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Bundesliga 22

Julian Schieber liegt auf dem Bauch, mitten im Stuttgarter Strafraum. Fassungslos kaut er auf seiner Unterlippe herum, während er sich hilfesuchend auf dem Feld umsieht. Er mag sich gefühlt haben wie der Petunientopf, der für Desperate Housewives gecastet worden ist und jetzt die Stunts in Per Anhalter durch die Galaxis spielen soll.

Julian Schieber ist kein Elfmeter verweigert worden, er hat auch keine Vorlage, die ihm direkt auf die Torlinie gelegt worden ist, ins Seitenaus geschaufelt. Julian Schieber hat das vorentscheidende 2:0 gemacht, für seinen Arbeitgeber, für Nürnberg. Gegen seinen Verein, den VfB Stuttgart. Nächstes Jahr soll er zurückkommen, sagt Fredi Bobic, auf jeden Fall.

Besonders viel Humor in der Sache beweisen die Zeitungen: der „Matchwinner“ (Bild) sei Schieber, die Morgenpost kürt ihn zum „Mann des Tages“, „ausgerechnet“ (Zeit). Ausgerechnet! Schieber, der gestern Chancen hatte für vier oder fünf Tore! Der sicher trotzdem gut gespielt hat, keine Frage, aber genauso sicher nicht spielentscheidend gewesen ist, im Gegensatz zum Nürnberger Mittelfeld, inklusive der beiden famosen Außenverteidiger Judt und Pinola.

Aber die Geschichte ist einfach zu schön: Der traurige Held, der seine Pflicht tut, der herausragendes leistet, obwohl im Widerstreit mit seinem Herzen. Er hat ja nicht nur gegen den Gegner gespielt, sondern auch – gegen sich selbst. Gegen sein Gefühl, gegen seine Interessen. Deswegen auch die völlig überkandidelten Pointen in den Texten: dass er sich möglicherweise selbst in die zweite Liga geschossen habe. Bei vier Punkten Rückstand auf einen Nichtabstiegsplatz, 12 Spiele vor Zapfenstreich. „Noch nichts entschieden“ ist ein Euphemismus angesichts der Möglichkeiten, die sich da noch auftun.

Es ist schon erstaunlich, dass die Sportredakteure unisono Schieber feiern, wo er doch das Ideal eines Typus ist, dem man normalerweise Verachtung entgegenbringt: dem Legionär. Schieber hat sich selbst so sehr entfremdet, dass er gegen seine Mannschaft hervorragend aufspielt und alle, die ihm gleich sind in ihrer Ergebenheit dem VfB gegenüber, in tiefe Trauer stürzt. Dafür will er sich nicht feiern lassen, und genau deswegen feiern ihn jetzt alle.

Selbstverständlich ist das nicht. Lukas Podolski muss sich noch heute fragen lassen, warum er 2008 nach seinen beiden Toren gegen Polen nicht gejubelt hat. Mesut Özil betont nach dem Spiel gegen die Türkei, dass er sich nach seinem Treffer natürlich nicht geschämt habe. Und immer sagen sie, sie seien „aus Respekt“ nicht ausgetickt. Aus Respekt vor den Gefühlen der Familie, das muss man betonen, das klingt hübsch bescheiden.

Wie Schieber da auf dem Boden lag und sich umsah, ein wenig mit der Lippe spielte, da merkte man schon: da entschließt sich einer nicht spontan, nicht zu jubeln. Der kann schlicht nicht jubeln. Der ist Stuttgarter. Das ist die wahre Tragödie: der schießt gegen seine eigene Existenz. Und trifft. Und ist völlig fassungslos. Und alle findens super.

Aus gegebenem Anlass: mein Lieblingsfallrückzieher diese Saison.

Steffi von Textilvergehen hat ein langes, langes, langes Gespräch mit Aileen Poese, der Leiterin der Frauen- und Mädchenabteilung des 1.FC Union Berlin, geführt, das ich inzwischen drei Mal gelesen habe: „Leben auf einem fremden Planeten: Frauenfussball“. Dabei interessierte sie vor allem, „welches Selbstverständnis die Fußballfrauen haben, auf welche Widerstände sie treffen und wo sie die Zukunft ihrer Sportart sehen“. Ein schöner Blick hinter die Kulissen.

4 Kommentare

  1. 01
    12. Freund

    Bei vier Punkten Rückstand auf einen Nichtabstiegsplatz, 12 Spiele vor Zapfenstreich. „Noch nichts entschieden“ ist ein Euphemismus angesichts der Möglichkeiten, die sich da noch auftun.

    Es wird sich niemals ändern.

  2. 02
  3. 03
    Lennart

    Schade, dass es für die Israelis in der Vorrunde nicht gereicht hat. Nach so einem Tor hätten sie’s verdient gehabt.

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