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Wie man mit mobiler Werbung Kinder ausraubt

flappy bird ad

Der Titel trifft es eigentlich nicht ganz, denn bezahlen tun am Ende wohl eher die Eltern. Dennoch dürfte die hier vorgestellte Art von Abzocke durch mobile Werbung besonders Kinder und Jugendliche treffen. Aber der Reihe nach:

Der oben gezeigte Screenshot wurde mir von unserem älteren Sohn zugeschickt und zeigt ein kostenloses, durch Werbung finanziertes Spiel auf einem Smartphone. Die Anzeige am oberen Rand bewirbt das Game „Flappy Bird“, das vor allem bei Jugendlichen und Kindern immer noch äußerst begehrt ist, denn: Das Spiel gibt es offiziell gar nicht mehr.

Klickt man nun auf dieses Werbebanner, gelangt man daher auch nicht zu „Flappy Bird“, sondern zu einer der zahlreichen Kopien, die sowohl Apples AppStore als auch die Android-Plattform Google Play überschwemmen, nachdem das Original von dort verschwunden ist.

Bis hierhin ist das schon blöde genug. Und dass zahlreiche dieser Kopien des Spiels unter Android Malware enthalten können, also schadhafte Programmteile, ist mit dem Begriff „ärgerlich“ harmlos beschrieben. Völlig irrsinnig wird die Sache aber, wenn man das Banner genauer betrachtet.

flappybird_ad

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Dort unten links in der Ecke – genau dort also, wo man sich hinter dem i-Button nähere Informationen erhofft, findet man einen kaum lesbaren Hinweis darauf, was tatsächlich passiert, wenn man auf das Banner klickt bzw. tappt: Der Betrag von € 6,99 wird abgebucht. Und zwar nicht nur einmal, sondern in jeder der folgenden Wochen neu.

Eine Art, wie das technisch funktioniert, hatte ich in diesem Artikel vor zwei Jahren beschrieben, geändert hat sich ganz offenbar seitdem nichts. Wenn der betroffene Mobilfunkvertrag nicht durch die explizite Sperrung des „Inkassos für Drittanbieter“ abgesichert wurde oder der jeweilige Provider diese Abbuchung durch Dritte gar nicht erst zulässt, wird die Summe regelmäßig abgebucht. Und zwar so lange, bis der Betroffene die Abbuchungen bemerkt hat und dann auch noch herausgefunden hat, wie er das Abo stoppen und kündigen kann. Denn selbst, wenn der Mobilfunkbetreiber seinem Kunden mitteilt, wer von dessen Konto abbucht, ist das sicher nicht die Firma „Arschlochwerbung AG“ mit Telefon und Sitz in Mannheim, sondern wohl eher nur der Startpunkt eines Unternehmensgeflechts, dass sich ganz dem Bereich der mobilen Abzocke verschrieben hat.

Das Spiel hat man dann natürlich auch immer noch nicht auf seinem Smartphone, sondern im besten Fall eine Kopie. Oder aber man landet nur auf einer Website mit mehr Werbung.

Wichtig zu wissen ist dabei, dass das Ganze nichts mit den „In-App-Käufen“ bei Apple oder Google zu tun hat, die Zahlung erfolgt über den Mobilfunkvertrag, nicht über das iTunes- oder Google-Konto. Ein Passwort ist also ebenso wenig erforderlich wie eine Kreditkarte oder andere Eingaben von Zahlungsmethoden. Manchmal gibt es noch einen weiteren, kleinen Hinweis auf diese Abbuchung, oft aber genügt schon der Klick auf ein solches Banner, um den Zugriff aufs eigene Konto zu ermöglichen. Perfekt, um selbst klügste Sicherheitsmaßnahmen zu umgehen, die Eltern auf den Geräten ihrer Kinder eingestellt haben, um überraschende Abbuchungen für drei Tonnen Clash-of-Clans-Juwelen zum Vorteilspreis von € 99 zu vermeiden.

Mitverdienen tun einige bei diesem Vorgehen: Die Mobilfunkbetreiber erhalten einen ordentlichen Anteil beim „Inkasso durch Drittanbieter“, die „Auslieferer“ der mobilen Werbung (das können auch Apples iAds oder Google Adsense sein) erhalten Gebühren für die Einblendung der Banner bzw. den Klick darauf (partizipieren aber meines Wissens nicht an den Abo-Gebühren), und der Anbieter des Spiels, bei dem die Werbung eingeblendet wird, bekommt ebenfalls einen gewissen Betrag.

Gerade für jüngere Menschen sind Banner in mobilen Apps – und erst recht das Kleingeschriebene darin – schwer als Werbung oder gar Abzocke zu erkennen, doch auch Erwachsene fallen auf mobile Wegelagerei rein. Die beschriebene Zahlungsart wird z.B. gern auch auf mobilen Websites für Erwachsene eingesetzt („Hier klicken, um das nächste Video zu sehen!“). Die Hinweise darauf, dass der nächste Schritt kostenpflichtig ist oder gar ein Abo abschließt, sind dabei meist sehr gut versteckt: Dunkelgraue Schrift auf schwarzem Hintergrund in kleinstmöglicher Größe am untersten Ende der Website. Oder ähnlich.

Und falls sich der halbwegs seriöse Teil der Werbeindustrie fragen sollte, warum Werbung in Apps noch seltener geklickt wird als im Web: deshalb. Weil es in dieser Branche einfach zu viele Arschlöcher, Abzocker und Betrüger gibt.

Bisher konnte mir leider niemand sagen, für welchen Banner-Vermarkter das kleine „i“ im Kreis in diesem Beispiel steht, falls es jemand weiß, bin ich für einen Hinweis und auch andere Ergänzungen in den Kommentaren dankbar. Ich vermute, es stammt von Google, bin aber nicht sicher.

UPDATE Timo Hetzel weist mich darauf hin, dass die betreffenden Banner wahrscheinlich nicht die von Apple vertriebenen „iAds“ sind, die nur in den AppStore oder zum iTunes Store verlinken, von wo aus diese Form der Abbuchung nicht möglich ist. Die Banner werden also mit hoher Wahrscheinlichkeit von anderen Unternehmen vertrieben, die vielleicht nicht genauer prüfen, wie die angelieferten Banner funktionieren. Oder denen das egal ist.

UPDATE 2 Und noch einmal Dank an Timo: Das kleine „i“ im Kreis linkt zu Google. Das gezeigte Banner wird also offenbar von Google ausgeliefert und vertrieben (Achtung: nicht gestaltet oder programmiert!). Was nicht bedeutet, dass andere Werbenetzwerke nicht auch ähnliche Banner im Programm haben.

30 Kommentare

  1. 01

    Nachdem mein Kind sich durch versehentliches Tippen auf Banner oder uneindeutige Icons mehrfach im Google Play Store und auf seltsamen Seiten wiederfand, bekommt er für solche Spiele von mir das Telefon derzeit nur noch im Flugzeugmodus. Das ist zwar für die Netzkompetenz nicht unbedingt super, aber dem Alter gemäß auch eine (hoffentlich) recht gute Absicherung.

  2. 02
    Manuel

    Und wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist und man sich mit seinem Anbieter auseinandersetzen muss, merkt man, welchen Stellenwert säumige Kunden haben. Egal, ob sie die Rechnung nicht zahlen können oder wollen (weil sie eben z.B. Drittanbietergebühren enthält, die unrechtmäßig ergaunert wurden).

  3. 03

    Die Mobilfunkanbieter könnten da ja eine relativ einfache Kontrolle einbauen z.B. dass man solche Abos mit einer SMS bestätigt, aber das schadet im Endeffekt ja nur dem eigenen Umsatz. Will nicht wissen wieviele Smartphone Nutzer nie auf ihre Rechnung schauen und das schon seit Jahren bezahlen.

  4. 04

    Hmm … seid echt langen Jahren wird versucht, die „Raub“-Metaphern wie in „Raubkopierer“ loszuwerden. Und dann kommt ausgerechnet hier so eine Überschrift. Das fast so traurig, wie der eigentliche Anlaß des Artikels.

  5. 05
    Sebastian

    Mich würde ja schon mal interessieren, wie das genau funktioniert.
    Woher haben die meine Telefonnummer, wenn ich die nirgends eingegeben habe?

    Im Browser kann man die ja nicht auslesen, oder doch?

  6. 06
    Sebastian

    OK… nun habe ich es nachgelesen… krasser Mist!
    Bin mal gespannt, ob meine Sperre von heute für den Klick vor ein paar Tagen noch rechtzeitig gekommen ist …

  7. 07
    Manuel

    @Sebastian: Das wird zu spät sein, die Sperre gilt immer nur für die Zukunft. Jetzt kannst Du Dir überlegen, diesen Gaunern Dein Geld zu geben oder Deine Rechnung zurückbuchen zu lassen, und den unstrittigen Betrag zu überweisen. Ich hatte mich für letzteres entschieden, ärgere mich nun aber mit Inkassounternehmen herum und habe meinen Anbieter verloren :-( (wobei die sich so unverschämt verhalten haben, dass ich auch so gegangen wäre)

  8. 08
    p3t3r

    Internet ab 18.
    Was habt Ihr an dem Begriff „Datenautobahn“ nicht verstanden?
    Kinder haben hier nix zu tun. Weder aktiv noch passiv.

    VPN-gestützte Schulnetzwerke lasse ich ja noch gelten.

  9. 09

    @p3t3r: Jämmerlicher Spam-Versuch, URL gelöscht.

  10. 10

    @Bulasan: Die Sache gibt’s schon. Nennt sich Drittanbietersperre und wird bei T-Mobile auf Anfrage kostenlos eingerichtet. Bei anderen Anbietern habe ich keine Erfahrungen.

  11. 11
    Usul

    Verstößt das ganze Vorgehen nicht gegen das hier?

    http://www.heise.de/newsticker/meldung/Druckknopf-gegen-Abofallen-1646777.html

    Wen dem so ist, sollte man rein rechtlich dem relativ schnell Herr werden können. Oder zieht da irgendeine Ausnahme, die ich nicht sehe?

  12. 12
    Manuel

    @Usul: Selbst falls es das tut: Als Geschädigter bist Du im Mahnverfahren, verlierst von heute auf morgen Deinen Vertrag, musst Dich darum kümmern, dass Deine Nummer nicht verloren geht und hast Inkasso am Hals. Klagen kostet Geld und Zeit, die man erstmal haben muss.

  13. 13

    @ben_: Dann mach‘ doch mal einen konstruktiven Vorschlag anstatt nur rumzumeckern. Wie wuerdest Du denn solche Methoden lieber nennen?

  14. 14
    bebo

    Hilfestellung zur Sperrung des Inkassos für Drittanbieter:
    Die Drittanbietersperre ist ein Teil des Telekommunikationsgesetzes (TKG). Dieses wurde mit Wirkung zum 10. Mai 2012 novelliert. Konkret steht die Regelung in § 45d TKG und lautet:

    “(3) Der Teilnehmer kann von dem Anbieter öffentlich zugänglicher Mobilfunkdienste und von dem Anbieter des Anschlusses an das öffentliche Mobilfunknetz verlangen, dass die Identifizierung seines Mobilfunkanschlusses zur Inanspruchnahme und Abrechnung einer neben der Verbindung erbrachten Leistung unentgeltlich netzseitig gesperrt wird.”

    Telekom: http://www.t-mobile.de/faq/1,1951,18-_,00.html?c=699
    Vodafone: http://www.vodafone.de/infofaxe/284.pdf
    O2: http://www.o2online.de/business/service/extra/handy/drittanbietersperre/
    Musterbrief: http://www.zdf.de/ZDF/zdfportal/blob/30500358/1/data.pdf

    Weitere Infos:
    http://www.kanzlei-hollweck.de/ratgeber/drittanbieter/

  15. 15
    Carlo

    Hallo Spreeblick Team,

    App-Hersteller und Entwickler sind keine Personen die diese Apps aus reiner Nächstenliebe entwickeln. Der Hintergrund jeder(!) App ist es, Geld damit zu verdienen. Wer das nicht erkennt, der hat wohl das gesamte digitale Zeitalter komplett verpennt. Und wenn eine App „umstonst“ ist, dann sollten bei den Nutzern doch wohl mittlerweile die Alarmglocken klingeln oder ist das immer noch nicht angekommen?

    Den nächsten Kritikpunkt finde ich bereits in der Überschrift: Mobile Werbung & Kinder… Also, wer seinem kleinen Kind das eigene Smartphone einfach in die Hände drückt damit es beschäftigt ist oder einem Kleinkind ein Smartphone kauft ist erst mal selbst schuld, wenn man keine Vorkehrungen & präventive Maßnahmen trifft. Ich sage ja nichts dagegen, einem kleinen Kind ein Smartphone zu kaufen – aber sich überhaupt nicht damit auseinanderzusetzen was passieren könnte, wenn ein naives Wesen ein solches Gerät bekommt, dann hat man es auch irgendwie verdient Lehrgeld zu zahlen (natürlich keine exorbitanten Summen). Man muss seine Kinder auch digital erziehen, besonders wenn die Kinder solche Geräte benutzen dürfen.
    Aber die Menschen haben irgendwie immer noch diese verdrehte Logik, dass Google eine Art soziale oder staatliche Institution ist und Apps, nur weil sie süß gestaltet sind, eine soziale Verantwortung besitzen. Diese Unternehmen möchten nichts anderes, als Geld mit Nutzern zu verdienen.

  16. 16

    @Carlo: Hui, da lehnt sich aber einer weit aus dem Fenster: „Der Hintergrund jeder(!) App ist es, Geld damit zu verdienen.“

    Ich mache diverse Sachen ohne damit einen einzigen Pence zu verdienen. Zugestanden, bis jetzt keine App da mir da bis jetzt die Kenntnisse zu fehlen, aber wenn ich die Zeit dazu finde das zu lernen wird auch das noch kommen.

    Und ich bin mir sicher dass ich da nicht der einzige Mensch auf der Welt mit bin.

  17. 17
    Carlo

    @Armin: Hey Armin. Sagen wir mal so: Deine App bekommt einen Hype. 10.000 Downloads innerhalb von 5 Tagen. Google oder Apple kommt an und sagt dir, ab jetzt bekommst du für jeden Download 1 Cent und für jeden Kauf Klick was-auch-immer bekommst du 6% Provision. Am nächsten Tag (nachdem du drüber geschlafen hast) hat deine App schon weitere 2000 Downloads.

    ?

  18. 18

    @Carlo: ja, und? Ich koennte wahrscheinlich auch heute schon mit verschiedenen der Sachen die ich kostenlos mache mir ein Taschengeld verdienen. Mache ich trotzdem nicht.

    Ich habe auf ein paar meiner Websites Google Text Ads drauf (rein Text, keine zappelnden Bilder), aber bei weitem nicht auf allen. Die decken mit etwas Glueck die Serverkosten. Mehr brauche ich nicht.

    Der Rest einschliesslich eines inzwischen recht bekannten Reisefuehrers ist werbefrei und kostenlos. Trotz Angeboten.

  19. 19

    @Carlo: Ich habe die Links zu deinem Vermietungsportal aus deinen Kommentaren gelöscht.

    Siehe auch http://www.spreeblick.com/impressum/#kommentare

  20. 20
    Carlo

    Alles klar Johnny,

    aber las die anderen Kommentar-Typen bitte weiterhin verlinkt – sonst könnte das komisch aussehen…

  21. 21

    @Carlo: Deine Kommentare bleiben ansonsten unverändert, oder was meinst du mit „Kommentar-Typen“? Ich versuche, alle Links zu entfernen, die nicht zur persönlichen Page des Kommentierenden führen.

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