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Wissen und bewusst machen – Brasilien, die WM 2014 und das gemischte Leben

Seit knapp anderthalb Wochen läuft die WM, und schon viel länger die Diskussionen, ob man sie überhaupt gucken sollte. Johnny listet in seinem Artikel einiges auf, das diese WM fad schmecken lässt, und spricht sich fürs Hingucken anstatt Weggucken aus, bietet die Übertragung der WM doch die Möglichkeit, einer breiten Öffentlichkeit neben dem Sport auch die politische Situation in Brasilien zu zeigen. Und in den Kommentaren darunter fällt wieder (als Zitat) der Satz: „Eigentlich darf man gar nicht gucken.“ Aber natürlich ist es nicht so einfach.

„It‘s a mixed life“, sagt Schriftsteller Nicholson Baker prägnant in diesem Interview.



“How do you keep going if you really open yourself up to a terrible piece of news? And we do; obviously, we keep going. We read something, and we think it’s horrible, and then later that afternoon we’re sitting in a coffee shop and there’s noodly jazz playing and we’re sipping a latté, for God’s sakes. It’s a mixed life. It’s got grief in it, it’s got indignation, and demonic laughter and jealousy, and the desire to find someone to love.“

Wir stehen morgens auf und alles ist gut. Kaffee, Lieblings-T-Shirt, Facebook. Der Kaffee stammt von ausgebeuteten Bauern, das T-Shirt aus Kinderarbeit und die Geheimdienste wissen alles schon.

Die Welt ist schrecklich, und wir wissen das alles, aber wir machen es uns nicht bewusst. Beziehungsweise nur manchmal, nur in kleinen aushaltbaren Dosen, sodass wir trotzdem im Café sitzen, über Serien lachen, ein Feierabendbier trinken und unser Leben leben können. Würden wir es uns bewusst machen, könnten wir das alles nicht aushalten, die Sklaverei, den Hunger, den Hass, die Armut, die Gewalt… Und da kommt auch die WM ins Spiel.

Sportliche Großereignisse lösen Probleme aus. WM 2014: teure Stadionneubauten bei fehlendem Geld für Bildung und Gesundheit. Olympische Spiele 2014: schreckliche Arbeitsbedingungen auf den Baustellen.

Sportliche Großereignisse machen eine größere Öffentlichkeit auf bereits bestehende Probleme aufmerksam, die diese danach auch schnell wieder vergisst. Olympische Spiele 2014: schwulen- und lesbenfeindliche Politik. EM 2012: Julija Tymoschenko. Da rappelt es kurz, wir machen uns doch mal bewusst, was passiert.

Aber danach ist es auch schnell wieder vorbei. Welche mediale Aufmerksamkeit hat Tymoschenko 2012 bekommen – und welche 2013? Wieviel ist vor den Olympischen Spielen zu Russlands menschenverachtendem „Anti-Homosexuellen-Gesetz“ gesagt worden – und wieviel danach?

Denn das ganze Bild, was jeden Tag überall passiert, das machen wir uns nicht klar. Und das ist keine Bewertung, sondern ein Befund. Wir machen es uns nicht bewusst, allein schon weil das eine ganze Menge Zeug wäre, an das wir jeden Tag denken müssten. Aber es ist auch ein Schutzmechanismus, denn selbst wenn wir das alles aufnehmen könnten, wie könnten wir noch irgendetwas genießen?

Jedes Jahr werden 110 Milliarden Euro durch Sklaverei verdient. Die Nachricht ist ein paar Wochen alt, wer hat sie noch in Erinnerung? Das rauscht alles an uns vorbei, und es ist sogar nachvollziehbar, denn das Leben ist nicht nur gemischt, sondern auch schnell und vor allem komplex.

Natürlich kann man im Rahmen seiner Möglichkeiten mithelfen, die Welt besser zu machen, zum Beispiel Fleisch aus Massentierhaltung und Kleidung aus Kinderarbeit vermeiden. Aber der Gedanke, man dürfe die WM nicht gucken, ist zu simpel. Denn die Welt ist nicht simpel: Man kann fair produzierte Kleidung kaufen und gleichzeitig mutmaßlich eine andere Art von Ausbeutung unterstützen.

Ich will nicht verschiedene Übel gegeneinander aufwiegen, sondern zeigen, dass alles komplexer ist als man vielleicht manchmal denkt. Dennoch: Das ist das, was wir tun können. Vor der eigenen Haustür kehren.

Es ist sinnvoll, über die Probleme in Brasilien zu reden. Werden wir in einem halben Jahr noch darüber sprechen oder auch nur daran denken? Wahrscheinlich nicht, oder zumindest sehr viel weniger. Wird es in einem halben Jahr noch Korruption und Polizeigewalt geben? Ja.

Man ist kein schlechter Mensch, wenn man alles Schreckliche in der Welt über weite Strecken des Alltags einfach ausblendet. Das tun wir alle und das müssen wir tun, um mit dem Leben klarzukommen. It’s a mixed life. Das ist traurig, aber es ist so. To family is all you can do.

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15 Kommentare

  1. 01
    Mario

    Welch ein schöner Rechtfertigungstext, um weiterhin begeistert die WM verfolgen und über sie so viele Artikel (#wmwmwm) rauskloppen zu können, wie ansonsten im gesamten letzten Jahr nicht zu anderen wichtigen Themen.
    Alle blenden ständig das Schlechte aus, dann machen wir das jetzt auch. Fußball!!!

  2. 02

    @Mario: Ich halte es nicht für einen Rechtfertigungstext. Sondern eher für eine Beschreibung des Ist-Zustands, dem wir uns alle nicht erwehren können. Johnny hätte die Beispiele unendlich fortsetzen können – die Medien machen es täglich vor: Wenn ein Thema aus den News verschwindet, ist es eben weg und keiner denkt mehr über Flüchtlinge und Katastrophenopfer nach, die auch dann noch leiden, wenn sie nicht mehr in den Nachrichten vorkommen.

    Und jetzt ist es eben so, dass im Fernsehen die Bilder protestierender Brasilianer nicht vorkommen. Aber irgendwie kommen auch keine Kitsch-Folklore-Bilder von sambatanzenden Brasilianern vor. Warum wohl nicht. Ich bin mir durchaus bewusst, dass die Berichterstattung aus Brasilien ziemlich einseitig oder besser noch: sehr unvollständig ist. Aber es geht eben auch um Fußball. Und der findet nun mal statt, ob wir oder die Brasilianer das gut finden oder nicht.

    Natürlich wird die WM jetzt gefeiert. Wie, ist jedem, der sie feiert, selbst überlassen. Ich feier sie, weil ich Fußball mag. Ich will kein Fußballturnier und keine Olympischen Spiele und keine sonstigen Weltmeisterschaften boykottieren.

    Wenn wir es aber schaffen würden, den Größenwahn zu stoppen, der mit solchen Veranstaltungen einhergeht, wäre ich dabei. Ich würde gerne verhindern können, dass die WM 2020 in Kathar stattfindet. Stattdessen dort, wo nicht Tausende Menschen versklavt werden, um Sportarenen in die Wüste zu kloppen. Es gibt genügend Länder auf der Welt, die das mit weniger Aufwand und weniger üblem Beigeschmack hinkriegen würden.

    Bevor ich mich gegen so Player die die Fifa oder das IOK oder sonstwas stelle, investiere ich lieber meine Zeit, meine Schränke auszuräumen, Kisten mit Spenden für die Flutopfer in Bosnien und Kroatien zu packen, die alten Klamotten zu waschen und das Zeug persönlich in der Kirchengemeinde abzugeben, die das alles zu den Leuten bringt. Da fühle ich mich weitaus besser als wenn ich eine Petition unterschreibe oder aufhöre Fußball zu gucken.

  3. 03
    Sören Schewe

    Ich hätte dem Autor beinahe zugestimmt. Dass es am Ende anders kam, lag an der Oberflächlichkeit des Artikels. Es werden einfach zu viele Themen angeschnitten und dabei ständig erwähnt, dass die Welt nicht einfach sei. Leider verpasst es der Autor sich genau daran zu halten.

    Zitat: Natürlich kann man im Rahmen seiner Möglichkeiten mithelfen, die Welt besser zu machen, zum Beispiel Fleisch aus Massentierhaltung und Kleidung aus Kinderarbeit vermeiden. Aber der Gedanke, man dürfe die WM nicht gucken, ist zu simpel. Denn die Welt ist nicht simpel: Man kann fair produzierte Kleidung kaufen und gleichzeitig mutmaßlich eine andere Art von Ausbeutung unterstützen.

    Man kann Massentierhaltung natürlich doof finden, aber sie wird nicht mehr verschwinden, dazu hat sich unsere Gesellschaft einfach zu sehr aus der Landwirtschaft entfernt. Mit gerade mal 2% Landwirten in der Gesellschaft sind kleine niedliche Betriebe aus Kinderbüchern eine Illusion. Und es ist egal, ob wir Fleisch essen oder nicht oder nur wenig. Ob fair produziert auch wirklich fair ist, ist natürlich wieder eine eigene Geschichte. Kürzlich sorgte eine Untersuchung für Aufsehen, die Fair Trade bei Kaffee teils ein schlechteres Zeugnis aus Sicht der Arbeiter ausstellte als den konv. Farmen.

    Wir sehen: die Welt ist tatsächlich nicht einfach, sondern teils sehr kompliziert. Auch Label sind keine Garantie für irgendwas. Wir können die Welt auch nicht im Alleingang retten, da stimme ich zu, aber uns zumindest in unserem kleinen Einflussbereich einigermaßen gut informieren.

    Das Nicht-Schauen der WM ist dabei ausgerechnet der einfachste Schritt, um der Aufmerksamkeits-Ökonomie der Fußball-Glitzer-Welt wenigstens ein kleines bisschen entgegenzusetzen.

  4. 04

    @#928283: Es gibt – wie angekündigt – zu jedem Spieltag einen Artikel. Das machen wir seit einigen WMs schon so. Dass es wenig Text zu anderen Themen derzeit gibt, liegt daran, dass ich selbst derzeit einige andere wichtige Dinge zu tun habe.

    @#928332: Der Artikel oben ist von unserem WM-Autor David. :)

    @#928337: Aber was setzt man denn durch Nichtschauen entgegen? Schon klar: Wenn niemand die WM schaut, dann tut das dem System FIFA etc. sehr weh. Aber das ist doch genauso (un)realistisch wie das von dir erwähnte Verschwinden der Massentierhaltung, oder? Ich finde immer noch: Es wäre toller und sinnvoller, so viele kritische Transparente im Stadion zu haben, dass die FIFA sie gar nicht mehr ausblenden kann. Ziviler Ungehorsam ist nötig, ob ein TV-Boykott da aber sinnvoll und vor allem realistisch ist, bezweifle ich.

  5. 05
    Sören Schewe

    Ich habe bisher drei Spiele geschaut. Der von Dir vorgeschlagene zivile Ungehorsam kann nur funktionieren, wenn die Medien da mitspielen. Aber was siehst Du denn vom Drumherum während eines Spiels? Nix. Hin und wieder hektisch winkende oder mitfiebernde Menschen, ansonsten wird bei jeder Spielunterbrechung lieber das letzte Tor aus fünf Perspektiven gezeigt.

  6. 06

    Uups. Lesen hilft. Ändert aber nix an meiner Meinung ;-)

  7. 07

    @#928406: Ja, die Medien bräuchte man dafür. Ich habe interessanterweise den Eindruck, dass es zu Beginn der WM viele Berichte übers „Drumrum“ gab, das hat nachgelassen. Warum das so ist, weiß ich nicht.

    @#928409: Kein Problem. :)

  8. 08
    David Nießen

    @#928337: Schön, dass wir uns zu großen Teilen einig sind.

    Ich möchte in meinem Text nicht WM-Boykott und Massentierhaltungsfleisch-Vermeidung vergleichen. Ich weiß nicht, ob diese Stelle missverständlich ist: Wenn ich „Aber der Gedanke, man dürfe die WM nicht gucken, ist zu simpel“ schreibe, meine ich: Es ist zu simpel, eine Sache zu boykottieren, sich zurückzulehnen und zu glauben, man habe die Welt gerettet. Das ist meines Erachtens ein häufiger Reflex: „Eigentlich darf man gar nicht gucken“ sagen, (wenn überhaupt) den Fernseher ausschalten und glauben, alles wäre gut. Dabei ist es auch egal, ob das Thema WM, Massentierhaltung oder wie auch immer heißt – oft denken wir zu kurz. Dass mein Text vom WM-Thema ausgeht, liegt daran, dass das eben die aktuelle Debatte ist.

  9. 09
    Sören Schewe

    @Johnny: da gab es einige Berichte, das stimmt. Aber um die zu sehen brauchte es kein Fußball-Spiel, die Berichte kamen in den Nachrichten oder Magazinen. In den Stadien ging und geht es dann „nur“ noch um die Spiele.

    @David: Dann schreibe das doch so, denn damit bin ich komplett einverstanden. War wohl tatsächlich schief formuliert von Dir.

  10. 10
    ShoBeazz

    ich fände (auch, aber nicht nur) es wichtig, Wege zu finden, die Spieler mit einzubeziehen… diese sind doch heutzutage via social media durchaus erreichbar. Der Vorteil ist: sie stehen permanent im Blickpunkt, die Fans mit den Transparenten können durch Ordner schikaniert und durch die FIFA aus den TV-Bildern ausgeblendet werden… und wenn man die wichtigen Spieler (das brauchen nur wenige zu sein) eines Teams dazu bringen kann, zB. gut sichtbare (abwaschbare) Tattoos mit Protestaussagen zu tragen oder sich diese in die Frisur zu rasieren/zu färben (zB. irgendeinen Protest-Hashtag… das ginge genauso wie Gyans 3), wäre damit Aufmerksamkeit garantiert… das sind nur Beispiele, es ließen sich sicher noch mehr Möglichkeiten finden. Aber grundsätzlich sollten diejenigen, die die meiste Aufmerksamkeit generieren, schon einbezogen werden. Auch wenn das nicht leicht sein dürfte… Spieler mit politischem Bewusstsein und den Eiern, dies auch nach außen zu tragen (wie der verstorbene Socrates) sind heute wohl eher selten bzw. durch pragmatisches Denken, Angst um Werbeverträge etc. gehemmt. Trotzdem sollte man auch in dieser Richtung ansetzen.

  11. 11

    @#928973: Ja. Sehe ich auch so.

  12. 12
    Lemmy

    …vielleicht schafft man’s ja, via Blogs oder Twitter oder was auch immer
    die Hersteller von Bionade oder Club-Mate dazu zu bringen, mit einer
    Kronkorken-/Deckel-Aktion das Land Brasilien von Korruption, Unterdrückung usw. zu befreien…
    **Polemik&Ironiemodus aus**

  13. 13
    David Nießen

    @#930049: Warum so zynisch? Ich denke zwar auch, dass die Vorschläge leider unrealistisch sind, weil Spieler, Mannschaften, Verbände zu sehr voneinander profitieren, weil die FIFA die Mittel hat, sich entsprechend zu inszenieren, weil die Spieler Angst um Werbeverträge haben, weil die Medien nicht (genug) mitziehen u.v.m. Dennoch: Was Johnny und ShoBeazz schreiben, wäre der Ansatz, oder was ist dein Vorschlag?

  14. 14

    Wenn man sich nicht für Fußball interessiert, dann guckt man auch keine WM. So einfach kann es sein.
    Wenn einen die oben im Artikel angesprochenen Folgen unser durch Konsum zu erwerbenden hedonistischen Lebensweise anöden, krank machen oder schlicht und einfach über die Jahrzehnte hinweg geistig benebeln, (was zwangsläufig die beabsichtigte Folge der kapitalistisch orientierten Lebensweise ist), dann kann man sich natürlich leicht verfangen in Internetangeboten wie Fratzenbuch (Facebook), dem mit schlechtem Gewissen getrunkenen Bier zum Feierabend (gern auch alle paar Jahre wieder im WM-Fieber oder was es da sonst noch alles an sportlich besetzten Ablenkungsmanövern gibt) Punkt. Mal tief Luft holen.
    @#930234: Vielleicht kann man ja mal auf Kosten der Fifa- und Konzerngewinne eine poor people Fußball-WM veranstalten. Eine WM, die es der Mehrheit der ökonomisch ausgegrenzten Bevölkerung erlaubt Fußball zu spielen, ein paar Wochen ein sauberes Bett zur Verfügung zu haben, sich morgens Duschen zu können und drei gesunde und gute Mahlzeiten am Tag zu erhalten. Eine WM, die diesen Menschen den Zugang zu den Massenmedien ermöglicht, um über ihr Leben in Armut, Obdachlosigkeit und der damit einhergehenden Brutalität ihrer Lebenswirklichkeit zu sprechen. Gern auch garniert mit Werbung von CocaCola und NIKE, wenn das Honorar dafür dann in die Taschen der dieser Menschen geht. Vielleicht zieh ich mir diese Spiele dann sogar mal im TV rein. (Muss ich mir vorher allerdings einen Fernseher kaufen.) ;-)

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