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Spotify-Playlists: Musikmoderation digital

Nachdem mein Artikel über Einnahmen aus dem digitalen Musikbereich jede Menge Interesse geweckt hat, wird es ein paar Updates zum Thema geben. Heute soll es um Playlists bei Spotify und anderen Streamingdiensten gehen, die mittlerweile eine markt- und somit verkaufsbeeinflussende Stellung erreicht haben.

Denn Playlists sind weit mehr als die Möglichkeit, die eigenen Favoriten zu sammeln oder Stimmungs- und Genrelisten für den persönlichen Gebrauch oder die nächste Party zu erstellen. Für viele Nutzerinnen und Nutzer sind sie der Weg zu neuen Songs und Bands, zu neuen Künstlerinnen und Künstlern. Mein Sohn abonniert die Playlists Dritter, um auf neuen Stoff aufmerksam gemacht zu werden, und ich gehe davon aus, dass sein Hörverhalten stellvertretend für zumindest einen Teil seiner Generation stehen kann.

Und so gibt es bereits Playlists mit Kultstatus, die durchaus auch Verkaufszahlen und damit Charts beeinflussen können. Die Spotify-Playlist Hipster International beispielsweise, kuratiert von Sean Parker, Napster-Gründer und einer der ersten Spotify-Investoren, hat derzeit rund 740.000 Abonnenten. Diese sorgten für den ersten Run auf die Neuseeländerin Lorde, als Parker die damals noch recht unbekannte Musikerin mit ihrem Song „Royals“ in seine Playlist aufnahm. Es folgte der Einstieg in diverse andere, unter anderem auch offizielle Spotify-Playlists, und bald darauf der Eintritt in die Verkaufscharts. Denn Künstlerinnen und Künstler mit vielen Streams verkaufen eben auch mehr als zuvor.

Kuratierte, redaktionell betreute Playlists bekommen daher im digitalen Zeitalter eine ähnliche Funktion wie die Musikmoderation im Radio, die es außerhalb von Berlin und wenigen anderen Großstädten kaum noch gibt. Der Experte oder die Expertin des Vertrauens empfiehlt neue Musik, und mit etwas Glück und gutem Timing sind neue Stars geboren.

Während ich immer noch darauf warte, dass auch sprachlich moderierte Playlists und Affiliate-Programme bei den Streamingdiensten angeboten werden, legen Labels und Musikredaktionen längst los, um die Macht der Playlists zu nutzen. Der Musikriese Universal, selbst Miteigentümer von Spotify, betreibt mit Digster gar ein völlig eigenes Playlist-Portal nebst Spotify-App. Dass in Listen wie „Hear it first“ oder „Deutschrap“ jede Menge Universal-Acts auftauchen, sollte dabei niemanden überraschen. Ein hier gut platzierter Titel kann schließlich zu steigenden Verkäufen verhelfen – die genannten Playlists haben immerhin rund 40.000 Abonnenten.

Man kann das merkwürdig finden, zumal Universal als Absender kaum sichtbar auftaucht, sondern sich Digster als eigenständige Marke präsentiert. Man kann aber auch einfach feststellen, dass der Markt der digitalen Musik mitsamt Marketing in einem neuen Bereich angekommen ist, bei dem diesmal die Majors ebenso wie die Indies von Anfang an mitspielen. Und man kann ebenfalls darauf reagieren, wenn man im Musikbereich tätig ist. Durch eigene Playlist-„Radiostationen“ inkl. iTunes-Links, oder auch durch Playlist-Zusammenschlüsse mehrerer kleiner Labels. „Indies United“ oder so. Denn wie überall im Netz ist die theoretische Reichweite für alle die gleiche.

Wenn die redaktionelle Qualität tatsächlich vorhanden ist und wir somit Playlists als digitale Form der Musikmoderation haben, dann soll mir das recht sein. Und ich bleibe gespannt auf weitere Entwicklungen.

12 Kommentare

  1. 01

    Na, dann empfehlen wir unsere Playlist mit den besten Tracks des Jahres. Schon heute. ;-)
    http://open.spotify.com/user/testspiel.de/playlist/4QOpflkBJdnrHA3PipGDkt

  2. 02
    Ruben

    Ein kleiner Hinweis an dieser Stelle: Neue externe Apps für die Spotify Desktop App werden von Spotify nicht mehr angenommen, mittelfristig werden diese Apps komplett (zumindest in diesem Rahmen) verschwinden. Was sehr schade ist. Gleichzeitig rückt Spotify mit dem „Browse“ Feature seine eigenen, kuratierten Playlisten stark in den Fordergrund.

  3. 03

    Ich weiss immer noch nicht, was ich von Spotify halten soll. Auf der einen Seite: Cool für die Nutzer! Auf der anderen Seite: Nicht cool, wenn man sich die Vergütung der Musiker anschaut. Aber der Aspekt der „indirekten“ Verkaufsförderung macht schon Sinn.

  4. 04
    Ruben

    @Marcel Schrepel:

    Ich weiß echt nicht, wer hier immer falsche Zahlen ausrechnet (bzw. falsch interpretiert): In meinem Fall habe ich noch nie viel für Musik ausgegeben, und jetzt gebe ich Spotify (und damit den Musikern) 120 EUR im Jahr (plus Live Konzerte). Ich persönlich denke, dass man zunehmend mal die Labels rausstreichen sollte, denn viele Aufgaben (wie Marketing etc) können Künstler heute selbst machen…

  5. 05
    Sören

    @Ruben
    Niemand zwingt die Bands dazu bei Labels zu unterschreiben. Für viele macht es aber Sinn, da es ab einer bestimmten Größe doch eine Menge Arbeit im Hintergrund ist.
    Viele Künstler können oder wollen das nicht alles selbst übernehmen. Da passiert vieles, was die Konsumenten/Fans gar nicht mitbekommen. Wenn man sich kleine Indielabels anschaut, sieht man auch, dass sie nicht in Geld schwimmen. Bisher sind es doch wenig Künstler die erfolgreich ohne Label dastehen…

    Zu spotify: interessant ist doch bestimmt auch die Statistik für die Künstler. Bekommen die Künstler auch die Anzahl der jeweiligen Songaufrufe und wo die Hörer herkommen?

  6. 06

    @Sören: Ja, solche Statistiken werden z. B. an mich ausgegeben. Ich weis genau, wann und wo Musik von mir auf Spotify https://play.spotify.com/album/6LPaZLDws5g7PbpLdLfbsu angehört wurde.
    Möglicherweise erhalte ich diese Angaben aber auch nur, weil ich meinen digitalen Vertrieb ohne die Zwischenstation eines Labels organisiert habe. Pro Stream gibt es 0,01 ct. und ich schwimme schon in Cents ;-)

  7. 07

    @ÄNDY: Korrektur. Es muss richtig heißen: 0,01 €. Also, ich schwimme schon in Euros ;-))

  8. 08
    BBernd

    @Sören: Mann, du hast so recht, ich mache alles alleine in einer Kleinstadt.
    Und Werbung ist erstens vieeel Arbeit und zweitens nicht gleich Werbung
    Mal ein Song von mir :-)
    http://www.youtube.com/watch?v=n5rg_UwGt88

  9. 09
    Ruben

    @Sören:

    Ja sicher. Externe Dienstleistungen einzukaufen, kostet Geld. Aber ich meine die ganze Label-Struktur – kann da nicht mal was neues kommen? Früher haben die Labels ja hauptsächlich die unglaublich hohen Produktionskosten getragen (die heute ja wesentlich geringer sind) und für Marketing und Logistik gesorgt (so grob). Egal, ich denke, es wandelt sich gerade viel…

  10. 10
    Sören

    @Ruben
    Stimmt schon, erfolreiche Bands wie Hosen, Ärzte und Brote haben auch ihre eigenen Labels gegründet. Einige andere Unbekannte bringen auch ihre Album selber raus und holen sich nur für bestimmte Aufgaben Unterstützung.

    Auf jeden Fall ist es ein Bereich in dem sich zur Zeit viel ändert. Mal sehen was sich in den nächsten Jahren ändert….

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