kann mir diesen Zwang auch sehr gut vorstellen, unter dem ihr diesen Blog mit mehreren Autoren betrieben habt.

    Ich bin neugierig wie es weiter geht,

    Grüße Susanne

  6. 06
    Perien Gartenbäumler

    Mit anderen Worten, Ihr bestätigt nur, was eh klar war: Seit Fred gegangen ist, ist das Ding hier eigentlich tot. Dann beerdigt es auch.

  7. 07
    Thomas Woijtek

    na wohl eher gemerkt, dass einfach kein geld für die viele arbeit reinkommt, oder?

  8. 08

    Wie meinte die Gräfin einst: „Dir müssen die 500beine erst weggezogen werden, bis du sie endlich mal ruhen lässt.“ Irgendwie dachte ich, jo, sie hat recht. Mittlerweile schreib ich sogar gelegentlich mit der Hand auf Papier. Sieht aber scheiße aus.

  9. 09
    Nico

    @Perien Gartenbäumler & @Thomas Woijtek: Der Johnny hat doch seine Beweggründe offen gelegt. Ich weiß nicht, was diesen harten Unterton (Perien) oder die mitschwingende Schadenfreude (Thomas) rechtfertigt, finde es aber erbärmlich. Wenn man bedenkt, was Johnny für die deutsche Blogosphäre geleistet hat. Breite Erwähnung in Massenmedien und nicht zuletzt die Republika, zu der jeder fährt, der sich auch im realen Leben austauschen möchte.

    Es steht doch Johnny frei, mit seinem Blog zu machen, was er möchte. Der viele Zuspruch zeigt auf jeden Fall, dass ihn zu beerdigen noch lange nicht als Option bestehen sollte. Also macht doch selbst ein Blog auf, das auch nur annähernd so relevant ist, wie der Spreeblick. Dann würde ich vielleicht auch mal vorbeischauen.

  10. 10

    @Nico:
    Gäbe es hier jetzt einen +1 Button für Kommentare – ich würde ihn klicken.
    Volle Zustimmung zu deinem Kommentar.

  11. 11

    @Nico: Ich wollte ja auch erst was zu den vollkommen unnötig polemischen Kommentaren was sagen, die – mögen sie auch noch so berechtigt die eigene Meinung wiedergeben – hier und an dieser Stelle jedenfalls unnötig wie ein Kropf waren. Doch dann erinnerte ich mich an einen Vorfall vor langer langer Zeit und daran, dass Johnny schon ein großer Junge (aka Blogger) ist und weiß, dass „eine Schwalbe“ genauso wenig einen Sommer macht wie ein kleiner Tropfen Wermut das große Ganze bitter machen kann. ;-)

  12. 12

    @Alexander: Alexander: das ist ein guter Spruch und ich werde ihn mir für den nächsten Wermutstropfen, den ich erhalte, merken…. Danke!

  13. 13

    @Susanne Haun: Gern! :-) Schöne Zeichnungen übrigens.

  14. 14

    Ich würde mir ja den „Tanja und Johnny quatschen so rum“-Podcast wieder wünschen. Wenn ich mir etwas wünschen darf. Interviews usw. sind natürlich auch spannend, aber die persönlichen Einblicke aus dem Leben fand ich immer sehr unterhaltsam und schön zuzuhören.

  15. 15

    @Alexander: Ich hoffe, ich spamme nicht die Kommentare zu, aber ich wollte wenigstens schreiben, dass es mich freut, dass dir die Zeichnungen gefallen…..

  16. 16
    Moolder

    Ohja! Für mehr angenehme Podcasts mit Tanja und Johnny wär ich auch!!! Nebenbei: wenn euch die gefallen haben gefällt euch vielleicht auch WRINT und NSFW…

  17. 17

    Besten Dank für die vielen netten Kommentare! Mich freut das umso mehr, als dass unterstützende Worte ja nicht das hippste sind, was man im Netz von sich geben kann und man sich zu Lob sowieso eher selten hinreißen lässt (geht mir ja auch so). Ich weiß das also sehr zu schätzen.

    Und Podcasts wird’s auch wieder geben, die letzten zwei Anläufe haben wir aber wegen Trunkenheit am Steuer löschen müssen …

  18. 18
    TW

    na schadenfreude…?

    eher mal bitte etwas mehr mut zur wahrheit, klar kommt es komischer zu sagen, ich mach das nicht mehr, weil die kohle gegen aufwand nicht mehr stimmt

    das wäre doch aber mal nen diskussionsanstoß über selbstausbeutung im blogbereich, ist besser als philosophisch zu werden :)

  19. 19
    Larss vom Darss

    Wie jede Blüte welkt
    und jede Jugend dem Alter weicht,
    blüht jede Lebensstufe,
    blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
    zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
    Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
    bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
    um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
    in andre neue Bindungen zu geben.
    Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
    der uns beschützt und der uns hilft zu leben.
    Wir sollen heiter Raum um Raum durch schreiten,
    an keinem wie an einer Heimat hängen,
    der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
    er will uns Stuf um Stufe heben, weiten!

  20. 20
    juliane

    so sehr ich deine texte auch mag, johnny, finde ich es auch schade, dass sich scheinbar ein blog-magazin nicht etablieren konnte. ich habe sehr gerne auch die texte der anderen gelesen. von max und fred und nico und anne und wollte an dieser stelle mal betonen, dass sie mir schon fehlen.
    dennoch freue ich mich weiterhin auf deine sicht der dinge, die du hier hoffentlich nicht zu selten kundtust.

    bemerkenswerter satz aber: Ich habe erkannt, dass ich genau so arbeite und somit auch lebe, wie ich nie arbeiten und leben wollte – ich sitze den ganzen Tag an einem Schreibtisch vor einem Computer.

    ich glaub, ich geh jetzt mal spazieren.

  21. 21

    @Johnny

    Ich meine auch, dass ein Lob und anerkennende Worte nicht fehl am Platze sind. Ich mag diesen Blog sehr und auch wenn nicht alle Beiträge mein Herz höher schlagen lassen, so ist doch Spreeblick ein fester Bestandteil meiner Streifzüge durchs Netz. Ich muss ja auch nicht alles gut finden.

    Ich meine auch, dass es mehr als legitim ist nach diesen Jahren auch mal seinen Focus anders einzustellen. So wie jetzt mit dem ebook von Johnny und den Podcasts. das finde ich spannend, denn das Leben ist Veränderung und am Ende soll der Spass am Tun auch mit dabei sein.

  22. 22

    Gab es nicht mal den Spruch
    „Never touch a running system?“

  23. 23

    Jipie für Spreeblick!!

  24. 24
  25. 25
    Vanessa

    Überprüfe es auf hahaped, dort sagt man alles genau.

  26. 26
    Frank 72

    Ich hab‘ jetzt endlich auch gefunden, was Plan B heisst, und wollte es Dir, Johnny, nicht vorenthalten :-)

    http://www.lvz-online.de/leipzig/boulevard/the-voice-kandidatin-jasmin-graf-aus-leipzig-plan-b-heisst-weiter-musik-machen/r-boulevard-a-123786.html

  27. 27

    @Thomas Woijtek: @TW:

    Wieso muss die „Entlohnung“ beim Bloggen denn unbedingt monetaer sein?

    Das was ich ueber mein Bloggen alles gelernt habe, kennengelernt habe, Spass gehabt habe und noch viel mehr, das haette niemand je mit Geld kaufen koennen. Das ist fuer mich der echte Sinn des Bloggens.

    Und ich glaube das ist auch fuer Johnny ein grosser Antrieb.

  28. 28

    Guter Plan – bin dabei.

  29. 29

    Bin ich mit einverstanden ;-)

  30. 30
    Lars

    Eine gute Entscheidung, wie ich finde. Spreeblick war schon aus meinen Lesezeichen verschwunden und ich bin eher zufällig mal wieder vorbeigekommen. Mir war der große Autorenmix zu viel. Weniger ist mehr. Das gilt auch fürs Design (Spreeblick braucht im Vergleich zu anderen Blogs Ewigkeiten zum Laden).
    Ein paar Tanja-Johnny-Podcasts im Jahr wären toll. :-)

  31. 31

    Daaas kenn ich…

    „eine zunächst schwer zu definierende Unzufriedenheit („Liebes Tagebuch, eine merkwürdige Stimmung hat von mir Besitz ergriffen …“), die sich im vergangenen Sommer manifestierte und endlich zu konkreten Beschlüssen führte.“

  32. 32

    Als einer jener ehemaligen Mitautoren möchte ich an dieser Stelle einfach mal sagen: Danke, Tanja! Danke, Johnny! Es war damals eine tolle Erfahrung, Teil von Spreeblick zu sein. Spreeblick-Autor zu sein, hat für mich enorm viele andere Dinge überhaupt erst ermöglicht. Von den vielen tollen Menschen, die ich kennenlernen durfte, mal ganz abgesehen.

    Ihr macht das schon richtig. Wie immer eigentlich!
    Bon vent!

  33. 33

    @Vanessa:
    Liebe Vanessa,
    mitunter verliert man sich in Sachhinweisen, die für unbedarfte User
    nur schwerlich nachzuvollziehen sind. Das ist kein Vorwurf. Tatsache

    http://www.youtube.com/user/hahaped

  34. 34

    Möge es weiterhin dieser tolle Blog bleiben – ich bin mir sicher, er bleibt es. Egal ob nun ein Beitrag mehr oder weniger. Ein gutes Jahr ,)

  35. 35

    Ich finde das gut. Richtig gut. Magazin wäre toll gewesen, reich werden auch, aber Herz ist besser.

  36. 36

    Ich erwarte weitere tolle Jahre.

  37. 37

    (ich hatte gar nicht gecheckt, was Ihr mit diesem Post sagen wolltet)

    Für mich war Spreeblick mit dem Weggang von Malte durch. Aber 2006 – 2009, das war schon ’ne verdammt geile Zeit hier. Damals gab’s ja noch kein Twitter. Ich weiß noch wie ich jeden Tag auf frische Artikel lauerte. Auch wenn euer Traum nicht in Erfüllung gegangen ist, ihr habt die deutsche Blogosphäre nachhaltig geprägt und vorangetrieben und könnt stolz sein.

    der Max hat bei wmr nochmal seinen Senf dazugegeben: http://wir.muessenreden.de/2012/02/04/wmr35-endlich-mal-wieder-zoff/

  38. 38

    Oh Johnny, packst du jetzt endlich dein Mikro wieder aus?

  39. 39

    Fein, dann lese ich Spreeblick auch wieder. Fehlt nur noch toni mahoni.

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