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KONY2012 und Invisible Children

kony

Noch nie habe ich ein Video so oft mit der Bitte, nein, Aufforderung zur Weiterverbreitung erhalten, wie den Film mit dem Titel KONY 2012 von Invisible Children in den letzten Tagen.

Sollten die vielen Distributoren durch diesen Clip dazu animiert worden sein, sich tiefer in die Gräueltaten des irren Massenmörders Joseph Kony und die LRA einzulesen; sollten sie dadurch auf weitergehende Informationen zu den komplexen Problemen in Uganda und anderen afrikanischen Staaten oder den schwierig zu beantwortenden Fragen rund um internationale Hilfe für diese Staaten neugierig geworden sein; sollte der Clip gar dauerhaftes persönliches Engagement in Sachen Menschenrechte angespornt haben … dann ist das gut.

Falls der Clip aber nur weitergereicht wird, weil er zutiefst erschütternd ist und man hofft, allein mit seiner Verbreitung etwas zu ändern, falls jemand glaubt, der Mann wäre erst jetzt und durch dieses Video im Visier von Menschenrechtsorganisationen und anderen, falls jemand gar Geld an Invisible Children geschickt hat – dann bitte ich darum, vor dem nächsten SHARE-Klick doch noch ein paar Stunden der eigenen Recherche zu investieren, ich liefere hoffentlich mit den Links in diesem Posting einige nützliche Startpunkte.

Denn leider ist die ganze Sache mal wieder nicht ganz so leicht durch Social Media zu lösen, und das geht schon mit den Video-Absendern Invisible Children los.

Die Invisible Children Inc ist eine NGO, die von drei Filmemachern geleitet wird und in US-amerikanischen Blogs schon länger zumindest mit Argwohn, aber auch mit klaren Warnungen betrachtet wird. Nur etwa 31% der recht hohen Einnahmen der Organisation fließen tatsächlich in die vorgegebenen Anlässe, also auch die Unterstützung von Anti-Kony-Maßnahmen. Gerade diese sind jedoch mehr als fragwürdig und einer der Hauptkritikpunkte an Invisible Children, denn die Organisation unterstützt offen die Armee von Uganda (und andere Militäreinheiten, mit denen die Invisible-Children-Macher auch mal posieren) und somit ein militärisches Vorgehen gegen den Wahnsinnigen Kony.

Wer nun meint, dass man mit Gewalt einen Mann niederstrecken kann, der eine Kinder-Armee um sich scharrt, der nimmt bewusst in Kauf, dass bei solchen Versuchen viele weitere Kinder sterben würden. Weshalb seit längerer Zeit nach anderen Lösungen gesucht wird – sogar Friedensgespräche hat es mit dem Mann gegeben, der sich als „General Gottes“ sieht. Leider erfolglos.

Hinzu kommt – auch dies ist ein wiederholter Vorwurf gegen Invisible Children –, dass die Filme der Organisation faktisch nicht immer korrekt sind und eher der Emotionalisierung der Spenden-Kampagnen dienen als der Aufklärung. So ist derzeit völlig unklar, ob Joseph Kony überhaupt noch am Leben ist, in Uganda wenigstens soll er sich schon seit 2005 nicht mehr aufhalten. In genau diesem Jahr stellte der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag einen Haftbefehl wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit gegen ihn aus, gefunden hat ihn bisher jedoch niemand, und auch die 100 von Obama ins Land geschickten militärischen Berater, die natürlich ebenfalls in der Kritik stehen, konnten bisher offenbar noch nicht viel erreichen.

Noch einmal: Es ist natürlich nicht falsch, wenn der Film von Invisible Children Aufmerksamkeit für die widerwärtige Verbrechen von Kony generiert, die man bisher in der Presse überlesen hat, obwohl sie durchaus auch schon vorher auf der internationalen Agenda standen. Ob die Absender des Films als Unterstützer von militärischen Maßnahmen mit wahrscheinlich verheerenden Folgen jedoch diejenigen sind, an die man Geld schicken sollte, bezweifle ich.

Die alten Fragen bleiben aber leider.

Warum Menschen so sind. Was man selbst tun kann, um solch barbarischen Geschehen Einhalt zu gebieten. Wie die Welt reagieren sollte, die UN. Und diese Fragen stellen sich nicht allein in Sachen Kony, sondern auch in anderen Fällen, die einem immer wieder vor Augen führen, welch unfassbares Leid Menschen erfahren müssen und wie unbegreiflich grausam ihre Peiniger sind.

Ich kenne die Antworten auf diese Fragen nicht, ich bin aber sicher, dass es international abgesprochene Vorgehensweisen braucht, die alles daran setzen, zusätzliches Blutvergießen zu vermeiden.

UPDATE Ebenfalls lesenswert: Stop Kony, yes. But don’t stop asking questions.

UPDATE Ein weiterer Artikel bei ZEIT Online.

UPDATE Der Guardian hat weiter recherchiert.

UPDATE Noch einmal ZEIT Online.

122 Kommentare

  1. 01
    Franca

    Absoluter support an Ralle.
    Aber egal wie jeder übers Thema denkt, eins hat IC geschafft: Das alle drüber reden und sich Gedanken machen, wie man am sinnvollsten helfen kann. Dass angemessen nachgefragt wird und dass sich im Zweifelsfall dann auch woanders, bei lokaleren oder privateren Orgas engagiert wird. Dieses „We shape our own history“ Zeug muss ja nicht nur auf Kony bezogen werden.

  2. 02
  3. 03
    kerstin

    Auf telepolis heute ein Artikel zur Kritik an Invisible Children und ihren mutmaßlichen missionarischen Motiven:
    http://www.heise.de/tp/artikel/36/36567/1.html

  4. 04
  5. 05

    Dieser Artiel ist mal wieder ein super Beispiel dafür, weshalb ich seit Jahren Spreeblick lese. (Und natürlich wegen der lustigen Videos ;) Thanks man.

  6. 06

    UPDATE:

    http://www.invisiblechildren.com

    Neues Kony-Video veröffentlicht

    Ein Internet-Video macht den flüchtigen ugandischen Rebellenführer Joseph Kony weltweit bekannt. Fast 100 Millionen Menschen sehen den Film über den „Schlächter von Uganda“, dem Folter, Mord und Zwangsrekrutierung von Kindern vorgeworfen werden. Aber es gibt auch Kritik an dem Video. Es vereinfache die Fakten und sei zu plakativ. Jetzt haben die Macher einen zweiten Clip veröffentlicht. by http://www.n-tv.de

    Out of Order

    http://www.wdr.de/mediathek/html/regional/2011/09/26/die-story.xml

  7. 07

    Nachtrag:

    Ich weiß mittlerweile Bescheid.
    Nicht zuletzt den Beiträgen folgend.
    Danke dafür

    Eine US-Serienproduktion (Autor) hat dies veranschaulicht:

    http://www.sat1.de/tv/navy-cis-la/video/herz-und-verstand-ganze-folge

    Verfallsdatum beachten!

  8. 08

    Ich bin begeistert von diesem Blog!

    Lese mir die Artikel sehr gerne durch und des öfteren Merke ich, dass ich danach ganz gut drauf bin :)

    Macht bitte weiter so!

  9. 09

    The matter in the communication supposed by way of Ma Provided with tends to be that every single disincentive contains a imperative fault; in the matter of do it yourself recovering homeowners, the mistake tends to be that they can be working with past facts which might be with different moderately healthy and balanced economic system. Belstaff Jackets UK http://tinyurl.com/kc78cvm

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