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Carla del Ponte: Im Namen der Anklage

Carla del Ponte war von 1999 bis 2008 Chefanklägerin des Internationalen Straftribunals für das ehemalige Jugoslawien und Ruanda. Damals galt sie als sehr aufsässige, eigenwillige und mutige Person. Dass ihre Memoiren ohne größeres Aufsehen veröffentlicht werden würden, davon war nicht auszugehen gewesen. Und tatsächlich haben Kroatien, Serbien und Albanien in seltener Einigkeit die Veröffentlichung von „Im Namen der Anklage“ verurteilt, und das Schweizer Außenministerium hat ihr untersagt, öffentlich als Autorin des Buches aufzutreten.

„Ich fürchte nichts, ich erledige nur meinen Job.“ Das hat der S.Fischerverlag auf den Klappentext drucken lassen. Man hätte auch ein Fremdzitat nehmen können, um die Bedeutung der unermüdlichen Arbeit del Pontes zu würdigen. Kofi Annan hat beispielsweise einst mit viel Pathos in der Stimme gesagt, als er über sie sprach: „Gerechtigkeit ist eine Frau“. Aber es ist stringent, unbescheidenerweise ein Eigenzitat groß auf der Rückseite zu platzieren.

Denn Im Namen der Anklage ist eine Erfolgsgeschichte, erzählt in der Form eines mittelmäßigen Hollywoodschinkens. Die kleine Wirtstochter aus dem Tessin, die schon immer eigensinnig war, aber nie lügen konnte, fängt seit frühester Kindheit Schlangen (erstes Leitmotiv) und findet sich wie durch ein Wunder irgendwann auf dem Sessel der Bundesanwaltschaft und schlussendlich in Den Haag wieder. sie hat sich ihre Bodenständigkeit und ihren Sinn für Gerechtigkeit bewahrt, scheitert aber in ihren Bemühungen, Kriegsverbrecher vor Gericht zu bringen, immer wieder an der muro di gomma, dem Gummiwall des Schweigens (zweites Leitmotiv). Unbeirrbar und zum äußersten entschlossen, setzt sie alles daran, die Veranwortlichen für die Greueltaten in Ruanda, Srebrenica und dem Kosovo zur Rechenschaft zu ziehen: bis sie am Ende ihrer Laufbahn 62 Anklagen unterzeichnet, 91 mutmaßliche Kriegsverbrecher nach den Haag überführt und einen ehemaligen Staatschef vor Gericht gebracht hat.

An den Fakten ist nichts zu drehen, und es ist auch klar, dass del Ponte durch ihre laute, bisweilen schrille Art dem Strafgerichtshof mehr Gehör und mehr Öffentlichkeit verschafft hat, ihm zu mehr Bedeutung verhalf. Aber eben weil ihre Verdienste unbestritten sind, hätte ihr mehr Bescheidenheit und weniger Selbstgerechtigkeit gut zu Gesicht gestanden. So liest sich das Buch anstrengenderweise über weite Strecken wie eine verklärte Selbstbeweihräucherung und eine zornige Anklage an die böse, ungerechte Welt.

Es gibt nur eine tatsächliche Enthüllung in del Pontes Memoiren: Es hätten Informationen vorgelegen, berichtet sie im Kapitel über den Kosovo, dass die UCK junge Serben entführt, in Labore verfrachtet und förmlich ausgeweidet hätten, um mit den Organen Handel zu treiben. Als Quellen nennt sie einen Trupp glaubwürdiger Journalisten, die die Information ihrerseits von Kosovoalbanern hätten. Aber es bleibt bei Indizien: die Ermittlungen verlaufen sich. Weder kommt es zum Verfahren, noch veröffentlichen der Trupp Journalisten ihre Erkenntnisse.

Andererseits sind die Berichte zu den Hinterzimmertreffen mit Ex-CIA-Direktor Tenet, dem prowestlichen und jetzt ermordeten ehemaligen Ministerpräsidenten Serbiens Djindjic, dem serbischen Ex-Premier Kostunica und anderen Verantwortlichen für den Jugoslawienkrieg teils erstaunlich, teils erhellend. Recht viel neues steht nicht in Im Namen der Anklage, aber wer bisher nur einen ungefähren Überblick über die politischen Zusammenhänge auf dem Balkan hatte, dem kann dieses Buch durchaus als vertiefte Einführung in die Thematik nahegelegt werden.

Trotzdem bleibt nach Beendigung der Lektüre das Gefühl: Es hätte ein wichtiges und entscheidendes Buch werden können. So ist es ein interessantes Buch geworden. Was mehr ist, als man über die meisten Veröffentlichungen zum Thema sagen kann.

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12 Kommentare

  1. 01
    Jan(TM)

    … Kofi Annan hat beiSpielsweise …

    Meinten Sie: Spielwiese?

  2. 02
    Frédéric Valin

    Spielwiese ist schön. Dankesehr!

  3. 03

    „… noch veröffentlichen der Trupp Journalisten ihre Erkenntnisse.“

    Doch, dieser Vorwurf war mal Teil eines Fernsehberichts, inklusive Ortstermin mit Fernsehteam. Leider ist es schon lange her und ich erinnere mich nicht mehr an die Produzenten.

  4. 04
    RC

    Aber eben weil ihre Verdienste unbestritten sind, hätte ihr mehr Bescheidenheit und weniger Selbstgerechtigkeit gut zu Gesicht gestanden. So liest sich das Buch anstrengenderweise über weite Strecken wie eine verklärte Selbstbeweihräucherung und eine zornige Anklage an die böse, ungerechte Welt.

    Klingt geil. Falsche Bescheidenheit kann ich ja mal sowas von nicht ab. Und die Welt IST böse und ungerecht. :P Die Frau scheint Plan zu haben.

    Trotzdem bleibt nach Beendigung der Lektüre das Gefühl: Es hätte ein wichtiges und entscheidendes Buch werden können. So ist es ein interessantes Buch geworden. Was mehr ist, als man über die meisten Veröffentlichungen zum Thema sagen kann.

    Das Buch ist scheiße, aber alles andere ist noch beschissener? Geiler Fazit. :D Hätte ich ein Buch am Markt, wäre ich ziemlich stolz auf so ein Urteil. :D

  5. 05

    Die Thematik, und damit vielleicht Frau del Ponte, werden bald evtl. mehr Aufmerksamkeit erfahren, wenn Hans-Christian Schmids Film „Sturm“ in die Kinos und die Feuilletons kommt: http://de.wikipedia.org/wiki/Sturm_(Film)

  6. 06

    @RC: Neinb, es gibt gute Bücher zum Thema. Aber es gibt einen Haufen Zeug, das Journalisten publiziert haben, die entweder pro oder contra Serbien waren.

    Aber ansonsten siehst Du das ganz richtig.

  7. 07
    Mr.Blue

    Der Jugoslawien-Krieg und die Invention der NATO ist ein interessantes vielschichtiges Thema, das zurzeit noch weitgehend unverstanden ist.
    Drecksäcke gab es damals auf allen Seiten.

  8. 08
    no*dice

    read on 1:
    “ I was still at the time working as an advisor to the Russian authorities, i.e. for the very people I was incriminating with these documents. So what did Ms del Ponte do? She gave my full name and job to the press. This was as if I had given information to the US Drug Enforcement Agency about the Escobar Clan out of Medellin and then, while still in the lions‘ den, read in the New York Times that I was the chief witness against Escobar.“

    http://www.slobodan-milosevic.org/news/delponte1204.htm

  9. 09
    no*dice

    read on 2:
    „Aber Sie kämen, wenn Sie ein Verfahren eröffnen müssten, in eine sehr unangenehme Lage. Die NATO stellt die KFOR und die SFOR-Truppen, mit denen Sie eng kooperieren müssen. NATO-Sprecher Jamie Shea hat, als das Thema NATO und Kriegsverbrechertribunal das erste Mal im aufgeworfen wurde, darauf hingewiesen, dass die NATO-Staaten einen Großteil der Finanzen dieses Tribunals zur Verfügung stellen. Von Unabhängigkeit der Justiz kann doch da kaum noch die Rede sein.“

    via:http://www.freitag.de/2000/18/00181101.htm

  10. 10
    Frédéric Valin

    @no*dice: Ja. Von Elsässer. Dem glaub ich seine Balkangeschichten erst, wenn ich die anderswo verifiziert habe. Gibts da noch mehr Quellen?

  11. 11

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