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DVD-Review: Meine Daten und ich

Der Reichstag als Sitz des deutschen Bundestages im letzten abendlichen Dämmerlicht, die Glaskuppel ist von innen erleuchtet. Ein Bild, das bedeutungsschwanger Transparenz in unserem demokratischen Rechtsstaat bedeuten und somit ein klassischer Aufhänger für eine Abhandlung über das Verhältnis von Datenschutz, Bürgerrechten und innerer Sicherheit sein könnte. Doch obwohl dieses Bild am Anfang des Dokumentarfilms „Meine Daten und ich. Wenn die Sicherheit die Bürgerrechte bedroht“ von Philipp Eichholtz steht, ist es nicht der Beginn des Films.

Der sucht nämlich gerade keinen metaphorischen Zugang zum Thema und so kommt der eigentliche Anfang erst einige Schnitte später, wenn wir mitgenommen werden in den Alltag des (fiktiven) Filmemachers Axel Ranisch, der einen Film zur Datensammelwut von Staat und Privatwirtschaft drehen will.

Dieser Film im Film, oft hart am Rande des Dilettantismus und dann doch wieder herrlich witzig (achtet auf die Erdnussflocken!), bietet einen cleveren Rahmen für die vielen die eigentlichen Themen des Films behandelnden O-Töne zu BKA-Gesetz, Vorratsdatenspeicherung, Datenschutz, Scoring im Kreditwesen, Datenskandalen bei Lidl und der Telekom. Diese für viele doch eher abstrakte Thematik wird mit der Lebenswelt einer real möglichen Person verknüpftknüpft und so konkret erfahrbar.
Mal geschieht dies implizit, beispielsweise wenn Ranisch sein komplettes Adressbuch abtelefoniert, um Mitarbeiter für seinen Film zu finden, und wenig später die Auswertungsmöglichkeiten gespeicherter Telekommunikationsdaten vorgeführt werden. Wir wissen, mit wem du letzten Sommer telefoniert hast.

Mal ist die Verknüpfung augenscheinlich. Der Versuch, einen Kredit für die Filmproduktion aufzunehmen scheitert an Ranischs schlechtem Kreditscoring. Die nicht rechtmäßige Datensammelwut des Jobcenters wird im Trailer oben angesprochen.

Angesichts der Tatsache, dass Schäuble2.0 längst von Zensursula in der öffentlichen Wahrnehmung überflügelt wurde, scheint „Meine Daten und ich“ anachronistisch zu sein. Der Film ist so 2008. Und deshalb nicht weniger aktuell. Denn alles, was der Film thematisiert, geschieht immer noch Tag für Tag.

Private Telekommunkationsdienstleister müssen für den Staat unser aller Kommunikationsverhalten dokumentieren. Banken erstellen Personenprofile durch einfach abzufragende Eckdaten wie Wohnort, Alter oder Anzahl der Kreditkarten, die darüber entscheiden, ob wir Geld fürs neue Auto bekommen oder nicht. Konzerne (auch Telekomunikationsdienstleister, die unsere Daten sammeln müssen) überwachen anhand von illegal gesammelten Datensätzen ihre Mitarbeiter oder verlieren gar große Datensätze.

Wissen wir doch alles, oder?

Ja, aber mal ehrlich, wie viele haben all das nach knapp einem Jahr noch vor Augen? Mir hat der Film einiges in Erinnerung gerufen.

Die Rhetorik der Experten ist hierbei in der Rückschau erschreckend ähnlich strukturiert wie bei der diesjährigen Netzsperrendebatte: Die CDU (hier vor allem Wolfgang Bosbach) versucht, teilweise mit Falschaussagen, die staatliche Überwachung zu verharmlosen, die SPD spielt etwas peinlich berührt mit. Die parlamentairsche Opposition (wobei der Film die Linke warum auch immer leider komplett ignoriert) argumentiert dagegen scharf aber nicht ganz so klar an wie Datenschutzbeauftragte oder die AktivistInnen Constanze Kurz, padeluun und Ricardo Cristof Remmert-Fontes.

Die Zusammenhänge zwischen Vorratsdatenspeicherung und der privatwirtschaftlichen Informationssammelwut werden dem gutmeinenden Zuschauer klar, für alle anderen sind überzeugende Argumente von Andreas Pfitzmann, Professor für Datensicherheit an der TU Dresden, im Bonusmaterial der DVD versteckt. Das bietet weitere Ö-Töne zu den im Film behandelten Aspekten des Datenschutzes. Hier kommen einige der Befragten (Befürworter wie Gegner der Datensammelei) ausführlicher zu Wort, was einen echten Erkenntnisgewinn bringt. Kleine Schwachstelle: Im Menü erscheinen diese Takes thematisch geordnet, doch lässt sich zwar entsprechend der Ordnung einsteigen ins Material, danach wird es aber ohne Unterscheidung hintereinander weg abgespielt.

Ein unterhaltsamer Film, der mit intelligent zusammengeschnittenen O-Tönen das Thema Datenschutz erneut ins Bewusstsein holt.


[Direktdaten]

Die DVD „žMeine Daten und ich“ kommt am Freitag in den Handel und ist schon jetzt über die Filmhomepage zu bestellen oder dreimal hier zu gewinnen.

Dafür müsst ihr lediglich eure Bankverbindung, Personalausweisnummer und Schuhgröße in den Kommentaren verraten als erste oder erster eine der drei unten folgenden Fragen zu einem berühmten Persönlichkeitsprofil aus der Welt der Überwachung richtig beantworten.

Bitte verwendet eine Mailadresse, mit der wir Euch kontaktieren können und beantwortet nicht alle Fragen auf einmal, damit am Ende drei Personen je eine Frage richtig haben und je eine DVD erhalten. Die DVDs werden vom Filmverleih an die Gewinner verschickt, entsprechend benötigt der dann die Postadressen der Gewinner. Soweit zur Datenerhebung der Verlosung, hier nun die Gewinnfragen:

1. Wie heißt die Geliebte von Winston Smith?
2. Wie alt ist Winston Smith?
3. Wo hat Winston Smith einen Krampfaderknoten?

Und zur Erinnerung: Am 12. September 2009 findet „Freiheit statt Angst 2009“ als bundesweite Demonstration statt.

17 Kommentare

  1. 01

    1. Julia

    die anderen Antworten lasse ich lieber mal weg.

  2. 02
    Carsten

    die Geliebte heißt Julia

    mfg Carsten

    edit: ähm, er ist 39 Jahre alt :-)

  3. 03
    Capsaicin

    1. Julia
    2. 39
    3. above his right ankle

    Schnell noch mal das Buch gekrallt, zum Glück stand die 3. Antwort auf der ersten Seite ;)

  4. 04
    Leo

    Wenn Winston Smith 1984 39 war, dann ist er heut 64 Jahre alt. Nimmt man das Erscheinungsdatum des Buchs, ist er heute 99 Jahre alt, bzw. 60 Jahre, wenn man das Erscheinungsdatum als Geburt betrachtet. Wasnu? ;)

  5. 05
    cux

    Wer zum Teufel ist Winston Smith?
    Oder: Will ich das überhaupt wissen?

  6. 06

    @cux: (Ohne das Buch selber gelesen zu haben:) Da er 1984 so und so viele Jahre alt war, nehmen wir mal an, dass das Buch 1984 spielt. Da es hier um Datensammelei geht, besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass es sich um George Orwells „1984“.
    Wenn ich gleich mal weiterspekulieren darf: Winston ist die Hauptperson.

    An die anderen Kommentatoren: Lohnt es sich, die zum Lesen dieses Buchs notwendige Zeit aufzuwenden?

  7. 07

    4. Wer zur Hölle ist Winston Smith?

    :D

  8. 08

    @Leon Hartner: ja, es lohnt sich. absolut und unbedingt.

  9. 09
    Björn Grau

    Die Herren Kommentatoren 1-3 dürfen sich über den Gewinn der Überwachungs-DVD freuen. Herzlichen Glückwunsch!
    Die Verlosung ist damit beendet.

    @Leo: Als das Persönlichkeitsprofil Winstons erstellt wurde, wurde sein Alter mit 39 angegeben. :)

    @Leon Hartner: Definitv lohnt sich das. Nicht nur wegen der dort gezeichneten totalitären Überwachung. Es ist auch noch ein toll geschriebener Roman.

  10. 10
    bitletech

    cux: Er ist der Hauptheld von „1984“. :)

  11. 11
    malefue

    wird sowieso viel zu selten betrachtet angesichts der distopie die orwell entwirft, dass „1984“ ein literarisch äußerst wertvolles buch ist.
    schließlich gehts darin nicht nur um die abläufe der überwachung, am wichtigsten ist ja immer winstons empfinden und was eine solche gesellschaft mit dem individuum macht.

  12. 12
  13. 13

    Gestern gekauft, heute morgen angekommen, eben geguckt! Danke für den Hinweis. Ich mag den Film und werde ihn (im übertragenen Sinne) weiterverbreiten.

    Grüße,
    Thomas

  14. 14

    Axel Ranisch? Den kenn ich. Das ist kein fiktiver Filmemacher, sondern ein ziemlich echter. Hat einen grandiosen Halbstünder namens „Glioblastom“ gemacht. Das nur am Rande.

  15. 15
    Björn Grau

    @Dietrich: Das „fiktiv“ hab ich vom Klappentext, da steht das so.

    @Carsten: You got Mail, vielleicht im Spamordner? Oder willst Du die DVD gar nicht?

  16. 16

    @ Dietrich: Der Axel macht auch selber Filme, hier ist er aber ein Schauspieler, der einen Filmemacher spielt. Daher ‚fiktiv’…

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