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Algerien – Slowenien 0:1

„Meine Fresse“, sagt Paul am Telefon, „warum tust Du Dir das denn überhaupt an? Neunzig Minuten Algerien gegen Slowenien, das ist doch schon pathologischer Masochismus. Wie kann man denn ein guter Mensch bleiben, wenn man solche Spiele schaut?“

Als Fussballfan ist man eine Minderheit. Man wird belächelt von all jenen, die sich für den Sport überhaupt nicht interessieren. Und verächtlich angesehen von all den anderen, die sich nicht dem Fußball, sondern einem Verein verschrieben haben. Der Unterschied ist fundamental; nicht umsonst sagen meine Berliner: „Ich geh nicht zum Fussball, ich geh zu Union.“ Mit Fussball hat ein Vereinsfan nicht sehr viel am Hut: es geht um ein bisschen Singen, ein wenig Verbrüderung mit der Mannschaft, Bier, Fahnen, gewinnen, und zwar egal wie. Der gemeine Vereinsfans ist ein guter Kirmesbesucher.

Fußballfans sind anders. Sieg, Niederlage, Folklore, Identifikation, all das ist nicht von Bedeutung. Es geht um einen perfekten Pass, ein wahnwitziges Manöver, eine gut gelöste Zweikampfsituation im Mittelfeld. Es geht um das Spiel, und zwar nur darum. Im Zweifelsfall ist ein Tunnel am eigenen Sechzehner bedeutsamer, schöner und erhebender als ein Hattrick. Glück liegt für den Fussballfan nicht im Ergebnis, sondern in den Kleinigkeiten, die – zusammengefügt – eine Dynamik ergeben, eine Dramatik.

Ein Fussballspiel ist vor dem Anpfiff wie das Material für eine Geschichte. Wir haben ein Setting, das Spiefeld. Wir haben das Personal, die Mannschaften. Wir haben den Konflikt, der Ball. Wir haben den Zeitrahmen, neunzig Minuten. Vor Anpfiff ist alles möglich, eine geradlinig erzählte, phantasielose Novelle, eine verspielte Erzählung mit tragischem Ende, ein brutales Lehrstück, ein überraschender Krimi. Es ist fast egal, wer spielt, jeder Begegnung wohnen all diese Möglichkeiten inne. Der Zauber des Spiels, das ist: der Auflösung zusehen. Dabeisein, wie sich nach und nach die Möglichkeiten reduzieren, bis am Ende alles auf einen Schlusspunkt hinausläuft: das Ergebnis.

Vorne steht bei der Slowenien Novakovic, der viel von sich hält, ein Narziss. Wenn Slowenien nicht recht ins Spiel zu kommen vermag, grummelt er immer leise in seinen Bart und schaut grimmig zu Boden: vermutlich beschimpft er sich selbst, weil er glaubt, dass alle ihn für das schleppende Spiel verantwortlich machen; denn ein Narziss betrachtet sich nicht nur fortwährend selbst, sondern glaubt auch, das alle es ihm gleich tun, und weil er nur sich selbst sieht, sie auch nur ihn selbst sehen. Daneben der verschmitzte, ein wenig hinterhältige Dedic, der das Halblicht liebt. Auf der anderen Seite der unbekümmerte, ungestüme Matmour, der mit dem Elan eines hyperaktiven Jugendlichen in seine Zweikämpfe mehr reinstolpert als sie organisiert, der häufig den Ball vor lauter Kraft in den Beinen auf die Tribünen drischt, statt einen sinnvollen Querpass zu spielen. Im zur Seite steht der kluge, aber sehr sensible Ziani, der heute aufgeregt wirkt; und im Tor der prollige, energische Chaouchi, der sich so traurig die Nase kratzte, als ihm kurz vor Schluss der entscheidenden Fehler zustieß.

Man muss sie mögen, auch wenn einem die Geschichte nicht gefällt: ein eher träges, unkoordiniertes Gestümper, eine dröge Alltagsgeschichte ohne große Spannung, fast schon eine Dokumentation, von der am Ende keiner weiß, was sie dem Zuschauer mitteilen soll.

Das war kein Kirmes, sondern ein Spiel so langweilig wie manch ein Sonntag Nachmittag. Kleinigkeiten hätte es gebraucht, um ein Drama draus zu machen, Kleinigkeiten, und es hätte eine Komödie werden können. Und dann hätte ich Paul angerufen und ihn gefragt, wie um alles in der Welt er das hat verpassen können.

Denn gerade das ist der Zauber des Spiels: man weiß es vorher nicht, was kommt.

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11 Kommentare

  1. 01
    Sami

    Wie kannst du 30 Sekunden nach dem Schlusspfiff posten?
    Das ist echt unglaublich :D

  2. 02
    Robbenklopper

    „Mit Fussball hat ein Vereinsfan nicht sehr viel am Hut“?
    „Der gemeine Vereinsfans ist ein guter Kirmesbesucher“?

    Wow, ich weiß garnicht wieviel Millionen Menschen du da gerade beleidigt hast.

  3. 03
    AJJB

    Gute Beleidigung. Gute Erklärung. Ich habe für Fussball nicht viel übrig, aber einen wirklichen Fan respektiere ich.

    Mir gehts im Motorsport so, die kleinen Sachen sind es, die Substanz. Ich gucke die 24 Stunden von Le Mans, ein Fahrer sagt anfang der Woche litt er noch an Nierensteinen, die Reporterin erwiedert das müsse doch noch schmerzen, er bejaht mit einem Lächeln, aber dafür sei er jetzt leichter.

    Nur darum geht es.

  4. 04
    Marcel

    Großartig. Du hast auf den Punkt gebracht, was es bedeutet, ein Fußballfan zu sein – und mir gleichzeitig das Wissen gegeben, als Fußballfan nicht alleine auf der Welt zu sein. Danke! :)

  5. 05
    kkaddi

    Das habe ich mich auch schon gefragt, wie du kurz nach Schlusspfiff schaffen tust, zu Posten. Meinem hohen Respekt. Algerien hat sehr stark gespielt . Es mir gut gefallen, und haben die Slowenien früh stoppen können.

    Selbst nach der Roten Karten haben sie das Spiel bestimmt, bis dem Torwart der Fehler passierte und so das Slowenien in Führung ging. Nur deswegen hat Slowenien gewonnen hat.

  6. 06
    Hanoi

    Vielen Dank für die Absätze 2 und 3. Endlich kann ich in Worte fassen, warum ich so ein seltsamer Kumpane beim gemeinsamen Fussballschauen bin.

  7. 07

    Es wäre bei dem Spiel natürlich konsequenter gewesen einfach nur weiter vom Fan-Dasein zu schreiben … ;-)

    Bleibt dabei: Paraguay ;-)

  8. 08

    @Robbenklopper:

    Nein, das ist nicht beleidigend, sondern ein klassischer Fall von Realitätsverdrehung zwecks Pointierung. Nichts gegen einzuwenden, aber auch nicht ernstzunehmen.

    Schätze, der Satz “Mit Fussball hat ein Vereinsfan nicht sehr viel am Hut”? trifft auf etwa 10% der angesprochenen Gruppe zu. Wer aber keine Heimat im Fußball hat, der wird so argumentieren und gleichzeitig immer auch unparteiisches Gucken einfordern. Auch realitätsfern…

  9. 09

    Sehr interessantes Video.

    Aber Sami hat recht: 30 Sekunden nach dem Schlusspfiff, Du bist wohl voll auf Aktualität aus ;).

  10. 10

    fußballfan vs. vereinsfan – endlich hat das mal einer vernümpftich erklärt ;)

    aber glaub mir ruhig: ich erkenne ein gutes spiel, wenn ich eines sehe (grad eben, deutsche nationalmannschaft) – ich seh nur eben so selten eines (1. fc wundervoll).

  11. 11

    @Marcel: wort. danke fred.

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