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Jeder hat das Recht, zu nerven

Philipp Gut klingt genervt. Der Kultur- und Gesellschaftschef der Schweizer Weltwoche hat genug von diesem ganzen Schwulen-Tamtam wie dem Christopher Street Day.

Und so fabuliert Phillipp Gut von einer quasi aufgezwungenen Schwulisierung der Gesellschaft und bekommt dafür in der WELT für ein und denselben Text gleich zwei Überschriften: „Der Kult um die Schwulen“ („Essay“, nicht kommentierbar) und „Homosexualität ist zu einer Art Religion geworden“ („Debatte“ mit Kommentaren). Guts Kernaussage:

Schwule haben doch jetzt nun wirklich alles bekommen, was sie wollten, niemand diskriminiert sie mehr und jetzt können sie bitte wieder in ihre Darkrooms zurückgehen und die Nichtschwulen in Ruhe lassen.

Wie Sarrazin zuvor ist Gut mit solchem Unfug jede Menge Applaus sicher von denen, die wieder einmal behaupten werden, hier würde jemand „eine Wahrheit aussprechen“, was sich ja sonst angeblich „keiner mehr traut“ (weil wegen Deutschland Zensurstaat und alle links und die 68er sind schuld und überhaupt). Es sind diejenigen, die sich immer wieder gerne gegen die böse „Politische Korrektheit“ und ein bedrohliches „Zuviel an Toleranz“ in der Gesellschaft wehren und die dabei den Begriff „Gutmensch“ mit Vorliebe als Beleidigung einsetzen. Getrieben vom Frust der eigenen Belanglosigkeit und von Angst hat sich mit solchen Hampelmännern mittlerweile eine erkennbare Zielgruppe entwickelt, für deren Ergüsse man früher, als sie noch hauptberuflich Leserbriefschreiber waren, einen eigenen Papierkorb hatte, und denen man heute Texte wie den von Phillipp Gut vorwirft, um eine „Debatte“ zu initiieren. Und so irren die Irren von einem Blog zum nächsten Forum, um in den Kommentaren ihr jämmerliches Weltbild zu verbreiten und ihre neokonservativen Helden zu feiern, die ihrer Meinung nach „endlich mal Tacheles reden“.

Das Fatale an Texten wie denen von Sarrazin und nun dem von Gut ist somit, dass sie die Ausgrenzung von gesellschaftlichen Gruppen fördern. Sie unterstützen Beißreflexe gegen Dritte, die als Schuldige für Irgendwas herhalten müssen, und wenn der Trend in einigen Mainstream-Medien anhält, darf man sich schonmal darauf vorbereiten, dass Frauen (wieder) in die Küche gehören und Kinder auch mal eine Tracht Prügel vertragen können.

Es gibt faule Türken und nervende Schwule, na und? Daraus ein allgemeingültiges Schema zu konstruieren, ist keine Wahrheit, sondern Populismus, der genau dort ins Schwarze trifft, wo es eh schon dunkel genug ist. Es hilft nicht, „Gesellschaftschef“ zu sein und seine wohlformulierten Worte in angeblich seriösen Blättern zu veröffentlichen, wenn der Text am Ende doch nur das spießige Kopfschütteln eines alten Opas ist, der sich fragt: „Muss das denn sein?“.

Ja, das muss sein. Es muss sein, weil noch immer Menschen wegen ihrer Homosexualität hingerichtet werden. Es muss sein, weil der damalige Bildungsminister unserer polnischen Nachbarn noch 2007 (glücklicherweise erfolglos) versuchte, „homosexuelle Propaganda“ unter Strafe zu stellen. Es muss sein, weil es in Deutschland regelmäßig Übergriffe gegen Schwule oder deren Einrichtungen gibt.

Und es muss sein, damit in der deutschen Kultur- und Gesellschaftslandschaft neben dumpf auf die Eins klatschenden Rentnern im Samstagabend-TV, unter die Gürtlininie höhöhö-witzelnden „Comedians“, homophoben Fußball-Hooligans, schlimmsten Männer-Klischees entsprechenden Superstar-Anwärterinnen und dem jeden Oktober stattfindenden Treffen der Heterosexuellen mit Sprachfehler auch mal ein paar tolle Tunten mit Federboa und nackten Hintern zu sehen sind und sich ihres Lebens freuen.

Schließlich hat hier jeder hat das Recht, zu nerven. Nicht nur Phillipp Gut.

Von Kathrin gibt es Guts Text — Achtung: — andersrum. Und Stefan Niggemeier hat ebenfalls zum Thema geschrieben.

Update Der Text von Gut ist alt (was mir beim Schreiben noch nicht bewusst war), er erschien bereits im Sommer bei der Weltwoche und wurde nun von der WELT neu aufgelegt.

74 Kommentare

  1. 01

    @#734053: Ok, der Testosteron-/Frust-Punkt geht an dich. :)

    @#734058: Dankeschön.

    @#734068: Das tut gut! ;)

    @#734069: Was mich bei Homophobie bei Migranten besonders überrascht, ist die Tatsache, dass es eine durchaus aktive Schwulen- bzw. Transen-Szene innerhalb der türkischen Gemeinchaft zu geben scheint. Wie die das unter einen Hut bekommen, ist mir völlig unklar. Andererseits ist Travestie auf diesem Spaß- und Unterhaltungsniveau ja auch schon lange bei vielen Leuten sehr beliebt, die sich ansonsten vlt. nicht gerade als Homo-Freunde bezeichnen würden (schon klar, dass das nicht dasselbe ist, es liegt aber beieinander, no pun intended).

    Und es ist ja auch nicht nur Homophobie seitens einiger Migranten, die einem bspw. in Kreuzberg schon mal untergekommen ist, sondern auch die Einstellung zu Frauen/ Mädchen, die mittelalterlich daherkommt und daher im Grunde genau das ist, was hierzulande auch vor einigen Jahrzehnten noch „normal“ war. Ein äußerst konservatives Gesellschaftsbild, geprägt von religiösen „Vorgaben“. Die Linke kann da wenig gegen tun, denke ich, es ist ein lange dauernder Prozess, der uns wieder zur Bildung treibt. Aufklärung halt. Dass man solche Feindseligkeiten nicht tolerieren darf, egal von wo sie kommen, ist klar. Nur kann man Lernen schwer erzwingen.

    Homosexualität ist seit Ewigkeiten ein Teil der gesamten Menschheit und könnte eigentlich ein völlig gewohnter Bestandteil jeder Gesellschaft sein. Ist sie aber nicht. Ich weiß nicht, ob man die Kirchen/ Religionen allein dafür verantwortlich machen kann, aber sie spielen bei Homophobie bzw. Schwulenhass auf jeden Fall eine erhebliche Rolle.

  2. 02
  3. 03
    Mrs Psmith

    @johnny
    man kann durchaus argumentieren, dass Homophobie auf Frauenfeindlichkeit basiert oder zumindest Hand in Hand geht.
    Wenn die Überzeugung da ist (und viel Selbstwertgefühl darauf beruht), dass der Mann mehr wert ist als die Frau, ist es halt naheliegend, Männer, die sich „zur Frau erniedrigen“ als allgemeine Gefahr für den Status der Männer anzusehen – ebenso wie die Frau, die sich „anmaßt“ sich wie ein Mann aufzuspielen. ´

  4. 04

    @Mrs Psmith: Ich fürchte, genau so ist es.

  5. 05
    Schtuef

    @#734024: Schön gesagt. Da ich diese Ansicht teile sehe ich an dem Artikel nichts das zu beanstanden wäre, der Mann will Homosexualität akzeptiert aber nicht ständig öffentlichkeitswirksam präsentiert und diskutiert haben.

  6. 06

    Guts ‚Artikel‘ ist doch das beste Beispiel für den langfristigen Erfolg von beharrlicher Nerverei: Einst schrieben nervige, minderwertigkeitskomplexbeladene Reaktionäre nur Leserbriefe für den Papierkorb, heut schreiben sie die Zeitung ;o).

  7. 07
    heidrun

    @ johnny: „Was mich bei Homophobie bei Migranten besonders überrascht, ist die Tatsache, dass es eine durchaus aktive Schwulen- bzw. Transen-Szene innerhalb der türkischen Gemeinchaft zu geben scheint. Wie die das unter einen Hut bekommen, ist mir völlig unklar.“
    hm, es könnte daran liegen, dass es innerhalb der „türkische gemeinschaft“, so es denn eine hier geben sollte, sehr viele verschiedene positionen gibt, ebenso wie überall anders auch? oder findest du, die türken müssten zusammenhalten, weil sie türken sind? ich finde, manchmal argumentierst du äusserst unsauber…

    ich finde es jedenfalls auch einen ziemlichen skandal, dass sich schwule pärchen in z.b.neukölln eher nicht trauen, offen händchen zu halten, weil es dort häufiger mal zu übergriffen und beleidigungen kommt.
    ich denke auch, dass mrs psmith da leider recht hat. so lange eine denkweise zulässt, dass bestimmte menschen „weniger wert“ sind, sind ausgrenzungen von frauen/homosexuellen/kranken/dicken/ausländern vorprogrammiert…
    für alle, die meinen, menschen mit einer anderen als der heterosexualität hätten bei uns doch keine probleme diese wunderbare fotoserie:
    http://www.jpgmag.com/stories/12847

    btw: (lleider ohne alle kommentare gelesen zu haben)bin ich die einzige, die es stört, wenn immerzu von der „schwulen“ kultur geredet wird und lesben/transsexuelle/transgender da immer eine art „anhängsel“ sind? wobei das ja auch wieder ne lange diskussion ist,denn ja, ich weiss, dass öffentliche zärtlichkeite zwischen frauen viel akzeptierter sind etc etc

  8. 08
    heidrun

    @#734024:
    wenn mich aber beispielsweise interessiert, wie es sich in deutschland als migrant irgendeiner herkunft lebt, ist die herkunft ein thema. wenn ich mich dafür interessiere, wie es bei gayromeo oder in einem darkroom so abgeht, ist die sexualität ein thema…etc etc
    da ich ziemlich auf unterschiede bei menschen abfahre, da sie ja das einzige sind, was wirklich interessant ist, bin ich gar nicht der ansicht, dass ich themen, die eine identität nunmal bestimmen, ausklammern muss. ich denke, das wesentliche daran ist neugier und offenheit, keine gleichmacherei.

  9. 09
    Koz

    Mich stören besoffe Fußballfans im Zug. Mir dreht sich der Magen um wenn ich die Erorberungen des Wochenendes der dicken Frau neben mir in der Ubahn lautstark in ein Handy, und mein Ohr gebrüllt bekomme. Mich stört die Gruppe Jugendlicher mit Migrationshintergrund und EinheitsBushidohaarschnitt die den Boden vollrotzen. Mich stört der Banker der Verkaufsanweisungen in sein Handsfree (und mein Ohr) brüllt. Mich stört die Gruppe Springerstiefeltragender Glatzen die den Gemüsemann anpöbeln. Mich stören die „JesusChristus ist dein Retter“-Gesangscombos vor der Uni. Mich stören die vollverschleierten Wühltischschubser. Mich stören die besoffenen Schnorrer-Zecken am Hauptbahnhof. Mich stören die sonnenbrillentragenden Goths die in dunklen Ecken abhängen, und die Krellen Emos die 2 Ecken weiter stehen. Und ja – das sich leckende Tuckenpärchen in der Bäckereischlange stört mich auch.

    ABER: Ich halte es aus. Und zwar gerne. Das ist für mich Toleranz.

    Denn wer weiss wem ich so auf den Sack gehe, mit meinen persönlichen Macken, Vorlieben, Überzeugungen.

    Ich möchte mich an dieser Stelle den Vorrednern anschließen dass es sich bei Homosexualität nicht um eine Lifestyleentscheidung handelt.
    Möchte aber hinzufügen dass sich extrem extrovertiert tuckig darzustellen und sich anderen damit aufzudrängen sehr wohl eine Lifestyleentscheidung ist – und zwar längst nicht mehr nur unter homosexuellen Menschen (Vgl.“Metrosexuell“). In Gesprächen mit Kollegen, Freunden, Bekannten, die ihre Homosexualität offen und selbstverständlich ausleben(darunter 1 Verheiratetes Lesbenpärchen), stellte sich heraus dass die das nicht anders sehen – da wird sich auch ne Menge fremd geschämt. Nach einigen Erzählungen drängt sich die Vermutung auf dass es sich bei den Tucken um eine Art Subkultureller Erscheinung handelt – Klar gibt es Leute (nicht zwingend Homosexuelle) die von Natur aus eine sehr feminine Seite haben – warum auch nicht. Aber es ist wohl auch so dass viele Schwule (Anhänger dieser Kulturerscheinung „Tucke“) sich eine Solche Art hart antrainieren. Und damit nicht anders wie ein Gothic, Punk, Hopper, Raver etc durch ihr Aussehen und Gebahren auf eine Gruppenzugehörigkeit aufmerksam machen wollen. Dieses Gebahren „Tucke“ wird natürlich von der Öffentlichkeit stark wahrgenommen und fälschlicherweise zur Formel:
    „Tucke=Schwul ; Schwul=Tucke“ gekürzt. Ich denke dass die vielbeschworene „Homophobie“ hier mit „Tuckenphobie“ verwechselt wird. Und gerade das ist wohl ein Problem für viele Homosexuelle – Nicht als Schwul abgestempelt zu werden – sondern als Tucke.
    Ich möchte auch nicht leugnen dass es in Sachen Gleichberechtigung noch einiges aufzuarbeiten gibt – jedoch habe ich noch von keinem Schwulen gehört der wegen seiner Sexualität schlechter bezahlt wird – Frauen werden nach wie vor wegen ihres GESCHLECHTS schlechter bezahlt. Und wenn eine Tucke nen Job nicht bekommt denkt er der Grund wäre seine Sexualität – Wenn der Grund wohl mehr, genau wie bei Punks, Goths usw., das Erscheinungsbild und Gebahren war. Nicht dass ich solche Praktiken gut heiße, aber sie sind nun mal die Realität. Wenn man dann die Gesamtheit der Normalo-Homosexuellen, die in Anzug und Schlipps zum Vorstellungsgespräch kommen, einfach mit ins Boot holt, ist das schlicht unfair und irrational.

  10. 10

    Schon interessant, wenn ich die Kommentare hier so lese!

    Was mir aber im Originalbeitrag auf weltde auffiel: Im Kasten „žWeiterführende Links“ gibt es den Abschnitt „žExperten sehen Zunahme sexueller Störungen“ž. Was hat bitte Homosexualität mit „žsexuellen Störungen“ zu tun?

  11. 11

    @heidrun (55): Vielfalt und Unterschiedlichkeit spannend zu finden ist ja nun wirklich nichts Verwerfliches und ist auch mir das interessanteste. Meine Relevanz-Aussage bezog sich darauf, dass von manchen Menschen Herkunft, Sexualität und Glaube als Gradmesser für die Bewertung von Handlungen angewendet werden. Und gerade das teile ich nicht. Ein Jugendlicher mit Migrationshintergrund wird nicht kriminell, weil er einen Migrationshintergrund hat, sondern weil seine spezifische Lebenssituation ihm vielleicht keine sinnvollere Möglichkeit lässt. Oder weil er einfach Bock auf Action hat. Das ist eben ein soziales Problem, kein Türkei-Import. Dasselbe gilt für Homo-/Hetero-/Transsexualität (et al): Fickvorlieben müssen nicht automatisch auf Kleidungsstil, Politikpräferenzen, Konsumverhalten und soziale Kompatibilität verweisen. Ob jemand zum Klischee wird, bleibt noch jedem selbst überlassen. Die Thematisierung von Sex & Co ist kein Problem, wohl aber ihre Problematisierung aus niederen Beweggründen. Wer ein ungutes Gefühl bei schwulen Kindergärtnern oder arabischen Sachkundelehrern hat, muss zunächst einmal bei sich selbst nachjustieren.

  12. 12
    heidrun

    @fabian sax: achso, es ging dir eher um die bewertung dritter von außen, sozusagen. da hast du natürlich recht.

  13. 13
    175ziger

    Hm ich denke mal der herr gut ist wohl eher eine klemmschwester die seit jahren gegen seine eigene sexualität ankämpft :-)

    zu dem thema is nich viel hinzuzufügen ausser vielleicht rein infomativ

    http://de.wikipedia.org/wiki/Paragraph_175

    ;-)

    em zur islamisierung deutschlands 2050,
    ich denke es wird eher dazu kommen das deutschland aufeinmal nur noch schwule einwohner hat, da es uns immer besser geht und wir uns immer rascher weiter vermehren.
    am ende gibt es nur noch wenige heteros…aber keine angst es wird keine neuauflage vom 175ziger geben und es wird auch keiner wegen seiner heterosexuellen orientierung in ein kz gesteckt. :-)

    nur ma soviel am rande…

    ansonsten schließe ich mich selbstverständlich unserem bundesvorsitzenden der partei Die Partei an ! :

    http://www.youtube.com/watch?v=hyIa3VxW3vM

    :-)

  14. 14

    @#734014: Überredet. Wobei Sarrazin meiner Meinung nach eher zur Sparte „Ehrlichkeit“ gehört (-;

    Es ist einfach ein schwieriges Thema und mich überrascht es ist schwierig dazu eine einheitliche Meinung zu haben…ich bin für mehr Geld für Integration und dafür das man auf jeden fall weiterhin Leute nach Deutschland einreisen lassen soll – andererseits kenne ich zig Beispiele von Ausländern die sich nicht integrieren lassen wollen…schwierig

    Das Deutsche oft die schlimmeren Schmarotzer sind ist mir klar, aber was soll man dazu noch sagen…

  15. 15
    flubutjan

    Du erwähnst

    „diejenigen, die sich immer wieder gerne gegen die böse „žPolitische Korrektheit“ (…) wehren und die dabei den Begriff „žGutmensch“ mit Vorliebe als Beleidigung einsetzen“.

    Für mich erfreulich, dass Du das so trefflich beobachtest, diese üble und nicht abebbende Mode reaktionärer Kampfbegriffe, die seit Jahren nervt und, da sie Eingang in den Normalsprech gefunden hat, die Köpfe zusehends verkeimt.

    Da das so ein massiv anhaltendes (und regelmäßig von den größten Unsympathen reproduziertes) Phänomen ist, würde ich mir hierzu eine mindestens ebenso engagierte Diskussion wünschen wie zu dem Erguss des Herrn Gut, der nur so heißt. Dieses Thema wäre – schon wegen seiner starken Wirkung auf den sog. Zeitgeist – eben auch viele Worte wert.

    Zuversichtlich stimmte mal der Satz einer taz-Redakteurin, die, als die Plage des selbstverliebten Politische-Korrektheit-Doof-Findens gerade einsetzte, schrieb: „Komisch. Ich dachte immer, es sei wichtig, sich um Korrektheit zu bemühen.“

    Unangenehm bzw. mit kokettem Quark fiel vor ca. zwei Jahren hingegen der Mann von Katharina Rutschky auf, als er in der 3sat-Kulturzeit tönte, die quasi total verpeilten Gutmenschen würden ja nur ihre eigenen „dunklen Aspekte“ (o. ä.) ignorieren (Huuhh, wir haben alle in Teilzeit eine schwarze Seele – und die ganz, ganz Reifen, die Oberchecker, kennen die beim Vornamen, IS‘ ja irre!)

    Vielleicht lieber mal hier gucken:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Gutmensch?title=Spezial:Booksources&isbn=3923118732

    Da steht z. B., dass es das Wort „Gutmensch“ in Deutschland seit 1941 gibt und entweder von Goebbels oder vom „Stürmer“ ersonnen wurde, womit spätestens klar wäre, was es vor allem ist: rechts.

  16. 16

    @flubutjan: Ja, das kann man nochmal thematisieren. Ich hatte mich vor Ewigkeiten kurz dazu geäußert und Malte etwas länger.

    Kann man aber nochmal aufgreifen, klar.

  17. 17
    flubutjan

    Na, dann mach ich das gleich nochmal kurz, vielleicht ganz im Sinne der dufte philanthropischen Überschrift des Artikels (kann ich mir nicht verkneifen: das Komma vor dem ‚zu‘ stimmt nicht, kommt immer nur dann hin, wenn vor dem ‚zu‘ mit folgendem Verbinfinitiv noch mindestens ein weiteres Wort steht, das durch’s Komma abgetrennt werden kann, wie z. B. bei ‚Jeder hat das Recht, mich zu nerven‘):

    Ja, das Thema „p.c. pfui, Gutmensch bäh“ ist ein altes. Trotzdem aber gleichzeitig immer noch: ein hochaktuelles.

    Das sieht man z. B. an der nicht abreißen wollenden Kette der im weitesten Sinne Prominenten, die in dem Medium, das Du nicht guckst, wie Pilze auftauchen, um sich von „politischer Korrektheit“ und „Gutmenschentum“ zu distanzieren – nicht, ohne sich dabei jedes Mal sichtlich auch noch sowas von geistreich vorzukommen, dass sich einem die Fußnägel hochrollen.

    Aber auch in den Print- und Hörfunk-Feuilletons meint kaum ein Journalist, in seinem festen Sprachgebrauch ohne die eigentlich bis zum Geht-nicht-mehr abgenudelte Mode auskommen zu können. So warf – nur ein gepetztes Beispiel unter sehr vielen – Josef Schnelle, Filmoberwart des Deutschlandfunks, Dieter Kosslick immer wieder gerne seine Auswahl „politisch korrekter Gutmenschen-Filme“ (für die Berlinale) abfällig vor (seitdem Kosslicks Erfolg unabweisbar geworden ist, hat Schnelle das allerdings etwas reduziert).

    OK. „Lass‘ sie doch“, mag man denken. Es gibt ja auch die Vielen, denen es von ganz alleine fernliegt, es geil zu finden, die Worte „das ist jetzt vielleicht nicht poltisch korrekt, aber …“ auszusprechen. Wär‘ nur blöd, wenn die wegen der hartnäckigen Anti-p.c.-Mode immer weniger werden würden.

    Der vorzügliche Wikipedia-Gutmensch-Artikel, auf den Spreeblick bereits 2007 hingewiesen hat, kommt (im Gegensatz zu mir) ohne neigungsbedingte Stimmungsmache aus und stellt – wissenschaftlich objektiv im Ansatz – differenzierte Darstellungen sonst schwer fassbarer Geisteshaltungen bereit sowie Begriffshistorie. In gewisser Hinsicht vielleicht besonders wichtig: der Hinweis dort auf die nationalsozialistische Abkunft des Gutmensch-Unworts (s.o.) – wo „Gutmensch“ gesagt wird, scheint demnach die Rede vom „Untermenschen“ nicht mehr ganz so weit.

    Spirituell gesehen fangen das Urteilen und Werten ihrerseits (glücklicherweise) gerade an, allgemein etwas AUS der Mode zu kommen. Mir aber fällt es angesichts mancher Zumutungen schwer, ganz ohne „Das stört mich“-Reaktionen auszukommen, weswegen ich z. B. finde, dass die p.c. und „Gutmenschen“ gegenüber Arroganten weiterhin mit „unsympathisch“, „rechts“ usw. beschmissen werden sollten, da sie eine eklatante Abwertungs- und Selbsterhebungsstrategie verfolgen (Ist ja auch klar: Wer etwas gegen „Gutmenschen“ hat, muss logischerweise zu den besseren Leut‘ gehören).

    Noch eins: Von den hämischen Verächtern (in der Regel übrigens Profiteure der zu bearbeitenden Missstände) werden doch immer die „Auswüchse“ bzw. „Übertriebenheiten“ der political correctness sowie eine Naivität oder sogar Verlogenheit der sog. Gutmenschen angekreidet. Diese in begrenzten Einzelfällen vielleicht tatsächlich irgendwie begründeten Einschätzungen fallen jedoch gegenüber den historischen LEISTUNGEN des stets in Gänze angegriffenen „p.c./GuMe“-Bevölkerungsspektrums bei weitem nicht so schwer ins Gewicht, wie man immer versucht, uns vorzumachen.

    Wer kümmert sich denn um den Fortschritt im Zwischenmenschlichen auf der ganzen Welt?!! Ihr (mittlerweile widerlich mit dem Mainstream) auf p.c./GuMe herumhackenden FDP-affinen „Leistungsträger“ etwa (die Ihr auch an sozialem Ausgleich Interessierte als „Gerechtigkeitsfanatiker“ denunzieren zu können meint, oder die Ihr sowieso nur an den Krieg aller gegen aller glaubt – aber das ist noch mal ein anderes Thema)?

    Nö. Sondern wahrhaft leistungtragende – sagen wir’s noch ein Mal – „POLITISCH KORREKTE ‚GUTMENSCHEN'“, die noch eine Vorstellung von Freundlichkeit haben.

  18. 18
    ropueh

    das thema bleibt aktuell: http://bit.ly/2OMxJ0

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