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depub.org: Ziviler Ungehorsam in digitalen Zeiten

Die Idee ist so einfach und gut, dass man sich fragen muss, warum sie nicht schon vorher umgesetzt wurde (nun ja, vermutlich, weil sie mit Arbeit verbunden ist…): Unter http://depub.org/ steht – von bisher Unbekannten initiiert – das Archiv von tagesschau.de zur Verfügung, ein Archiv, das die Öffentlich-Rechtlichen selbst in dieser Form nicht anbieten dürfen.

Denn der Betrieb eines solchen Archivs ist laut Rundfunkänderungsstaatsvertrag illegal, öffentlich-rechtliche Sender müssen ihre Inhalte nach einem Jahr bzw. einer Woche löschen, also „depublizieren“, zudem verstößt das Archiv gegen Urheberrechte.

Das ist den Betreibern von http://depub.org/, die weitere Archive planen, natürlich bewusst, doch es gibt wohl kaum jemanden, der seine Freude über diese Aktion verbergen kann. Schließlich sind die Inhalte der Öffentlich-Rechtlichen aus öffentlichen Mitteln finanziert worden und es ist daher nur sinnvoll, diese Inhalte auch weiterhin der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Der juristische Wahnsinn, der dies verhindern soll, scheint undurchschaubar und es ist daher zu begrüßen, dass sich dem jemand widersetzt – ziviler Ungehorsam in digitalen Zeiten.

Keine andere Aktion hätte die Debatte um GEZ-finanzierte Inhalte und den Unfug der „Depublikation“ besser anheizen können als http://depub.org/.

Weitere Links zum Thema:
Wird NDR gegen depub.org vorgehen? (netzpolitik)
Portal bietet gelöschte Inhalte öffentlich-rechtlicher Sender an (netzwelt.de)
„Depub“ will alle Öffentlich-Rechtlichen archivieren (Interview bei ZEIT Online)

22 Kommentare

  1. 01

    Ja, der richtige Schritt in diesem Wahnsinn.

    Wenn man mit den Lösch-Befürwortern spricht (gerne der ein oder andere Medienschaffende, der täglich wirkungslose Anzeigen verscherbeln oder völligen Nonsens-Content produzieren muss, um die ungesunde Spirale veralteter Geschäftsmodelle am Drehen zu halten), geht es niemals um moralische, pragmatische, politische, ökonomische Argumentationen. Sondern rein um juristische. Was nichts ein darf, das nicht sein kann. Irgendwann stimmen sie mir zu, dass der 12. RVSTV ein Witz ist und dass die Politik das Digitale verschlafen hat und nun mit halbgaren Nachregulierungen mehr Schaden anrichtet als Nutzen schafft, und dass es digitale Autoaggression ist, öffentlich-rechtliche Inhalte zu löschen, dass es fast körperlich weh tut, diese destruktive Scheiße im eigenen Land passieren sehen zu müssen.
    Aber der Schlusssatz ist immer: „Das ist halt so geregelt, das muss jetzt so gemacht werden.“

    Wirklich eine Gelegenheit zur chronischen Misanthropie. Oder für den digitalen Ungehorsam von Depub. Oder für Galgenhumor. In einem fernen Königreich läuft es nämlich nicht besser: http://alrightokee.de/verlierer/ein-marchen-aus-einem-fernen-medienkonigreich/

  2. 02
    Gambrosch

    Und deswegen brauchen wir dringend Internet-Sperren. Löschen geht ja dank depub.org nicht mehr. Also muss der Deutsche Michel mit dem Stoppschild vor diesem illegalen Content geschützt werden…

  3. 03

    Danke für die Information. War mir garnicht klar, das es eine Pflicht zur Depublikation gibt. Ich bin ja so ein digitaler Naivling. ;-)

  4. 04

    Ob es dieses Thema überhaupt in die Print-Medien schaffen wird?
    Die würden sich damit ja selbst ins Knie schießen, wenn sie auch noch helfen würden, ihren eigenen Unfug (das Wettern gegen die Ö-R) wieder rückgängig zu machen.

  5. 05
    Klaus

    Die öffentlich-rechtlichen müssten doch nur ihre Sendungen unter CCL stellen, und überall eine Download Möglichkeit anbieten. Dann würden die Nutzer schon dafür sorgen, dass die Inhalte weiterverbreitet würden.
    Und meines Wissens sind die 20 Uhr Tagesschau und die Tagesthemen sowieso nicht vom depublizieren betroffen. Bin jetzt aber nicht ganz sicher. Ich selbst habe mir schon mal eine offizielle Genehmigung besorgt, einen Beitrag weiter zu verwerten.
    http://www.youtube.com/watch?v=TTDuuhYxs9s
    Wirklich ganz legal.

  6. 06
    Lars

    Weshalb der Unterschied zwischen einer Woche bzw. einem Jahr? Bzw. worauf beziehen sich die beiden Angaben. Im Rundfunkänderungsstaatsvertrag konnte ich bei ersten Durchsuchen nichts darüber finden.

  7. 07

    Finde ich sehr gut, immerhin zahlen wir Geld dafür, so kann man auch später noch sehen was für ein Müll damit produziert wurde. :)

  8. 08

    Anstatt trotzig wie ein kleines ungezogenes Kind auf zivilen Ungehorsam zu machen würdet ihr Deutschen lieber einmal die Demokratie einführen. In der Schweiz haben Bürger was den Gesetzgebungsprozess angeht ein Mitspracherecht, dass sie mit Volksinitiativen und Referenden gegen vom Parlament beschlossene Gesetze ausüben können.

    Sind in Deutschland Nichtpolitiker Bürger zweiter Klasse, die nur das Wahlrecht und die Möglichkeit zum zivilen Trötzeln haben????

  9. 09

    @Roberto: So ist es. Mann kann sich aber einkaufen in die Oberklasse. Beispielsweise: ex-Bahnchef, Mehdorn, Telekomchef, Obermeier und Deutsche Bank Chef, Ackermann, ach der ist ja Schweizer.

    So gesehen hast du mit deiner Theorie in meinen Augen recht. Nicht Bundes- oder Landespolitiker sind Bürger zweiter Klasse und können maximal „abnicken“.

  10. 10
    Mister T

    @Roberto: Au ja. Ich find es Klasse, wenn der Pöbel von rechten Bauernfängern regelmäßig instrumentalisiert werden kann – wer mag schon Moscheen?

  11. 11
    xconroy

    @Roberto:

    Wenn das mal so einfach wäre. Möglicherweise sind ja zielgerichtete, *konstruktive* Aktionen zivilen Ungehorsams ein Mittel dazu, ein kleiner wichtiger Stein auf dem Weg zur direkt(er)en Demokratie?

    Mal „so eben einführen“ geht nicht, damit wäre eine Gesellschaft, die sowas nicht kennt, überfordert. Ihr Schweizer habt ja nach all der Zeit auch noch eure Probleme damit.

    Gut, uns sind ja sogar die USA voraus, die haben auf lokaler Ebene schon deutlich mehr Mitbestimmungsmöglichkeiten als wir. In der Richtung sollten wir ansetzen.

    (übrigens, zum Thema „Konstruktivität“: dein Beitrag gehört nicht dazu – zu aggro und herablassend. Muß sowas sein?)

  12. 12
  13. 13
  14. 14

    Das von Unbekannten unter depub.org bereit gestellte Archiv von Tagesschau-Meldungen ist unter der genannten Adresse zur Zeit nicht erreichbar. Der folgende Link http://200.74.245.87/ scheint jedoch weiterhin zum Ziel zu führen.

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