77

Götz Werner gibt einen aus

Götz Werner und Adrienne Goehler haben ein Buch geschrieben. Es heißt „1000 Euro für jeden“ und es handelt davon, 1000 Euro für jeden zu organisieren. Wie das genau gehen soll, das wird mir nach dem Lesen allerdings immer noch nicht ganz klar.

Zum Beispiel Erika W., das Zimmermädchen von Seite 52. Erika W. lebt von Hartz IV, aber sie arbeitet, und zwar „fast egal was“. Sie hofft, demnächst so viel zu verdienen, um auf staatliche Unterstützung verzichten zu können. Sie will nichts geschenkt bekommen, sie will etwas leisten. Hätte sie ein bedingungsloses Grundeinkommen zur Verfügung, natürlich würde sie weiterarbeiten (antwortet sie „wie aus der Pistole geschossen“).

Ich mag die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens, weil es auf den ersten Blick meine Situation verbessern würde. Ich mag den menschenfreundlichen Gedanken dahinter, jedem ein würdiges Leben ohne Existenz- und Zukunftsangst zu gewährleisten. Ich sehe, wie Markt und Staat Arbeit momentan organisieren, und ich sehe die Schwierigkeiten: Vollbeschäftigung ist ein Mythos, Altersarmut, Zeitarbeit, wachsender Niedriglohnsektor, die Schwäche der Arbeitnehmerposition, der enorme gesellschaftliche Druck, der auf Arbeitslosen lastet. Alles Probleme, die nach einer Lösung rufen, da bin ich bei den Autoren.

Ich zweifle nur daran, dass das bedingungslose Grundeinkommen diese Lösung ist.

Zum Beispiel Erika W., das Zimmermädchen von Seite 52. Natürlich würde sie weiterarbeiten, aber als was? Sie würde ein Hotel aufmachen, oder eine Reinigungsfirma, sie würde Unternehmerin werden. Sie würde arbeiten, aber nicht mehr als das, als was sie jetzt arbeitet. Sondern als ihre eigene Chefin. Bleibt die Frage, wen sie einstellen könnte.

33 Prozent der deutschen Arbeitnehmer sind laut einer DGB-Studie unzufrieden mit ihrem Job. Besonders betrifft das „Verkehrsberufe, Post-, Funk- und Fernsprechverkehrsberufe, Maschinisten, Einzelhandelskaufleute und Dienst- und Wachberufe.“

Was würde in diesen Bereichen bei einem bedingungslosen Grundeinkommen passieren? Vermutlich würden sie entweder nicht mehr wahrgenommen, oder die Arbeitszufriedenheit müsste erheblich erhöht werden – und das kostet. Mit der Konsequenz, dass die Preise für diese Bereiche steigen würden. Und weil diese Dienstleistungen mehr kosten würden, würde obendrein die Inflation angekurbelt.

Was bedeutet das für das Bedingungslose Grundeinkommen? Genau: die 1000 Euro sind plötzlich weniger Wert.

Damit nicht genug, denn zur Finanzierung des bedingungslosen Grundeinkommens wollen Götz Werner und Adrienne Göhler eine neue Steuer einführen: die Konsumsteuer. Die Konsumsteuer wäre eine erhöhte Mehrwertssteuer, dafür entfiele die Einkommenssteuer.

Eine Konsumsteuer belastet jedoch vor allem Geringverdiener. Wer 1000 Euro im Monat hat, wird die ausgeben, zum Sparen ist da nicht mehr viel übrig. Wer 30.000 Euro hat, wird die nicht komplett ausgeben, sondern (ausgedachte) 10.000 Euro. Damit zahlt der BGE-Bezieher 50 Prozent Steuern, der Besserverdienende 20 Prozent.

„1000 Euro für jeden“ kommt mit hochtrabend-salbungsvollen Worten daher, bietet aber auf entscheidende Fragen keine Antworten. Zum Beispiel: Was ist eigentlich mit dem sozialen Sektor, dem Arbeitsmarkt der Zukunft? Wie soll man mit 1000 Euro im Monat einen Platz in einem Pflegeheim finanzieren, wenn der Staat nichts zuschießt? Wie will man verhindern, dass nach den Preissteigerungen der Schwarzmarkt explodiert? Was verdient der Staat bei Exportgütern, auf die dann eben keine Konsumsteuer anfällt?

Auf all diese Fragen geben Werner und Goehler keine Antwort. Ich weigere mich, hier Absicht zu unterstellen, trotzdem bleibt die Frage, ob Götz Werner uns tatsächlich einen ausgibt. Oder einen einschenkt.

Götz Werner und Adrienne Goehler – 1000 Euro für jeden (Amazon-Partnerlink)

Links zum Thema:

Spreeblick-Interview mit Götz Werner
Video: Grundeinkommen in der Diskussion
(der ursprünglich dort gezeigte Film ist weiterhin hier zu sehen)

Thomas Strobl – Warum ich gegen das BGE bin
Jens Berger – Die Schattenseiten des Grundeinkommens
aloa5 – Gegenrede
Robert Poth – Grundeinkommen. Geldillusion, Inflation, Wachstum

77 Kommentare

  1. 01

    Ganz passend dazu die jüngst veröffentlichte Studie vom Institut für Arbeitsmarkt- und Bildungsforschung:

    Mehr als die Hälfte der Arbeitslosengeld-II-Empfänger zwischen 15 und 64 Jahren geht mindestens 20 Stunden pro Woche einer nützlichen Tätigkeit nach. Sie erziehen Kinder unter sieben Jahren, pflegen Angehörige, arbeiten und benötigen dennoch ergänzendes Arbeitslosengeld II, bilden sich weiter oder befinden sich in einer Fördermaßnahme. Das zeigt eine repräsentative Befragung von mehr als 10.000 Hartz-IV-Beziehern. Zum Kurzbericht.

    Mehr als die Hälfte (!) der ALG-II-Empfänger arbeiten also …

  2. 02
    Trin Tragula

    Schöner Artikel, der in die richtige Ecke schaut.

    Ich hätte gerne 1000 Euro für jede polemische und undurchdachte Idee die angeblich alle gesellschaftlichen und sozialen Probleme löst.

    Es liegt doch auf der Hand, dass die Probleme eines Staates sich nicht auf ein Buch mit grade mal einer Kernidee beschränken lassen.

    Naja, wenigstens die Autoren werden jetzt 1000 Euro mehr in der Tasche haben. Das System funktioniert!

  3. 03
    kraeuterzucker

    1000 Euro klingen immer so utopisch. In Wahrheit ist der ALG II Satz mit allen Vergünstigungen, Mietzahlungen usw. nicht sehr viel niedriger. Ich hab da gerade leider keine genau Zahl zur Hand, vielleicht weis da jemand mehr.

  4. 04
    Martin

    „Vermutlich würden sie entweder nicht mehr wahrgenommen, oder die Arbeitszufriedenheit müsste erheblich erhöht werden – und das kostet.“

    Inwiefern man Arbeitszufriedenheit herstellen könnte, und was es genau kostet, das müßte man mal im Detail besprechen. Und möglicherweise müßte man die Putzfrau zukünftig besser bezahlen, oder die Bude selbst putzen. Wenn der Arbeitsplatz zu teuer ist, würde entsprechend der Innovationsdruck steigen um diese Arbeit dennoch zu erledigen.

  5. 05

    Einmalig 1000€ für jeden Steuerzahler geht ganz einfach: GANZ schnell Stuttgart 21 stoppen…

    SCNR :)

  6. 06
    ichier

    my 5cents:
    Eine „Konsumsteuer“ halte ich auch für unklug. Das Problem der dreckigen Arbeit, die keiner machen will, sehe ich gelassener: sie würde teurer werden, aber eben durch Ausgaben, die sich entweder wieder als Mehrwerrtsteuer oder Lohnsteuer/Einkommenssteuer (endlich angemessen bezahlte Arbeit! Ich finde es nicht gerechtfertigt, daß eine Kloputzfrau weniger verdient als ein IT-Spezialist.) niederschlagen und somit die, damit verbundene, Inflation deckeln müsste. Außerdem – wer träumt nicht seit der Kindheit davon – wird so zwangsweise die Übernahme der unschönen Arbeiten durch Maschinen und Roboter vorangetrieben. Im Endeffekt sind diese Arbeiten dann auf lange Sicht wieder billiger.
    Das lustigste ist: im Prinzip ist es ja weiterhin der totale Kapitalismus, wenn Arbeit teurer wird, weil Nachfrage kleiner; bloß umgekehrt. Ich glaube, daß es funktioniert – jedenfalls nicht schlechter als jetzt, vom System her, aber besser für den Menschen.

  7. 07
    Frédéric Valin

    @Martin: Das stimmt, mir ist das auch aufgefallen, dass viele Kritiker sagen: Wenn niemand die Jobs machen möchte, müsste man mehr bezahlen“, obwohl Arbeitszufriedenheit nicht unmittelbar mit dem Lohn zusammenhängt.

    Bleiben wir mal bei der DGB-Studie, Beispiel Fernkraftfahrer, zwei Möglichkeiten seh ich da: entweder, man verlängert die Ruhezeiten (ich geh mal völlig ahnungsbefreit davon aus, dass die Arbeitsbedingungen sich für Fernkraftfahrer verbessern könnten, wenn sie nicht wochenlang von zu Hause weg sind und nicht ständig in Kabinen übernachten), dann muss man mehr Leute einstellen, mutmaßlich zu einem besseren Gehalt (Stichwort: BGE zieht ne Mindestlohngrenze). Oder (imho das wahrscheinlichere Szenario) das erledigen nur noch Speditionen aus dem Ausland, die dann das Gehalt aber nicht unbedingt in Deutschland verkonsumieren. Konsequenz: Stuerausfall.

    Das müsste man eigentlich für alle BErufsgruppen mal durchspielen. Man, sag ich, dabei mein ich Götz Werner.

  8. 08
    marcel

    „Damit zahlt der BGE-Bezieher 50 Prozent Steuern, der Besserverdienende 20 Prozent.“
    schwups verwandelst du es doch wieder in eine einkommenssteuer…
    beide zahlen konsumsteuer von 50%. wer viel konsumiert, zahlt viel steuern.
    wenn also jemand 10000 euro monatlich (wow) ausgibt, unterstützt er mit den abgeführten 5000 euro konsumsteuer 5 personen. auf dem rest sitzt er dann oder auch nicht.
    wer seine 1000 euro ausgibt hat zur hälfte eines anderen 1000 euro finanziert. den rest verdient er sich dann dazu oder auch nicht.

    ;¬)

    wird bestimmt wieder lustig. aber gut, daß ihr das thema am köcheln haltet.

  9. 09

    Fréderic, mach mal bei brandeins.de eine Archivsuche zum Thema „Grundeinkommen“ und lies dir mal ALLE die Beiträge durch. Vielleicht siehst du dann klarer.

  10. 10
    marcel

    @Frédéric Valin:
    „obwohl Arbeitszufriedenheit nicht unmittelbar mit dem Lohn zusammenhängt.“
    man kann auch insgesamt das den „unzufriedenstellenden arbeitsverhältnissen ausgesetztsein“ verkürzen.

    dein konstruierter steuerausfall wird durch alle, die konsumierend durch deutschland tingeln locker wettgemacht.
    bringt ein tourist sich ein dirndl aus dem urlaub mit, hat er auch schon einem bayern den lebensunterhalt gesichert.
    inflation findet ohnehin statt, wird halt derzeit über kollabierende spekulationen abgewickelt. wirkt auch nicht rational.

    ;¬)

  11. 11
    marcel

    @Matthias Delay: sehr guter tip! nicht nur für fred.
    ;¬)

  12. 12
    peter

    Selten eine dämlicheren Artikel zum Thema gelesen.

  13. 13
    Frédéric Valin

    @Matthias Delay: So, ich bin jetzt durch und…

    Quatsch. Da bräuchte ich zwei Wochen Urlaub für. Hast Du denn noch einen besonders gelungenen in Erinnerung? Das wäre schön, danke.

  14. 14
    dré

    nehmen wir an, die gute frau von seite x hat pro monat 1000 euro raus. mit 1000 euro bge und gesenkter/wegfallender einkommensteuer wären das dann ca. 2100 euro. nehmen wir an, die konsumsteuer schlägt sich eins zu eins durch und verteuert alles um 30% und sie hat ihren lohn bisher immer komplett ausgegeben, so muss sie jetzt 1300 für die gleichen sachen bezahlen. bleiben ihr mit bge also 800 euro mehr im portemonaie. warum sollte sie die arbeit hinschmeißen?

    wenn sie meint, das sich das für sie nicht lohnt, kann sie auch die hälfte arbeiten, und gibt damit jemand anderem die chance, dazuzuverdienen. die gesenkten lohnnebenkosten schaffen hier die nötigen anreize, das bge ein wenig aufzupolieren und sorgen dafür, dass sich die teuerungsrate in grenzen hält.

    milchmädchenrechnung?

    @marcel: von den konsumsteuern müssen auch noch ein paar andere dinge bezahlt werden…

  15. 15
    Frédéric Valin

    @dré: Ich glaube wie Thomas Strobl, dass sich die Löhne nach untern korrigieren werden. Sprich: „Was passiert jetzt mit den Jobs, die auf oder knapp über dem BGE liegen? Meiner Meinung nach – und das ist exakt, was seinerzeit in England passierte -, würden die Arbeitgeber das BGE auf diese Löhne anrechnen. Klartext: Wer gestern für seine Arbeit 1.300 Euro im Monat verdient hat, würde in einer Konstellation, in der das BGE 1.000 beträgt, nur noch 300 erhalten. Die Logik des Arbeitgebers wäre 1.300 Lohn gestern = 1.000 BGE + 300 Lohn heute.“

    http://www.weissgarnix.de/2010/02/24/warum-ich-gegen-das-bge-bin/

    Was überseh ich? Wie will man das verhindern?

  16. 16

    Bedingungsloses Grundeinkommen ist in meinen Augen reine Utopie, gerade wenn man sich die Entwicklung hierzulande anschaut, die sich immer mehr vom Sozialstaat entfernt.
    Auch wenn die Idee und die Gedanken dahinter auf den ersten Blick wirklich gut aussehen, habe ich meine Bedenken das es auf Dauer BESSER funktioniert.

  17. 17
    Marc

    @Frédéric Valin: du übersiehst nix. aber es ist nicht schlimm. und zwar aus zwei gründen bzw. zwei unterschiedlichen, möglichen Konsequenzen:

    1. Das Produkt müsste billiger werden, da es nun nicht mehr 1.300€ Lohnkosten beinhaltet, sondern nur noch 300€. Passiert dies insgesamt, dann werden auch die Produkte günstiger und der Konsum angegekurbelt.
    Somit wäre das für dasselbe verdiente Geld nun „mehr“ Produkt möglich.

    2. Es übernimmt niemand die Arbeit für 300€+BGE. Dann müsste die Arbeit höher entlohnt werden. Verdoppelt man den Lohn (600€+BGE) wäre das Produkt immer noch günstiger (siehe 1), was bis zu einer vervierfachung so bleiben würde.

    Man würde somit den Arbeitgebern einfach eine entsprechende Machtposition geben. Sehr zu empfehlen ist dazu das Buch „Kritik der ökonomischen Vernunft“ von Andre Gorz. Dort wird unter anderem beschrieben, woran die ersten kapitalistisch organisierten Manufakturen zugrunde gegangen sind und warum die Löhne anschliessend entsprechend gering waren.

  18. 18
    jesau

    Naja und 1000 Euro gibt es ja nur für den der gar nicht arbeitet. Sofern wir davon ausgehen, dass nichts vererbt wird hat jeder am Ende das konsumiert was er verdient hat. Da irgendwer, dass bezahlen muss müssen Steuern abgeführt werden. Auf jeden Fall muß es, wenn es eine Konsumsteuer gibt, ein Einkommen, bzw. Konsummenge geben, bei der n Steuerbelastung von über 1000 Euro gibt. Bedingungsloses Grundeinkommen???
    Das Problem ist, dass die bisherige Sozialhilfe negative Arbeitsanreize im untersten Einkommensbereich hat. Mit ger nicht arbeite mehr Einkommen…
    Ein Grundeinkommen mit damit bedingter höherer Steuerbelastung verschiebt diese negativen Arbeitsanreize in die mittleren Einkommensbereich. Die Produktiveren arbeiten weniger…
    Wodurch unterscheidet sich das bedingungslose Grundeinkommen eigentlich von der Sozialhilfe? Abgesehen in der Höhe und ein wenig mehr bürokratischem Aufwand?

    Aber das diese Hajo seit Jahren immer wieder sein unausgegorenen Themen in die Welt posaunen kann, spricht nicht für die Qualität der Diskussion wirtschaftlicher Themen. Götz Werner ist wie Uri Geller.

  19. 19
    marcel

    @dré: na sicher. von allen. ich hatte es bewußt etwas verknappt. ich hielt das gerade für angemessen.
    zahlenspiele sind jeder haltung zu dem thema dienlich aber ermüden schnell. geht halt nicht nur um geld, aber daran erhitzen sich alle; vielleicht weil bei geld die freundschaft bei den meisten aufhört.

    …und: k(l)eine milchmädchenrechnung.

    ;¬)

  20. 20
    Stefan

    Ja stimmt natürlich dass manche Produkte teuerer werden würden. Andererseits sind nicht heute schon vile Produkte sehr teuer weil die „Arbeitsbedingungen“ und Gehalt sehr an die Wünsche der „Arbeitenden“ angepasst werden? Ich denke da insbesondere an Banken (teure Filialien, Hochhäuser und Boni) und große Konzerne (Ausgaben für die Bürokratie, Subventionen vom Staat, Schmiergelder).

    Ja ich glaube auch dass das Grundeinkommen in diesen Sachen einiges Verschieben würde. Nur warum glaubst du bzw wir das *Recht* zu besitzen, diese schwierig zu erbringenden Leistungen (weil unangenehm/repetiv), durch den Existenzdruck zu erpressen? Das mag mir nicht so ganz in den Kopf gehen.

    Interessanterweise hätte bei einem Grundeinkommen niemand mehr eine Ausrede warum man nicht arbeitet. Jeder kann sich eine Aufgabe suchen, sei es auch eine gemeinnützige. Nichtarbeit wäre einfach Faulheit. Heute sind die Leute dazu gezwungen unbedingt eine Arbeit zu finden die sich (finanziell) „lohnt“. Natürlich kommt es so auch zu einem Notstand bei Pflegekräften, weil die zu einem guten Teil vom Staat bezahlt werden und der sparen muss.

    Ich glaube aber auch, dass sich es einige BGE-Befürworter bei der Frage nach der Umsetzung zu einfach machen. Ein BGE würde unser Sozialsystem, unsere Gesellschaft umkrempeln und das wird sicher nicht einfach. Es wäre ein fundamental neuer Weg wie wir das Geld&Arbeit in unserer Gesellschaft verteilen. Sowas hatten wir seit 1850-1960 (Abschaffung der Sklaverei/Leibeigenschaft/Kolonialismus) nicht mehr.

    Und es wird natürlich Widerstand geben („Niemand hat das Recht meine erbrachte Leistung an fremde Leute ohne Notlage zu verteilen“), es wird Ein- und Auswanderungen geben (die Reichen raus, die Armen rein), es wird die „faulen Säcke“ geben, das Steuersystem wird nicht revolutioniert und die 1000€ wird es zu Anfang auch nicht geben. Viele BGE Befürworter blenden das viel zu schnell aus.

  21. 21
    anonym

    Kann der Tendenz des Eintrags zustimmen, auch wenn das Grundeinkommen meine Situation höchstwahrscheinlich nicht verbessern würde (weil da eigentlich nichts groß zu verbessern ist). Also würde es meine Situation verschlechtern? Alles unklar.

    Ich finde aber, daß hier im Beitrag durchaus richtige Nachfragen gestellt werden. Andererseits würde ich auch zu bedenken geben wollen, daß die Unzufriedenheit im Beruf nicht nur mit Geld (wenn auch bei den meisten vmtl. hauptsächlich damit) zu tun hat.

    Mein Fazit: Die Idee mit dem Grundeinkommen klingt nicht schlecht. Eine tatsächliche Einführung würde aber die Grundlagen derart verändern, daß niemand seriös vorhersagen kann, was danach geschieht. Insofern scheint die ganze Sache doch ein relativ hohes Risiko zu bergen. Wenn man bedenkt, was bereits die sog. Wirtschaftweisen, bei heute einigermaßen bekannten Situationen, an konträren Urteilen, die nächste Zukunft betreffend, abgeben, scheint eine völlig veränderte Situation jeden Erfahrungshorizont zu sprengen und damit möglicherweise unbeherrschbare, für viele betroffene Menschen unhaltbare Zustände herbeizuführen.

  22. 22
    Frédéric Valin

    @Marc: Vorausgesetzt, die Unternehmer setzen diesen Gewinn auch 1:1 um. Mir graut da ein wenig vor den Mitnahmeeffekten, aber gut, das ist halt Pessimismus.
    Aber das gilt nur bei den Produkten, wo die Lohnkosten ein signifikanter Faktor sind. Und wenn ich das BGE mit der 30 % Inflation aus dem oberen Beispiel verrechne, dann liegen die Arbeitslosen unter jetzigem Hartz IV Niveau.

  23. 23
    ovit

    @jesau: wodrin sich das unterscheidet? na wechsel mal die perspektive weg vom staat und hin zum menschen. arbeitslose sind keine hartz IV empfänger mehr, sondern bekommen wie ALLE das bge.

    und BGE heißt nicht Jobs für alle, Arbeitslosigkeit wird es weiterhin geben, der leidensdruck mildert sich allerdings gewaltig. und so kann man eben auch zu hause bleiben, seine familie pflegen ohne als fauler hartz IV empfänger abgestempelt zu werden. als sozialschmarotzer usw.

    BGE heißt nicht bedingsloser reichtum für alle. wer nicht arbeitet, hat weiterhin wenig geld zur verfügung.

    BGE ist weniger bürokratie, an keine bedingungen geknüpft und holt die menschen wieder ins boot, die durch das soziale netz gefallen sind.

  24. 24
    anonym

    @ ovit
    So ähnlich sehe ich das auch, zumindest ist es bei diesem Projekt intendiert: Daß man nicht arbeiten und keinen Grund dafür angeben muß. (Ob das in der Praxis dann auch so funktioniert?).

    Diese Sichtweise widerspricht aber genau dem obigen Kommentar, in dem es heißt, dann hätte niemand mehr eine Ausrede, nicht mehr zu arbeiten.

  25. 25
    ovit

    @anonym: es ist die kernidee des bge. jeder bekommt es bedinungslos.

    ob damit aber wirklich gleich wieder vollbeschäftigung einhergeht? sicher werden einige menschen woanders arbeiten, weniger arbeiten usw. und der arbeitszwang nimmt ab. aber arbeit ist ja auch ein identitäts- und sinngebendes dingens, auf das viele menschen nicht verzichten können und wollen.

    aber heute leidet doch jeder hartz IV empfänger unter der stigmatisierung, hat unfassbare angst vor der arbeitslosigkeit, mit der bedrohung, dort nicht mehr herauszukommen usw. alle unbezahlten und ehrenamtlichen arbeiten haben keinen gegenwert und werden vom staat entsprechend sanktioniert und drangsaliert.

    wer keine arbeit hat, hat beim bge eben keine. will er eine, kann er suchen. will er nicht, dann macht er nicht. kein zwang mehr. das ist freiheit!

    da dürfte auch google seine dienste für viel geld auch gerne bisschen schneller durch das kabel schicken.

  26. 26
    Steffen

    Ich glaube, dass die Arbeitslosigkeit gegen 0 gehen würde, weil viele auf Teilzeitarbeit umstellen würden und es dadurch mehr freie Stellen geben wird.
    Gleichzeitig steigt die Lebensqualität rasant an, weil niemand mehr auf seinen gehassten Job angewiesen ist und mehr Zeit für sinnvolle Dinge wie z.B. ehrenamtliche Tätigkeiten hätte.

  27. 27
    Stefan

    @ichier: Verstehe ich dich richtig? Du willst, dass alle Berufe ein gleiches Gehalt bekommen? Das kann doch nicht dein Ernst sein. Eine Klofrau muss (fast) nichts lernen, nicht studieren, kein Geld in die Hand nehmen, um ihre Arbeit zu tätigen. Ein IT-Profi hat möglicherweise ein teures Studium bezahlt, viel Wissen zusätzlich erworben, hat mehr Verantwortung. Und ein Pilot hat noch mehr Verantwortung zu tragen, mehr Geld zu investieren … Verdient daher auch noch einmal weitaus mehr. Jedes andere System bricht zusammen. Was du willst ist dunkler Sozialismus.

  28. 28
    dré

    @Frédéric Valin: „Die Logik des Arbeitgebers wäre 1.300 Lohn gestern = 1.000 BGE + 300 Lohn heute.”

    nun muss er nur noch einen dummen finden, der sich darauf einlässt. ;)

  29. 29
    Martin

    Übrigens Klofrau/Klomann: Viele öffentliche Toiletten sind mittlerweile vollautomatisiert und selbstreinigend. Das ist eine Klofrau nicht mehr notwendig und es scheint ja schon heute einen wirtschaftlichen Anreiz zu geben auf eine Klofrau zu verzichten. So eine Entwicklung würde sich doch mutmaßlich durchsetzen, wenn der Arbeitsplatz einer Klofrau teurer würde.
    (Was für ein Wort:Klofrau).
    Die Leute aus dem Einzelhandel jammern (zu Recht m.E.) weil der Verkaufsdruck ernorm hoch ist heutzutage, auch wegen der Konkurrenz zum Internet. Wenn der Einzelhandel wegbricht, was solls? Wir können doch die Sachen im Internet kaufen.
    Mir scheint eher, dass bestimme Wirtschaftszweige künstlich am Leben gehaten werden, bzw. auf Kosten schlechter Bezahlung sich am Leben hält, ohne ein wirklich valides Geschäftsmodell zu haben.

  30. 30
    Marc

    @Frédéric Valin: ob die unternehmer wirklich die gesunkenen lohnkosten rausnehmen, das bezweifle ich selbst. ist ja nur ein modell. die befürchtung ist, dass sie einfach den alten preis behalten oder mit dem verweis auf die gestiegene mwst (konsumsteuer) noch erhöhen um die profite zu erhöhen. wahrscheinlich ist dieser pessimismus angebracht.

    was die inflation angeht, so befürchte ich, dass ob mit oder ohne bge viel zu machen ist, wenn diese bei 30% liegt ;-) ich würde eine solche inflation garnicht erwarten. schließlich verschieben sich kosten, löhne sinken und die aufgaben müssen natürlich trotzdem gemacht werden. da kommt dann wieder die zweite konsequenz aus #17 zum tragen.

  31. 31

    Man sollte auch bedenken, dass es nicht viele Menschen gibt, die wie Erika von Seite 52 gibt.

    Viele geben sich auch mit Hartz IV zufrieden.
    Arbeiten? Ich bin doch nicht doof, für paar hundert Euro mehr im Monat 40 Stunden die Woche zu arbeiten. Ich brauch eh kein Urlaub, neues Auto, oder neue paar Schuhe. Die alten Schuhe sind noch gut, da ich mich wenig bewege. Auserdem beginnt mein Tag um 15:00 Uhr mit Barbara Salesch.

    Die Moral ist das Problem und nicht das Geld. Wiele halten es immer noch für ein zu hohen Preis, für paar hundert Euro mehr im Monat zu arbeiten, um so wieder in die Gesellschaft integriert zu werden. Oder haben überhaupt keine Interesse.

    Um diese Menschen wieder zu sozialisieren, darüber müsste man ein Plan erstellen.

    Achja, die Nachbarländer würden sich darüber freuen. 1000,- Euro für jeden.Wow. Ich ziehe einfach offiziell nach Deutschland und lasse mir das Geld in meinem Heimatland weiterleiten, wo ich in wirklichkeit weiter lebe. Meine Kumpels die 200,- Euro in der Fabrik von XY arbeiten werden Augen machen…

  32. 32
  33. 33

    @Frédéric Valin: Dann wollen wir hoffen, dass die Befragung nach 15:45 Uhr stattgefunden hat :)

  34. 34
    Frédéric Valin

    @Victor: Der erste Witz über Arbeitslose, über den ich wirklich gelacht habe, seit Jahren!

  35. 35
    ralf

    @dré: Genau. Also massive Umverteilung nach oben.

  36. 36

    @Frédéric Valin: Ja, es sind nicht alle lustig…

  37. 37

    1. Das BGE auf ein Modell – insbesondere das Werner’sche – zu reduzieren wird der Sache nicht gerecht. Es gibt eine ganze Palette von Varianten, die alle unterschiedliche Schwerpunkte haben und unterschiedlich aufgebaut sind, insbesondere was die Finanzierung angeht (mit „alles auf Umsatzsteuer“ steht Götz Werner ziemlich alleine da), die Höhe und welche Leistungen es abdeckt/ersetzt etc.

    2. Weil die Arbeitsbedingungen an vielen Arbeitsplätzen so scheiße sind, dass den Job ohne Androhung von Hunger niemand machen würde, können wir diese Bedrohungssituation nicht abschaffen? Naja.

    Wenn dann Lidl nicht mehr so spottbillig sein kann, weil zu den derzeitigen Löhnen und Bedingungen da niemand mehr arbeiten will, ja, allein dafür wäre das BGE eine gute Sache.

  38. 38
    Frédéric Valin

    @matthiasr: 1. Deswegen steht Werner ja auch im Titel, sein Buch ist verlinkt und er wird im Vorspann genannt. Und im Artikel. Mehrmals. 2. Die Frage ist doch nicht, dass wir diese abschaffen wollen, sondern wie. Und das Wernersche ist dazu, soweit ich das sehen kann, ungeeignet.

    Welches sind denn bessere Modelle und wo kann man was schlaues dazu lesen?

  39. 39
    anonym

    @ matthiasr
    Klingt interessant; aber von den anderen Modellen (außer dem Wernerschen) habe ich noch nie was gehört, ohne daß ich ernstlich sagen könnte, daß ich nicht zuhören würde, wenn über sowas berichtet wird (Götz Werner habe ich auch zuerst im Deutschlandradio wahrgenommen, vor drei oder vier Jahren war das).

    Die ernsthaften Probleme, die mit der Umsetzung eines solchen Projekts auftreten können, werden aber vmtl. auch andere Versionen dieser Idee nicht völlig ausschließen können.

    In diesem Zusammenhang erwartet man schon fast eine kleine Renaissance der Ideen von Silvio Gesell, die ja seit rund 80 Jahren auch immer gern zitiert werden, wenn es um neue Gesellschaftsmodelle geht.

  40. 40
    max

    @matthiasr
    so sehe ich das auch. sinn der sache mit den dreckigen jobs kann ja nicht sein, dass sie nur unter dem drohszenario „besser so einen job als keinen“ übernommen werden. dafür kann sich nur aussprechen, wer selbst glaubt, nie in diese kategorie zu fallen, aber denkt, seine heile welt würde zusammenfallen, wenn die arbeiter in den drecksjobs plötzlich ansprüche stellten.
    natürlich werden auch unter einem bge die akademischen jobs im schnitt höher dotiert werden als die, die auch von unqualifizierten erledigt werden können. unter diesen aber wird man vielleicht für die wirklich unangenehmen arbeiten wieder etwas drauflegen müssen, um einen anreiz zu schaffen und das halte ich für mehr als gerecht. warum sollten arbeiten, die keiner machen will schlecht bezahlt werden? ich für meinen teil habe nicht den anspruch, dass jemand anderes für nen appel und nen ei für mich durch den dreck kriecht.

    p.s. und ja: es gibt wirklich eine menge anderer finanzierungsmodelle für das bge als das von götz werner. tatsächlich wir dieses modell sogar von vielen bge-befürwortern aus den teilweise bereits hier genannten gründen abgelehnt.

  41. 41
    anonym

    @ max
    Es gibt ja immer die Fraktion, die „Skandal“ und „Sozialismus“ schreit, wenn Jobs für Unqualifizierte höher bezahlt werden als oft üblich. Ich dagegen finde es durchaus berechtigt, wenn alle, die fünf Tage in der Woche mehr oder weniger Vollzeit arbeiten, soviel Geld bezahlt bekommen, daß sie davon leben können. Es stört mich nicht, wenn es keinen riesigen Gehaltsunterschied gibt zwischen dem einfachen Angestellten der Stadtwerke und dem Professor.

  42. 42
    jesau

    @ovit: ich bezweifle ja nicht, dass es menschen gibt die angst davor haben stigmatisiert zu werden weil sie hartz iv bekommen. das bge von 1000 € ist selbstverständlich ein wenig höher als das alg II, aber würde das höhere einkommen die Stigmatisierung wegnehmen wenn man gar nicht mehr arbeitet?
    ich wollte hauptsächlich darauf hinweisen, dass das bge ein großes marketinggeschwindel ist. zum überleben auf zugegebenermaßen niedrigem Niveau natürlich das alg II. also arbeiten die menschen deswegen weil sie mehr wollen als überleben. lohn als preis für aufgegebene freizeit. und mit geld kann man sich alles kaufen außer freizeit. also wird für den konsum gearbeitet. (und vielleicht die komische idee der selbstverwirklichung). dieser wunsch sich mehr zu leisten als andere, ist eine wirklich bedeutende triebfeder des arbeitens. daran ändert auch kein bge etwas. (eine ebenfalls interessante frage ist, ob ein Staat seine Bewohner überhaupt glücklich machen sollte..)
    außer dem ist es auf keinen fall bedingungslos!!
    sobald man anfängt zu arbeiten bekommt man zwar immer noch 1000 € aber man zahlt steuern. also bezieht man netto weniger als 1000€ vom staat. und irgendwann bekommt man halt kein geld mehr (stichwort: transferentzugsrate)
    und um dieses system zu finanzieren müssen deutlich höhere steuern bezahlt werden als heute bei gleichem einkommen. schon heute tragen die 10 % der meisterverdienenden knapp 90% der Steuern. ob die sich das ewig bieten lassen?
    im prinzip ist das bge nur eine ausweitung der sozialhilfe mit deutlich stärkere belastung mittlerer und hoher einkommen. an dem wirklichen problem der (relativen) armut ändert das jetzt dann auch nichts.
    die wirklichen probleme sind: unqualifizierte arbeiter und einen mangel an arbeitsplätzen. (und mit unqualifiziert mein ich folgendes: ein briefzusteller erwirtschaftet vielleicht 4 € pro stunde, daher wird langfristig niemand zu finden sein der mehr als 4 € für dessen arbeit bezahlt. im endeffekt bekommt er durch sozialhilfe mehr, also arbeitet er nicht.)
    also anstatt quatsch wie bge zu diskutierren sollte man vernünftige kombilohn modelle oder ähnliches erarbeiten.

  43. 43

    @Frédéric Valin: Auch wegen persönlicher Affinität sagen mir vor allem die im grünen Umfeld diskutierten Modelle zu, insbesondere das der Grünen Jugend (Disclosure: an dem ich mitgeschrieben habe) und der neueste Vorschlag von Wolfgang Strengmann-Kuhn, weil es einen sehr pragmatischen Weg zu einem Grundeinkommen aufzeigt.

    Eine Arbeitsgruppe dazu gibt es auch in der Linken, in der CDU eine Kommission, die sich mit dem (eher „neoliberalen“) Solidarischen Bürgergeld von Thomas Straubhaar/Dieter Althaus beschäftigt, bei den Piraten gibt es eine Arbeitsgruppe. Nur von FDP und SPD sind mir keine breiten Diskussionen bekannt, bei der FDP ist die Sache wohl mit dem Bürgergeld durch, SPD und Gewerkschaften hängen wohl noch zu sehr in der protestantisch-marxistischen Arbeitsethik („Im Schweiße deines Angesichtes …!“) fest.

    Eine Handvoll Varianten hat die Böll-Stiftung analysiert, eine unendliche Linkliste gibt es beim Archiv Grundeinkommen.

    Eine nicht mehr aktuelle, aber durchaus interessante Gegenüberstellung verschiedener Modelle (Stand 2005) gibt es hier. Interessant ist dort vor allem die Zusammenstellung der Verbände, die sich schon einmal für ein Grundeinkommen in der einen oder anderen Form ausgesprochen haben: vom Bund der Deutschen Katholoschen Jugend über den Bundesjugendring bis zum Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband (der aber wohl inzwischen anderer Meinung ist).

    Die Grundeinkommensdebatte hat nicht mit Götz Werner angefangen, wird da, wo es um konkrete Modelle geht, nicht von ihm geführt (weil er sich wie ein Pudding an der Wand nie auf etwas konkretes festnageln lässt) und endet hoffentlich auch nicht mit ihm. Die mediale Präsenz von Götz Werner ist für die Grundeinkommensidee Segen und Fluch zugleich: Segen, weil er die Idee als solche ins Gespräch bringt, und Fluch, weil er den Eindruck erweckt, es gäbe nur diesen einen Vorschlag.

  44. 44

    @ Frédéric Valin

    Es gibt massig kluge Gedanken abseits des Werner-Mainstreams. Die bereits erwähnte Brand1-Ausgabe ist lesenswert.

    Es gibt bei den Grünen außerdem auch noch ein paar volkswirtschaftlich klug argumentierende Querdenker, die pro BGE argumentieren (die Partei hat mit dem Thema glaube ich mehrheitlich abgeschlossen). Z.B. Herrn Dr. Strengmann-Kuhn.

    Da kannst du auch viel lesen:
    s. hier: http://www.strengmann-kuhn.de/category/grundeinkommen/

    und zum einstieg: http://www.strengmann-kuhn.de/wp-content/plugins/downloads-manager/upload/Strengmann_Kuhn.pdf

    das thema ist sehr komplex und ich finde deinen artikel ehrlich gesagt etwas unterkomplex, auch wenn er sich nur auf werner bezieht. wenn du strengmann-kuhn gelesen hast, kannst du ja noch mal über seine überlegungen schreiben…:)

  45. 45

    Wer soll das bezahlen, wer hat das bestellt?

    Vielleicht sollten wir einfach die 350 Mrd., die jährlich in die Schwarzarbeit fließen und am Staat vorbeigehen, unter allen verteilen. Dann bekäme jeder in diesem Land jährlich rund 42.000 Euro. Ich frag mich ja immer, wer das ist, der schwarz arbeitet. Ich kenne keinen. Erika W. von Seite 52 doch sicher nicht, oder?

  46. 46

    @Matthias Schumacher:

    Die Friseuse, die sich nach Feierabend etwas dazu verdienen will?
    Der Handwerksmeister aufm Dorf, der für den Nachbarn „Freundschaftsdienste“ erbringt?
    Die Pflegekraft um die Ecke etc. pp.

    …da gibt es genug Leute, hat aber mit der Diskussion hier eigentlich nichts zu tun…

  47. 47
    neonette

    @matthiasr: Laut vorhin gesichteter Stellenanzeige im Lidl verdient man dort mind. € 10,45/h plus Zuschläge. Das ist etwa doppelt so viel wie eine caritative Einrichtung für ihre Bürokraft zahlen wollte.

  48. 48

    Diese Bericht ist nicht nur redaktioniell eine Katastrophe somdern auch schlecht recherchiert!!

    jeder von uns in dieser Gesellschaft kann etwas besonders gut und macht es besonders gerne, es sollte keine Schande sein gerne zu putzen, es sollte auch keinen Unterschied machen im Supermarkt an der Kasse zu sitzen oder Arzt zu sein, beides könnten Menschen sein die das machen was sie gerne und gut machen, wenn sie es dann machen!!

    Es gibt keinen höher wertigen Job, alles trägt zu einer Gesellschaft bei, in der wir leben, wir sollten einfach wieder lernen ein wenig besser miteinander zu leben und nicht permanent gegeneinander weil wir dem anderen nichts gönnen!!

    Der Mensch gibt sehr ungerne Macht ab, nur wird diese in einer guten Gesellschaft nicht gebraucht, also denke ich wird es leider noch ein wenig dauern mit dem BGE!

    Für alle Befürworter des BGE,
    http://www.grundeinkommen.de/services

    Götz Werner ist hier ein sehr gutes Vorbild was das Verständnis für ein neues Miteinander angeht, wenn wir die Möglichkeit für ein Bedingungsloses Grundeinkommen haben, sollten wir sie nutzen und wir haben Sie!!

    Lebenszeit ist das Schlüsselwort, es hat einen Sinn warum wir hier sind!

  49. 49

    Ein Grundeinkommen bedeutet, Arbeit und Einkommen voneinander zu entkoppeln, und es würde wohl auch nicht dazu führen, dass jeder mit dem Allerwertesten auf der heimischen Polstergarnitur verharrt. Manche schon, aber eben nicht alle und nicht permanent. Vielmehr würde es bewirken, dass Menschen weniger erpressbar wären, dass sich Betriebskulturen verändern müssten und dass das Individuum seine Tätigkeiten bewusster und motivierter ausüben könnte. Weniger Krankenstand, weniger Ellenbogen, weniger Grund, ins Grab zu gehen, ohne im Leben getan zu haben, was man tun wollte.

    Und das soll gehen? Und wie genau? Was hängt alles dran an so einer verrückten Idee? Bringt dann noch einer den Müll weg? Oder sitzt bei Aldi an der Kasse? Was sagen Konzernchefs, Banker, Wissenschaftler und Politiker dazu?

    Daniel Häni und Enno Schmidt haben einen 100-minütigen Dokumentarfilm zum Thema „Grundeinkommen“ gedreht. Sehr informativ und sehr realitätsbezogen – im letzten Drittel wird fast nur noch gerechnet ;-) . Der Film ist unter der Creative Commons-Lizenz erschienen und darf – und SOLLTE – also weiter verbreitet werden!
    http://www.kultkino.ch/kultkino/besonderes/grundeinkommen

  50. 50
    Floda Nashir

    Es gibt ja so viele verschiedene Modelle zum Thema BGE – rechte, linke, soziale, unsoziale –, dass man da gar nicht einheitlich drüber reden kann. Aber alle haben doch den Ansatz, den Zwang zur Arbeit aufzuheben, weil ja langsam allen klar wird, dass nicht für jeden (Lohn-)Arbeit da ist. Insofern finde ich die Idee gut, aber sie lässt sich – ähnlich wie andere Utopien – nur schwerlich auf nationalen oder regionalen Wegen umsetzen, oder?

  51. 51

    Ist mit Sicherheit etwas dran. Stellt sich dann die Frage nach der Arbeitszeit, und wie sie zu beurteilen ist. Interessantes ist im Buch „die 25-Stundenwoche“ mit dem Vorwort von Oskar L. lesenswert. Die Praxis wird es belegen.

  52. 52
    Denkerlein

    Essen muss ich, um überhaupt tätig werden zu können. Tätig werden will ich um über mich selbst hinauszuwachsen, um meine Grenzen kennenzulernen und ständig zu erweitern, um dazuzugehören, um eine Spur zu hinterlassen.

    Wären mir 1000 Euro genug? Nein! Muss ich allerdings deswegen nur „gut bezahlte Jobs“ annehmen dafür? Nein! Es wird sich mit einem BGE jeder fragen müssen was er will, und wie er das am besten umsetzt.

    Wenn bestimmte „einfache“ Jobs teurer werden würden… dann gäbe es endlich mal einen dem Menschen zugewandten marktrelevanten Mechanismus des technologischen Fortschritts.

    In London bspw. haben viele Supermarktketten keine Kassierer mehr , da stehen Automaten, an denen die Kunden sich selbst abrechnen.

    Selbstreinigende Klos? Werden kommen. Massenhaft.

    Müllabfuhr? Putzarbeiten? Logistik? Post? Feuerwehr? Tendenziell wird es überall in den kommenden 20-50 Jahren immer weniger Menschen zur Leistung der gleichen Arbeit brauchen. Das erlaube ich mir als Ingenieur mal so vorrauszusagen.

    Das Problem in der heutigen Realität? Den Menschen gehts dadurch immer schlechter, obwohl doch die gleiche Leistung erbracht wird wie vorher auch. Das wird tendenziell immer weiter so laufen, wieso muss das etwas Schlimmes sein?

    Uns fehlen heute schon die Arbeitsplätze? Ja mensch, wollen wir uns kollektiv ernsthaft darüber aufregen, dass uns die Arbeit ausgeht, während wir in Ware ersticken?!

    Die Leute sind nicht genug qualifiziert? Ja mensch, können wir es uns in der heutigen Zeit wirklich leisten, den Leuten selbstständige und eigenverantwortete Qualifizierung zu versagen, indem wir sie mittels Arbeitszwang zu Tätigkeiten zwingen, die sie u.U. gar nicht machen wollen? Können wir es uns leisten, dass Menschen nach einschneidenden Erlebnissen erst gar nicht in die Lage versetzt werden, ihr Leben von Grund auf neu zu ordnen? Sich auszuprobieren, durch Fehler zu lernen?

    Und bevor jemand dazwischenruft und meint, man könne sich ja heute schon immer weiterbilden wenn man das will. Ja, das kann man. Aber das bedeutet immer auch Fehler machen, und aus diesen lernen. Das bedeutet immer Unsicherheit und völliges Infragestellen der bisher gelebten Realität. Das braucht Zeit. Das braucht Freiraum.Wieso haben Studenten „so viel Zeit“?

    Ganz einfach, weils diese Zeit braucht damit nachhaltig und konkret etwas wachsen kann.

  53. 53
    Frédéric Valin

    @Denkerlein: Jetzt hätte ich ganz gerne noch ein Szenario für den sozialen Sektor.

  54. 54
    ichier

    @Stefan: quatsch. will ich natürlich nicht. aber das ist meine meinung. ich finde ein studium ist nichts wert. außerdem weißt du nicht was die klofrau studiert hat und in ihrem leben bereits geleistet. ein studium ist sicher angenehmer als eine putzkraftvorgeschichte. und fakt ist: ich arbeite sehr sehr viel lileber als it-fuzzi als als putzmann! also würde ich fürs putzen mehr geld verlangen. und genau das meine ich mit endlich gerechtfertigte löhne. das ist alles eine frage der einstellung, weiter nichts, aber ich will hier natürlich definitiv nicht vorschreiben wie löhne auszusehen haben, dann funktioniert ja das umgekehrte kapitalistische system nimmer, in dem arbeit so bezahlt wird wie sie wert ist. Und wie Martin(29) und auch ich feststellen, diese Berufe werden aussterben.
    @victor(31) sozialisation für alle, klar, aber eben nicht durch arbeit! …was ohnehin nicht machbar ist, siehe vollbeschäftigung. warum vergessen immer alle daß es nicht geht, daß alle vollzeitarbeiten? und warum denken so viele, daß es dennoch so sein müsste? wie absurd! statt sich selber mehr frei gestaltbare zeit zuzusprechen, sollen lieber alle anderen auch arbeiten?

    übrigens: seit vielen jahren denke ich immer wieder in bestimmten situationen, in denen mir mißstände in der geselschaft, oder im kleinen, auffallen: das würde es alles mit einem grundeinkommen nicht geben. beispiel soziale arbeit (und zivildienst). gäbe es keinen zivildienst mehr (und das steht ja auch bevor) würde es zunächst noch weniger und vermutlich noch schlechter bezahlte soziale arbeit geben. auf der anderen seite gibt es viele menschen, die -vorrausgesetzt sie hätten die möglichkeit- gerne z.B. alle 2 wochen für 2h ins altersheim gehen würden und irgendwo aushelfen. und dies mit muße! das festangestellte und – im gegensatz zu den zivildienstleistenden – qualifizierte personal müsste dennoch besser bezahlt werden und vervielfacht – es ist ja nicht so, daß es hier an jobsuchenden fehlen würde…

  55. 55
    Denkerlein

    @Frédéric Valin: Inwiefern? Du möchtest ein Szenario in dem das BGE sich positiv auf die Pflege, die Erziehung, den Umgang der Menschen untereinander auswirkt…?

    Zunächst: das BGE ist keine Antwort auf alle Probleme die wir haben. Es
    schafft in erster Linie ein gesellschaftliches Klima und Umfeld, in dem Vieles, das heute nicht möglich ist, überhaupt erst mal ermöglicht wird.

    1) Die Alterspflege ist ein gesellschaftliches Problem vor dem wir stehen, mit BGE oder ohne BGE. Ich möchte, falls ich deine Anfrage zu nem Szenario richtig verstanden habe, eine Gegenfrage stellen: Glaubst du, es ist der richtige Weg unsere Eltern minderqualifizierten Zwangsarbeitern zu überlassen? Das ist es nämlich, wie es im Moment läuft. Das schreit einem förmlich überall entgegen wenn man sich mit der Problematik beschäftigt.

    Wie sich das BGE hier mit all seinen entstigmatisierenden, dem Menschen zugewandten Effekten auswirken wird…? Wirkt es sich überhaupt aus? Wie wollen wir das „sich um unsere Eltern“ kümmern entlohnen? Wieviel soll es Wert sein?

    Alles Fragen, die sicherlich weiterer Diskussion bedürfen. Das BGE löst nicht alle Probleme. Es ermöglicht in erster Linie mehr Freiraum für den Einzelnen, mehr Initiative. Es eröffnet Möglichkeiten sich auszuprobieren, Seiten an sich jenseits des einkommensfixierten, Existenzangst-untermauerten „Mehrwert Schaffens“, das derzeit regiert, zu entdecken.

    2) Erziehung
    Und dasselbe Spielchen auch hier.. was sollte sich hier ändern durch ein BGE…? Ich denke, es wäre eine sehr positive Entwicklung, wenn die Lehrer, die nach 5 Jahren merken wie sehr falsch sie in diesem Beruf eigentlich sind, nicht für ihr Leben lang dort verweilen -müssen-, da sie sonst ihre Existenz verlieren.
    Andererseits wird es sich sicherlich positiv auf die Schulen auswirken, wenn mehr Menschen mitten aus der Gesellschaft, aus freien Stücken, Lehrer werden würden. Ist das derzeit möglich? Kaum.
    Die besten Lehrer die ich hatte, waren Quereinsteiger mit Ahnung vom Leben.

    3) Der „soziale Kitt“
    Oulala. Also wenn ich mir diese Niedertracht anschaue, die in der Gesellschaft durch Arbeit so vorherrscht. Diese Opferrollen von Menschen, die sich in ihrem Job gefangen sehen und jegliche Perspektive verloren haben. Diese Leute, die zu ihren Mitmenschen so hart sind, „weil sie es selber so hart haben“…

    Wie verschafft man sich überhaupt „Perspektive“? Wie schafft man neuen Lebensmut? Etwas Neues zu wagen…? Den Blick auf andere Arten zu Leben zu lenken?

    Götz Werner hat so Recht wenn er frech in den Raum stellt, es wäre doch „interessant“ zu sehen wie die Leute reagieren würde man ihnen sagen: „Hey, DU bist verantwortlich für dein Leben. Nicht die Umstände in denen du groß wurdest, nicht die Umstände der letzten 5 Jahre, DU!“.

    Die „größten“ Menschen die ich kennenlernen durfte, sind die, die sich selber so viel wie möglich ausprobieren durften, in allerlei Rollen. Das sind die, die durch eigenes Tun, durch eigene Fehler gelernt haben ihr Leben so zu gestalten, dass Sie selber damit klarkommen. Selbstbestimmtes leben eben.

    Würde diese niederträchtige, fremdbestimmte, angstmachende Instanz, dieses Henkersbeil über unseren Köpfen wegfallen… würde sich das auf das soziale Miteinander auswirken? Umm… JA!

  56. 56
    Robert

    Interessant ist die Seite
    http://www.grundeinkommen.tv
    Dort kann man einen Film von zwei Schweizern zum Thema runterladen, die rechnen z. B. die Finanzierung wunderbar zum mitdenken aus….

  57. 57
    Wolfgang H

    @mattiasr
    „Die Grundeinkommensdebatte hat nicht mit Götz Werner angefangen, wird da, wo es um konkrete Modelle geht, nicht von ihm geführt (weil er sich wie ein Pudding an der Wand nie auf etwas konkretes festnageln lässt)…“

    Mein Einstieg in die Grundeinkommensaktivität hat mit dem Artikel in der Brand 1 in 2005 begonnen. In dem Artikel hat Herr Werner den Gedanken des Grundeinkommens so formuliert, dass er mich spontan angesprochen hat.
    Mich erstaunt , dass immer vom Modell Werner im Vergleich mit anderen Modellen gesprochen wird. Matthias.R hat sehr deutlich bemerkt, dass Herr Werner in der Debatte um die Modelle keine Rolle spielt. Dies ist nicht das Ziel von Herrn Werner; daher auch der Pudding….
    Es geht ihm im Grunde um die Ebenen darüber, über die Frage des Finanzierungsansatzes. Hier stehen sich nicht Modelle gegenüber sondern Steueransätze. Einkommensteuer- Konsumsteuer.
    Hierbei geht es um die Wirksamkeit der Steuererhebungen. Und dazu hat Herr Werner deutlich auf den Initiative fördernden Aspekt der Konsumsteuer hingewiesen.

    Gegenüber der Einkommensteuer die auf einer Grundlage erhoben wird, die vergangenheitsbezogen ist , weist der Konsumsteueransatz in die Zukunft. Nicht woher jemand das Geld hat wird als steuerliche Frage gestellt, sondern was derjenige damit vor hat ist hier entscheidend.

    Wer sich die Verläufe der Steuern in Unternehmen einmal verdeutlicht, wird bemerken, dass die Konsumsteuer keine persönliche Steuer ist und niemand aus steuerlichen Gründen persönliche Daten preis geben muss.

    Dies sind Zwei zunächst ins Auge fallende Aspekte. Viele Andere können noch entdeckt werden.
    Wenn dies bedacht wird, können ganz andere Modelle und Verfahren für den gesellschaftlichen Ausgleich entwickelt werden.
    Das Grundeinkommen wird sich durch dieses Verständnis auch in eine andere Richtung weiterentwickeln. Es können Modelle Grüner, Linker, Bürgerlicher, Liberaler…… auch mit diesem Steueransatz der Konsumsteuer konkurrieren, so wie es heute im Bereich der Einkommensteuer schon geschieht.

  58. 58

    @marcel: Vollkommen richtig. Denn ewig sparen kann er nicht (und wenn doch, senkt er die Inflation) und wenn er mit seinem Geld doch etwas anfangen möchte, zahlt er ja dann zum Zeitpunkt des Konsumierens ja auch wieder die entsprechende Steuer.

  59. 59

    @Wolfgang H: das heißt, Götz Werner geht es um eine Steuerreform, nicht um eine Reform der Sozialsysteme? Das ist es eben, was mich daran so stört: GW stellt Grundeinkommen und USt-Finanzierung als eine Einheit dar – sie sind es nicht. Das Grundeinkommen funktioniert sehr gut im derzeitigen Steuersystem – indem es u.a. die Steuerfreibeträge und (ganz oder teilweise) die explizite Progression ersetzt. Im Prinzip würde auch eine reine Umsatzsteuerfinanzierung des Staatshaushaltes (die Werner ja fordert) ohne ein Grundeinkommen funktionieren, sie wäre nur sehr unsozial.

    Diese reine USt-Finanzierung hat nämlich m.E. einige gravierende Probleme: die Umsatzsteuer wirkt effektiv degressiv, weil eben doch die Menschen, deren Einkommen gerade zum leben reicht, dieses eben vollständig verkonsumieren. Zudem hielte ich es für fatal gefährlich, die Finanzierung des Staatshaushaltes auf eine einzige Säule zu stellen. Die relative Krisenfestigkeit des Staatshaushaltes entsteht auch dadurch, dass nicht alle Einnahmequellen auf einmal wegbrechen. Der Konsum geht in Krisenzeiten (=Angstzeiten) immer als erstes, am schnellsten und am stärksten zurück.

    Auch die „aktivierenden Potentiale“ kann ich da nicht wirklich sehen – letztlich rechnen doch sowieso alle in realen Werten. Grob vereinfacht: Der Bäckereibesitzer rechnet damit, wie viele Brote er verkaufen muss, um den Arbeitgeberbrutto (also inkl. aller Abgaben) für die Verkäuferin zu bezahlen – und die rechnet damit, wie viele Brote sie sich von ihrem Netto kaufen kann. Was soll sich da durch Steuerverschiebungen ändern? Die beiden Zahlen rücken näher zusammen, im Endeffekt hätte sich aber nichts geändert.

    Und zu guter Letzt vernachlässigt Werner auch fahrlässig, dass wir eben nicht alleine sind auf der Welt. Zum einen stecken Reichere eben nicht ihr ganzes Geld irgendwann in den Konsum – sie horten es, legen es an, investieren. Unter Umständen im Ausland. Und dann? Andersherum würden Waren, die exportiert werden, gar nicht mehr besteuert (weil darauf keine Umsatzsteuer anfällt) – andererseits importierte Waren doppelt: mit EInkommens- und Unternehmenssteuern im Ursprungsland, mit der Umsatzsteuer hier. Seit langer Zeit hat Deutschland einen Exportüberschuss, das Ganze wäre also ein Minusgeschäft.

  60. 60
    Nico

    Werner ist eben kein Volkswirt, sondern ein Unternehmer. Auf jeden Fall ein sehr sozialer Unternehmer, keine Frage. Mir gefällt sein Führunststil. Aber BWL und VWL sind doch eben zwei schwer verschiedene Dinge.

    Er denkt glaub ich viel zu sehr im Rahmen einer geschlossenen Volkswirtschaft, sieht es ja als Wettbewerbsvorteil, wenn alles nur noch über die Konsumsteuer geregelt wird. Weil der Unternehmer keine Lohnnebenkosten hat. Aber das ist die Milchmädchenrechnung.

    Aktuell: Produkte enthalten Anschaffungskosten der Maschinen, Gewerbesteuern, Lohn- und Lohnnebenkosten sowie Umsatzsteuer. Grob jetzt. Transportkosten und Umweltsteuern mal rausgelassen.

    Mit Konsumsteuer: Produkte enthalten Anschaffungskosten der Maschinen, Lohnkosten und Konsumsteuer.

    Aufgepasst. Wie hoch wird wohl der Lohn, wenn Arbeitnehmer sich Produkte kaufen und nebenbei eine hohe Umsatzsteuer zahlen?

    Richtig. Der Unternehmer wird einen Lohn zahlen müssen, der so hoch ist, dass der Konsument das, was vorher über Gewerbesteuern, Lohn- und Lohnnebenkosten in der öffentlichen Hand landete, in Form der Konsumsteuer aufbringt.

    Letzten Endes muss der Staat doch trotz allem jährlich seinen Haushalt pflegen und da kommt einiges zusammen. Ein Grundeinkommen, höher als die staatlichen Aufwendungen für HartzIVer und Aufstocker wäre soweit nicht finanzierbar.

    Außerdem sehr gefährlich: Man verliert mit der Beschränkung im Steuerrecht auf die Konsumsteuer absolut die Kontrolle über soziale Umverteilung. Dies könnte zwar über die Höhe des Grundeinkommens geregelt werden, doch ist diese Stellschraube ungeeignet, da zum einen Inflationsgefahr droht und zum anderen der Anreiz eine Arbeit zu verfolgen, die der Gemeinschaft dientlich ist und nicht nur sich selbts oder gar nichts produktives zu tun, immer größer wird.

    Über einen sozial verträglichen Mindestlohn, und eine radikale Steuerreform können wir aber gerne mal nachdenken, damit Steuern sparen und zahlen tatsächlich demokratisch ist und das geht nur über Transparenz, beziehungsweise einen gleichermaßen Zugang zu den nötigen Methoden (ohne extra Steuerberater).

  61. 61
    Nico

    @matthiasr: Umsatzsteuer wird auch aktuell nicht auf den Export erhoben.

    @Victor: Ein absolut unverständliches Bild von Erwerbslosen. Nimm Platz an einem Stammtisch. Aber so eine unsachliche Brandstiftung ist einfach nur daneben.

  62. 62
    bodo banane

    @Frédéric Valin:
    Der soziale Sektor krankt meiner Meinung nach an der Überbelastung. Die Jobs sind die Hölle, weil nicht genug Zeit da ist. Es gibt genug Menschen die diese Jobs gerne machen würden, wenn sie dazu in der Lage wären die Anforderungen adequat zu erfüllen.

  63. 63
    Martin

    Also ich finde auch, dass man darauf hinweisen muss, dass Konsumsteuer und Grundeinkommen zwei unterschiedliche Dinge sind. Ich habe mir über die Konsumsteuer noch kein endgültiges Urteil gebildet, glaube aber dennoch nicht, dass es sozial ausgewogen ist. Da gefällt mir ein Steuermix besser, wie es derzeit ja passiert.

    Das Grundeinkommen ist jedoch die logische Folge der Industrialisierung. Vollbeschäftigung dagegen ist es, was absolut utopisch ist – und im Übrigen ist es auch innovationsfeindlich. Denn Rationalisierungen, das sinnvolle Unternehmerdenken, dürfen nicht passieren, wenn das Ziel „Vollbeschäftigung“ heißt.

  64. 64

    Ob die negative Einkommenssteuer ein sinnvolleres Instrument wäre?
    Link: http://de.wikipedia.org/wiki/Negative_Einkommensteuer

  65. 65

    @Yannick: Solange es eine Einkommensteuer gibt, ist das ein rein verwaltungstechnischer Unterschied. Letztlich läuft es darauf hinaus, ob das Grundeinkommen (für abhängig erwerbstätige) erst überwiesen und dann per Einkommensteuer wieder eingetrieben oder gleich als Steuerfreibetrag verrechnet wird. Für Selbständige und andere müsste die Auszahlung ja so oder so organisiert werden.

    Welche Variante günstiger ist (Verwaltungskosten vs. Kosten von Geldmassen, die im Kreis fließen) müssten ggf. die Experten entscheiden, politisch ist das m.E. kein großer Unterschied.

  66. 66

    @matthiasr: Das Grundeinkommen ist eben nicht an das Einkommen gekoppelt, sondern an die Staatsbürgerschaft. Je nach Ausgestaltung tendiert auch der Umverteilungseffekt gegen Null (es muss ja nicht über eine asoziale Konsumsteuer finanziert werden). Von der negativen Einkommenssteuer hingegen profitiert nur, wer unter dem Freibetrag liegt, also ist sie eigentlich das, was wir haben, nur ohne die unsinnige Bürokratie, ausserdem ist das Ganze nicht in die Luft geplant und lässt sich durch die Höhe der Wippe steuern, im Gegensatz zum Grundeinkommen, welches, in der propagierten Höhe, von einem mehr oder minder gutgläubigen Menschenbild ausgeht.

  67. 67

    @Yannick: Das ist auch bei einem Grundeinkommen so. Alle einkommensteuerbasierten Modelle sehen eine Abschaffung des Steuerfreibetrages vor – wer gut verdient zahlt dadurch so viel mehr Steuern, dass das das zusätzliche Grundeinkommen mehr als ausgleicht.

    Einfaches Beispiel (weil gut zu rechnen): Flat Tax, 50%, X € Grundeinkommen hat genau den selben Effekt wie Flat Tax, 50%, Negative ESt. mit 2*X € Freibetrag. Außer für die natürlich, die ganz aus dem Einkommensteuersystem rausfallen, z.B. weil sie gar keine Erwerbsarbeit haben. Die müssen aber auch versorgt werden – und warum sollte man dafür noch ein getrenntes Sozialhilfesystem vorhalten?

  68. 68

    matthiasr: Nö, das Grundeinkommen wird durch monatliche Zahlungen direkt aufs Privatkonto aufgrund der Staatsbürgerschaft geleistet, an jeden. Bei der negativen Einkommenssteuer erhält der Reiche im Gegensatz zum BGE gar nichts. Bei einem Grundeinkommen über die Konsumsteuer zahlt der Arme grundsätlich mehr als der Reiche, da Konsumsteuern vor allem für Fixkosten (wie Lebensmittel) anfallen.

  69. 69

    Du liest gar nicht, was ich schreibe, oder? „Der Reiche“ überweist sein Grundeinkommen mit der Einkommensteuer sofort wieder zurück. Ob das Hin und her sein muss, weiß ich nicht, ist mir aber auch egal. Da gibt es keinen Unterschied.

    Also doch ein Beispiel bei, sagen wir, 3000 € / Monat steuerpflichtigem Einkommen.

    Flat Tax, 50%, 1000 € Grundeinkommen: Bekommt 1000€ vom Finanzamt und 1500€ vom Arbeitgeber überwiesen. Arbeitgeber überweist 1500€ ans Finanzamt. Bilanz: Arbeitgeber -3000€, Arbeitnehmer +2500€, Finanzamt +500€.

    Flat Tax, 50%, 2000 € Freibetrag: Bekommt 2500€ vom Arbeitgeber überwiesen. Arbeitgeber überweist 500€ ans Finanzamt. Bilanz: Arbeitgeber -3000€, Arbeitnehmer +2500€, Finanzamt +500€.

    Same difference.

    Von Grundeinkommensfnanzierten Modellen rede ich gar nicht, dass ich die aus mehreren Gründen nicht gut finde steht schon weiter oben.

  70. 70

    @matthiasr: „Von Grundeinkommensfnanzierten Modellen rede ich gar nicht, dass ich die aus mehreren Gründen nicht gut finde steht schon weiter oben.“ Dann redest du an meinem Post vorbei. ;)

  71. 71
  72. 72
    Wolfgang H

    Mit dem Grundeinkommen wird unser Sozialsystem auf ganz andere Füße gestellt, egal mit welchem Finanzierungsansatz. Die Steuersysteme werden sich zwangsläufig ändern. Daher stellt sich die Frage nach einer Reform der Sozialsysteme im Zusammenhang mit dem Grundeinkommen nicht. Eine Steuerreform ist bei einem Einkommensteuer finanzierten Ansatz auch nötig.
    Ich denke Herrn Werner geht es um den freien Menschen, die Würde und ein gesellschaftliches Miteinander, zu dem sich jeder einbringen kann.

    Wodurch Ihr Gedanke der Einheit zustande Kommt kann ich aus den Äußerungen von Herrn Werner nicht nachvollziehen. Das eine ist die Idee jedem Bürger ein Grundeinkommen auszuzahlen, das Andere ist die Frage wie es gesellschaftlich organisiert wird.

    Haben sie dieses wirklich so an der letzten Krise erlebt? Gerade hier war doch erstaunlich, dass der Konsum zunächst nicht eingebrochen ist. Dass die gesamte Problematik im investiven Bereich lag.
    Die Lager der Unternehmen wurden nicht aufgefüllt, weil es kein Geld für Kredite gab, Investitionen wurden nicht getätig. Mitarbeiter aus diesen Bereichen wurden freigestellt. Dadurch fielen die Einnahmen des Staates aus der Einkommensteuer und den Lohnabgaben weg…..

    Es muss die ganze Kette der Wertschöpfung ins Auge gefasst werden um die Unterschiede Der Einkommenssteuer und der Konsumsteuer zu verstehen. Wenn ich nur auf diese begrenzte Situation schaue, wird die Tragweite der Unterschiede der Steueransätze nicht klar. Jedes in der arbeitsteiligen Wertschöpfungskette stehende Unternehmen muß die Produkte vom vorherigen Unternehmen erwerben. Dazu wird er den Produktpreis zahlen, in dem auch die bisher geleisteten Steuern und Abgaben als Summe enthalten sind.
    Da diese Einkäufe durch Kredite finanziert werden , muss auch der Staatsanteil über diese Zwischenkredite finanziert werden. Hier fallen also schon für den Staatsanteil Zinsen an, die wiederum auf der nächsten Stufe auch über Kredite finanziert werden. Bis am Ende der Kunde alles Zahlt inklusive Zinsen. Mit einer Konsumsteuer findet dies eben nicht statt. Hier warten wir als Gesellschaft bis das Produkt tatsächlich den Endkunden erreicht hat. Die Steuern und Abgaben Summieren sich nicht. (Durch den im Umsatzsteuerverfahren eingebauten Vorsteuerabzug) Weder Kredit noch Zins fallen durch diese Steuer an.

    Klar fällt bei Exporten die Konsumsteuer weg. Unsere Gemeinschaftskosten werden eben nicht exportiert. Unsere Produkte werden im Ausland konkurrenzfähiger. Ärmere Länder könnten sie sich jetzt auch leisten und eventuell noch einen Aufschlag für Ihre Steuern drauflegen um Ihre Gemeinschaftseinrichtungen zu finanzieren. Und natürlich kommt auf den Import die Konsumsteuer. Dabei kann es tatsächlich so sein wie beschrieben, aber vielleicht ändern diese Länder ja ihr System. Andererseits werden Billigprodukte auch mit der Konsumsteuer belegt. Dadurch fließt nicht mehr der ganze Gewinn an einzelne Menschen die diese Ware günstig Importieren, sondern auch in die Taschen unserer Gesellschaft. Die Weltgemeinschaft wird eben nicht übersehen sondern mit bedacht.

    Na ja, Minusgeschäft,,,, vielleicht wird dann tatsächlich die Binnennachfrage durch ein höheres Grundeinkommen angefacht???

  73. 73
    Alex

    Ich habe mich schon eine Weile mit dem Grundeinkommen beschäftigt und wenn es so umgesetzt würde und funktionieren wie von G. Werner beschrieben, wäre das sehr erfreulich. Ich habe allerdings die Befürchtung, dass von unseren netten Politikern, eher ein neoliberales Modell vorgezogen werden würde. Der Ansatz von Thomas Straubhaar z.B. wirkt auf mich sehr abschreckend. Da sollen mit dem Grundeinkommen „Anreize“ geschaffen und das läuft dann darauf hinaus, dass sozialen Leistungen gestrichen werden und das Grundeinkommen möglichst niedrig angesetzt wird, um die Menschen in Arbeit zu zwingen. Dann haben wir weder eine bedarfsgerechte existenzsichernde menschenwürdige Grundsicherung, noch mehr Freiheit errungen, ganz im Gegenteil.

  74. 74

    @matthiasr: Was du als Grundeinkommen beschreiben hast, ist kein Grundeinkommen, sondern ein Partizipationseinkommen (Auszahlungsbedingung: Teilnahme am Arbeitsmarkt). Auch dieses ist nicht deckungsgleich mit der negativen Einkommenssteuer. Der Gini-Koeffizient (0.161) ist bei der negativen Einkommenssteuer am Niedrigsten von allen Transfermodellen.

  75. 75

    Eigentlich habt ihr schon alles gesagt.

    Fasse zusammen:

    Götz Werner (66), bekennender Anthroposoph,
    hat sein Vermögen in eine Stiftung eingebracht.
    Dass er nahe an meinem Arbeitsplatz wohnt ist purer Zufall.

  76. 76

    Gerade rausgefunden: Im Washington State, USA, gibt es keine Einkommensteuer, der Staatshaushalt finanziert sich im Wesentlichen durch die Sales Tax. Also ziemlich genau das, was sich Götz Werner wünscht. Das Ergebnis: im Durchschnitt 17.3% Steuer für Arme, 2.6% für Reiche. Herzlichen Dank auch.

Diesen Artikel kommentieren