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Should we stay or should we go?

Ein „zivilisiertes Internet“ fordert Nicolas Sarkozy mit dem eG8-Forum und meint damit das Ende der Netzneutralität. Und zunächst war ich begeistert von der Meldung, dass Cory Doctorow die Einladung zu diesem Gipfeltreffen abgesagt hatte. Die Gefahr einer Instrumentalisierung seiner Person ist schließlich durchaus gegeben, die Wahrscheinlichkeit, dass man ihm zuhören oder ihn ernst nehmen würde, gering, und obwohl ich Gespräche zwischen verschiedenen Netz-Vertretern für prinzipiell richtig halte, würde ich Sarkozy auf der Liste der vertrauenswürdigen Leitfiguren solcher Gespräche höchstens auf Platz 983 einstufen, direkt hinter Homer Simpson.

Doch nach weiterem Nachdenken (das passiert mir manchmal) fand ich es äußerst schade, dass Doctorow nicht dabei war. Denn es ist einfach viel leichter, in der Opposition zu verharren, immer wieder darauf zu bestehen, dass man Dinge besser wisse und könne (wovon ich in diesem Fall zwar ebenfalls überzeugt bin, in anderen aber vielleicht nicht) und nicht einmal als eingeladener Beobachter dabei zu sein, wenn sich die „Gegenseite“ trifft.

„SIE sind NICHT das Internet! WIR SIND ES!“ titelt ein beim Kreativ-Aufruf der Site G8 vs INTERNET eingereichter Beitrag und deutet mit Pfeilen auf die Sponsoren des eG8-Forum, allesamt Medien-, PR- und Technik-Konzerne. WIR, das sind vermutlich all diejenigen, die mit den Organisatoren der Anti-eG8-Gipfel-Site konform gehen, einem Bündnis internationaler und erfahrener Organisationen, die sich für Bürgerrechte im Internet einsetzen und sich dem Gipfel entgegenstellen.

Im Anschluss an den flammenden Aufruf der Site zu kreativen Gegen-Aktionen wird mit Bezug auf die Wortwahl von Sarkozys Einladungsrede süffisant gefragt: „Was ist mit den Netizens, wer repräsentiert sie beim eG8? Sieht ganz so aus, als wären sie nicht ‚Hauptinteressensvertreter‘ genug im Ökosystem des Internet“. Doch man muss darauf leider antworten: „Naja. Manche von ihnen sind einfach nicht hingegangen.“

Und das ist schade. Ich bin sicher, dass jemandem wie Doctorow die Entscheidung der Zu- oder Absage nicht leicht fiel, ich bin aber ebenso sicher, dass er einiges an Kritik aus den „eigenen Reihen“ (allein diese Kampf-Rhetorik, auf die ich mich auch noch einlasse …) hätte einstecken müssen, hätte er zugesagt, und vielleicht spielte diese Aussicht auf endlose Rechtfertigungsdebatten eine kleine Rolle bei seiner Entscheidung.

Dabei wäre es so gut gewesen, ihn vor Ort zu haben. Seine Sicht der Dinge lesen zu können, seine Einschätzung zu hören und seine Fragen (un)beantwortet zu sehen.

Ich stimme ganz sicher nicht in allen Netz-Angelegenheiten mit den Lösungsvorschlägen von Jeff Jarvis überein, doch immerhin schafft er es durch seine Präsenz beim Gipfel, die ein oder andere richtige Frage zu stellen und den französischen Präsidenten zu „leichter Entrüstung“ zu bewegen, und es gelingt ihm, den interessierten Medien eine andere Sicht der Dinge zu vermitteln, als es die offiziellen Statements im Anschluss tun werden.

Cory Doctorow hätte ähnliches auch tun können, selbst als reiner Beobachter und Reporter hätte seine Anwesenheit mehr Wirkung haben können als sein Nichterscheinen. Sicher nicht für den Gipfel selbst, denn Sarkozys Haltung oder die vieler Konzerne werden wohl weder Jarvis noch Doctorow beeinflussen.

Aber für uns.

UPDATE Lawrence Lessig zeigt, warum Anwesenheit gut sein kann.

21 Kommentare

  1. 01
    KOPNR

    Hm. Man muss wohl eingestehen – die Zeiten in denen das Netz user-getragen war sind vorbei. Die Konzerne haben es für sich erobert. Wir haben verloren. Schlimm ist nur dass manche unser Netz zu bereitwillig hergegeben haben. Für ein schickes Telefon und Soziale Netze. Aber die allein waren es nicht. Was wir bräuchten wäre ein Providerloses Internet, ohne Telekomunikationsgesellschaften.

  2. 02
    srm

    @KOPNR: „Wir haben verloren.“ und „Schlimm ist nur dass manche unser Netz zu bereitwillig hergegeben haben.“

    Es gibt kein providerloses Internet, die Infrastruktur/der Zugang muss bezahlt werden, muss ja immerhin auch hergestellt, gepflegt und ausgebaut werden.
    Wenn man sich die Haltung der großen Netzbetreiber und Contentanbieter anschaut, dann lässt sich deutlich sehen, dass eben diese nicht an einer Einschränkung des Netzes interessiert sind.

    Das alte Thema, das eben unsere Oberen keine Ahnung vom Netz und seinem Sinn haben flammt hier wieder auf. Warum schaffen die Regierungen sich kein eigenes Netzwerk in dem sie sicher sind? Also geht es wieder primär um die armen Urheber und ihre Milliardenverluste. Bullshit. Die alte Leier, diesmal hochoffiziell.

    Die geistigen und physischen Väter des Internet hatten für das Netz die Vision, dass es den Menschen den Austausch von Wissen, die grenzenlose Kommunikation eröffnet, und sich im Laufe der Zeit immer neue, unvorhersagbare Anwendungsmöglichkeiten für diese wunderbare Erfindung finden werden (hier vor allem Mr. Licklider).
    Wie du ganz richtig sagst: Wir sind es die das Netz aufgeben. Aber verloren ist noch lange nichts, nur wenn wir aufgeben.
    Von daher gebe ich Johnny recht, bekannte Aktivisten-Gesichter werden uns bei dieser Veranstaltung fehlen, also, lasst und aufbrechen und den Organisatoren von http://g8internet.com/?lang=de nacheifern und unter die Arme greifen!
    Shalom.

  3. 03

    Ich finde es gut, dass Doctorow nicht gekommen ist und hätte es gut gefunden, wenn Jarvis nicht zugesagt hätte.

    Es geht doch sicher nicht um die die Frage, wie man das Potential des Internet bewahren oder gar fördern kann, sondern darum, wie man die Büchse der Pandora wieder schliessen kann. Die Mehrheit der geladenen Gäste ist mit hoher Wahrscheinlichkeit genau daran interessiert. Ohne einen wirklichen Diskurs aber kann aber nicht mehr verlautbart werden, als die vorher verfassten Pressemitteilungen, welche dann von der Qualitätspresse verbreitet werden. Und selbst dieser Kanal vertrocknet zusehends (siehe sz.de).

    Man sollte sie einfach alleine lassen in ihrem Internetwunderland. Wir beherrschen die Protokolle, es gibt freifunk, wir können krypto, wir brauchen nicht mal kino.to.

  4. 04
    klaus m schulz

    Korrigiere: Sarkozy noch nicht hinter Homer Simpson, sondern erst hinter Mr Burns auf platz 997

  5. 05

    @qrios: Ersten Berichten zufolge zeigt sich zumindest ein wichtiger Teil der Anwesenden äußerst erstaunt von Sarkozys merkwürdigen Vorstellungen und lehnt sie ab. Und dein letzter Absatz deutet im schlechtesten Fall auf eine „Techno-Diktatur“: Wir haben Ahnung, ihr nicht, und wir machen unsere eigenen Regeln, denen ihr nicht folgen könnt.

    Ich beherrsche keine Protokolle, auch Freifunk braucht irgendwo Access, und Krypto können sicher auch andere, jedoch nicht einmal ein Zehntel der Bevölkerung (schätze ich jetzt einfach mal so).

    Und das ist dann alles gerecht und demokratisch? Ich wäre gespannt wie die Gesellschaft sich entwickeln würde, wenn das Experten aller Lebensbereiche so sähen.

    „Unser Internet“ gibt es nicht, solange mit „unser“ nicht alle gemeint sind.

  6. 06
    berlinerbaer

    Der Kurzvortrag von Lessig heute morgen geht genau in die Richtung. Die regulierenden Regierungen sind Lobby-gesteuert und deshalb nicht vertrauenswürdig in ihren Handlungen. Nichts neues, aber sehr schön kompakt und plausibel dargestellt. Sollte man sich ansehen! Ab minute 2:00, Link ist geklaut von nerdcore
    http://www.youtube.com/watch?v=gx17SrmGCSE

  7. 07
    BenZol

    Ich finde es gut und richtig. Wir können die Gefahr nur abwenden, indem wir uns nur abwenden.

  8. 08
  9. 09
    frankABc

    @klaus m schulz: dazu fällt mir nur folgendes ein: http://www.youtube.com/watch?v=6pGDDqxzo94
    und so, werden alle kritiker irgendwelcher sperrlisten & hadopi hirngespinste gesehen :-P

  10. 10
    Ste

    Was ist den eigentlich mit der neuen Vereinigung „Digitale Gesellschaft“? Die schafft es immer noch nicht für Öffentlichkeit zu Sorgen. Ich höre nichts, gar nichts. Die sind wohl voll und ganz mit der Enquette-Komission beschäftigt, schade….

  11. 11
    srm

    Nach dem Gipfel ist vor dem Gipfel:
    „Aus dem Katalog der Empfehlungen aus den einzelnen Podien des eG8-Forums verworfen wurde die schärfste Warnung vor einer staatlichen Regulierung des Internet des Urheberrechtsexperten Lawrence Lessig. Er hatte in Paris die Regierungen der Komplizenschaft mit den etablierten, marktbeherrschenden Unternehmen bezichtigt. Weil Regierungen sich immer wieder mit gesetzgeberischen Antworten auf die Seite der „Old Economy“ schlügen, hätten sie das Vertrauen verspielt, sie könnten die richtigen Antworten auf die Fragen der Informationsgesellschaft geben. Diese Aussage von Lessig missfiel insbesondere Stephane Richard, CEO der France Telecom.“

    via http://www.heise.de/newsticker/meldung/Nachricht-an-die-G8-Netzregulierung-eher-unerwuenscht-1250668.html

  12. 12

    solange alte herren an der macht sind, für die das internet grundsätzlich etwas böses ist das sie nicht verstehen, solange wird es versuche geben, die rechte des einzelnen im netz mehr und mehr zu beschränken.

  13. 13

    @srm: Genau. Und diese Meldung ist so viel wichtiger als die darüber, dass jemand abgesagt hat.

  14. 14
    Alex

    #eG8 – You are not the Internet! Youtube Video: http://bit.ly/jLIBbx

  15. 15

    @Alex:

    dyves1974 hat seine Ansicht kundgetan.

    Anhand der modernen Infrasrtruktur, kommt mal wieder das Thema auf, ob das einfach zu nutzende Internet mehr Fragen aufwirft als jemals Lösungen gefunden werden.
    – Andere reden über DSL+Anschlüsse –

    Mein ja nur

  16. 16

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