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Unser Netzgemüse-Rant, vorgetragen auf der re:publica 2013

Die Zukunft gehört der Jugend?

In einem Land, das Klopapier mit Blüten bedruckt,
es „Danke“ und „Happy End“ nennt,
schließen wir Jugendheime,
bauen eingezäunte und Kamera-überwachte Spielplätze,
Kamera-überwachte Schulen
kümmern uns um gerade Zähne, damit alle gleich aussehen.

Und wir empfehlen werdenden Müttern
die Einnahme einer unscheinbaren Pille,
wenn die pränatale Untersuchung meint,
dass das Ungeborene eventuell nicht der aktuellen gesellschaftlichen Norm entsprechen könnte.

Bedenken Sie die familiäre Belastung, mit einem behinderten Kind,
ihr Leben wird nicht mehr sein, was es war.

Und wenn wir sie nicht wegmachen lassen,
dann lassen wir den Staat unsere Kinder
ganztags betreuen,
was wir ganztags bereuen.

Statt darauf zu bestehen,
mehr Zeit für unsere Kinder haben zu können,
akzeptieren wir die Tatsache,
dass ein Gehalt nicht ausreicht,
um eine Familie zu ernähren,
und schicken die, die wir zu uns eingeladen haben,
gleich wieder fort.

Früherziehung heißt das.
Von Profis.
Nicht von Eltern.
Staatliches Sorgerecht.

100 Jahre Schulsystem können sich nicht irren,
100 Jahre Schulsystem voller Irren,
das Kind ist unruhig, kann der nicht mal still sitzen?
Zur Strafe muss er still sitzen,
Und schließlich sitzenbleiben.

Eine Therapie würde ihm sicher gut tun,
wir haben auch sehr gute Erfahrungen mit Ritalin gemacht.

Vor allem aber:
Haltet eure Kinder von Monitoren fern!
Sie verderben die Jugend und machen aus ihr
gewaltbereite, adipöse Erwachsene.
Für ersteres gibt es keinen einzigen Beleg.
Für letzteres schon eher.
Nur:
Wo verbringen denn unsere Kinder die meiste Zeit bewegungslos sitzend?

Genau:
In der Schule.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts überlegte man noch,
den kindlichen Bewegungsdrang zu respektieren.
Man baute beturnbare Schulmöbel,
deren Sitzflächen flexibel schaukelnd und wie die ergonomisch angeschrägten Tische höhenverstellbar waren.

Über hundert Jahre später sitzen Kinder länger denn je
an einheitlichem Billigmobiliar
eine Bildungsreform nach der anderen ab.
Und wer unruhig ist,
bekommt Pausenhofverbot.

An dem Ort, an dem man für’s Leben lernt,
der kaum Zeit für’s Leben lässt,
erklärt der Ethiklehrer das Miteinander:
Liebe, Toleranz, Respekt.
Gerechtigkeit die Jahrgangskonferenz:
Eintrag, Tadel, Ausschluss.

Was früher ein Freundeskreis war,
Heißt heute „Soziales Umfeld“.
Was wir einmal Familie nannten,
heißt heute „Soziale Herkunft“.
Und es meint:
schwierig,
bildungsfern,
desintegriert,
desinteressiert.

Wann fing das an,
dass man „sozial“ sagt
und „asozial“ meint?

Das Elternhaus ist schwierig!
Arbeiten beide, verschludert das Kind,
arbeitet keiner, verhartzt es.
Alleinerziehende Mutter? Fehlende Vaterfigur!
Alleinerziehender Vater? Fehlende Wärme.
Großfamilie? Asozial.
Einzelkind? Verhätschelt.
Nichtdeutscher Herkunft? Pffft!

Mit spitzen Fingern zupft man Kinder dort heraus,
integriert sie ins System, macht sie passend für diese Gesellschaft.

Chancengleichheit ist das erklärte Ziel,
Chancenungleichheit das erwiesene Ergebnis.

Die Zukunft gehört der Jugend?

Für ein Land, das von Rentnern dominiert wird, bedeutet Zukunft:
13 Milliarden Bildungsetat gegen 80 Milliarden Rentenzuschüsse.

Nur ein Sechstel der Wahlberechtigten ist heute unter 30 Jahren alt.
Nur die Hälfte der bis 24-Jährigen geht wählen.

Dieser Staat ist wie sein Fernsehprogramm:
Von Alten für Alte gemacht.

Mit erhöhten Bildungsausgaben gewinnt man keine Wahl,
wenn die Wähler seit 50 Jahren
keine Schule mehr von Innen gesehen haben,
und die Stimmen derer, die drin sitzen, nicht zählen.

Wenn es auch keine Stimmen von dort gibt,
weil man nicht wählen darf,
weil der Bachelor wichtiger ist,
weil die Zeit fehlt,
weil man sich nicht traut, laut zu sein.
Oder sich nicht mehr erinnert, wie das geht.
Laut sein.

Weil man still ist, schon mit sechs.
Ein Gong gemahnt zur Ruhe.
Sagt: sei stumm, sonst bleibst du dumm
Denn mit dreißig anderen drumrum
Redet nur der, der gefragt wird.

Die Jugend wird effizient gemacht.
Werdet schnell
professionell.
Keine Experimente,
wir brauchen die Rente.
Zum Abi reichen deswegen jetzt acht
Jahre.
Junge Jahre.
Unjugendliche Jahre.
In geordneten Bahnen.

Das Bildungssystem von heute
basiert auf dem der industriellen Revolution:
Als man so viele Fakten wie möglich
in den kindlichen Kopf schüttete,
weil man nach dem Verlassen der Schule
kaum noch Zugang zu Wissen und Kultur hatte
und deshalb ein Leben lang von dem zehren musste,
was einem der Lehrer eingetrichtert hatte.

Doch wir leben im Zeitalter der digitalen Revolution.
Wissen ist ständig verfügbar.
Wir brauchen unsere Kinder nicht mit Fakten zuzustopfen,
sondern wir müssen sie lehren,
sich in gigantischen Wissensarchiven zurecht zu finden
und sich zu vernetzen,
damit sie selbst noch gefunden werden.

Wie oft hat es uns zuletzt genützt, zu wissen,
wo die Hypothenuse verläuft,
wann die Nebenflüsse des Amazonas entsprangen,
welcher Hugenotte den Siebdruck erfand,
wer das Universum vertonte?

Null. Mal.
Vielleicht bauchen wir nur dafür die Quizshows im Fernsehen:
Damit wir nicht an der Tatsache verzweifeln,
dass wir etliche Jahre damit verschwendet haben
uns Wissen anzueignen
das wir danach nie wieder brauchten.

Schule muss heute lehren,
Informationen richtig einordnen
und Zusammenhänge erkennen zu können.
Sie muss die Fähigkeit zu kreativem, analytischem Denken,
flexiblem Umdenken, kollaborativem Handeln fördern
in einer vernetzten Welt,
die kaum Prognosen auf die Arbeitswelt von morgen zulässt.

Stattdessen:
36 Wochenstunden geballte Faktenfütterung
in überfüllten Räumen,
20 Minuten Pause für Zerkochtes aus der Kelle.
Endlich zuhause: Hausaufgaben,
Am Wochenende: Lernen für Klausuren, üben für Referate.

Nennt mir nur eine Gewerkschaft, die das dulden würde!
Zeigt mir nur einen Schüler, der erfolgreich aufbegehrt!
Der fordert, was ihm zusteht:
Zeit für Jugend.

Wir könnten viel Zeit sparen, würden wir das Bildungssystem von Heute
den Anforderungen des 21. Jahrhunderts anpassen.

Doch der öffentliche Fokus liegt hartnäckig
auf den Gefahren des Kulturraums Internet
und vereitelt den optimistischen Blick
auf die Chancen die er eröffnet.
Statt Netzkultur als Bereicherung zu begrüßen,
leitet man kulturellen Verfall von ihm ab
und warnt vor Gefahren
besonders für die Kinder!

Solange Kinder und Jugendliche als Opfer neuer Medien dargestellt werden,
können wir sie nicht zu Helden der neuen Technologien machen.
Die sie sind.
Und die sie sein müssen.

Engagierte, mutige Lehrerinnen und Lehrer,
die den Schritt ins Neue wagen für großartige Projekte in Eigenregie
bewirken wenig,
solange die Vermittlung von fächerübergreifender Medienkompetenz
nicht verpflichtend ins Curriculum aufgenommen wird.

Wer traut sich?
In einem Land, in dem jeder zweite Lehrer über 50 ist?

Die Zukunft
gehört der Jugend?

Den Alten gehören die Parlamente,
die Gesetze,
das Geld
und die Macht.

Sie stimmen für Vergangenheit,
vielleicht noch für ihre Gegenwart.
Aber nicht für eine Zukunft,
die sie selbst nicht mehr erleben werden.

Die Zukunft gehört der Jugend,
doch sie bekommt sie nicht.
Darum muss sie sich holen, was ihr zusteht.
Und muss zehnmal so laut sein wie die Alten,
die schwerhörig geworden sind.

Die sich sorgen
um Kinder, die zu viele Games spielen.
Um Kinder.
Die zuviel.
Spielen.

Die sich sorgen
um Jugendliche an Smartphones,
die die ganze Zeit mit ihren Freunden plaudern.
Um Jugendliche.
Die mit ihren Freunden plaudern.

Sorgen
um die Jugend im Netz,
die dort mehr lernt und weiß als wir.

Gebt zu:
Was euch eigentlich sorgt,
ist der Kontrollverlust
bei dieser Jugend,
die nichts auf der Straße,
nichts in den Kneipen,
nichts in den Parlamenten,
nichts in den Firmen,
nichts in der Zeitung,
nichts im Fernsehen,
nichts an der Wahlurne
die nichts in der Öffentlichkeit zu suchen hat.

Nur dort, wo es kindgerecht ist
darf sie sein.
Man will sie behüten
und schließt sie doch aus.

Die Jugend in Deutschland ist so behütet
wie in kaum einem anderen Land.
Doch kaum eine andere Jugend ist so unglücklich
wie die in unserem Land.

Trotzdem sie so dringend gebraucht wird,
fühlt sie sich
nutzlos,
ausgeschlossen,
kontrolliert,
unerhört.

Diese Jugend.
Mehr geduldet,
denn erwünscht.

Diese Jugend wünscht sich
Par-ti-zi-pa-tion.

Und sie hätte viel zu bieten,
würde die Öffentlichkeit erkennen:
Das, wofür sie brennen,
ist sinnvoll erspieltes Können.

Par-ti-zi-pa-tion
Für die digitale Generation.
Ein Kinderspiel!

Lasst sie!
Lasst sie
Die Keller der Alten entrümpeln auf Ebay,
die Website der Kirchengemeinde bauen,
die Geschichte ihres Dorfes im Netz archivieren,
Opas Erinnerung auf YouTube raushaun,
bittet um ihre Hilfe, wenn der Schulserver streikt
und der Lehrer die Präse am Smartboard vergeigt,
zeigt, dass wir sie brauchen
und ihr technisches Können.
Lasst sie teilhaben, teilnehmen.

Aber lasst sie in Ruh.

Lasst ihr die Freiheit,
selbst zu erkennen.

Dass Freiheit die Freiheit des Anderen meint.
Dass Freundschaft Zeit braucht, die Facebook stiehlt.
Dass Liebe nicht das ist, was man in Pornos zeigt.
Dass Games nur Spiele sind, wenn man sie spielt.

Lasst ihr die Freiheit im Netz.

Wenn ihr sonst keinen Ort zu bieten habt,
an dem Jugend unter sich sein kann,
wenn ihr Freizeitheime, Skaterhallen, Sportplätze, Jugendclubs
verhökert an den Meistbietenden,
wenn die Schulzeit die Freizeit verdrängt,
dann müsst ihr verstehen,
dass die letzten Abenteuerspielplätze
Facebook, whatsApp, YouTube, Minecraft, Piratebay, Instagram, Google
heißen.
Und das Internet ihr Lebensraum ist.

Die Jugend braucht tatsächlich Schutz
Schutz vor einem Staat,
der ihre Zeit, ihre Lebens- und Kulturräume nimmt
Schutz vor einem System, das sie erst dann braucht,
wenn sie Steuern und Rentenbeiträge zahlt.

Kinder brauchen Wahlrecht!

Damit ihre Stimme Gewicht und Einfluss bekommt.

Sie braucht auch von denen, die keine eignen Kinder haben,
die Erkenntnis, dass Fürsorge und Schutz der Jüngsten
gesellschaftliche Aufgaben sind.
Überlassen wir sie dem Staat, überlassen wir ihm die Zukunft.
Und überlassen uns und unsere Kinder
der Willkür, den Verboten und den Gesetzen alter Männer.

Und wir?
Wir brauchen ein offenes Auge,
ein offenes Ohr
für diese Jugend,
die gebraucht werden will
und die gebraucht wird.

Und wir brauchen vor allem:
Mehr Mut.
Mehr Empathie.

Mehr Kinder.

Die Generation der digital Aufwachsenden
Ist die erste Generation,
die vielleicht unbewusst,
aber völlig selbständig
die Zeichen der Zeit erkennt
und die Zügel in die Hand nimmt.
Die sich selbst ausbildet.
Freiwillig.
In ihrer Freizeit.
Ohne die Hilfe und sogar gegen den Widerstand derer,
die sie auf ihr zukünftiges Leben vorbereiten sollen.
Die sagen:
Dieser Generation fehlt die Tugend.

Wir sagen:
Applaus für diese Jugend!

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