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Johannes Korten (1974 – 2016)

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V.l.n.r.: Johannes, Johnny, Tanja

So war das mit Johannes Korten, wenn wir ihn auf der re:publica getroffen haben. Nach einem netten, interessierten und interessanten, spannenden Gespräch über die Welt, das Netz, das Leben gab es ein Selfie, das Einfangen eines Moments der Begegnung. Zur Erinnerung.

Als dieses Foto während der #rpTEN im Mai 2016 entstand, hatten wir keinen Schimmer, dass es das letzte gemeinsame sein würde. Und nun erfüllt es seine Bestimmung so viel trauriger, als wir es hätten ahnen können, als wir es wahrhaben wollen. Zur Erinnerung.

Am vergangenen Montag wurde gegen Mittag zur tragischen Gewissheit, was nach einem Abschiedsbrief in den frühen Morgenstunden viele Freundinnen und Freunde nicht nur in den Online-Kanälen mit großer Sorge befürchtet hatten: Johannes Korten hat sich das Leben genommen.

Und ich musste wenigstens ein paar Tage ins Land gehen lassen, bevor ich diese Zeilen schreibe. Bevor wir – Tanja und ich – Johannes‘ Frau, seinen Kindern, seiner Familie und seinen Freundinnen und Freunden, Kolleginnen und Kollegen auch auf diesem Weg unser ehrliches und tiefes Beileid aussprechen.

Es gibt sehr viele Menschen, die Johannes – „Hannes“ war ihm lieber – besser kannten als wir. Vielleicht berühren uns seine letzten Zeilen und seine plötzliche Abwesenheit aber genau deshalb so sehr. Weil wir erkennen, wie wenig wir ihn offenbar kannten, obwohl wir regelmäßig mit ihm kommuniziert und zu tun gehabt haben. Natürlich blickt man nie in das „echte“ Leben eines Menschen, den man ab und zu für gemeinsame Überlegungen oder Gespräche trifft, am Ende kennen wir uns eben alle nicht wirklich. Hannes‘ Abschiedsworte aber zeigen, dass dies in seinem Fall noch einmal auf einer tieferen Ebene zutrifft.

Das ist einer der vielen Gedanken, die bleiben und über die ich an anderen, späteren Stellen noch mehr sinnieren werde: Dass wir bei aller Kommunikation, bei allen Treffen, bei allen Debatten und Bemerkungen offline wie online nie unterschätzen dürfen, dass wir uns nicht wirklich kennen.

Tanja und ich sind Hannes zu großem Dank verpflichtet. Nicht nur wegen seiner Aktivitäten wie #einBuchfuerKai, die das Netz tatsächlich zu einem besseren Ort gemacht haben und über die er u.a. auf der re:publica gesprochen hat. Sondern ganz besonders, weil wir die TINCON ohne ihn nicht so schnell auf den Weg hätten bringen können. Johannes gehörte zu den ersten begeisterten privaten Unterstützern der Idee, und sein Arbeitgeber, die GLS Bank, wurde 2015 der erste Partner unseres damals frisch gegründeten Vereins und des Events. Johannes hatte sich dafür eingesetzt, dass dies unkompliziert, schnell und auf großem gegenseitigen Vertrauen basierend passierte. Und wir sind sehr froh, dass wir uns dafür persönlich bei ihm bedanken konnten. Er wusste, wie sehr wir seine Begeisterungsfähigkeit und Hilfe zu schätzen wussten. Und schießlich war Hannes dann auch vor Ort, um sich die TINCON anzuschauen. Und ein Selfie mit Ralph Caspers zu machen, dessen Autogramm er sich für seinen Sohn hat geben lassen.

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Vl.n.r.: Johannes Korten, Ralph Caspers

Ich weiß, dass wir nicht die Einzigen sind, die Hannes‘ positive Energie, seine inspirierende Empathie, seinen Einsatz, seine Freundlichkeit zu schätzen wussten und die sich bei ihm dafür bedankt haben. Die Ahnung aber, dass dies alles auch Teil dessen gewesen sein könnte, was ihn letztlich überfordert und am Leben hat verzweifeln lassen, wird uns noch lange beschäftigen.

Es fühlt sich echt scheiße an, in der Vergangenheit über dich zu schreiben, Hannes. Wir wünschten, du wärst glücklicher gewesen. Und noch hier.

28 Kommentare

  1. 01
    Michael

    ❤️

  2. 02
  3. 03
  4. 04
  5. 05
    Veit Rumpf

    traurig…. es wird mich auch noch lange beschäftigen.
    Danke für das schöne Portrait von Hannes Korten.

  6. 06

    DANKE! Gut getroffen. Tränenprovozierend aber ja, passt. Und Hannes…. DU FEHLST!

  7. 07

    Ein paar schöne Worte, die du gefunden hast. Ich kannte Johannes nicht, aber nachdem ich einige Nachrufe wie diesen gelesen habe, bin ich mir sicher, dass die Welt einen wertvollen Menschen verloren hat. Ich wünsche mir, dass er von uns nicht vergessen wird.

  8. 08
  9. 09

    Sehr berührende Worte über einen ganz besonderen Menschen.

    Danke.

  10. 10

    .

    Danke, wir alle kannten ihn scheinbar zu wenig oder wollten die drohende schwarze Wolke über ihm nicht wahrhaben.

  11. 11
  12. 12
  13. 13

    Schöner Artikel. Und sehr traurig.

    .

  14. 14
    parker

    wow.. hat IRGENDJEMAND hier schonmal was vom werther-effekt gehört..? also die selbstmorde in deutschland werden mit ziiiemlicher wahrscheinlichkeit in den nächsten wochen und monaten in die höhe schnellen. ganz konkret: wegen diesem artikel (und anderen). nach solch einem abschiedsbrief, der so groß beachtet, gereblogt und mit sentimentalen worten kommentiert wird? definitiv.

    manchmal kapier ich.. menschen nicht. schreibt der familie nen brief oder so. aber reisst doch andere, weitere menschen, die probleme haben, nicht noch weiter in die scheiße und ermutigt sie irgendnen mist zu tun.

    es sterben jedes jahr um die 10000 menschen durch den freitod. solche briefe bringen absolut: nichts. für: niemanden! außer dass der autor mit seinen gefühlen klarkommt. dafuq!? da ist ein mensch gestorben.

    was etwas gebracht hätte? seid allgemein achtsamer, geht freundlicher miteinander um, ruft euch gegenseitig mehr an, erlebet mehr mit menschen mit denen ihr nicht so viel zu tun habt, fragt WIE GEHT ES DIR und fragt doppelt und dreifach nach wenn etwas komisch erscheint.

    wir alle leben in dieser modernen gesellschaft und sind alle betroffen von dem problem depression und suizid, man könnte ganz allgemein offener über das thema sprechen anstatt ständig um das neuste, prominenteste opfer zu heulen.

    Wann hatte der autor zum beispiel einmal suizidgedanken (denn die hat jeder irgendwas, spätestens als jugendlicher/erste liebe, selbst wenn sie nur nen tag oder eine verheulte nacht da waren)? oder macht doch mal ein interview mit einem despressiven. wie ist seine welt? wie kommt er damit klar? ob ers versucht hat? was ihm geholfen hat.

    aber egal. euch interessiert das eigentliche problem nicht. das eigentliche thema. wie alle anderen auch nicht. es läuft ja bei euch. noch. morgen geht der alltag weiter.

    und grad kann man gut klicks damit machen, also macht ihrs mal zur abwechslung. und provoziert weitere tote.

    naja. verdrehte logik ist auch ok.

  15. 15

    „Die Ahnung aber, dass dies alles auch Teil dessen gewesen sein könnte, was ihn letztlich überfordert und am Leben hat verzweifeln lassen, wird uns noch lange beschäftigen.“

    Ja. Und wie.

  16. 16

    @parker:

    Hallo parker,
    ich verstehe deine Punkte im Kern, allerdings darf jeder so trauern, wie er es möchte. Johnny hat ein Gedenk-Statement verfasst und das ist auch in Ordnung so. Wir wissen alle, dass sich jedes Jahr Menschen das Leben nehmen aus ganz unterschiedlichen Gründen. Für Angehörige von Suizidopfern oder Freunden ist das alles schwer zu ertragen. Solche Beiträge können die Sache nicht rückgängig machen, aber sie haben ihre Daseinsberechtigung. Sie sollen gedenken. Vielleicht sehen potentielle Suizidale auch, dass Sie Unterstützung kriegen können, wenn sie sich dazu trauen, sie in Anspruch zu nehmen.

    Für manche Menschen ist der Suizid eine Lösung ohne Alternativen. Man kann Suizidalen Rücksichtslosigkeit vorwerfen, aber diesen Vorwurf kann man auch Menschen machen, die Suizidalen Vorwürfe machen. Jeder Mensch hat das Recht über sein eigenes Leben zu bestimmen, so egoistisch das manchmal ist.

    Ich hoffe, dass Johannes seine Antworten und in dem Moment, als er sich das Leben nahm, Frieden in sich gefunden hat.

    Mir tut das schrecklich leid für seine Familie und seine Freunde. Ich wünsche ihnen viel Kraft dabei, diese schwere Zeit zu meistern.

    Ich selbst habe meine kleine Schwester 2012 durch einen Suizid verloren und ich kann nur aus meiner persönlichen Erfahrung sagen:

    Es ist eine sehr schwere Zeit, dass alles zu begreifen. Manche brauchen Monate, manche brauchen Jahre, manche ein ganzes Leben lang. Ich habe ungefähr 2-3 Jahre gebraucht, um das für mich in eine Form zu bringen, in der ich damit leben konnte, ohne zu verzweifeln.

    Ich habe damals Hilfe gesucht bei meinem Hausarzt, weil ich vor Trauer, Zorn und einer mir bis dato noch völlig unbekannten Palette an Emotionen völlig überfordert war und ich meinen Alltag schwer bestreiten konnte. Mein Hausarzt hat mir eine Trauerbegleitung empfohlen, die ich ca. 8 Monate bei einer Psychologin in Anspruch genommen habe. Sie hat mir Werkzeuge vermittelt, wie ich meine Emotionen benennen und mit Ihnen umgehen kann, hat mir also dabei geholfen, die Überforderung damit abzustreifen. Ich bin dazu noch in eine Selbsthilfegruppe für Angehörige von psychisch Erkrankten gegangen, da meine Schwester Jahre vor Ihrem Suizid an er psychischen Störung erkrankt ist. Das habe ich parallel zur Beratung der Psychologin gemacht. Die Selbsthilfegruppe hat mir gezeigt, dass ich Hoffnung schöpfen kann und dass ich als Angehöriger auch Austausch zu Menschen finde, die dasselbe durchmachen wie ich. Es gibt außerdem einen Verein für Angehörige von Suizidtrauernden (AGUS e.V.). Hier habe ich viel Material und Kontakte gefunden, die mir die damalige Zeit einfacher gemacht haben.

    Ich hoffe, dass das dem ein oder anderen, der Ähnliches erlebt hat oder erleben muss, helfen kann.

    Achtet auf eure Mitmenschen und macht euch keine Vorwürfe, wenn Ihr sowas nicht verhindern könnt. Wenn sich schwer depressive Menschen oder psychisch Erkrankte, die potentiell suizidgefährdet sind, schlagartig verändern, also auf einmal fröhlich sind oder gelassen, dann kann das ein Zeichen dafür sein, dass sie innerlich den Freitod beschlossen haben, weil die Last des Lebens dadurch abfällt.

    Meine Schwester war auch so. Sie war 2 Monate vor ihrem Tod auf einmal wie ausgewechselt, ausgeglichen, fröhlich und positiv. Dann hat sie sich ohne Brief oder Ankündigung verabschiedet. Ich erinnere mich noch, wie in Ihrem WG-Zimmer alle Pflanzen vertrocknet waren, weil sie monatelang nicht gegossen worden waren. Sie liebte diese Pflanzen. Ich habe damals nicht gewusst, dass sowas schon ein Anzeichen sein kann, dass man sich umbringen möchte. Wozu soll man denn auch noch die Pflanzen gießen, wenn man gehen will.

    Achtet auf euch und auf euer Umfeld.

  17. 17
  18. 18

    @Bisaz: Vielen lieben Dank, Bisaz.

  19. 19
  20. 20
    Gondor

    @Johnny Haeusler und @Bisaz: Danke für die beiden Texte ♡

  21. 21
    jan

    Was für ein Feigling. Hinterläßt Familie und Freunde, nicht weil er z.B. unheilbar krank ist, sondern mit dem Weltschmerz und seinen eigenen Problemen nicht klarkommt.

    Wahrscheinlich wäre es besser, wenn jeder Mensch in Mitteleuropa einen harten Militärdienst mit all seinen Entbehrungen absolvieren müßte.

    Dann wüßte manch einer dieser Wohlstandsverwahrlosten, was das wahre Leben wert ist.

  22. 22

    @jan: Ich habe drei Minuten lang überlegt, ob ich diesen Kommentar, der an Respektlosigkeit und Beleidigung eines Verstorbenen und seiner Familie kaum zu überbieten ist, lösche.

    Stattdessen ist er jetzt weiß auf weiß. Wer ihn lesen will, kann das immer noch tun.

  23. 23
    Gondor

    @Jan: Die Ausbildung zu einem Mörderberuf (Soldat) zu etwas den Charakter positiv bildendem zu stilisieren. Darauf muss man erstmal (wieder) kommen. Leider nicht in Deinem Sinne zeigst Du aber nur allzu „gut“ was dadurch aus einem (ehemals?) mitfühlendem(?) Menschen dann offenbar werden kann.
    @Johnny Haeusler: Da ist sie wieder. Die Sprachlosigkeit, die Ohnmacht, der Zorn angesichts so völliger (anonymer) Empathielosigkeit (bis zum arroganten Hass) via „blosser Pixel auf einem Monitor“ :-(

  24. 24

    Alle paar Tage stöbere ich im Netz nach Hannes. Sei es in meinem alten, derzeit nicht mehr sehr aktuellem Blog – da hat Hannes, der damals seinen Namen noch unter Verschluß hielt und in den Blogger-Anfängen immer nur „Jazzer“ genannt wurde, sich extra einen Account bei Twoday angelegt, um mit „uns Twoday’lern“ plaudern zu können, hach…- oder um so liebevolle, aber auch nachdenkliche und nachdenklich machende „Nachrufe“ (<– irgendwie ein doofes Wort) bzw. Erinnerungen lesen zu können. Danke dafür.
    Ich war an besagtem Montag sehr früh Online, und hatte Hannes' letzten Blogbeitrag kurz nach seiner Veröffentlichung gelesen. Und erstmal nicht verstanden. Weil – nee, das kann ja gar nicht sein. Und dann kamen auch schon die anfangs zaghaften, dann sehr deutlichen Twitter-Beiträge… Ich hab' leider schon seit einigen Jahren keinen persönlichen Kontakt mehr mit ihm gehabt, aber natürlich seinen Blog weiterhin gelesen und über Flickr waren wir gegenseitig im engeren Rahmen verbunden, so daß ich anhand seiner teilweise doch sehr privaten Fotos immer noch irgendwie sehr Anteil an seinem Leben genommen habe. Also zumindest an dem, was er bereit war zu zeigen. – Ich saß den ganzen Vormittag vor dem Rechner, hab' immer wieder sämtliche Seiten aktualisiert, um bloß endlich irgendwo lesen zu können, daß er lebend gefunden werden konnte. Hab' selber immer wieder eigene EInträge mit dem bekannten Hashtag geschrieben, auch wenn bereits viele gesagt haben, daß das eigentlich gar nicht gut sei, weil man damit jemanden eigentlich erst recht unter Druck setzt. Aber hey – das war mein erster "Live"-Selbstmord, Sorry, daß ich da nicht klar denken konnte. – Wir waren damals gemeinsam, aber nicht zusammen, auf dem Police-Konzert in Düsseldorf, und er hat verstanden, warum ich dort vor Glück geheult habe. Vorletzten Montag habe ich dann auch geheult.
    Er schuldet mir noch eine Currywurst.

  25. 25

    @Frau Budenzauberin: Danke dir für den Kommentar – eigentlich selbst schon ein Blogpost!

  26. 26

    Gernedoch. Ich nehm‘ den die Tage dann mal mit rüber und erweitere ihn noch ein bißchen.
    Wenn ich nicht mehr ganz so sprachlos bin.

  27. 27
    Micha

    Meine Güte. Gibt’s keine wichtigen News?

  28. 28

    Doch. Zum Beispiel die Frage, wann Du endlich mal einen Empathie-Kurs belegst. Oder irgendwas mit „Warum man nicht alles, was einen selbst nicht interessiert, trotzdem kommentieren sollte“. Aber geh hier bitte einfach weg. Bitte.

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