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Jung und Alt, raus auf die Straße: „Freiheit statt Angst“-Demo am 7.9.2013 in Berlin

freiheit statt angst

„Wieso sind wir nicht alle längst auf der Straße?“ – Dieser Satz dürfte in meinem Umfeld zu den meist gestellten Fragen derzeit gehören. Prism, Tempora, NSA, BND, XKeyscore und eine Regierung, die sich bis zur Wahl durchlügen will. Man wünscht sich allabendliche Zusammenkünfte von zehntausenden Menschen an zentralen Orten, die ihren Unmut und ihre Sorgen in die Weltpresse tragen und dieser Bundesregierung zeigen, dass Schluss sein muss mit Überwachungsstaat und Lügen.

Aber es passiert nicht, zumindest nicht im größeren Rahmen.

Vielleicht, weil das Leben, die Familie und die Arbeit rufen, oder weil man denkt, dass man ja doch nichts ändern kann, dass man nichts ausrichten kann gegen eine Übermacht an Einfluss, Geld und Macht. Vielleicht, weil bisher noch kein Nachbar, kein Freund wegen eines vom Computer errechneten Verdachtsmomentes abgeholt wurde. Und schließlich lähmt auch die Abwesenheit von tatsächlichen Alternativen, oder wisst ihr etwa schon, wen ihr mit halbwegs ruhigem Gewissen wählen könnt im Herbst?

Ich will weder Ausflüchte noch unrealistische Utopien hören, will keine Wahlkampfversprechen von Trittbrettfahrern. Ich will Personen wählen und unterstützen, die es jetzt, hier und heute schaffen, ihre Vision des Weges zu einer modernen, freien und demokratischen Gesellschaft in diesem Land zu zeichnen, das seine gerade mal 22 Jahre alte Souveränität anscheinend erst noch leben lernen muss.

Ich will aber vor allem nicht, dass mich meine Söhne in zehn oder 20 Jahren fragen: „Warum habt ihr damals nichts dagegen unternommen?“

Unser aller Online-Aktivitäten werden protokolliert, aufgezeichnet, mitgeschnitten, von Algorithmen ausgewertet. Im Fall derjenigen Menschen, die in den letzten zehn, 20 Jahren geboren wurden, bedeutet dies, das ihr ganzes Leben zur Analyse bereit steht. Die Auswirkungen, die das auf die Zukunft dieser jungen Generation haben wird, sind noch nicht abzusehen, mir graut es aber jetzt schon davor.

Weshalb wir mit Spreeblick in diesem Jahr zu den offiziellen Unterstützern der „Freiheit statt Angst“-Demonstration gehören.

Wir bitten euch in diesem Zusammenhang nicht nur darum, selbst mitzumachen, sondern auch und ganz besonders darum, mit den älteren Kindern und Jugendlichen in eurem Umfeld zu sprechen und sie ebenfalls einzuladen. Am 7. September 2013 werden wir in Berlin auf die Straße gehen, um für die Einhaltung und Ausweitung von Bürgerrechten, für eine freie Gesellschaft und gegen einen Überwachungsstaat zu demonstrieren, und es ist wichtig, dass dies keine Althippie- und Nerd-Rentner-Veranstaltung wird, sondern dass die YouTube-Generation ebenfalls dabei ist.

Ich kann meinen Söhnen raten, PGP zu benutzen, verschlüsselte Chat-Apps zu verwenden, den Tor-Browser zu installieren.

In Wirklichkeit will ich ihnen aber nicht lehren, wie man sich versteckt. Sondern ihnen beibringen, wie man sich zeigt, um seine Rechte einzufordern.

19 Kommentare

  1. 01

    Du hast recht und doch so fürchterlich Unrecht. Natürlich müssten wir auf die Straße gehen, aber da sehen wir doch nur die, die schon seit Jahrzehnten kämpfen. Der Rest schaut auf RTL wo ihnen Leute gezeigt werden denen es noch schlechter geht und freut sich über die eigene bessere Position.

    Ohne Solidarität kein gemeinsamer Kampf und keine gemeinsame Stärke. Und wenn sie uns eines erfolgreich ausgetrieben haben, dann jede Solidarität. Auch wenn ich jeden Tag dagegen anschreibe und rede. Ich fürchte dem deutschen Michel ist nicht zu helfen.

  2. 02

    Bequemlichkeiten und Entschuldigungen haben dazu beigetragen, dass wir Entwicklungen übersehen haben, deren Folgen uns jetzt erschrecken und (hoffentlich) beschäftigen.
    @Jochen Hoff: Selbst wenn Du Recht hättest, darf das NIE eine Entschuldigung dafür sein, nicht auf die Straße zu gehen.
    Ich werde am 7.9. auch auf der Straße sein – hoffentlich nicht zu übersehen, denn ich bin Rollstuhlfahrer.

  3. 03
    ber

    @Sozialverantwortung: Das klingt, als ob wir Bürger Schuld an der Überwachung hätten. Oder verstehe ich dich falsch?

    @Jochen: Mehr Optimismus! Das ganze Volk muss ja gar nicht auf die Straße. Es reicht eine kritische Masse zu mobilisieren. Son paar miese Details kommen bis dahin bestimmt noch an die Öffentlichkeit.

  4. 04

    Es finden doch auch schon am kommenden Samstag Demonstrationen gegen Prism und Tempora in allen großen deutschen Städten statt. Wir müssen also nicht bis zum 7.9. warten. :)

  5. 05
    Peter

    hm … Verschlüsselungssoftware … meinst du ernsthaft, dass es gerade bei der nicht Hintertürchen gibt, die besonders die NSA aufmachen können? Jede Verschlüsselungssoftware kann geknackt werden, es kommt halt immer nur darauf an, wieviel Zeit/Geld man investiert und da bin ich eher pessimistisch.
    Das geschnüffelt wird hatte ich erwartet, das Ausmaß jedoch hatte ich nicht erwartet.

  6. 06
    Vincent Lohmann

    Ich bin dabei (wenn möglich +3 bitte).

  7. 07

    @ all: Eine „Vision des Weges zu einer modernen, freien und demokratischen Gesellschaft in diesem Land …“. Das ist es, was es zunächst einmal zu definieren und zu koordinieren gilt, und zwar alternativ zur bunten Smartphone, Laptop, Kommerz und co. Gegenwart. Damit steht und fällt alles, wie die historische Entwicklung einer politischen Gegenkultur seit 1968 uns lehrt. Die zaghaften Versuche gelebter Gegenkulturen wie Punks, Hippies etc., ihre Musik und Kunst etc. sind allemal sofort von der kapitalistischen Finanzlogik vereinnahmt worden. Hier fehlt die politische und philosophische Analyse der Entwicklung gesellschaftlicher Protest- und Widerstandformen seit 1968.

  8. 08
    Strelok

    @Peter:
    Davon sollten wir ausgehen.
    Eine kleine Chance, dass Verschlüsseltes verschlüsselt bleibt, besteht. Es bedarf aber gewisser Voraussetzungen und die gelten für beide Seiten, also für Sender und Empfänger:
    1. ein sauberes Betriebssystem (Nutzer von Windows/WP, OS X/iOS, Android müssen nicht weiterlesen)
    2. ein geeigneter Verschlüsselungsstandard (ob z.B. AES256 wirklich sicher ist, darüber diskutiert gerade die Fachwelt)
    3. eigener Mailserver
    4. eine gewisse Lernbereitschaft

    Und nun frage ich einmal in die Runde: wer von uns erfüllt alle vier Kriterien?

    Und zum Thema: ja, natürlich gehe ich zur Demo in meiner Stadt. Wohlwissend, dass es nur dem Zweck dient, mal ein paar halbwegs Gleichgesinnte in der freien Wildbahn zu sehen. Zum Umdenken bewegen können wir die Entscheider allerdings nur über den Geldbeutel. Da ist es wieder, das böse Wort: Boykott! Es geht nunmal nicht anders.

    Leider habe ich weder FB- noch G+-Account, den ich jetzt kündigen könnte. Aber ich wollte mir demnächst dieses neue Lumia mit der inkludierten Megaknipse kaufen, weil ich Nokia ja irgendwie immer noch mag. Aber das läuft mit ’nem OS von Microsoft – gestrichen, nicht wegen der Kacheln, wegen des Vertrauensbruchs! Ich zahl doch nicht für eine Wanze die mich überwacht. Bei eBay nochmal was ordern? Gestrichen! Einen Mac Mini wollte ich kaufen, um wieder mit beiden Systemen arbeiten zu können. Sowas von gestrichen! Kostenpflichtiges Update bei irgendeiner US-Software? NIE wieder.

    All das ist schwieriger als ein oder zweimal auf die Straße zu gehen, hoffend, dass ein paar Journalisten Fotos schießen und ’ne 30-sekündige Zusammenfassung bei der Tagesschau gesendet wird. Vor allem sollte man das kommunizieren, in Blogs, bei Twitter und in der Mittagspause. Statt Auspackzeremonie könnte sich eine Art „Don’t-buy-Ritual“ etablieren.

    Microsoft, Apple und co. sollen wissen, warum ihre Produkte boykottiert werden. Vielleicht hilft’s (erstmal?) nichts. Vielleicht müssen wir unseren Boykott erweitern auf Spiele, Filme, Musik – also auf all die Sachen, für die wir Amerika mochten. Möglicherweise hilft auch das nichts. Aber selbst dann besteht die Chance, dass wir irgendwann eine eigene (Unterhaltungs)kultur entwickeln.

  9. 09

    @Peter
    „hm … Verschlüsselungssoftware … meinst du ernsthaft, dass es gerade bei der nicht Hintertürchen gibt, die besonders die NSA aufmachen können? Jede Verschlüsselungssoftware kann geknackt werden, es kommt halt immer nur darauf an, wieviel Zeit/Geld man investiert und da bin ich eher pessimistisch.
    Das geschnüffelt wird hatte ich erwartet, das Ausmaß jedoch hatte ich nicht erwartet.“

    Da muss ich Dir recht geben! Aber soweit braucht man doch gar nicht zu gehen [ … ] Wer nutzt nicht Facebook, Twitter oder sonstige Netzwerke die nicht in Deutschland ansässig sind?
    Da ist mit Datenschutz nicht viel drin!
    Noch ein Stück weiter … Wer zahlt mit einer PAYBACK Karte?
    Diese daraus gewonnen Daten werden doch auch benutzt!

    Es gibt mit Sicherheit noch viele weitere Sachen die zu beachten wären …, denn so ist es mit der Freiheit!

    Euer Blog für Haushaltsgeräte Ersatzteile gebraucht oder neu!

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