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Teenage Kicks

die aerzte
Rechts: The Rod. Links: Die Ärzte.

Ich beneide Die Ärzte voller Respekt und ohne jede Missgunst für die Freiheiten, die ihnen ihr Erfolg garantiert (der wiederum auf ihrer immer kompromisslosen Arbeit basiert – da können wir jetzt mal ein paar Minuten drüber nachdenken und dann das Bestmögliche fürs eigene Schaffen draus machen). Und ich freue mich wie ein kleines Kind über Aktionen der Band wie die, dass sie sich für ihre Konzerte in der drei Tage lang ausverkauften Waldbühne je eine Lieblingspunkband als Support spendiert haben. Am Freitag waren das The Stranglers, gestern The Undertones und am heutigen Sonntag werden The Damned den Abend eröffnen.

Sehr sympathisch kündigten Belafarinrod gestern die Undertones als Vorlage-Band für Die Ärzte an, und bei Teenage Kicks ließen es sich Bela und Farin nicht nehmen, im Chor mitzusingen (das Video ist schlecht, ich weiß, aber man sieht die beiden am linken Bühnenrand, wenn man genau hinschaut). Die Undertones wussten anscheinend nicht so recht, wie ihnen geschah und machten das Beste draus (soll heißen: fast alle Hits toll und schnell gespielt in 30 Minuten), und der Großteil des Publikums unterstützte die Band mit netter Freundlichkeit, aber leicht desinteressiert, denn natürlich warteten alle auf den Haupt-Act.

Die Ärzte-Garantie auf einen unterhaltsamen Abend wurde dann ein weiteres Mal eingelöst, das Programm, das wie immer neben den zahlreichen Hits der Band zu etwa einem Drittel aus intelligenten und witzigen Unterhaltungen mit dem Publikum oder auch nur zwischen den drei Bandmitgliedern bestand, sorgte für Kreistanz und jede Menge netten Pogo in den vorderen Reihen sowie Begeisterung in den Rängen. Und zu meiner großen Freude spielten Die Ärzte auch die Rod-Komposition „Sohn der Leere“, einen der besten deutschsprachigen Songs, die ich seit Jahren gehört habe.

Und dann stehe ich da so im Gang über dem ersten unteren Rang, also nahe dem Eingang zum Backstage-Bereich, und sage noch zu Tanja, dass sich ja vielleicht noch jemand von den Undertones blicken lässt, und schwupps! taucht auch schon der Drummer meiner alten Helden, Billy Doherty, auf und schlendert unerkannt durchs Publikum. Ich habe etwa drei Sekunden Zeit mir zu überlegen, wie ich ihm möglichst unaufdringlich und unpeinlich sagen kann, wie sehr ich diese Band liebe, wie viel sie mir bedeutet und wie froh ich bin, dass es sie überhaupt und noch immer gibt.

Drei Sekunden.

Ich gehe lächelnd auf den Mann zu, strecke ihm meine Hand entgegen, die er mit fragendem Blick ergreift und sage: „Thank you very, very much.“

Er strahlt mich an, schüttelt meine Hand und nickt. Ich glaube, er hat es genau richtig verstanden. Mehr brauchte es nicht.

30 Kommentare

  1. 01
    Sahnie

    Kindermusik.

  2. 02

    @Sahnie: Das zu attestieren war jetzt unter dem Titel „Teenage Kicks“ nicht so’ne wahnsinnig aufregende Transferleistung … :)

  3. 03
    Sahnie

    Ja. Aber es mich macht es irgendwie traurig, dass ich nach 13 Studioalben, Solo-Alben, unzähligen Interviews, etc ich immer noch nichts über die Person Jan Vetter weiß. Abgesehen davon, dass für ihn alles ein großer Witz zu sein scheint und hier alles super lustig ist. Vor der Peinlichkeit mit fast 50 noch Fun-Punk-Song zu schreiben kann ich gerne absehen. Den Erfolg haben sie sich verdient und erarbeitet. Die Aktionen, etc. sind ausgefallen und witzig. Aber irgendwie macht mich dies alles, als einen, dem Musik alles bedeutet, nur noch aggressiv.

  4. 04

    @Sahnie: Hm. Ich gehe mal davon aus, dass du nicht DER Sahnie bist? Ich verstehe nicht so recht, warum DÄ deine durchaus verständlichen Wünsche erfüllen müssen. Oder: Warum willst du mehr über Jan Vetter wissen, wenn er beschlossen hat, bei DÄ Farin Urlaub zu sein? Dass das ein Grund sein kann, DÄ nicht zu mögen, verstehe ich. Aber man muss sie ja auch nicht mögen. Ich bin bspw. kein Fan, bei mir ist es eher Respekt und einige Songs finde ich grandios, aber aggressiv macht mich die Band garantiert nicht, ich bin einfach froh, dass es mit ihnen noch andere, bessere Bands als PUR gibt, die Stadien füllen. Würden mich DÄ ärgern, würde ich sie ignorieren. Klappt das bei dir nicht, weil du mal Fan warst oder so?

  5. 05
    Sahnie

    DÄ zu ignorieren ist gar nicht so einfach. Kleben an ja an jeder Wand, etc. Auch hier. War nie richtiger Fan. Finde es nur etwas schade, da ich immer denke, es wäre mehr drin. Irgendwie interessieren mich in letzter Zeit bei Musik immer mehr die Songs (Texte) und die Leute, die sie vortragen. Und das löst sich bei DÄ irgendwie in Luft auf. Weil ja nichts verraten wird. Es keine Angriffsfläche gibt sich (mich) damit zu identifizieren. Wenn ich das mit anderen Rockstars im Ausland, die Staien füllen, vergleiche (USA: Springsteen, UK: Oasis, U2) sehe ich da halt eine große Diskrepanz. Wüsste nicht wofür die Ärzte stehe, wer die Personen sind, was die wollen außer Spaß haben. Aber natürlich ist es im Endeffekt nur mein Problem. Werde weiter versuchen sie zu ignorieren.

  6. 06
    flubutjan

    „Thank you very, very much“, dachte ich eben gerade auch, als ich einen älteren Turk-Arab-whatever in sein Handy habe rufen hören: „Ah, Mustafa! Na? Hast du wieder neue Freundin? … Was? … Ja. Wünsch ich dir auch Frohe Weihnachten.“

  7. 07

    Sachen gibts, kaum zu glauben, sowas aber auch.

    Depp vom Dienst meint: Hallelujah !!!
    (Mit der Aussage fange ich auch nichts an)

  8. 08
    ber

    Jetzt würde mich aber noch eine kurze Erklärung zu „Sohn der Leere“ freuen. Ich kann den Text nicht ganz deuten – und ich glaube nur die Musik meintest du nicht.

  9. 09

    Die Untertones? Mann!
    „You lucky, lucky Bastard“

  10. 10

    @ber: Hauptsächlich musikalisch gemeint. Den Text finde ich spannend genug, aber der ist nicht das Wichtigste (was ja eine Kunst ist bei einem deutschen Song …). Der passt halt. Es stimmt alles.

  11. 11

    @Logopaede: Spielen in HH noch mal aufm Reeperbahn Festival!

  12. 12
    Speravir

    Ich war am Freitag beim Konzert. Die Stranglers schienen wirklich beeindruckt vom auch ihnen freundlich gesinnten Publikum zu sein – und vom Ambiente der Waldbühne. Rod machte eine wirklich liebevolle Ansage für sie, Farin sagte später, dass er an der Seite geheult habe, und Bela bedankte sich beim Publikum (bzw. den über 100 000 Zuschauern aller 6 Berliner Konzerte), dass es ihnen durch den Kauf der Eintrittskarten ermöglicht habe, ihre Lieblingsbands einzuladen.

  13. 13
    Speravir

    @ber:
    Ist natürlich auch nur eine Interpretation, aber ich finde, sie hat was: http://www.youtube.com/comment?lc=enqEMNR6ZkIwUx0v1LGsedurG1o6Z99Kntn0ht-kE-s (bis jetzt am zweitbesten bewerteter Kommentar auf Youtube zur Performance-Video-Variante des Liedes.)

    „In dem Lied geht es um einen Verlust. Amnesie bedeutet Gedächtnisverlust somit ist der Meister der Amnesie der Meister des Vergessens. … Ist wahrscheinlich der plötzliche Verlust einer Erinnerung gemeint. Man verliert seine eigene Identität und lebt für den Moment.“

  14. 14
    jochen

    den stranglers habe ich die bratwurst vorgezogen, bei den undertones waere mir das verwurstlich nicht passiert.

  15. 15

    @jochen: Hab ich auf Twitter leider auch öfter gelesen, dass die Stranglers langweilig gewesen sein sollen. The Damned waren aber nach Aussage meines Lieblingsbassisten großartig.

  16. 16
    Shahla

    Da freue ich mich umso mehr auf das Konzert am Freitag in Hamburg. Ich hab sie zwar schon dieses Jahr auf dem Hurricane gesehen, wobei die sinflutartigen Regenschauer echt alles erschwert haben!

  17. 17
    ber

    @Speravir & Johnny: Danke. Ob der Text wörtlich gemeint ist, darüber hab ich mir den Kopf zerbrochen – ist ja schließlich Lyrik und so. Andereseits sind es Die Ärzte … (no offence)

  18. 18

    Vor ungefähr vierzehn/fünfzehn Jahren besuchte ich ein Konzert von Kiss, auf dem Die Ärzte Vorband waren.
    Hinter mir tummelten sich zwei – na ja – Halbwüchsige, die mir nach dem Auftritt von DÄ ein höfliches „Tschüss“ zuraunten und mit Blick in mein fassungsloses Gesicht und auf meine Frage, ob das ihr Ernst und ob sie nicht Kiss und wiesoweshalbwarum, versicherten, sie seien nur wegen DÄ gekommen und dass sie Kiss nicht weiter interessiere und sie morgen auch früh raus müssten wegen Schule und anderer Unannehmlichkeiten.

    Ich glaube, dass ich am Samstag nach den Undertones nach Hause gegangen wäre.

  19. 19
  20. 20
    juliane

    Ich habe de Ärzte vor ein paar Monaten nach zehn Jahren oder so mal wieder live gesehen und dachte auch, dass es sehr beruhigend und schön zu sehen ist, dass die drei auf der Bühne in dem über 10.000 jubelnde Menschen fassenden Saal diejenigen waren, die offensichtlich am meisten Spaß hatten. Dass sie es einfach machen.Und Bela sagte auch mal, dass manchmal Leute kämen und sagten, sie nähmen es nicht übel, dass er jetzt sich jetzt verkaufen würde für all diese Massen. Und er dann sagt,er hätte sich nie verkauft.

    „Thank you very, very much“ ist toll.

    Was ich mich allerdings frage ist,warum nur Menschen während des Konzertes Videos von der Bühne machen. Schmälert das nicht das komplette Live-Vergnügen? Und diese Videos sind eigentlich immer ganz schrecklich. Du tatest es vielleicht für uns. Aber die Erzählung hätte wohl auch gereicht.

  21. 21
    Lemmy

    …um hier auch mal meinen Senf dazuzugeben:
    Die Stranglers sind seit „La Folie“ oberlangweilig und haben seitdem
    mit Punk soviel zu tun wie Heinz Erhardt mit Pete Doherty.
    Zusätzlich ist das ohne den Original-Sänger nur noch oberpeinlich.
    Die Undertones waren schon immer mehr Fun als Punk und Damned
    sind nach wie vor geil.
    Zu DÄ kann ich nur soviel sagen: mit 50Jahren glaubwürdiger und
    vor allem schlauer im rüberbringen der Lebenseinstellung als DTH (gähn)

    Und schüss.

  22. 22

    Hm, hm, hm. Schön alles irgendwie. Und ich habe wirklich nichts gegen die Ärzte. Wie schon gesagt: Nette Band, ein paar gute Songs. Und Bands wie Damned, Stranglers (fragwürdig waren die schon vor La Folie – aber lieber fragwürdig und ein paar tolle Songs als nett und… – ach egal) und den Undertones ein so großes Forum bieten? Auch toll. Ja.
    Aber irgendwer donnert in meinem Hinterkopf mit einer E-Gitarre gegen eine Wand und schreit: In einer Welt, in der die Undertones als Vorgruppe der Ärzte spielen, ist irgendetwas ganz schrecklich schief gelaufen.

  23. 23

    @juliane: Das wäre ein tolles T-Shirt: „Ich tat es für euch.“ :)

    Das mit den Handy-Videos ist eine zwiespältige Sache. Einerseits möchte ich das Konzert ohne ein hochgehaltenes Handy sehen und erleben. Andererseits freue ich mich immer, wenn ich in Gigs, bei denen ich nicht dabei war, wenigstens mal reinschauen kann hinterher. Zumal diese Amateurfilme die Atmosphäre oft besser rüberbringen als die später erscheinende DVD …

    @Stefan: Ich glaube, den letzten Satz würden vielleicht sogar Die Ärzte selbst unterschreiben … und als ich die Undertones-Songs beim Konzert noch mal gehört habe, habe ich mich immer wieder gefragt, warum die nicht mega-mega-groß geworden sind. Aber es gehört eben mehr dazu als nur tolles Songs. Glück zum Beispiel, das Ertragenkönnen einer merkwürdigen Branche und das Mitspielen darin … und dann ist es ja auch schwer, eine Band zusammen zu halten und gemeinsam die Richtung beizubehalten. Aber wer weiß, woran es bei den Undertones wirklich lag … vielleicht dann doch an der Ungerechtigkeit der Welt.

  24. 24

    Stimmt schon. Mit den Gründen, an denen eine Band scheitern kann, ließe sich ein Lexikon füllen. Und das bliebe immer unvollständig.

  25. 25

    @Stefan: Und ebenso viele Gründe, warum es klappen kann. Was wiederum das spannende an Kunst ist: Unkontrollierbar.

  26. 26
    Ingo

    Ich habe zu den Ärzten nie einen Zugang gefunden trotz ihrer musikalischen Klasse und teilweise guten Texte, irgendwie kamen sie mir nie richtig dahinterstehnd vor.

  27. 27

    Hi,
    wenn Dir Rods Musik gefällt, dann schau doch auch mal bei ¡Más Shake! (http://www.masshake.com) vorbei… Zeigt ziemlich deutlich, wie vielseitig der Mensch ist…

  28. 28
  29. 29
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