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Mut machen

Ich habe mich sehr gewundert, als der diesjährige Friedensnobelpreis an den frisch gewählten US-Präsident Barack Obama ging, denn ich hielt den Zeitpunkt der Auszeichnung für mindestens zu früh — ob Obama jemals seine Ziele und Versprechen einlösen würde, kann schließlich auch heute noch niemand sagen.

Einige unserer Leser/innen, zuerst Betonblog, sahen das mit etwas mehr Gelassenheit und betrachteten den Preis als Anstoß und Unterstützung.

Ich glaube von heute aus gesehen, dass diese Leser/innen recht hatten, ich kann die Entscheidung des Komitees inzwischen nachvollziehen. Und ich halte sie nicht mehr für Unfug, sondern für richtig.

Der Grund dafür ist weniger die sehr lesenwerte gestrige Dankesrede Obamas (Auszug), die speziell mit seinem Verweis darauf, dass Kriege manchmal notwendig seien, zwar keine Zustimmung von allen Seiten bekommt, der aber immerhin recht einstimmig Größe und Ehrlichkeit zugesprochen wird.

Der Grund für mein Umdenken sind vielmehr die Reaktionen auf alles Obameske in manchen Medien und Kommentaren. So gerne würden einige Menschen diesen Mann scheitern sehen, dass man ihm Unterstützung nur gönnen kann. In einem Kommentar von Gabor Steingart schlägt Spiegel Online den Friedensnobelpreis für Schröder, Putin und Chirac anstelle von Obama vor und spöttelt in einem anderen Artikel über den „Menschenfänger“ Obama (Hitlervergleiche hingegen las ich bisher nur in Blog-Kommentaren). Die pure Arroganz denjenigen gegenüber, die von den Topcheckern offenbar als dümmliche Herdentiere angesehen werden, setzt in mir gewisse Trotzmechanismen frei.

Denn wenn ich eines nicht noch mehr brauche in dieser Welt voller Alleswisser und Wenigkönner, dann ist es der feige Zynismus derer, die sich Hoffnung nicht trauen und von Realismus reden, aber Fatalismus ausüben. Wer den Satz „Na bitte, ich hab’s doch schon immer gewusst!“ als Sieg empfindet, der hat die falschen Gegner.

Niemand, den ich kenne, glaubt ernsthaft an Barack Obama als „Retter“ oder daran, dass ein einzelner Mann von heute auf morgen die Welt verbessern kann. Barack Obama ist kein Disney-Charakter, sondern Präsident der USA (zugegeben, die Trennlinie zwischen diesen beiden Posten verläuft in der Geschichte der USA nicht immer gradlinig) und damit, wie er selbst betont, „Oberbefehlshaber eines Landes, das sich inmitten zweier Kriege befindet“. Wir erinnern uns, dass sich auch Deutschland im Krieg befindet, unsere Regierung jedoch nicht den Mut hat, dies auszusprechen. Nein, hierzulande herrschen „aus der Sicht unserer Soldaten kriegsähnliche Zustände in Teilen Afghanistans“ und Verteidigungsminister zu Guttenberg versteht „jeden Soldaten, der sagt: ‚In Afghanistan ist Krieg'“. Immerhin hat er Ohren.

Dieses unsägliche Geschwurbel, dieses angesichts der Medien-Sensationsgier vielleicht nicht unberechtige, aber dennoch furchtbar verklausulierte PR-Geschwätz macht Politik so unerträglich, denn es erklärt Wähler zu Schwachköpfen. Dabei ist wohl kein Team PR-versierter und rhetorisch geschickter als das von Barack Obama, doch hat man dort in den letzten Jahren wenigstens etwas besser aufgepasst und erkannt, dass vielen Wählerinnen und Wählern die Komplexität und teilweise vielleicht sogar Unlösbarkeit der bestehenden Herausforderungen für die Weltgesellschaft durchaus bewusst sind.

Es ist richtig, dass Obama viele der angestrebten Verbesserungen (noch?) nicht erreicht hat und an einigen wird er mit Sicherheit scheitern. Dabei jedoch zu missachten, was er bereits jetzt erreicht hat, riecht nach Missgunst.

Ich glaube, dass es ist nicht Perfektion ist, die viele Menschen von ihren politischen Führungskräften erwarten, und auch nicht Unfehlbarkeit. Es ist vielmehr die Arbeit an einer gemeinsamen, positiven Vision und das Signal, dass es sich lohnen könnte, eine bessere Welt zu versuchen. Seit vielen, vielen Jahren legt unsere Regierung den immergleichen Song von Misstrauen, Lügen, Angst, Beschränkungen und Sorgen auf und wundert sich dann darüber, dass keiner tanzt. Und darüber, dass Menschen plötzlich einem US-Präsidenten zujubeln, der zunächst einfach nur das tut, was ein Großteil der politischen, aber auch medialen Klasse verlernt hat:

Mut machen.

38 Kommentare

  1. 01
    DeLohf

    Ein wunderbarer Kommentar!

  2. 02
    pell

    Das ist sehr schön: „Wer den Satz ‚Na bitte, ich hab“™s doch schon immer gewusst!‘ als Sieg empfindet, der hat die falschen Gegner.“ Ebenso die Stelle mit Fatalismus und Realismus.

  3. 03
    Wiebke

    Sehr, sehr schöner Artikel. Wow.

  4. 04
    Mesk

    Toll. Obama hält Reden denen „Ehrlichkeit zugesprochen“ wird. Obama ist Opfer missgünstiger Verunglimpfungen. Obama ist nicht unfehlbar. Obama macht Hoffnung.

    Auch moralisch verfehlte Ansichten kann man ehrlich darlegen. Sie werden durch Ehrlichkeit nicht besser. Opfer sein ist kein Verdienst. Fehlbarkeit auch nicht. Enttäuschte Hoffnung hilft nicht weiter.

    Und was hat das alles mit dem Friedensnobelpreis zu tun? Gibt es den jetzt aus Mitleid? Oder für weniger PR-mäßige PR?

    P.S:: Dem Friedensnobelpreis kann kaum etwas Schlimmeres passieren, als zum Ansporn politischer Leitfiguren benutzt zu werden und damit zu einem taktischen politischen Instrument zu verkommen.

  5. 05
    anonym

    Gegen Obama habe ich nichts. Meine Meinung ist einfach, daß der Krieg in Afghanistan VON ANFANG AN falsch, völkerrechtswidrig und damit kriminell war und ist. Und wenn Obama da weitere Truppen in erheblicher Stärke hinschicken will, um den Krieg angeblich zu beenden, dann hätte das m. E. Samuel Beckett nicht besser hinbekommen.

    Ich finde es im Grunde relativ unerheblich, ob jemand (damit meine ich nicht nur Obama), der Verbrechen im großen Ausmaß begeht, sich dieser Verbrechen rühmt, oder ob er so tut, als hätte er gar nichts weiter gemacht; beides ändert nichts daran, daß er kriminell ist.

    Es ist auch interessant, daß es bis heute niemand geschafft hat, einen plausiblen, nachvollziehbaren Grund anzugeben, warum ausländische Truppen Afghanistan besetzt haben. Wenn ich an Strucks üblen Satz denke, dann regt mich dieser auch heute noch auf. Wenn das ein gerechter Krieg sein soll, dann – nein, ich werde hier lieber keinen Vergleich bringen. Auf jeden Fall kann ich es nicht akzeptieren, wenn Leute diesen völlig ungerechtfertigten Krieg (mit seinen so bezeichnenden Begleiterscheinungen) verteidigen möchten. Würden sie das auch tun, wenn Deutschland, einfach so, von ausländischen Truppen besetzt worden wäre?

  6. 06
    Kribbel

    Schön zu hören, daß Guantanamo ein friedvoller Ort wird, weil jemand im Wahlkampf schöne Versprechungen macht. Und sie dann nicht einhält und- warum eigentlich?- zum Friedensheiligen erklärt wird. Scheinbar funtioniert diese Verarsche, denn viele fallen drauf rein.

  7. 07

    Ich halte eh nicht viel vom Friedensnobelpreis, und mir würden duchaus ein paar Leute einfallen, die ihn noch viel weniger verdient haben als Obama.
    Jedenfalls wächst in mir der Verdacht, dass ich Spreeblick doch mal wieder in den Feedreader aufnehmen muss. Kluger Beitrag.

  8. 08

    … ich verneige mich vor derartiger Eloquenz! Ein großer Artikel!

  9. 09

    Fein, dass der Hausherr noch solch pointierte Sätze raushaut. Für so was bitte ich in Zukunft wieder mehr Zeit freizuschaufeln.

    Weniger pointiert, schamlos wieder aufgewärmt aber dank des analogen Verhaltens der deutschen Kommentatorenlandschaft immer noch passend: Nobelpreis Schmobelpreis. Zynikern kann man es halt nicht recht machen. Die dissoziative Kraft der Rechthaberei triumphiert stets aufs neue über Demut vor der Kraft des Faktischen.

  10. 10
    Tantiemo

    „A non-violent movement could not have halted Hitler“™s armies“

    Das ist wahr. Darum hat man sich ja auch davor gehütet mit einer „non-violent movement“ „Hitler“™s armies“ überhaupt zu verhindern. Sonst kann man ja hinterher keinen Krieg machen. Die meisten Menschen sind aber zu blöd das zu durchschauen. Obama natürlich nicht, er benutzt das nur als rethorischen Trick der ihm einbringt von den meisten als besonders ehrlich wahrgenommen zu werden.

    Es ist immer wieder schön wenn man alle Züge abfahren lässt Gewalt gar nicht erst notwendig werden zu lassen und noch schöner wenn man die Situationen die Gewalt erfordern selbst erst herbeiführt. Obama kann ja gar nicht anders als weiter Krieg zu machen und Guantanamo schließt sich auch nicht so schnell. Da kann man sich guten Gewissens ’nen Friedensnobelpreis anstecken.

    Ehrlich ist allerdings seine Aussage das Gewalt einfach manchmal notwendig gegen das „evil“ ist. Das sieht al-Qaida auch so. Und al-Qaida profitiert vom Terror wie die USA vom Krieg. Wie schade wär es drum wenn man Menschen gegenüber sein handeln nicht mehr damit rechtfertigen könnte das es einem höheren gutem Zweck diene. Dann müsste man tatsächlich das tun was man vorgibt zu erreichen.

    Seine Rede: http://latimesblogs.latimes.com/washington/2009/12/barack-obama-nobel-peace-prize-speech-text.html , falls sich jemand mal eigene Gedanken darüber machen will was dieser Mensch eigentlich so von sich gibt.

  11. 11

    Sorry Johnny, ich lese aus dieser Rede weder Hoffnung noch Mut heraus. Mir sagt Obama mit dieser Rede nur, dass er es richtig findet, dass sich die USA jederzeit das Recht herausnehmen, das Völkerrecht zu missachten, wenn sie es für richtig halten. Damit entwerten sie m.E. diese von vielen Staaten gemeinsam ausgehandelten zivilisatorischen Grundsätze in den Augen derer, die erst noch von ihrer Richtigkeit überzeugt werden müssen. Und Letztere halten den Vereinten Nationen dann zu Recht vor, dass sie ungerecht sind, mit zweierlei Maß messen, ihr Wohl bei Bedarf über das militärisch Unterlegener stellen. Damit entlarvt er völkerrechtliche Übereinkünfte zur Friedenssicherung als reine Schönwetterreden, die jederzeit für ungültig erklärt werden können, wenn Gegenwind aufkommt. Warum sollen Nationen, die sich nicht zum Völkerrecht der Vereinten Nationen bekennen, ihre Haltung ändern, wenn die Miglieder dieses Völkerbundes im Ernstfall offensichtlich selbst nicht mehr daran glauben und sich verpflichtet sehen, danach zu handeln?

    Meiner Ansicht nach waren sowohl der Einmarsch in Afghanistan als auch der in den Irak völkerrechtswidrige Angriffskriege. Daraus folgt, dass alle, die sich daran bis heute beteiligten, für mich Kriegsverbrecher sind – ganz egal, ob die Aggressoren das Krieg nennen, ‚friedensschaffende Maßnahmen‘, ‚Anti-Terror-Kampf‘, ‚Zwangsdemokratisierung‘ oder ‚kriegsähnliche Zustände‘. Terroristen sind Kriminelle, denen man mit rechtsstaatlichen Mitteln der Verbrechensbekämpfung begegnet und nicht mit Kriegen gegen ganze Völker. Und ja es stimmt, in diesen Kriegen sind bislang weit mehr Zivilisten getötet worden als Soldaten. Doch es waren afghanische und irakische Zivilisten, das hat er vergessen zu erwähnen.

    Und ich lasse mich nicht Zynikerin nennen, nur weil ich auf dem bestehe, was mir als geltendes Völkerrecht verkauft versprochen wurde und die Lügner und Betrüger nenne, die mir jetzt das Gegenteil für richtig erklären wollen. Denn wenn das Völkerrecht auf Kommando der USA nicht mehr gilt, auf welcher Grundlage wollen wir dann eigentlich vor den Augen der Welt als friedliebender, gerechter und fortschrittlicher angesehen werden als die Kriegstreiber, die wir aus der Geschichte kennen und heute als Kriegsverbrecher verurteilen?

    Kurz gesagt: Obama ist in meinen Augen auch nur ein ‚großer Bruder‘, der mir mit schönen Reden weismachen will: Krieg ist Frieden!

    Mit der Verleihung des Friedensnobelpreises an Obama hat das Komitee m.E. diesen Satz zur Regel erklärt und allen bisherigen Preisträgern ins Gesicht geschlagen, die – vielfach unter Einsatz ihres Lebens – für einen gewaltlosen Frieden eintraten. Das ist Zynismus! Und es wird nach meiner Einschätzung dazu führen, dass es für die europäischen Verbündeten noch schwieriger wird, sich dem Druck der USA zu widersetzen, ihre Nahostkriege weiterhin mit europäischen Soldaten, Waffen und Geldmitteln zu unterstützen. Denn jetzt wurden sie ja quasi offiziell zu ‚gerechten Kriegen‘ erklärt.

    Abschließend eins noch: Ja, ich war (mit Bick auf die gegenwärtigen Machtstrukturen in den USA) von Anfang an skeptisch, dass Obama seine Wahlversprechen erfüllen könnte. Doch ich kann mit reinem Gewissen sagen, dass ich ihn niemals scheitern sehen wollte – im Gegenteil, ich kann gar nicht mit Worten beschreiben, wie sehr ich mich gefreut hätte, wenn mich meine Zweifel in diesem Fall getäuscht hätten.

  12. 12
    Mathias

    Bravo, ich finde es gut, wenn jemand die Größe hat, öffentlich auch mal seine Meinung zu ändern. Gefällt mir. Man kann nicht immer und bei allem von Anfang bis Ende im Recht sein. Das ist der Fehler den unsere Politiker immer machen. Sie denken, seine Meinung öffentlich zu ändern, wäre ein Zeichen von Schwäche.

  13. 13
    Ronald

    Standing ovations.

  14. 14

    @Iris: Ich verzweifle am Thema Afghanistan und, das meine ich ebenfalls nicht zynisch, bewundere wirklich jeden, der da ein halbwegs klares Bild hat. Ich habe diversen Leuten, denen ich ein Urteil zutraue (wie übrigens auch dir oder anderen Kommentatoren) zugehört und so dermaßen viele verschiedene Herangehensweisen und Argumente gehört, dass mir eine klare Position über die Grundhaltung „kein Krieg kann jemals gerecht sein“ hinaus sehr schwer fällt.

    Ich wollte das hier immer mal themastisieren, nicht, um meine Haltung niederzuschreiben, sondern um die unserer Leser zu hören, um daraus zu lernen. Das muss ich aber mal machen, wenn ich die Zeit habe, mich mindestens ein, zwei, drei Tage lang allein auf diese Kommentare zu konzentrieren. Denn das wird es brauchen, schätze ich.

  15. 15

    Ich weiß allerdings nicht mehr, was der Unterschied zwischen Obama und Bush ist:

    http://www.thedailyshow.com/watch/wed-december-2-2009/30-000

  16. 16
    thinktank

    i ♥ u

  17. 17
    Bertram

    „Manchmal muß man für den Frieden Kriege führen.“
    „Ja, wir wußten, daß sie keine Massenvernichtungswaffen haben.“
    „Es ging uns nur ums Öl.“
    „Wir machen die Armen ärmer und die Reichen reicher.“
    „Wir verarschen euch.“

    „…der aber immerhin recht einstimmig Größe und Ehrlichkeit zugesprochen wird.“

    Laßt uns unsere Kakaotassen erheben und anstoßen auf die Größe und Ehrlichkeit, die uns zuteil wird!

  18. 18
    anonym

    Ich finde es beruhigend, daß nicht alle hier nur Jubel ertönen lassen. Wie schon an anderer Stelle angedeutet, ist Obama nicht für jeden, der ihn kritisiert, eine Unperson, und das gilt auch für mich. Aber wenn Obama so klug und vorausschauend ist, wie er immer wieder eingeschätzt wird, dann muß er recht genau gewußt haben, worauf er sich mit dem Amt einläßt.

    An gerechte Kriege sollte man nicht leichtfertig glauben. Studs Terkel hat eins seiner Bücher so oder so ähnlich bezeichnet. Aber der zweite Weltkrieg war ja auch nicht insgesamt ein gerechter Krieg, sondern nur in dem Teil, der Hitler bekämpft hat. Will wirklich jemand ernsthaft glauben (und aufgrund welcher Fakten bitte?), daß Vietnam, Irak und Afghanistan gerechte Kriege waren und sind? Das könnte ich leider nur für billige Propaganda halten.

  19. 19

    @Johnny Haeusler (#14):

    Ich verzweifle schon seit dem 11.09.2001 an Afghanistan. Seither habe ich viel über dieses Land und seine katastrophale Lage diskutiert und unzählige Texte darüber gelesen. Und ich bin davon überzeugt, (nicht nur) der Afghanistan-Krieg ist ein Krieg um Energieressourcen.
    Davon abgesehen: Glaub nicht mir oder anderen Meinern, sondern versuch, Dir aus den bekannten Fakten ein eigenes (Dir am plausibelsten erscheinendes) Bild zu machen. Meinungen sind (im besten Falle!) nur Interpretationen von Fakten.

  20. 20
    Jörg

    Zu Afghanistan können wir ja sehr unterschiedlicher Meinung sein – ich halte das auch nicht für einen gerechten Krieg, den es ansonsten sehr wohl geben kann und gegeben hat – aber völkerrechtswidrig ist der Einsatz wegen des UN-Mandats offensichtlich nicht.
    Dass Obama die beiden geerbten Kriege weiterführt, ist auch keine Überraschung. Wer hören konnte und wollte, hätte schon im Vorwahlkampf erfahren können, dass er den Irakeinsatz beenden oder reduzieren wollte (geschehen) um den Afghanistaneinsatz verstärken zu können. Vielleicht ist es ja auch zynisch, zu sagen, es handele sich auch hier um ein gehaltenes Versprechen.
    Ich finde, was wir in den letzten elf Monaten erleben – die „Entzauberung“ des Präsidenten – spricht vorwiegend nicht gegen Obama sondern eher gegen seine vor allem in Europa euphorisierten Jünger.

  21. 21
    malefue

    obama hat natürlich insofern ein problem, als dass er im wahlkampf den abzug aus afghanistan in aussicht stellen oder zumindest eine exit-strategie ankündigen musste um präsident zu werden.
    dass ganz europa sofort euphorisiert „endlich frieden!“ gerufen hat, und nicht gesehen hat, dass das wahlkampf und kein politischer realismus war, dafür kann obama nur insofern was, dass er den europäern offensichtlich zu unrecht differenzierungsfähigkeit unterstellt hat.

    für die leistungen auf diesem gebiet hat er wahrscheinlich nicht den nobelpreis verdient, aber wie soll man das auch beurteilen? würden die amerikaner jetzt abziehen, hätte man binnen kurzem einen handlungsunfähigen staat voll hunderter von konkurrierender drogen-warlords ohne funktionierende polizei oder militär – auch nicht erfreulich.

    ich finde ja, dass obama für ganz andere dinge lob verdient hätte. seine sozialstaatlichen initiativen z.b.
    oder wenn man seinen umgang mit kritik an der regierung und der 4. macht im staat im gegensatz zu den bush-jahren betrachtet. die medien sind nicht mehr feind und lästig sondern ein ernstzunehmender mitspieler innerhalb der demokratie. ich finde, dass man diesen atmosphärischen wechsel von bush zu obama nicht zu geringschätzen sollte.

  22. 22
    Jörg

    @ malefue: Bin mit dir einverstanden, vor allem mit deinem letzten Absatz. Sehr verkürzt: Nobelpreis für besseren Stil und Visionen.

    Einspruch nur an einer Stelle: Obama hat im Wahlkampf eben nicht den Abzug aus Afghanistan angekündigt. Das war durchaus mutig. Er hat Bush vorgeworfen, sich zu verzetteln, statt alle Kräfte nach Afghanistan zu werfen. Er hat damals angekündigt, aus dem Irak rauszugehen um sich in Afghanistan stärker zu engagieren.
    Ob das am Ende klug ist, weiß ich nicht – hört sich jedenfalls an, wie die Begründungen des Präsidenten Johnson, warum die USA mehr Truppen nach Vietnam schicken müssten.

  23. 23
    plan9

    das dumme an kriegen, und zwar an allen, die jemals aufgefochten wurden, ist ja der umstand, dass immer alle beteiligten der überzeugung sind, für eine gerechte, gerechtfertigte und gute sache zu kämpfen.
    sogar die nationalsozialisten glaubten, dass es gerecht, gerechtfertig und gut ist, wenn sie (und mit ihnen die deutsche kultur, die deutsche moral, der deutsche lebenstil undwatsonstnoch) die welt beherrschen.
    man muss das einem volk auch nur lang, breit, einfach und einleuchtend erklären, dann glaubt es das auch.

    auch nicht uninteressant ist dabei, dass es noch nie einen krieg gab, von dem behauptet wurde, dass die falsche seite ihn verloren hat. (und ich beziehe mich hier natürlich ausdrücklich nicht auf den WW2!)

    mit dem friedensnobelpreis hat man obama, meiner meinung nach, in eine arge klemme gebracht, denn er ist – wie er ja selbst betont – präsident einer kriegsführenden nation.
    mutig finde ich in seiner rede, dass er implizit auch sagt, dass er diesen krieg als gerecht, gerechtfertigt und gut verkaufen muss.
    und damit:
    „Im Laufe der Zeit versuchte man mit Gesetzen, die Gewalt innerhalb von Gruppen zu kontrollieren. Ebenso versuchten Philosophen, Geistliche und Staatsmänner, die zerstörerische Kraft des Krieges einzuschränken. Das Konzept eines „žgerechten Krieges“ trat in Erscheinung; es legte nahe, dass ein Krieg nur gerechtfertigt ist, wenn er bestimmte Bedingungen erfüllt: dass er als letztes Mittel oder zur Selbstverteidigung geführt wird, dass die Verwendung von Gewalt verhältnismäßig ist und dass, wo möglich, Zivilisten von der Gewalt ausgenommen sind.“
    sagt er sogar, auf was für wackligen beinen dieses recht steht.

    für ausgesprochen realistisch halte ich seine aussage:
    „Wir müssen damit beginnen, die schwere Wahrheit anzunehmen, dass wir gewaltsame Konflikte in unseren Lebzeiten nicht werden abschaffen können. Es wird Zeiten geben, in denen Nationen — die allein oder gemeinsam handeln — den Einsatz von Gewalt nicht nur als notwendig, sondern als moralisch gerechtfertigt betrachten werden.“
    damit hat er leider recht, denn der mensch an sich hat zwar ein starkes bedürfnis nach frieden, ist aber nicht unbedingt als friedliches wesen zu bezeichnen. (vermutlich bedingt das eine sogar das andere)

    dann aber zu dem fazit zu kommen, wie obama das getan hat, (sinngemäß) „und weil es immer gewaltsame konflikte geben wird, ist es doch am besten, wenn das meine nation übernimmt“, ist nicht gerade friedensnobelpreiswürdig.

    finde ich jetzt mal so…
    cheers,
    plan9

  24. 24
    Steingart, der "Experte"

    Garbor Steingart ist sowieso ein Phänomen. Der Mann hetzt, wann immer er kann, gegen Obama und ist sich seiner Meinung stets sehr, sehr sicher – liegt dabei aber meistens spektakulär daneben.

    Unfreiwillig komisch wirkt heute zum Beispiel Steingarts knallharte Analyse „Der Winterkönig von Iowa“ vom Januar 2008, in der er seinen Lesern Punkt für Punkt vorrechnet, warum Obama die Vorwahlen der Demokraten gar nicht gewinnen kann, warum dessen Wahlchancen auf jeden Fall „verschwinden werden wie der Morgennebel“:

    http://www.spiegel.de/politik/debatte/0,1518,526561,00.html

    Steingarts Masche ist: Nicht Argumente abwägen, sondern einfach möglichst laut eine Position vertreten.

    Der Typ war früher übrigens Hauptstadtbüroleiter des Spiegels und galt als potentieller Aust-Nachfolger, wurde dann aber unter recht dubiosen Umständen Washington-Korrespondent und quasi über Nacht „USA-Experte“.

  25. 25
    malefue

    @Jörg: danke für die korrektur, jörg, du hast natürlich recht. aber die reaktion der europäischen medien bleibt dieselbe.

    ich halte den langsamen abzug aus irak und den langsamen (und viel mühsameren) aufbau afghanistans für gar nicht so falsch. was man halt vermisst ist sowas wie ein „staatenbauprogramm“. d.h. eine roadmap wie man überhaupt eine stabile zivilgesellschaft kreieren will. immerhin ist afghanistan komplett zerrissen von drogen-warlords, stammes-kämpfen und nicht zuletzt konfessionellen differenzen. das ist eine derartige herkulesaufgabe, dass ich daran zweifle, ob es jemals gelingen wird. zumindest nicht in einer generation.

  26. 26

    Findest Du es nicht ein wenig seltsam, dass der „Oberbefehlshaber eines Landes, das sich inmitten zweier Kriege befindet“, den Friedensnobelpreis bekommt?

    Und wieso gelten immer die Leute als besonders ‚realistisch‘, die Krieg führen?

    Am gruseligsten finde ich aber das geistige Prekariat, das Obama heute noch quasi-messianisch auflädt. Es existiert durchaus.

  27. 27

    Ein sehr guter Artikel, der die Qualitäten des gegenwärtigen US-Präsidenten richtig darstellt. Und ein wichtiger Lichtblick in einer Welt, die manchmal viel zu sehr dem Zynismus und der Rechthaberei zugeneigt ist.

  28. 28

    Sehr schön. Da stecken ein paar Perlen der Weisheit im Artikel.

  29. 29
    Jan(TM)

    Jetzt bin ich aber ganz traurig weil alle Kritiker als Zynisten und Rechthaber abgekanzelt werden. Gorbi hat den Preis für Abrüstung bekommen, heute reicht es laut darüber nachzudenken und hübsch in die Kamera zu lächeln. Tja, hätte man nur Joschka damals Mut gemacht …

  30. 30

    Ich gebe zu, Obama hat in der Welt den Hoffnungsgedanken gestärkt. Die Menschen fühlen sich einen Tick sicherer und blicken positiv nach vorne… Oder so ähnlich. Denn mehr hat Obama durch seine Präsenz nicht bewirkt. Und, seine Absichten in allen Ehren, aber der Preis an Obama steht im krassen Gegensatz zu den Anforderungen, die Alfred Nobel in seinem Nachlass an die Auszeichnung gestellt hat… Also, bei allem Respekt, Mister President, aber Sie haben den Preis so nicht verdient…

    Vorsicht, Sarkasmus: http://www.paramantus.net/?p=1888

    Schönen Gruß :)

  31. 31
    no*dice

    Achduje. Obama ist der Sympathieträger der Eliten und Lobbyverbände. Alles pillepalle an was ihr da festhaltet oder versucht den „glauben“ nicht zu verlieren. Wer denkt er krempelt den Laden um sollte bereits eines besseren belhert worden sein.

    zzzZZZzzz

  32. 32
    Lara

    Eine Nation führt Krieg, tötet Kinder. Foltert Erwachsene und Jugendliche in isolierten Kriegsgefängnissen. Und noch während diesem Krieg bekommt der Präsident dieser Nation den Friedensnobelpreis. Ein Präsident der nichts davon beendet hat. Aber natürlich so schnell wie möglich will – wie der vorherige. Worte werden belohnt, Taten ignoriert.

    Das macht Mut?

    Wie sarkastisch ist das eigentlich?
    Wie verachtend und herzlos den Opfern gegenüber?
    Willst du dich über sie lustig machen?

    Wie selbstgerecht und grausam.

  33. 33
    Lara

    Und jeder derartige Kommentar hier: Perlen der Weisheit, schöner Artikel, bla bla bla. Jeder ein Tritt auf die Würde der Opfer. Nichts als Hohn und Spott.

    Ich bin so schockiert!

  34. 34

    Ich nehme an dass sich die Kommission irgend etwas bei der Varleihung gedacht hat – kann aber beim besten Willen nicht erkennen was. Natürlich hat Obama als Hoffnungsträger angefangen und vieles von dem was er zu Beginn seiner Amtszeit gesagt hat ging in eine „friedlicherer“ Richtung.
    Ich verlange auch gar nicht, dass er den „Weltfrieden“ da umgehend bringt – aber zumindest in den USA sollte auch bei den anderen Politikern und bei den Bürgerne ein Umdenken erkennbar sein – dann wäre ein Nobelpreise vielleicht angebracht gewesen.
    Ich bin kein Amerika-Kenner – aber aus den Medien ist da eigentlich nichts in dieser Richtung ersichtlich. Und ob Obama mit dem nun verliehenen Preis eine stärkere Position hat wage ich auch zu bezweifeln. Das ist eher eine „Lachnummer“ geworden und eigentlich ist der Preis dadurch weiter abgewertet worden.

  35. 35
    quasi

    die person hat den preis verdient, der präsident wohl eher nicht, wenn man mal an den letzten denkt – da ändert auch fox nichts dran. ist aber nur meine meinung, dass der preis für den präsidenten zu früh war.

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