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Vodafone und Netzsperren: Schwamm drüber?

Es hat mehrere Gründe, warum ich im Gegensatz zu vielen anderen Bloggern und Twitterern bisher kein Wort über die aktuelle, auch hier in Bannern beworbene Vodafone-Kampagne verloren habe. Ich habe mit ihr inhaltlich nichts zu tun, sie regt mich weder genug an noch auf, um darüber zu schreiben, und letztendlich hat Vodafone hier Banner gebucht, mehr nicht. Beratung kostet extra und findet, wenn wir sie überhaupt leisten wollen, nicht in Spreeblick-Artikeln statt.

Etwas anders sieht die Sache aus, wenn es um Vodafones Haltung zum Thema Netzsperren geht.

Von Beginn an folgte Vodafone der Argumentation von Frau von der Leyen und unterstützte und förderte ihr Streben hin zu einem Gesetz für die Installation von Internet-Sperren in Deutschland. Diesem Gesetz, gegen das ich mich gemeinsam mit vielen anderen Menschen weiterhin aktiv, also auch über Blog-Artikel hinaus, wehre, wurde vom Bundestag zugestimmt, was nicht bedeutet, dass der Protest damit beendet wäre.

Ich muss mit der politischen Haltung von hier werbenden Unternehmen nicht übereinstimmen, und so ändern auch Vodafone-Banner auf Spreeblick nichts an meiner Einstellung zu den Netzsperren, erst recht nicht nach dem gestrigen Posting von Alexander Panczuk, dem politischen Referenten im Bereich Konzernkommunikation, Politik und Stiftungen von Vodafone, im neuen Vodafone-Blog. Das, was dort als kurzes Statement zu den Nachfragen und der Kritik bzgl. Vodafones Vorgehen zu lesen ist, liest sich wie eine Verhöhnung aller Experten, die sich bisher kritisch zu den Sperren geäußert haben, und es wiederholt genau die Argumentation, die Gegner der Sperren den Befürwortern zurecht vorwerfen.

Die Debatte zu unserer LivePK hat unter Anderem unsere Haltung zu der Zugangserschwerung von kinderpornographischen Seiten in den Mittelpunkt gerrückt. Die sexuelle Misshandlung von Säuglingen und Kindern ist eines der menschenverachtendsten Verbrechen die man sich vorstellen kann. Hierüber besteht breiter Konsens. Wir sind der Meinung, dass vor dem Hintergrund dieser extremen Natur des Kindesmissbrauchs eine ausgesprochene Sonderstellung des Themas vorliegt und entschlossenes und konsequentes Handeln erforderlich ist.

Wir haben stets betont, dass wir Internetsperren für andere Themenfelder ausschließen. Die Ausweitung von Zugangserschwerungen auf andere Inhalte lehnen wir strikt ab. Die breite Öffentliche Debatte zeigt, dass die Bevölkerung sehr sensibel für das Thema Internetzensur ist. Um langfristig zu dem Thema eine sachliche Debatte zu führen, ist es aus unserer Sicht wichtig, den Extremfall Kinderpornographie aus der Diskussion um Internetsperren als erledigt ausklammern zu können.

Es erstaunlich genug, wenn jemand das Verdecken von Websites, die Verbrechen zeigen, als „entschlossenes und konsequentes Handeln“ empfindet. Noch erstaunlicher ist es jedoch, wenn man diese Verbrechen gerne aus einer Diskussion ausklammern möchte, um dann … was genau zu tun? Schwamm drüber, sieht ja jetzt keiner mehr, reden wir also wieder über was schönes?

So funktioniert weder die Bekämpfung von sexuellem Missbrauch noch die offene Kommunikation, die das Unternehmen mit der neuen Kampagne angeblich anstrebt. Ein Ausklammern der Debatte um die Darstellung von sexueller Gewalt, die im echten Leben und dabei sehr oft in Familien stattfindet, mag für Befürworter der Deckmantel-Strategie erwünscht sein, für eine „sachliche Debatte“ ist ein solches Totschweigen nichts als schädlich. Und diese Debatte ist alles andere als „erledigt“.

73 Kommentare

  1. 01
    Micha

    Würdest du für SPD, CDU und co. Werbung schalten?

  2. 02
    Mister T

    @#722324: Warum die Aufregung? So lange ein Vodafone-kritischer Artikel nicht davon abhängig gemacht wird, ob ein Vodafone-Werbebanner geschaltet wird, muss man sich keine Sorgen um die Unabhängigkeit machen.

    Inwiefern man mit den Schmuddelkindern auf geschäftlicher Ebene überhaupt zusammenarbeiten möchte, ist eine andere Büchse – da schliddert man schnell in eine Diskussion, die bei konsequenter Durchführung damit enden muss, dass man nichts mehr aus einem gewöhnlichen Supermarkt, keine Kleidung außer Trigema und sowieso kein Appleprodukt mehr nutzen kann und man natürlich auch irgendwann keinen Strom mehr hat, um die Diskussion bis zur Selbstauslösung weiterzuführen.

    Insofern lasse ich da lieber persönliche moralische Linien gelten ohne bei jedem Fitzelchen gleich den Ausverkauf der Werte vorzuwerfen, so lange ich mich zumindest darauf verlassen kann, dass kein NPD-Banner auftaucht und als Bonus vielleicht auch mal das eine oder andere Grauzonenbanner dran glauben muss.

    @#722334: Ich finde es interessant, dass es überhaupt eine einheitlich Menschenverachtungsskala gibt, die man an Verbrechen anlegen kann, und das Kindesmissbrauch darauf offenbar noch über „Diktatur über Milliardenvolk incl. politscher Morde“ steht – mit dem chinesischen Regime versteht man sich bei Vodafone schließlich ganz gut. Demnächst können wir dann sicher auch feststellen, wo Amokläufe auf dieser Skala stehen – nämlich wenn Spielewebsites mit der gleichen Begründung gesperrt werden. Die stehen nämlich sicherlich auch noch über den öffentlichen Erschießungen in Fußballstadien.

  3. 03
    peter h aus b

    @Mister T:
    Wer A sagt muß auch B sagen.
    Und wenn ich Vodafail Banner schalte, kann ich mit der selben Begründung auch NPD oder KKK Banner schalten. Ist ja bloß Werbung und bringt Kohle.

    Spreeblick als eine der Speerspitzen gegen die Internetzensur in D macht sich damit vollkommen unglaubwürdig . Wirklich Schade.

    Mann könnte ja anstatt mit Vodafail auch mit einer Öko-Bank oder Greenpeace werben. Sind als Kunden vielleicht schwieriger zu akquirieren, wäre aber glaubwürdiger..

    Appropos Ökobank: die meisten dieser Banken schauen auch sehr genau, wen sie in ihr Portofolio aufnehmen.Spreeblick ist sowas offensichtlich schnurz: Hauptsache man kann die Redaktion bezahlen.

    Aufregen tue ich mich deshalb bestimmt nicht. Aber ich bin traurig darüber..

  4. 04
    Marcel

    Natürlich musst du nicht mit dem Treiben deiner Werbepartner übereinstimmen, solltest du aber – zumindest im solch einem prägnanten Fall. Als Zensurgegner einen Zensur-Provider zu unerstützen, der sich der Zensurmaßnahme so offenherzig hingibt, ist schon äußerst zweifelhaft. Klar, auch du musst von was leben – und Werbung ist somit für dich wichtig -, aber irgendwo sollte man als moralicher und engargierter Mensch eine Grenze ziehen. Insbesondere wenn man dermaßen in den Kampf gegen die Zensur eingespannt ist.

  5. 05

    @peter h aus b: Greenpeace ist regelmäßiger adnation-Kunde. Natürlich gibt es tausende weitere Kunden, die niemanden stören würden und es ist ja nicht so, dass wir rumrennen und uns absichtlich die „bösesten“ Kunden aussuchen. Dennoch ist es schlicht und einfach so, dass sich adnation die nachträgliche Ablehnung bestimmter Etats nicht leisten kann. Ich wäre ebenso froh darüber, wenn ich bestimmte Entscheidungen nicht oder anders treffen müsste und könnte, wie ich froh darüber bin, wenn andere Selbständige, die Mitarbeiter, Familie und Kleinigkeiten wie regelmäßige Rechtsstreits zu finanzieren haben, solche Entscheidungen anders treffen können. Ich kann es derzeit leider nicht. Im vorliegenden Fall wäre eine Ablehnung der Banner bei Spreeblick noch auf eine andere Art zwiespältig gewesen: Die große Mehrzahl der adnation-Blogs hat sich für diese Kampagne entschieden, adnation hat die Buchung daher angenommen. Ich hätte mir mit Spreeblick nach außen ein hübsch reines Gewissen machen können und hätte als adnation-Teilhaber dennoch an der Kampagne mitverdient. Auch nicht besser.

    @Micha: Wir haben aus einer gewissen Feigheit vor dieser Entscheidung einmal beschlossen, keine Parteien-Werbung anzunehmen. Nützt aber wenig, denn wie man sieht, kann jede Kampagne einen politischen Aspekt bekommen.

    @#722332: Du hast Recht: Ich will keine Person sein, die sich moralisch über Dritte stellt, diesen Job dürfen gerne weiter andere für sich in Anspruch nehmen. So, wie man mir und uns in Punkten zustimmen kann, kann man uns in anderen kritisieren, ich schätze, es gibt niemanden, der frei von Widersprüchen ist. Und wenn doch: Respekt.

  6. 06
    Nils Zimmermann

    Das Grundproblem ist doch das ihr völlig abhängig von Werbepartnern seid.
    Und da kann man nicht anfangen gewisse Werbepartner abzulehnen, dann währt ihr schnell Pleite.
    Bzw. müsstet ihr wahrscheinlich zusätzlich jemanden einstellen der nach verantwortbaren Werbepartnern sucht. Gleichzeitig würdet ihr merkbar weniger Cash bekommen.
    Keine Werbung keine Geld, so einfach und schlecht ist das leider.

    Einziger Ausweg aus dem Dilemma:

    Weg von der Werbung, andere Einnahme-Quellen suchen.
    Abo, Spenden, Veranstaltungen, z.B.

    Einerseits kritisiert ihr Vodafone, zurecht wie ich finde.
    Andererseits macht ihr Werbung für sie, das ist Pervers.

    Wie soll sich so was ändern?

    Ihr seit doch die guten oder?

    Grüße
    Nils Zimmermann

  7. 07

    Ich stimme „mr T“ zu:
    saubere Trennung von Werbung und redaktionellem Inhallt.
    weiter so!

  8. 08
    m.a.c.k.e.

    so ist das eben: wer mitspielt spielt mit! da nuetzt auch das moderne (gaehn) internet nichts: deutlich sieht man hier dass im punkt unabhaengikeit gar kein unterschied z.b. zu den printmedien besteht… ist man erst mal dabei im geldkreislauf ist es aus mit der wirklich unabhaengigen subversivitaet: die sogenannten ’sachzwaenge‘ kommen dann zum zuge wie ueberall sonst auch: und ehrlich gesagt -fuer mich- ist es damit schon irgendwo gegessen: ich glaube schon lange nicht mehr dass man wirkliche veraenderung erreichen kann indem man mit dem kleinen finger mitspielt und den rest des koerpers in freiheit waehnt: schnell steckt da die ganze hand drinne und schon eine sekunde spaeter wird einem der arm abgerissen! hat man erst mal werbung geschaltet und die kohle fliesst kann man doch garnichtmehr zurueck und genau das ist doch passiert! und wird es wirklich kritisch -und zwar auf dauer- dann ziehen die kritisierten ‚kunden‘ ihre anzeigen zurueck: DAS ist so klar wie klosbruehe! was sagt uns das nun ueber die kritikfaehigkeit werbeabhaengiger medien?! so laeuft das eben in diesem ismus! und wir leben in einem ismus der zwar durchaus unterschiedlich zum sozialen ist aber in seiner macht genau so oder noch staerker uns alle im griff haelt! nur weil man sich frei fuehlt trotz herrschaft ist man eben nicht ganz so frei wie immer gerne aus (konsum)bequemlichkeit getan wird! und gerade das internet steckt so dermassen kapital im kapitalismus da macht man sich nicht einfach mir nichts dir nichts davon los… ich moechte mal noch ein printmedium als beispiel anbringen: wieso macht vodafone eigentlich nicht bei KONKRET werbung?!

    gruss und alles gute!

  9. 09

    Nach den Fällen Cisco, Yahoo und nun Vodafone fällt es mir zunehmend schwer, hier nicht ein System zu erkennen.

    Reine redaktionelle Beiträge und Werbung klappt ja meistens.

    Aber die Mischung von Meinung und Werbung passt einfach nicht.
    Ein separates und werbefreies Blog für die Meinungen, und die Sache wäre sauber getrennt. Machen andere ja auch.
    Auch wenn man dann auf einen Teil der Einnahmen verzichten müsste.

    Doch an Stelle der Betreiber von Spreeblick würde ich mir keine Gedanken machen, solange die Leute weiter fleißig trotz oder gerade wegen solcher Aufregungen hier mitlesen und damit Einnahmen generieren.

  10. 10

    „Ich muss mit der politischen Haltung von hier werbenden Unternehmen nicht übereinstimmen.“

    Das ist die Kapitulation des rückgratlosen Koofmichs. Und das wird durch die Ausrede „die anderen machen’s ja auch“ (52) nicht besser.

  11. 11
    der herr schroeder

    Wussten Sie eigentlich,

    dass, bei Inaktivität von Java-Script man hier keine Werbebanner sieht?

    Jetzt weiss ich auch, warum ich nicht weiss, wovon hier geredet wird.

  12. 12

    Ist ja gerade die Zeit, in der auch diejenigen Menschen anfangen, sich politisch zu engagieren, die früher nichts gesagt und vieles ignoriert haben. Insofern:
    Nein, ich finde nicht, dass ihr Vodafone hier werben lassen solltet.

  13. 13
    frank und frei

    die richtige, aber elendige debatte um die zensur mal beiseite gelassen, möchte ich mich gerne auf die doofe blogger-du-kannst-held-sein-kampage einlassen… na klar bist zu zwängen unterworfen und ich finde das auch schön, hier mal darüber zu lesen. denn: sonst wird die fahne der unabhängigkeit immer schön vor das fenster der abhängigkeiten gehängt. auch bei spreeblick übrigens. doch heute sind wir ehrlich. zumindest in den kommentaren.

    jetzt aber zu meinem eigentlichen statement: mal abgesehen also von dem ganzen scheiß, ist diese kampagne und die vereinnahmung blogger-szene einfach mal im höchsten maße unästhetisch und peinlich. ZDF-Experte Lobo tanzt da ganz vorne in der peinlichkeiten-polonaise… warum findet das denn keiner anstößig?

    und leider habe auch ich den beigeschmack eines schlechten gewissens wahrgenommen. oder vielmehr den versuch abzulenken. natürlich ist vodafons haltung der letzte dreck, natürlich ist spreeblick gegen zensursula… aber hä? was ist denn jetzt mit der doofen vodafon kampage? und erzähl uns nicht, du hast keine meinung dazu… das nimmt dir niemand ab. natürlich hat man eine meinung dazu. erst recht, wenn man ein ästhetisches empfinden hat. und das hast du lieber johnny!

  14. 14

    @frank und frei: Natürlich habe ich eine Meinung zur Kampagne, wie fast zu jeder größeren Kampagne. Dennoch muss ich nicht zu allem meinen Senf als Artikel dazu geben, das machen im Werbebereich spezialisierte Blogs besser. Wenn es dich aber so sehr interessiert:

    Ich finde die Kampagne nett angedacht, in dieser Form aber merkwürdig (netz)weltfremd und unnötig anbiedernd. Meiner Meinung nach braucht es zuallererst das richtige Produkt/ die richtigen Produkte, in diesem Fall also echte und faire mobile Datenflatrates, und als nächstes tatsächliche Dialoge, keine PM im Blog mit null Reaktion auf die Kommentare. Mit diesen zwei Punkten hätte sich die Kampagne von allein und mit vermutlich weit kleinerem Aufwand von allein verbreitet. Glaube ich.

    Ästhetisch gesehen fand ich VF und die T-Com schon immer furchtbar, was Design, Farbgebung usw. angeht sind einige Mitbewerber ganz klar weiter vorne.

  15. 15
    Julius

    Ja, Schwamm drüber, bitte.
    Ich hab‘ keine Lust mehr, mich aufzuregen und halte die ‚Diskussionen‘ oder irgendwelche Rechtfertigungen für inzwischen müßig.

  16. 16
    g0laid

    Würdest du für Thor Steinar werben?

  17. 17

    Okay, damit steht der Gewinner des „Absurdester Kommentar Awards“ fest. Zeit, an die frische Luft zu gehen.