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Die Geschichte der RAF

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Als wir das erste Mal im Zusammenhang mit der möglichen Entlassung von Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar über die RAF geschrieben haben, wurde deutlich, dass viele unserer jüngeren Leser überhaupt nichts über die RAF wussten. Die gesamte Nachkriegszeit wird im Schulunterricht vernachlässigt, die sechziger und siebziger Jahre finden nicht statt. Im Fernsehen wird die Frage um Schuld und Sühne der Beteiligten meist anhand von Bildern des entführten Hanns Martin Schleyer diskutiert. Die Entwicklung hin zum Terror wird allerdings nicht beleuchtet und bleibt somit für Jüngere nicht nachvollziehbar.

Der Journalist und Schriftsteller Willi Winkler hat Die Geschichte der RAF aufgeschrieben. Ich habe das Buch verschlungen und mich dann mit Willi Winkler über die RAF unterhalten.

Spreeblick: Sie beginnen Ihre Geschichte der RAF in den fünfziger Jahren. Warum?

Willi Winkler: Neulich sagte einer der Aktivisten von 1968, eine vollständige Geschichte der RAF müsste 1933 beginnen. Ich habe das Leben meiner Protagonisten bis in die fünfziger Jahre zurückverfolgt, weil die RAF entgegen landläufiger Meinung nicht aus zwölf grünen Männchen bestand, die (sagen wir) 1970 in der Lüneburger Heide landeten und dann sofort damit begannen, Flugzeuge zu entführen und Industrielle umzubringen. Die RAF hat eine Vorgeschichte, schlimmer noch: sie ist ein wesentlicher Teil der deutschen Geschichte. Noch platter: ohne Nationalsozialismus, ohne den industriellen Massenmord an den Juden, hätte es auch keinen deutschen Terrorismus gegeben.

Spreeblick: Wie sehen Sie die mediale Diskussion um die RAF? Besonders zu der Christiansen-Sendung Gnade für die Gnadenlosen würde ich gern etwas von Ihnen hören.

Willi Winkler: Da dürfen Sie mich nicht fragen, weil ich durch das Buch, auch wenn es schon vor zwei Jahren hätte fertig sein sollen, Teil der medialen Schwadroniergemeinschaft geworden bin. Frau Christiansens Schnell- und Volksgericht habe ich nicht gesehen.

Spreeblick: Sie zeichnen ein sehr genaues Psychogramm der Hauptakteure der verschiedenen linken Szenen Mitte der sechziger Jahre. Die unwahrscheinlichste Figur aber, Peter Urbach, gibt weiterhin Rätsel auf. Was nicht an Ihnen liegt. In den Fußnoten ist nachzulesen, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz Ihnen keine Auskünfte über Peter Urbach erteilt. Wer war dieser Peter Urbach?

Willi Winkler: Niemand hat mir zur Person und der Rolle Peter Urbachs Auskunft erteilt. Das verstehe ich sogar, denn der Staat hat eine Hütepflicht nicht nur seinen Beamten gegenüber, sondern auch für jene freien Mitarbeiter, die „žetwas außerhalb der Legalität“, wie sich der ehemalige Innenminister Hermann Höcherl einmal ausdrückte, staatspolitisch so wichtige Aufgaben zu erfüllen haben. Herr Urbach, über dessen Verbleib nichts bekannt werden soll, war ein V-Mann des Berliner Verfassungsschutzes, agierte und agitierte in dieser Eigenschaft in der linken Szene ab 1967 und half mit, die Revolutionsbegeisterung anzufachen. Nehmen wir ein kleines Beispiel: Am 11. April 1968 zogen nach dem Attentat auf Rudi Dutschke zweitausend demonstrierende Studenten vors Springer-Verlagsgebäude in der Kochstraße. Springers Hetzberichterstattung galt als eine Ursache für die Schüsse auf Dutschke. Die Demonstranten waren waffenlos, sie begannen aber mit Steinen auf das Verlagsgebäude zu werfen. Da eilte unser V-Mann herbei und brachte in einem Korb Brandkörper, mit denen sich die Auslieferungsfahrzeuge Springers in Brand setzen ließen. Es brannte dann auch gewaltig, und von oben, wo er auf dem Dach des Springer-Gebäudes stand, besah sich Innensenator Kurt Neubauer das Werk, das er unten hatte anrichten lassen.

Spreeblick: Welches Interesse hatte der Berliner Verfassungsschutz, die bis dahin friedliche Bewegung zu kriminalisieren?

Willi Winkler: Ich kann nur vermuten: die politische Führung und erst recht die Polizei war überfordert von der 1966/67 so jäh aufwallenden linken Bewegung in Berlin. Sie müssen wissen, dass noch wenige Jahre zuvor Westberliner unter dem Beifall der bereits erwähnten Springer-Zeitungen einen DDR-Polizisten an der Mauer umgebracht hatten. Seit 1961 stand aber nicht bloß die Mauer in Berlin und bewahrte den Westen vor dem Kommunismus, seit 1961 eskalierte die Hauptschutzmacht des freien Westberlin den Krieg in Vietnam. Da kamen dann Bilder übers Fernsehen, die ausgerechnet die geliebten Amerikaner dabei zeigten, wie sie Zivilisten nicht bloß umbrachten, sondern gern auch folterten. Die politische Führung der Stadt bewahrte ebenso wie die einschlägige Presse unverbrüchliche Solidarität mit den USA, die am anderen Ende der Welt offensichtlich Völkermord begingen. Plötzlich war nicht mehr sicher, dass diese jungen Akademiker das vorgeschriebene Berlin-Profil erfüllen würden: stramm antikommunistisch und leidenschaftlich Amerika-hörig. In Südostasien sollte der Kommunismus eingedämmt werden, in Berlin doch dann erst recht. Und deshalb schien den Zuständigen bald jedes Mittel recht. Ein Letztes: Angenommen, Sie wären Polizeitaktiker, Sie gingen doch nicht anders vor. Wenn ich diesen wimmelnden Haufen langhaariger, im Zweifel arbeitsscheuer und überdies von ihren Eltern ausgehaltener Studenten vor mir habe, muss ich mir, wenn ich ihn kleinkriegen will, ein paar Rädelsführer herausgreifen und sie drastisch bestrafen. Es hat dann leider zu gut funktioniert.

Spreeblick: Sie schreiben: „žVielleicht wäre es nie bis zur RAF gekommen, wenn der Erste Staatsanwalt am 6. April 1967 bei der Vernehmung der „žBerliner Extremisten“ seinen Gewährsmann hätte nennen dürfen.“ Gemeint ist Peter Urbach. Wie soll man das nennen – staatliche Geburtshilfe für die RAF?

Willi Winkler: Die Kommune 1, deren Mitglieder wegen des so genannten Pudding-Attentats verhaftet wurden, ist noch nicht die RAF, sie gehört aber zur Vorgeschichte. Die Kommunarden mussten frei gelassen, der gegen sie erhobene Vorwurf, sie hätten ein Attentat auf den amerikanischen Vizepräsidenten verüben wollen, fallen gelassen werden. Wenn Sie sich einen Moment eine menschliche Reaktion selbst in einer Behörde vorstellen, dann ist es doch kränkend, dass man mit seinen Verdächtigungen gescheitert ist. Da Sie aber einen Generalverdacht gegen diese Extremisten hegen, werden Sie erneut versuchen, ihnen diesen Extremismus nachzuweisen, notfalls, wie in Berlin geschehen, indem Sie ihnen die Waffen in die Hand geben, mit denen Sie sie auf frischer Tat ertappen können. Sie nennen das „žGeburtshilfe“ für die RAF, aber in der Polizei-Geschichte ist das nicht ungewöhnlich, sondern die Aufgabe des „žagent provocateur“. Polizeitaktisch, das muss man sagen, war der Herr Urbach sehr erfolgreich. Allerdings wurde die Szene, die nach diesem meisterhaften Plan kriminalisiert werden sollte, am Ende doch zu groß. Ich vermute, dass sich der Innensenator nachher sagte: „žIch hab’s ja bloß gut gemeint.“

Spreeblick: Ich versuche mir das vorzustellen. Da gibt es eine vergleichsweise kleine Szene von Menschen, die die Fernsehbilder aus Vietnam nicht als gottgegeben hinnehmen wollen, die sich empören über die Kontinuität der Karrieren von der Nazizeit hinein in die Bundesrepublik – und diese Szene wird sowohl vom West-Berliner Verfassungsschutz als auch von der Staatssicherheit der DDR aufgerüstet. Klingt doch, als hätte Kafka mit Psilocybin experimentiert. Wie weit war diese Instrumentalisierung den späteren RAF-Mitgliedern bewusst? Und wenn es bekannt war – wäre das nicht ein starkes Argument für diejenigen gewesen, die Gewalt zur Verwirklichung politischer Ziele abgelehnt haben?

Willi Winkler: Da muss ich Sie jetzt ein bisschen bremsen. Die Stasi hat die RAF nie aufgerüstet, sondern am Anfang Reisehilfe geleistet und später Unterschlupf gewährt, womöglich auch Trainingsmöglichkeiten geboten, die allerdings, wenn ich das richtig sehe, im Jemen bei den palästinensischen Freunden noch etwas besser waren. Im Fall des Herrn Urbach war es so, dass er bald als verdächtig, als Polizeispitzel galt, aber durch seine Angebote weiter interessant bleib. Die Gruppe um Horst Mahler wurde von anderen mehrfach und sehr deutlich vor ihm gewarnt, aber die Mahler-Gruppe, also das, was die RAF wurde, wollte unbedingt an Waffen gelangen. Dafür war ihnen auch ein so dubioser Vertreter wie Urbach recht. Es heißt ja, dass Liebe blind mache, aber die Lust, sich in den bewaffneten Kampf zu stürzen, kann einen offenbar auch recht gut verblenden, so dass man alle Vorsicht, auch, was die Stasi, was die Palästinenser angeht, alle Rücksichten fahren lässt.

Spreeblick: Sie bezeichnen den Krieg der Amerikaner in Vietnam als Völkermord.
In der SZ geben Sie das Interview zwischen einem CBS-Reporter und einem amerikanischen Soldaten wieder. Der Soldat erzählt, dass er in einem vietnamesischen Dorf „žalles umgebracht“ habe, was sich bewegt. „žAnd Babies?“, fragt der Reporter. „žAnd Babies“, antwortet der Soldat. Obwohl Sie „žDie Geschichte der RAF“ durchaus mit einem ironischen Unterton erzählen, hat Sie der Vietnamkrieg anscheinend nicht unberührt gelassen.

Willi Winkler: Ich bin nicht der einzige, der dieses Wort, „žVölkermord“, im Zusammenhang mit diesem Krieg gebraucht hat. Ich lese grade das Buch „žKrieg ohne Fronten. Die USA in Vietnam“ von Bernd Greiner. Ich wusste nicht, dass die amerikanischen Soldaten — und Deutschland verdankt einer vorhergehenden Generation die Freiheit — tatsächlich derart mörderisch gegen die ihnen so verhassten Vietnamesen gewütet haben. Der Journalist Seymour Hersh, der das Massaker von My Lai gegen den erbitterten Widerstand der Militärs wie der staatstragenden Presse aufdeckte, überschrieb einen seiner Berichte 1969 mit der Schlagzeile „žEs war eine Sache im Stil der Nazis“.

Spreeblick: Wie gehen Sie mit dem impliziten Vorwurf des Anti-Amerikanismus um, den Ihnen Henryk Broder macht?

Willi Winkler: Herr Broder, der ein lustiger Vogel ist, aber offensichtlich wenig zum Lesen kommt, hat mich vor demnächst sechs Jahren kritisiert, weil ich im Herbst 2001 nicht vom gleichen patriotischen Furor erfasst wurde wie er. Damit muss ich leben. Ich hatte auf die Arbeiten von Historikern wie Robert Stinnett und dem eben erwähnten Bernd Greiner zu Pearl Harbor und zur amerikanischen Kriegwirtschaft verwiesen, er auf die tapferen Veteranen des Zweiten Weltkriegs. Nun muss ich gestehen, dass mich bei einer Uniform nicht gleich der ehrfürchtige Schauder überrieselt, weder bei einer deutschen noch bei einer amerikanischen, auch bei keiner russischen oder israelischen oder saudischen. Allerdings habe ich mich früh dem Urteil verschiedener Generäle angeschlossen, wonach der laufende Irakkrieg von Anfang an verfehlt war und eine Katastrophe sein würde. Gut, damit bin ich dann antiamerikanisch.

Spreeblick: Sie bescheinigen Joschka Fischer, dass mit seiner Rede, die er 1976 auf dem Frankfurter Römer hielt, das erste Mal „žaus der militanten Szene ein Wort der Vernunft“ ertönte. Hatte er zu diesem Zeitpunkt bereits eine über die Frankfurter Sponti-Szene hinausreichende Bedeutung?

Willi Winkler: Nein, die hatte er bestimmt nicht, aber Frankfurt war ein wichtiges Rekrutierungsfeld für den RAF-Nachwuchs, denken Sie an Peter-Jürgen Boock, denken Sie auch an die „žRevolutionären Zellen“ (RZ). Zwei Mitglieder der RZ waren an der Entführung einer Air-France-Maschine beteiligt, die von der israelischen Armee in Entebbe beendet wurde. Das war drei Wochen nach Fischers Rede. Sie erscheint als anonyme „žRede aus Frankfurt“ in Peter Brückners Buch „žUlrike Marie Meinhof und die deutschen Verhältnisse“, das im Wagenbach-Verlag ebenfalls 1976 herauskommt, und wirkt damit auf diese Verhältnisse ein.

Spreeblick: Otto Schily hatte ich mir bisher ohne nähere Kenntnis seiner Vergangenheit – ich wusste lediglich, dass er einer der RAF-Verteidiger war – dergestalt erklärt, dass er kontinuierlich seine Rolle als Hüter des Rechtsstaates sah. Vergleicht man einige seiner Zitate aus Ihrem Buch allerdings mit Aussprüchen aus seiner Zeit als Minister, liegt eher nahe, dass er sich lediglich in seiner Radikalität treu blieb. Können Sie sich einen Reim darauf machen, dass aus dem Schily, der sich nach dem Prozess um das Kaufhaus-Attentat „žaus dem bürgerlichen Leben verabschiedet“ hat, ein Mann wird, der im Bezug auf islamistische Terroristen sagt: „žWenn ihr den Tod so liebt, dann könnt ihr ihn haben“?

Willi Winkler: Nein, kann ich nicht, kann ich wirklich nicht.

Spreeblick: Würden Sie mir bitte den „žAntisemitismus“ der RAF erläutern?

Willi Winkler: Ein wesentlicher Grund für die Studentenbewegung, aus der auch die RAF hervorging, war die Empörung über die deutsche Vergangenheit, über den Mord an den Juden, und dass die Mehrheit der Deutschen damals zugeschaut oder sich jedenfalls nicht darum gekümmert hatte. Noch nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 unterstützte die Journalistin Ulrike Meinhof deshalb die siegreichen Israelis.

Dieser grundsätzliche Philosemitismus begann erst 1969/70 zu schwinden, als ein Teil der Linken im Nahen Osten ein neues, näher liegendes Vietnam sah und sich mit den heimatlosen und von Arabern wie Israelis verfolgten Palästinensern solidarisierte. Als die Palästinenser der entstehenden RAF (wie auch Trupps der IRA, der ETA, der japanischen Roten Armee und verschiedenen weiteren internationalen Freischärlergruppen) erst Ausbildung, dann sogar Waffenbrüderschaft anboten, war die Wendung zum Antizionismus nicht mehr weit. Die Art, wie Ulrike Meinhof 1972 den Überfall der Palästinenser auf die israelische Olympiamannschaft in München feierte (und auch da war sie in der Linken nicht allein), kann man dann nur mehr als antisemitisch bezeichnen.

Spreeblick: Unter diesem Aspekt wird auch Horst Mahlers Werdegang, der zwischenzeitlich bei der NPD untergekommen ist, nachvollziehbarer. Hat er Ihnen diesen Wechsel des politischen Lagers jemals erläutert?

Willi Winkler: Ja, ich habe Horst Mahler vor seiner Konversion zum deutschnationalen Glauben gefragt, wie man sich als Deutscher ausgerechnet mit den Palästinensern verbünden konnte, mit der Gruppe, die ständig verkündete, sie wolle die Juden ins Meer treiben. Seine Antwort, 1997: „žIch bin mit dieser Geschichte überhaupt nie ins reine gekommen. Eine traumatische Geschichte, aber Sie sehen, wir haben uns darauf eingelassen.“

Spreeblick: Sie zitieren Hannah Arendt, die 1970 geschrieben hatte: „žIn der gegenwärtigen Situation besteht die Gefahr, daß entweder die Studenten oder die Exponenten der Macht Amok laufen“. Sie fügen hinzu: Es waren dann beide. Worin sehen Sie Anzeichen für den Amoklauf des Staates?

Willi Winkler: Das ist — ich geb’s gern zu — eine polemische Bemerkung, aber auch hier gilt der schöne englische Grundsatz „žIt takes two to tango“. Der Staat reagierte panisch auf alles, was gegen ihn aufstand. Es war einfach unerhört, dass diese privilegierte Jugend, die sich am freiesten System in der deutschen Geschichte erfreuen sollte, mit diesem System nicht einverstanden war, in ihm vielmehr nur die Maske für den latenten Faschismus sah. Der Versuch, die linke Militanz zu kriminalisieren, förderte die Gewalt erst recht, weil sie sich immer als Gegen-Gewalt verstehen durfte, mit dem unhintergehbaren Argument, dass die anderen zuerst geschossen hatten.

Die beginnende RAF wollte ihren Gefangenen Andreas Baader wiederhaben, und der Staat bestrafte die Beteiligten bei der Baader-Befreiung weit härter, als es in unpolitischen Fällen üblich war. Ulrike Meinhof, die da noch keine Waffe benutzt hatte, wurde wegen Mordversuchs gesucht und später auch verurteilt, während der Mann, der den Bibliotheksangestellten Linke angeschossen und lebensgefährlich verletzt hatte, dafür nicht bestraft wurde.

Mich irritiert, dass in der Verfolgung und Bestrafung der RAF grundsätzlich moralisch argumentiert wurde (nicht anders als innerhalb der RAF), also beispielsweise 1971 nach der Ermordung des Hamburger Polizisten Norbert Schmid der Volkszorn geschürt wurde, das Interesse, den Täter zu bestrafen, aber doch recht gering blieb. Es ist erwiesen und bezeugt, dass Gerhard Müller den Polizisten umgebracht hat, da sich Herr Müller aber bereit erklärte, über die Anschläge der RAF im Detail auszusagen, an denen er auch selber beteiligt war, wurde er für diesen Mord nicht bestraft und kam nach sechseinhalb Jahren wieder frei. Es gab übrigens in den siebziger Jahren, als dieser Polizistenmord verhandelt wurde, noch keine Kronzeugenregelung.

Spreeblick: Die Szene in dem palästinensischen Ausbildungslager in Jordanien – heute würde man Terrorcamp sagen – in der ein Volksgericht installiert wird, um den angeblichen Verräter Homann zu verurteilen und ebenso die Situation in Stammheim, in der Baader und besonders Ensslin Ulrike Meinhof mit Psycho terror zusetzen, belegen nicht nur den extremen Zersetzungs- und Vereinzelungstrieb der RAF-Protagonisten – beide Geschehnisse lassen im Kopf direkt ganze Hollywooddramen ablaufen. Für mich liegt die Faszination der RAF-Geschichte genau darin: Sie ist freischwebender Romanstoff. Können Sie das nachvollziehen?

Willi Winkler: Genau das ist es, und was die Sache noch viel schlimmer macht: die Wirklichkeit — in Jordanien wie in Stammheim — ist eine Kontrafaktur der Realität. Oscar Wilde wünschte sich, dass das Leben die Literatur nachahme, und in dieser Disziplin hat sich die RAF von niemandem übertreffen lassen.

Das Volksgericht im palästinensischen Ausbildungslager imitiert Brechts Tragödie „žDie Maßnahme“, in der mit großem Aufwand das Opfer gerechtfertigt wird, das der Einzelne für die Sache bringen muss. Schön ist das nicht, sondern Literatur. Wenn Ihnen das zu ästhetisch ist, könnte ich auch sagen, dass die RAF als deutsches Terror-Unternehmen den abscheulichen Grundsatz befolgte, wonach Deutschsein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun.

Spreeblick: Die Selbstanklage von Ulrike Meinhof kurz vor ihrem Selbstmord liest sich so, als hätte sie sie bei einem stalinistischen Schauprozess vorgetragen. Sie sehen in der gesamten Bewegung eine Tendenz zum Märtyrertum. Die letzten Botschaften Meinhofs lese ich aber in erster Linie als Zeilen einer schwerst Depressiven. Meinhof sieht ihre ganze Vergangenheit – und eben nicht nur ihre desolate Gegenwart – in tiefstem Schwarz. Wäre sie durch einen Psychiater noch zu retten gewesen? Oder anders gefragt, um Sie nicht allzu wild
spekulieren zu lassen: Hatten Sie bei der Beschäftigung mit dem Stoff nicht auch manchmal das Gefühl, dass hinter dem ganzen Politisieren ein hohes Maß an psychischen Problemen steckte?

Willi Winkler: Erinnern Sie sich, dass einer der Grundsätze der Generation von 1968 lautete, dass das Private politisch sei? Ich, glaube, auch Claudia Roth bezieht sich im Titel ihres Lebensberichts noch auf diese Maxime. Dieter Kunzelmann brachte den herrlichen „žoneliner“ in die Diskussion, dass vor seinen Orgasmusproblemen selbst der Vietnamkrieg verblasse. Ich soll nicht allzu wild spekulieren und gebe Ihnen deshalb teilweise Recht. Dann fällt mir aber wieder ein, dass Herbert Marcuse in seinem „žEindimensionalen Menschen“ behauptet, Emma Bovary wäre zu helfen und sie vor dem Selbstmord zu bewahren gewesen, wenn es zu ihrer Zeit – Flauberts Roman erschien 1857 – bereits einen Psychiater gegeben hätte. Das persönliche Unglück hat Ulrike Meinhof in ihrem Entschluss, alles hinter sich zu lassen und in den Untergrund zu gehen, sicherlich bestärkt. Wichtiger war meiner Ansicht nach die Militanzkonkurrenz in Berlin und das Gefühl, das dringende Bedürfnis, den vielen Worten nun endlich Taten folgen zu lassen. Im Gefängnis allerdings war sie verloren.

Spreeblick: Sie deuten Zweifel daran an, dass die Attentate der dritten
RAF-Generation tatsächlich von der RAF begangen wurden. Anders als Gerhard Wisnewski haben Sie aber keine Verschwörungstheorie zur Hand, die die Attentate erklären würde.

Überlassen Sie die Fragestellung den zuständigen Staatsanwaltschaften? Die Ermittlungen müssten schließlich noch laufen.

Willi Winkler: Wenn Sie verfolgt haben, wie stark allein in diesem Jahr die Zweifel daran gewachsen sind, dass bei der Wahrheitsfindung im Fall des ermordeten Siegfried Buback alles mit rechten Dingen zugegangen ist, darf ich mir auch Zweifel daran erlauben, dass es die RAF nach 1982 in der bis dahin bekannten Form überhaupt noch gegeben hat. Sie sehen, ich drücke mich vorsichtig aus, da hier jeder Satz falsch sein kann. Selbst wenn die Ermittlungsbehörden sorgfältig vorgegangen sein sollten, ist bei dieser Arbeit doch kein Beweis dafür ans Licht gekommen, dass die RAF für die letzte Mordserie verantwortlich ist. Andererseits hatte sich diese RAF als Gegner, als Terrorbande, bewährt, so dass es nahe lag, ihr alles zuzuschreiben, was sich nicht aufklären ließ. Mal sehen, wie weit das Aufklärungsinteresse der Staatsanwaltschaft reicht.

Spreeblick: Abschließend noch eine Frage, die nicht direkt etwas mit Ihrem Buch zu tun hat. Die Unterteilung von politischer Gesinnung in links und rechts gilt als überholt. Hat der Begriff „žlinks“ heute noch eine Bedeutung für Sie?

Willi Winkler: Darf ich die Antwort einem Größeren überlassen? „žmanche meinen/lechts und rinks/kann man nicht velwechsern/werch ein illtum“.

Illustration: René

30 Kommentare

  1. 01
    Jo22

    Urbach soll der entscheidende Mann des RAF-Entstehungsprozesses gewesen sein? Da muss ich ja laut lachen. Wäre diese Bewegung so friedlich wie behauptet gewesen, hätte ein einzelner wohl nichts ausrichten können. Hier war aber die grundsätzliche Bereitschaft zur Gewalt auf Basis einer unglaublichen moralischen Hybris schon vorhanden. Urbach hat allenfalls einige Hürden auf dem Weg in die Gewalt beiseite geschoben.
    Dies ist nicht mehr als das durchsichtige Manöver, die Mörder von ihrer individuellen (100%) Verantwortung reinzuwaschen, indem der Staat als eigentlicher Täter oder zumindest Anstifter aufgebaut wird.

  2. 02

    was sollen die schwarzen balken im text, sind die vom anwalt verordnet?

  3. 03
  4. 04

    @Jo22: wo wird denn behauptet, dass die Bewegung friedlich gewesen sei?
    Und wo versucht Winkler, die RAF von ihrer Schuld reinzuwaschen?

    Frei nach Berti Vogts: da hast du wohl einen anderen Text gelesen!

  5. 05
    Herr O

    Ein polemischer Verschwörungstheoretiker auf hohem Niveau, der sich die Rosinen für sein Weltbild herauspickt und zu einem seltsamen Brei verarbeitet. Schade um den Aufwand…

  6. 06
    sunny

    fein, herr o. können sie auch erklären warum? wie gesagt, hier lesen eine unmenge an schülern mit, die wollen, wenn sie heute nachmittag aus der schule kommen, vielleicht auch gegenpositionen lesen, also gegenpositionen mit argumenten.

  7. 07
    peter

    als ihr das erste mal über ramadan gesprochen habt, wurde deutlich, dass ihr gar nichts über ramadan wisst :)

  8. 08

    Also nix gegen Eure Mühen, aber RAF geht mir thematisch langsam genau so aufn Senkel wie NSDAP.

  9. 09

    @sunny: Seit wann haben Schüler Argumente zu wollen? Geschichtsunterricht ist immer absolut, es war so und punkt aus. (Und in Mathe gibt es keine Wurzel von negativen Zahlen, basta.) Abgesehen davon ist Geschichtsunterricht nachkriegsresistent. In der Gemeinschaftskunde (auch Sozialkunde oder so genannt) will man die Diskussion fördern in einem rosarot-bebrillten Demokratieverständnis davon, daß der Bürger tatsächlich derjenige sei, der bestimmt.

  10. 10
    SaltOfTheEarth

    Ich les zwar hin und wieder auch gerne etwas über diese mir völlig fremden RAF-Terroristen, aber im Grunde werden die masslos überschätzt.
    Ihre politischen Theorien waren auf einem sehr niedrigen Reflektions-Niveau. Bedeutung für unsere Entwicklung in einer globalisierten Welt haben diese komischen Vögel nicht.

  11. 11
    Herr Schroeder

    „žIch wusste nicht, dass die amerikanischen Soldaten … tatsächlich derart mörderisch gegen die ihnen so verhassten Vietnamesen gewütet haben.“

    ??? Seltsam! Beinahe sympathisch, so seltsam.

  12. 12
    micha

    Alles sehr subjektiv, was der gute Mann da sagt, was natürlich auch gut ist. In mehreren Aspekten würde ich ihm zustimmen, aber nicht in allem. Vor allem die Aussage, dass die RAF und ihre Historie ein „wesentlicher Teil der deutschen Geschichte“ sei, ist sehr, sehr gewagt. Nur weil das Thema in letzter Zeit hochgepuscht wurde, bis zum geht nicht mehr, heißt das noch lange nicht, dass das nun alles „DIE Geschichte“ Deutschlands ist.

    Ich halte die RAF und ihre Auswirkung und Bedeutung für weit überschätzt. Und diese ganze Mythos-Strickerei ist langsam genug … das wirkt schon fast, wie die Hilter-Storys von Bild.

    Nichtsdestotrotz … Herr Winkler hat großartige Arbeit geleistet.

  13. 13

    @SaltOfTheEarth: das könnte eine grobe Fehleinschätzung sein.
    Der Terrorismus im Deutschland der 70er könnte einige Lehren für den Umgang mit islamischen Terroristen heute liefern. Diese als irrelevant und unbedeutend abzutun, halte ich für gelinde gesagt fahrlässig. Geschichte wiederholt sich erschreckend oft.

  14. 14
    Frank

    das buch kenne ich noch nicht.
    nicht nur jungen
    leuten sei emfpohlen „deutschland im herbst“ film von a. kluge u.a.

  15. 15
    sunny

    offtopic – mein güte, der gymnastikfrank kennt filme von volker schlöndorff. da hat er aber ausdauer bewiesen beim schauen und hat bestimmt den nordkoreanischen grundschulkindern was voraus.

    DrNI, man darf die Hoffnung nie aufgeben. Vielleicht wird mit einem neuen frischen Schwung junger Lehrer einiges anders und hoffentlich besser.

    „No future“ rulez

  16. 16
    dingsda

    hach ist das gut. mehr gibt’s nicht zu sagen.

  17. 17
    Shiraz

    „Sie sehen, ich drücke mich vorsichtig aus, da hier jeder Satz falsch sein kann.“

    Auch so manchen Kommentatoren würde ein etwas differenzierteres Weltbild gut zu Gesicht stehen (zumindest wenn sie ernst genommen werden möchten). Sehr gutes Interview!

  18. 18

    „Die Entwicklung hin zum Terror wird allerdings nicht beleuchtet und bleibt somit für Jüngere nicht nachvollziehbar.“

    erst einmal glückwunsch zu diesem gelungenen satz!
    allerdings würde ich das nicht nur auf die jüngeren beziehen.
    die meisten menschen, egal ob alt oder jung, wissen doch überhaupt nichts von der entwicklung!

  19. 19
    Head

    Es gibt eine Menge Themen, die deutlich relevanter sind als die RAF. Allerdings kommt da meist kein Mord und Totschlag drin vor und deswegen interessierts keinen.

    Vor allem finde ich es immer total niedlich, dass den kranken Spinnern von der Rote Armee Fraktion reflektierte (und grundlegend richtige) politische Gedanken unterstellt werden. Hätte eine solche Reflektion stattgefunden, hätte es keinen Terror gegeben.
    Das waren überideologisierte, geltungssüchtige, egozentrische Spinner die leider auch noch von Hass, Menschenverachtung und Brutalitätswahn getrieben waren.

    Rückblickend eine der wenigen actionreichen Episoden der bundesdeutschen Geschichte, aber bezogen auf ihre langfristigen Auswirkungen nur von marginaler Relevanz.

  20. 20
    Andreas

    Oh, die glücklichen Nachgeborenen, sie vermögen einen Abschnitt der Geschichte mal eben in den Mülleimer derselben zu werfen, den andere, die diesen Abschnitt selbst erlebten, auch ohne jede Sympathie für die RAF als extrem einschneidend im Gedächtnis behalten haben. Damals wurde zum Beispiel alles, was links vom rechten Flügel der SPD war, dem Sympathiesantensumpf (Franz Josef Strauß) zugerechnet. Das war kein Zuckerschlecken. Man sollte die Geschichte, gerade die Zeitgeschichte, kennen. Auch wenn man damals noch nicht gelebt haben sollte. Die Zeit arbeitet gegen Euch, Youngsters.

  21. 21

    Wenn ich heute Rückblicke auf die 70er jahre sehe, ist das immer viel zu bunt, zu farbig, zu viel dolle Plateau-Schuhe.
    In Wirklichkeit war es mausgraue Zeit, und überall standen Drogenfahnder und verhafteten einen wegen einem Gramm Haschisch.

    Ich erinnere mich, dass wir im Stonns saßen, einer City-Kneipe, als jemamnd zur Türe reinkam und rief: „Der Schleyer ist tot!“ und es brach Beifall aus, wir johlten und pfiffen.

    Nicht, weil wir alle 16jährige Terroristen gewesen wären, aber wir hassten die Welt und ihre Repräsentanten.

  22. 22
    rtfm

    Zur Vorgeschichte kann ich das Buch „Wie starb Benno Ohnesorg? Der 2.Juni 1967“ von Uwe Soukup empfehlen.

  23. 23
    Westpfalz-Johnny

    @ 500: Wars denn so schlimm damals?

  24. 24

    a propos „differenziertere“ Argumente:
    War ja auch nicht alles schlecht damals an der RAF, ich meine, keine Autobahnen, schon klar, aber die Ziele, die waren doch irgendwie ok., oder?

  25. 25
    Westpfalz-Johnny

    welches ziel rechtfertigt schon terror?

  26. 26

    danke sehr, sehr aufschlussreicher text. denn als 17-jaähriger gymnasiast in jahrgangsstufe 12 hat man als normalsterblicher in der schule immer noch nichts über die RAF gehört.

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