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Ich heb dann mal ur

Es ist offenbar nicht mehr möglich, PRO Urheberrecht zu sein (was ich bin), ohne sich mit Artikeln gemein zu machen, die entweder pure Propaganda oder Panikmache vor einer Partei sind. Oder beides.

Ich schüttle selbst oft genug den Kopf ob einiger Aussagen der Piratenpartei und teile viele der von dort wiedergegebenen Statements zum Thema genau: gar nicht. Doch selten war ich so erschüttert von der Qualität angeblicher Journalismus-Profis, wie in diesen Zeiten der Debatten ums Urheberrecht.

„Was nichts kostet, kann auch nichts wert sein“?

Aha.

Wikipedia: Nichts wert? Nachbarschaftshilfe: Nichts wert? Gemeinnützige Arbeit: Nichts wert? Meine Texte, die ich seit 10 Jahren ins Netz stelle: Nichts wert? Instagram, hihi: Nichts wert??

Wie furchtbar eindimensional ist eigentlich so ein Leben, in dem man Werte nur anhand ihres Handelspreises misst?

Aus dem gleichen Artikel: „Wenn es mit Produkten, für die das Urheberrecht erdacht ist, nichts mehr zu verdienen gibt, werden sie einfach irgendwann verschwinden.“

Gähn. Die Gefahr besteht wohl kaum, denn auch der ökonomische Mensch ist kreativ, erfindet immer neue Arten, Geld zu verdienen und tut das auch fleißig, fragen sie mal dieses US-amerikanische Unternehmen, das diese Dinger herstellt, mit denen jetzt jeder rumläuft, hier, dieses … Apple!

Zudem: Es gibt trotz 20 Jahren Internet und der inzwischen Jahrzehnte andauernden Panikmache seitens der diversen Medienunternehmen immer noch Künstler von Mainstream bis Underground, von Lady Gaga bis Ja, Panik!, es gibt Bestseller unter den Buch-Autoren und kommerziell wahnsinnig erfolgreiche TV-Serien, mit deren Produktionsbudget man Griechenland kaufen könnte.

Meine Familie und Millionen anderer Menschen auf diesem Planeten geben mehr Geld denn je aus für „Produkte, für die das Urheberrecht erdacht ist“, wir bezahlen zwei Highspeed-Internet-Anschlüsse (Büro und privat), zahlen dreimal GEZ (Auto, Büro, Privat), insgesamt fünf Mobilfunkverträge (ich habe peinlicherweise zwei), und zusammen sicher rund 50 Euro im Monat für Musik, Filme, Bücher und Apps, wir haben Spotify und den BBC iPlayer im kostenpflichtigen Abo und seit neuestem sogar dieses Entertain-Dingens. Wir geben jeden einzelnen Tag Geld für Unterhaltungsinhalte aus und ich bin es verdammt noch mal leid, mir dauernd vorwerfen zu lassen, ich würde Urheber nicht respektieren, während ich selbst einer bin. Nur eben einer, der nicht rumheult wegen des Internet, sondern anders Geld mit seiner Arbeit verdient als vor 20 Jahren. Insert Bob Dylan quote here.

Und kommt mir jetzt nicht wieder mit „Ja, Johnny, bei DIR ist das ja was anderes, du bist ja eine Ausnahme, aber die ganzen bösen Piraten-Kinder!“ … Ich sag euch was: Wenn mein Sohn einen Song kauft, nachdem er zuvor alle YouTube-Videos des betreffenden Künstlers auswendig gelernt hat (und das tut er sehr regelmäßig), dann helfe ich ihm dabei, dass sein Bruder den Song auch aufs Handy bekommt, denn ich werde dafür nicht zweimal bezahlen, nur weil ich zwei Söhne habe. Ich habe schließlich bisher auch nicht zwei CDs kaufen müssen. Cro lief in unserem Haushalt in der kostenfreien Version schon lange hoch und runter, bis es die EP dann bei den üblichen Musikportalen gab, und dann haben wir den Kram trotzdem noch mal gekauft, weil er einfach großartig ist und von mir aus sowohl der Künstler als auch alle anderen Beteiligten bis zur PR-Abteilung daran verdienen sollen – und wir waren nicht die einzigen, die so dachten, sonst wäre der Song nicht auf Nummer Zwei in die Charts gegangen. Und wenn ich eine englischsprachige TV-Serie oder einen Film wegen bekloppter und überholter Regionsabkommen nicht legal bekomme, dann dauert es trotzdem keine halbe Stunde, bis ich ihn habe, und DAS, liebe Industrie und liebe Leistungsschutzrecht-Journalisten, ist nichts anderes als völlig grandios und daraus wäre ein so unfassbar großes Geschäft zu machen, denn nicht nur ich würde dafür bezahlen (und tue das an den Stellen, an denen es möglich ist bereits), wenn ich diese dämlichen Halb-Porno- und Abzocker-Werbungen auf bestimmten Suchportalen nicht mehr ertragen müsste. Ich WILL den Urhebern und Produzenten der Inhalte, die ich mag, mein Geld geben, denn sie haben es verdient.

Urheberrechtsabschaffungspiraten und Medien-Panik-Journalisten gleichermaßen: Macht eure Hausaufgaben, lernt von der anderen Seite, hört ihr zu und nehmt die Argumente an den richtigen Stellen ernst, damit wir hier mal langsam vorwärts kommen. Reformiert die planlose GEMA, die mit ihrer aktuellen, völlig am Thema vorbei agierenden Image-Kampagne erneut beweist, dass sie nicht einmal den Ansatz eines Schimmers hat, worum es in ihrem irre schlechten Ansehen in der Bevölkerung wirklich geht; setzt euch mit den Googles und Facebooks dieser Welt, die keineswegs so harmlos und weltrettend sind, wie es einige Anti-Urheberrechtsmeinungen zu glauben scheinen, sowie mit den Geräteherstellern und Zugangsprovidern an einen Tisch; und verhandelt zusätzlich zu den vorhandenen und kommenden Verwertungsarten von iTunes bis Spotify fair zu verteilende Pauschalen an den vielen anderen Stellen, an denen tonnenweise Geld mit dem Zugang zu Inhalten gemacht wird.

Aber lasst mich um Johnny Cashs Willen in Ruhe mit eurer lächerlichen Kulturpanik auf der einen und der Zensur- und Wissenszugang-Paranoia auf der anderen Seite. Es gibt so viele Themen, über die es sich zu reden lohnt. Dass vielleicht unterschiedliche Schöpfungsbereiche auch unterschiedliche Urheberrechte brauchen; dass wir Lösungen für den privaten Produktions- und Konsumbereich nötig haben; dass Komponieren eben doch etwas anderes ist als Programmieren; dass es ohne Urheberrecht auch kein Creative Commons geben kann; und noch so vieles mehr.

Doch darüber redet ihr nicht. Stattdessen sehe ich polemischen Lobby-Müll auf vielen Seiten und starrköpfige Ich-erkläre-euch-die-Welt-Positionen zwischen romantisch verklärter Sozial- und Wirtschaftsutopie sowie kulturellem Weltuntergangspopulismus mit politischen Zielen.

Das ist so unglaublich langweilig.
Und vor allem, damit sind wir wieder beim Thema: unkreativ.

In der Debatte gibt es für mich im Moment nur zwei unumstößliche Fakten:

1) Das Urheberrecht wird nicht abgeschafft werden, selbst wenn ganz viele Piraten ganz doll mit dem Fuß aufstampfen.

2) Private Kopien von digitalen Dateien lassen sich nicht unterbinden, selbst wenn sich die Vereinten Nationen einschalten.

Es gilt daher meiner Meinung nach

1) in einer Realitätsüberprüfung festzustellen (manche Piraten tun übrigens genau das), an welchen Stellen das Urheberrecht in digitalen Zeiten Anpassungen (zur Verbesserung, auch für die Urheber!) gebrauchen kann, um nicht zu einer gesellschaftlichen Plage zu werden und Ungerechtigkeiten zu unterstützen, statt Rechte zu sichern, und

2) diese Tatsache einfach zu akzeptieren oder gar zu ignorieren, und stattdessen Einnahmen für Urheber an anderen, im Zusammenhang mit Inhalten kommerziell agierenden Stellen zu generieren, sowie den Erfolg illegaler Portale, der keineswegs allein auf der Tatsache basiert, dass sie kostenlos sind, in legale Modelle zu übertragen.

Ich schreibe übrigens ein Buch (mit), das hoffentlich toll und irgendwann mal ganz oft gekauft wird, und ich mache auch wieder Musik, und zwar keineswegs nur als Hobby, und freue mich wahnsinnig über und auf beides.

Trotz Internet.

UPDATE Die Piratenpartei hat am 15.4.2012 den Artikel „Vorstellung der Urheberrechtspositionen der Piratenpartei und Aufklärung von Mythen“ veröffentlicht.

UPDATE Lesenswert: Oliver Nagel.

UPDATE Golem hat diesen Artikel mit meiner Zustimmung übernommen.

261 Kommentare

  1. 01

    Die Verursacher haben es verdient
    für ihre Anstrengung anständig entlohnt zu werden.

    ‚Urheberrecht‘

    Bsp.:

    http://www.filmcopyright.org

    oder anders gesehen

    http://www.uni-tuebingen.de/fb-neuphil/epub/graf/urheberrecht_autoren_graf.html

  2. 02
    flubutjan

    Sowas von offest topic, aber sowas von lohnend:

    http://www.ihre-vorsorge.de/magazin/nachrichten/rente/news-single/article/die-produktivitaet-entscheidet.html

    GERD BOSBACH auf den Schirm!!!

  3. 03
    flubutjan

    Heute in der Post:

    Buchvorstellung:

    Joost Smiers / Marieke van Schijndel
    »NO COPYRIGHT. Vom Machtkampf der Kulturkonzerne um das Urheberrecht«.
    Eine Streitschrift
    Deutsch von Ilja Braun. Mit einem Nachwort von Juergen Marten. Auch als eBook erhaeltlich.
    Joost Smiers stellt sein Buch vor und diskutiert mit dem Wirtschaftswissenschaftler Leonhard Dobusch ( FU Berlin – Institut fuer Management) ueber die kulturelle Landschaft und den Kulturmarkt, ueber den Sinn und Unsinn von Urheberrechtsreformen und ueber Regelungsalternativen.

    Dienstag, 26. Juni 2012, 20 Uhr
    HBC, Karl-Liebknecht-Str. 9, 10178 Berlin
    Unkostenbeitrag: 2 Euro

  4. 04

    Luftnummer

    Das „flubutjan“

    Meine umschriebenen Warnhinweise wurden bisher übersehen.

    by PiPi

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