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Micaela

Das war kein Schlussmachen, das war eine Hinrichtung. Micaela bleckte die Giftzähne und zischte in ihr Handy: „Und im Bett warst du sowieso scheiße!“ Ich saß im Auto neben ihr, bereit für das Freibad. Kurz bevor wir abfahren konnten, hatte ihr Freund Marcus angerufen. Sie waren seit sechs Jahren zusammen und sie hielt diesen mittagsheißen Tropentag für den richtigen Zeitpunkt, dieses glühende Auto für den richtigen Ort, ihre Beziehung zu beenden. Das Gespräch zog sich hin, ich schwitzte wie ein Schwein in Mekka, deshalb war ich – obgleich peinlich berührt – doch auch ein wenig froh über diesen dramatischen Höhepunkt. Außerdem hatte Micaela Recht; Marcus war wirklich scheiße im Bett.

Seit Monaten hatte Micaela jedes Gespräch mit mir auf das Thema Sex gelenkt. Sie war untervögelt wie die rechte Hand Gandhis. Dabei mühte Marcus sich redlich, Micaelas Fleischeslust Herr zu werden. Alle zwei Wochen streifte er die Unterhose runter und turnte los – um pünktlich nach einer Minute den Akt vollzogen zu haben. Wir reden hier – ich habe an dieser Stelle genau nachgehakt – nicht von der sprichwörtlichen einen Minute. Wir reden wortwörtlich und wissenschaftlich genau von einer Minute Sex. 60 Sekunden, vom Radiowecker abgelesen von der gelangweilten Micaela. Wir reden übrigens auch nicht von leidenschaftsgetränktem Eselsex. Wir reden von kuscheligem Routineverkehr.

Schon vor langer Zeit fing Micaelas Spaß erst an, wenn Marcus sich ins Bad getrollt hatte. Sie zog dann einen eigens präparierten Edding aus der Schublade, dem sie sich willenlos hingab.
Ich muss hier den geneigten Leser enttäuschen – auch ich weiß nicht, wie dieser Edding präpariert war. Ich habe aus irgendeinem Grund nicht gefragt.

Was ich aber wusste: das Geschlechtsleben der beiden war nicht zu retten. Marcus weigerte sich, über Sex zu reden, mein durch Micaela übermitteltes BRAVO-Wissen zur Verhinderung des Schmähcox-Präcox lehnte er überdies als pervers ab.

Also war es das jetzt mit Marcus und Micaela. Ein unschönes Ende, mit viel Schweiß auf meiner und vielen Tränen auf seiner Seite. Er tat mir leid.

In den nächsten Wochen lotterte Micaela mit einem Medizinstudenten herum, der ihr beim Sex ins Ohr flüsterte, dass er sich gerade vorstelle, wie sie von einer deutschen Dogge bestiegen wird, mit einem Jazzmusiker, der sie im Bett verprügelte und mit einem französischen Fußfetischisten auf der Durchreise. Micaela war sehr zufrieden.

Da aber weder der Medizinstudent noch der Jazzmusiker, geschweige denn der durchreisende Fußfetischist so richtig etwas fürs Leben waren, ich Marcus sehr nett fand und er darüberhinaus bis auf seine Unfähigkeit, einer bezahlten Tätigkeit nachzugehen, grundsolide war, fragte ich sie, ob sie nicht vielleicht mal wieder den guten alten gewaltlosen und Hunde als Kameraden achtenden Marcus treffen wolle.

„Nein“, belehrte mich Micaela, „in Rumänien sagt man: `Wenn du einmal auf dein Essen gespuckt hast, dann isst du es nicht mehr´.“ Menschen mit Migrationshintergrund, nennen wir sie der Einfachheit halber Ausländer, haben die seltsame Neigung, Sprichwörter ihrer Heimat in Konversationen einfließen zu lassen. Nur in extremen Ausnahmefällen dagegen wird man ein deutsches Ravemädchen montags um 6.30 Uhr flöten hören: „Aufstehen. Bei uns in Wiesbaden sagt man: `Morgenstund´ hat Gold im Mund´“. Oder ein deutsches Anwaltspärchen, das sich hinter dem Rücken seines jugendlichen Gastes zuraunt: „Daheim erzogen Kind ist in der Fremde wie ein Rind“.

Micaela machte also weiter wie gehabt, erlebte Unaussprechlichkeiten, für deren filmische Wiedergabe Regisseure in allen Ländern der freien Welt ins Gefängnis wandern würden – und verlor ihr Herz an einen überaus behaarten Perser, der um sie geworben hatte wie Walther von der Vogelweide. Wie ein überaus behaarter Walther von der Vogelweide, so viel Exaktheit muss sein.

Sie flocht kleine Zöpfe in sein Schulterhaar, er schrieb ihr Gedichte, sie tauschten Sprichwörter aus und kochten einander Liebreizendes. Er überschüttete sie mit Geschenken, sang ihr Lieder, las ihr Wünsche nicht von den Lippen ab, er saugte die Wünsche noch vor der Entstehung aus ihren Gehirnzellen, er legte Rosenspuren aus, die zu Kostbarkeiten führten, sie tanzte auf der Hochzeit seines Bruders und verliebte sich in seine ganze Familie. Dann verließ er sie per SMS zugunsten einer Nagelstudiobesitzerin aus Bergisch-Gladbach.

Micaelas aufwendige Blondierung wurde über Nacht aschfahl, ihre Haut kam in die Pubertät, sie entwickelte ein nässendes Ekzem am Hüftknochen und versengte sich beim Gedichte-Verbrennen den Daumen.

Micaela weinte, wenn sie aufstand, sie weinte, während sie ihre neuen Pickel zählte, sie weinte unter der Dusche, sie weinte beim Anziehen, sie weinte im Bus, sie weinte im Hörsaal, sie weinte in der Mensa (aber da weinten wir alle), sie weinte, wenn sie „Angel“ von Robbie Williams hörte („Das lief, als er mich das erste Mal geküsst hat“), sie weinte, wenn ich Cheeseburger sagte („Die hat er immer so gern gegessen“), sie weinte, wenn sie Haare sah (aus offensichtlichen Gründen).

Sie unterbrach ihre Tränen nur, um den Namen des Persers zu verfluchen, seinen Nachkommen eitrige, übelriechende und auch mit aller medizinischen Raffinesse nicht wegzubekommenden Mandelentzündungen (auch ein chirurgischer Eingriff sollte nicht helfen, der Fluch beinhaltete, dass die Mandeln nachwachsen) in den Hals zu wünschen oder um die SMS herauszukramen und zu schreien: „Das ist ja wohl das Absurdeste, was je ein Mensch geschrieben hat! Dieser pissetrinkende Höhlenmensch, dieses untote Stück Schweinescheiße*!“ In der SMS waren tatsächlich zwei Flüchtigkeitsfehler und ein grober Grammatikschnitzer.

Am nächsten Tag in der Uni sah Micaela etwas besser aus und sie weinte auch kaum noch. Sie werde sich an diesem Abend mit Marcus treffen, verkündete sie. Ich erinnerte sie an das rumänische Sprichwort. Das mit der Spucke und dem Essen. Und dass man das dann nicht mehr zu sich nehme. Sie lächelte nachsichtig. Und sagte dann etwas, das mich von der unendlichen Weisheit osteuropäischer Völker ein für allemal überzeugte:
„Man sagt aber auch: `Herr Schlecht ist besser als Herr Schlechter´.“

* Micaela konnte fluchen wie ein polnischer Sicherheitsbeamter am Karfreitag. (Der schon Schluss machen will, dann aber vier herrenlose Koffer entdeckt, in denen sich, wie sich letztlich herausstellt, neben Nippes aus Lodz und einigen nicht sehr wert- aber geschmackvollen Miniaturkuckucksuhren hunderte Lebkuchenherzen und unüberschaubare Mengen von Überraschungseiern befinden. Woraufhin sein Chef ihn anweist, zu überprüfen, ob die Überraschungseier Sprengstoff enthalten oder gar Fälschungen sind. Der Kampf gegen Markenpiraterie wird in Polen sehr ernst genommen.) Es war eine Mischung aus Tourette und Sportpalast im Februar ’43.

73 Kommentare

  1. 01

    juchuh! ich hab einen neuen lieblingsspruch! danke micaela! danke malte! danke rumänien! juchuh!

    p.s.: was für eine tolle geschichte, und ja: ich muss beim lesen des wortes „untervögelt“ immernoch kichern….hihihi

  2. 02
    sebastian

    gibt auch schweine in jerusalem die nicht nur schwitzen… allerdings interessierts wohl, völlig losgelöst von lokalitäten, keine _sau_ warum irgendeine latent speziesistische freundin keine feuchten schlüpfer mehr bekommt.

    ein zackiges hoch auf adolf…

    grimme wohlgemerkt, ist halt doch mehr was für studenten hier.

  3. 03

    Witzige Story, mehr davon!
    Ist zwar ein bißchen im NEON Stil der Eintrag, aber trotzdem absolut lesbar.

  4. 04

    malte, geschichtenerzähler! schön.

  5. 05
    Sonnensohle

    …verdammt, ich kannte auch mal eine Micaela, die war auch so schräg drauf in sexuellen Dingen. Bin richtig erschrocken, als ich die Überschrift las. Und den Text. Sind denn alle Micaelas so?

  6. 06

    Für deine Metaphern muss eine alte Oma lange schnitzen. Glückwunsch.

  7. 07

    Malte ist aus dem Urlaub zurück. Endlich!

  8. 08

    Klasse geschrieben. Ich muss gestehen, einer der wenigen langen Blogeinträge in letzter Zeit, den ich gelesen und nicht nur überflogen habe. Respekt.

  9. 09

    Nagelstudiobesitzerinnen aus Bergisch-Gladbach, werter Herr Malte, eilt bekanntlich ein Ruf wie Donnerhall voraus. Weil: Sie können Füße und Finger gleich gut.

    Ihr Erdge Schoss

  10. 10
    arne

    wenn de mal nen buch schreibts, sag einfach bescheid. is gekooft!

  11. 11

    Die Nagelstudiobesitzerin aus Bergisch-Gladbach wollte mehr Sex als Micaela und konnte besser Zöpfe flechten, da musste ich bei Ihr bleiben…

  12. 12
    heidrun

    `Herr Schlecht ist besser als Herr Schlechter´.
    das deprimiert mich aber ein bisschen. wobei die beschriebenen herren allesamt nicht so klingen, als würde sich das wirklich lohnen…
    schönes sprichwort auch, für marcus: „was hänschen nicht lernt, lernt hans nimmermehr.“

  13. 13

    geil, klasse, super !!!
    mehr brauch man nicht zu sagen denke ich :-)

  14. 14
  15. 15

    „…sie weinte im Hörsaal, sie weinte in der Mensa (aber da weinten wir alle)…“ – oh ja es gibt nichts schlimmeres als Liebeskummer und DAZU NOCH ein Mensaessen. Frisch entliebte sollten sich von Mensen fernhalten.

  16. 16

    Ich bin gerade so unschlüssig…
    Mag ich jetzt Bata Ilic auf Heavy Rotation hören oder doch under der linden gebrochen bluomen unde gras vinden (Lateiner verstehen) oder bleib ich auf dem Perserteppich (aua)?
    Jedenfalls macht mich die Doggennummer wild.
    Malte, Du Stück!

  17. 17

    Genial. Wirklich nett zu lesen! Ich geh jetzt auch weinen (-> Richtung Mensa!).

  18. 18

    Was ist bitte ein Schmähcox-Präcox??? (hab immer die Bilder in der Mitte der Zeitschrift angesehen, aber sowas ist mir noch nicht unter gekommen)

  19. 19
    hermes

    Das machte meine Mittagspause!
    Danke!!

  20. 20

    kann man dich irgendwie bespenden um dich zu motivieren täglich so eine geschichte und wöchentlich ein buch zu schreiben?

  21. 21
    martin

    „eine mischung aus tourette und sportpalast im februar 43“
    sehr schön, wie die ganze geschichte im übrigen auch!

  22. 22

    Das klingt so abwertend über Lodz. Dabei ist das eine schöne Stadt … könnt ihr mal hin fahren (wenn euch die Grenzbeamten denn ins schöne Polen lassen …)

  23. 23

    huch? Haben wir jetzt Hausaufgaben im Kommentieren aufbekommen? Oder warum werden mir unaufgefordert Kommentare zu diesem Artikel zugeschickt?

  24. 24
    lycylein

    toooooooooooooooooooooooll!
    tupf ma grad det augenpippi ab *taschentuchwedel*

  25. 25

    Schwitzen wie ein Schwein in Mekka. Harrr …

  26. 26
    scanned_donut/ehem. tasskaff

    *lach*

    fällt mir dazu ein:

    „ejaculatio spree-koch“

    danke für die köstliche und kurzweilige unterhaltung!

  27. 27

    sie weinte in der Mensa (aber da weinten wir alle),

    Hach! ;-)

  28. 28
    Jan(TM)

    In der allergrößten Not, frißt der Teufel die Wurst auch ohne Brot!

  29. 29

    spreeblick goes winkel!

  30. 30
    Volker

    Mein Gott, was habt ihr eigentlich alle gegen die Mensa,
    das Essen dort schmeckt immer noch besser als jede Fertigsuppe,
    und das ist das einzige was ich kochen kann.

  31. 31

    Viele schöne Sätze, aber die Pointe ist irgendwie keine.

  32. 32

    ach malte, so ganz aus dem leben. schön. und passt in diesen sommer.

  33. 33

    Wieso „aber“?

  34. 34

    @sn: Weil ich nach vielen schönen Sätzen in einem Text immer auf eine tolle Pointe hoffe.

  35. 35
    Maltefan

    Ich liebe Dich.

  36. 36
    Axel

    Also das mit der rechten Hand und Gandhi …
    welche Muse flöttet einem denn sowas ins Ohr … Respekt!!

  37. 37

    Bin ich wirklich der einzige der dem Text nichts abgewinnen kann?

  38. 38
    lana

    unser darwinistischer durchlauferhitzer hat legionellen. was mal sprache war, schmeckt jetzt etwas seltsam, mutiert gleichzeitig einzeller zu alphabeten: schon 30 kommentare in 12 stunden! und alle proben positiv getestet! noch zwei monate, und lektorin Angina Chlamydis fordert den literaturnobelpreis.

  39. 39
    Dagger

    Hey Malte, hast Du noch ihre Telefonnummer?

  40. 40

    @olli: „spreeblick goes winkel!“ – genau so etwas wollte ich jetzt auch gerade schreiben. wobei ein bissel winkel-anleihen ja nicht das schlechteste sind, wie ich meine.

  41. 41
    ajo

    @nilz: Komisch, ich muss beim Wort „untervögelt“ immer nur weinen.

  42. 42

    winkel ist winkel. Und spreeblick eben nicht. Und das war auch ganz gut so.

  43. 43

    ach winkel ist wie raab – aber malte ist doch wie schmidt…

  44. 44
    peter

    ähem … wer ist denn winkel?

  45. 45

    aber malte ist doch wie schmidt“¦

    Ideenlos, von seiner eigenen Genialität gelangweilt? So weit würde ich nicht gehen.

  46. 46
    Emmas bester Freund

    Malte ist Weltmeister.

  47. 47

    ;-) naja, man muss ja nicht jede Meinung über Harald Schmidt teilen. Mir wird er nicht überdrüssig – egal wie er sich gibt…

    Obwohl ich kaum Literaturblogs lese, weil sie mich bisher wenig interssiert haben, wenn ich mal eins besuchte – könnte ich so einen Text wie den hier oben täglich vertragen.

  48. 48

    amazeman: Bevor ich missverstanden werde: Ich habe hier einen Hausaltar eingerichtet, um Malte hinreichend huldigen zu können. Manchmal ahne ich sogar, was mir der Künstler sagen will. Nicht immer, es wird aber täglich mehr. Rede ich mir ein.

  49. 49
    Jay

    Großartig, danke für den tollen Artikel!

  50. 50

    Großartige Geschichte! Und wenn du mal richtig heulen willst, lade ich dich in die Dessauer Mensa ein. Beliebte vegetarische Alternative: Reis mit Reis.

  51. 51
    JeanDaninos

    Ich kommentiere hier sonst nicht, aber dieser Text kann nicht genug gelobt werden. Das ist der Stoff, aus dem Romane geschnitzt sind.
    (Ich wollte „Pop-Literatur“ schreiben, aber das ist mittlerweile auch zu einem Schimpfwort geworden.)
    Was ich mich gefragt habe, als ich den Text gelesen habe :
    Seit wann gibt es eigentlich die Spezies „Singles“ ? Vielleicht könnten hier etwas reifere Semester erzählen, wann diese Spezies entstanden ist. Gab es z.B. in den 70ern schon „Singles“ (nein, ich rede nicht von „Vinyl-Singles“)? Meine früheste Erinnerung an das Aufkommen des Themas „Singles“ reicht irgendwann in die 90er Jahre, als in Film, Funk und Fernsehen Singles zum Thema wurden.
    Sagen das Menschen überhaupt von sich ? Also, dass sie ein „Single“ seien ? Ich habe bis jetzt kaum gehört (vielleicht kenne ich die falschen Leute), dass Leute sich als Single bezeichnet hätten, auch wenn dies zutraf. Meist ist sie/er ledig, alleinstehend, sehr häufig solo, oft ungebunden, nicht selten unabhängig und im schlimmsten Fall der Fälle einsam.Vielleicht liegt es auch daran, dass man sich heutzutage nicht gerade damit brüstet, dass man Single ist, d.h. dieser „Zustand“ negativ konnotiert ist. Andererseits brüstet sich auch niemand damit verheiratet zu sein.(„Boah, alter siehste den fetten Klunker an meinem Finger ? Das is‘ mein Ehering. Ich bin verheiratet, aber sowas von verheiratet. Das ist so unglaublich geil. Man wacht jeden Morgen neben der gleichen ollen Alten auf, d.h. muss sich nur einen Namen und einen Geburtstag merken. Endlich hat man jemanden, der einem beim Duschen den Rücken und andere Stellen einseift, an die man zuvor selbst nicht herangekommen ist, jemand den man bitten kann mal die Tür aufzumachen oder ans Telefon zu gehen. Und wenn ich Lust auf Sex habe, muss ich nicht mehr wie früher irgendeine Frau anbaggern und abschleppen, sondern mich im Bett nur zur Seite zu drehen.“)
    (Und wenn wir schon beim „sich mit etwas brüsten“ sind: Es gibt keinen deutschsprachigen blog, kein Forum, keine Newsseite (mit Kommentierungsmöglichkeit), in der Leute sich nicht damit brüsten kein Fernsehgerät (mehr) zu besitzen, wenn es um die Qualität des Fernsehprogrammes geht : „Ja, man habe seit x-Jahren keinen Fernseher mehr und das dies die beste Entscheidung ihres Lebens gewesen sei.“
    Wie mich das nervt, diese Obsession des sich abheben wollen von dem Rest der Welt. Und fast immer taucht im gleichen Zuge auch der Begriff des „Unterschichtenfernsehens“ auf. Wenn ich in nur in den letzten 12 Monaten jedes mal einen Euro bekommen hätte als dieser Begriff fiel, wohnte ich jetzt in einem schönen Anwesen mit Weinberg irgendwo in Südfrankreich (am liebsten in der Nähe von Aix) fernab vom gewöhnlichen Pöbel.)

  52. 52
    Malte

    @ JeanDaninos
    der Begriff Single wurde 1989 von der Leiterin der Anzeigenabteilung der Zeitschrift Cosmopolitan erfunden. Wie schon in der Steinzeit haben Menschen entweder einen Partner oder keinen oder sehr sehr viele. Es wird sich durchaus mit allen drei Zuständen gebrüstet. Partnerlose betonen die Freuden der Unabhängigkeit, Paare loben einander bei Oscarverleihungen oder in Bundestagswahlkämpfen und die, die sehr viele Partner haben ein Grinsen im Gesicht, das Bände spricht.
    Und ja: Dass man nicht mehr Fernsehen schaut, haben sogar schon die Bewohner der ersten BigBrother-Staffel begriffen. Auch sie erwähnten bei jeder Gelegenheit, viele Freunde zu haben, nie Fernsehen zu schauen und grüßten ihre Hinterbliebenen unter Tränen. Nur den Begriff Unterschichtenfernsehen benutzten sie nicht.

  53. 53
    JeanDaninos

    @Malte :
    Danke, wieder was gelernt.
    Mir ging es eher um den ganzen Bohei, der darum getrieben wird.(Dass es Menschen gibt, die keinen Partner haben, schon immer gab, war nicht die Frage.)Eine ganze „Verkupplungsindustrie“, d.h. Single/Flirtboersen im Internet, Singleparties („Fisch sucht Fahrrad“-, „Arsch sucht Eimer“-Parties), Partnervermittlungsagenturen, die davon lebt. Das gibt es doch erst seit einiger Zeit. Oder ?

    Na ja, wenn jemand bei einer Oscarverleihung seinen Partner lobt (um dein Beispiel aufzunehmen), dann lobt er nicht die „Ehe“, also den Zustand, sondern den Partner. Was ein kleiner, aber feiner Unterschied ist.(Es könnte nämlich genau so gut eine „Lebensabschnittsbegleiterin“ sein, die man lobt, die aber nicht gleich die „Ehefrau“ sein muss. Trotzdem würde man dabei wieder den Menschen loben und nicht den Zustand. Okay, ist jetzt vielleicht etwas spitzfindig.)

    Was das Fernsehn betrifft : Wenn ich Glück (Pech ?) habe, darf ich zu „Wer wird Millionär“. Hatte vorhin einen netten Anruf von einer Dame von Endemol. Ich bereue es schon, dass ich mich da beworben habe. Nie im Leben hätte ich erwartet, dass mich der Zufallsgenerator aussucht.
    Und dann diese Fragen, was ich denn so im meiner Freizeit treibe. Natürlich werden (vermeintlich) interessante Menschen gesucht.
    Mein schonungsloses Geständnis, dass ich ein durch und durch langweiliger Mensch sei, war sicherlich nicht förderlich für meine Chancen zurückgerufen zu werden und an der Sendung teilzunehmen.
    Irgendwie hat sie mir in den Mund gelegt, dass ich gern ins Theater gehe. Das stimmt zwar, aber wann war ich das letzte mal im Theater ?
    (Natürlich kam die Frage : Was war das letzte Stück, dass sie sich angesehen haben? Dass der letzte Theaterbesuch irgendwann Ende 2003 war, hab ich natürlich verschwiegen.)
    Wenn es nicht so folgenschwer gewesen wär, hätte ich einfach ein paar Räuberpistolen auftischen sollen : „Ja, in meiner Freizeit forsche ich nach einem Impfstoff gegen Aids, dressiere Goldfische, mache eine Fotoserie über den Amazonas für einen noch zu erscheinenden Bildband, zeichne (erotische) Comics für Erwachsene, schreibe nebenher an einer Biographie über „Bud Spencer“, umsegle die Weltmeere, tanze Foxtrott auf glühenden Zigarettenstummeln, spiele (wenn auch etwas dilletantisch) Luftgitarre, verliere immer wieder gegen einen alten Schulfreund beim Schach und erforsche Nasenflügel (in so manch unbeobachteten Momenten)“.
    Aber vielleicht ruft sie mich auch nicht zurück. Wenn sie mich in anderthalb Wochen nicht zurückruft, dann bin ich wohl nicht dabei.
    (Und falls doch ? Was ziehe ich an ? Wen nehme ich mit ? Wen nenne ich als Telefonjoker ? Ach hätte ich mal nicht diese letzte Postkarte hingeschickt..)

  54. 54
    Maltefan

    Jean: Du kannst meinen Mann als Telefonjoker nehmen, aber nicht zu Themen der Popkultur anrufen, der hat nämlich wirklich keinen Fernseher und weiss deswegen alles, was man aus Büchern wissen kann (außer Belletristik, da steht er nicht so drauf), und nichts zum Thema Schauspieler, Fernsehserien, Filmrichter, Popsternchen und Big-Brother-Kandidaten. Botanik vielleicht eher auch nicht, aber sonst ist er ein wandelndes Lexikon. Seit dem Tod Stanislaw Lems vielleicht sogar das kenntnisreichste, was noch unter uns weilt.

    :-P

    Gruß, Maltefan (mit Fernseher)

  55. 55

    Da krieg ich jetzt aber wirklich mal ein paar Lizenzpunkte von up, Dicker! :)

    Würde gerne „sehr schön geschrieben, musste laut lachen!“ schreiben, aber dann sagen sie wieder alle, ich sei eine narzisstische Egohure.

    Tipp für’s nächste Mal: Ein Bild von Dir muss da irgendwie noch mit rein. :) Oder wenigstens eines von Micaela. Wenn nicht zur Hand, dann polnischen Sicherheitsbeamten am Karfreitag(=amazemans Mudder) fragen – der/die/das schnitzt sich sowas dann aus dem Hüftknochen.

    Übrigens wirklich sehr schön geschrieben, ich musste laut lachen!

  56. 56

    In Anlehnung an Kommentar 45 möchte ich mich entschuldigen. Seit 3 Tagen habe ich MC Winkel wieder in meinem Feedreader und seit ich seine Yoga-Ständer Geschichte las weiss ich, ich habe einen Fehler gemacht als ich ihn überstürzt mit Stefan Raab verglich, als ich doch eigentlich nur meine Anerkennung für Maltes Text zum Ausdruck bringen wollte.

    Es tut mir leid, MC – du bist ja eignetlich unvergelichlich. Wenn ich eine von deinen größeren Lebensreportagen lese, denke ich statt an Raab eigentlich an Matthias Richling – immer auf dem Punkt, wunderbar mit den Worten gemalt – aber immer ne spur zu crazy.

    Sorry nochmal – ich bin ein Tölpel.

  57. 57

    :)

    Dann nehme ich das mit Deiner Mutter jetzt auch wieder zurück, mazy!

  58. 58
    KingKong

    Malte war anscheinend zu lange „nur“ Micaelas beste Freundin,

    anders ist dieses fast schon zwanghafte an den Pranger stellen fremder Unterhosen nicht zu erklären.

  59. 59
    Malte

    @ KingKong
    hattest du keinen deutsch-unterricht in der schule? niemals etwas davon gehört, dass autor und ich-erzähler nicht identisch sind? und glaubst du im ernst, es gäbe jemanden, der micaela heißt und dem all das exakt so passiert ist?

  60. 60
    KingKong

    @Malte

    a) Ja, zu meiner Verteiligung muss ich aber hervorheben das ich auf einer Bayrischen Schule war und der Deutschlehrer schlechter Hochdeutsch sprach als viele der damaligen ausländischen Mitschüler.

    b) Das ist mir bekannt. Bei einen Onlinetagebuch wie diesen gehe ich davon aus das der Autor aus seiner eigenen „Subjektive“ erzählt was den Ich-Erzähler in der Literatur entspricht.

    c) Mir war nicht bekannt das Spreeblick ein Fake-Blog ist. Wenn dies der Fall ist, bitte ich untertänlichst um Entschuldigung verbunden mit der Bitte in Zukunft doch die Leser dezent darauf hinzuweisen, z.b. durch Änderung des Blogtitels in FalscherSpreeblick oder deines Nicks in FakeMalte.

  61. 61

    KingKong, sofern du nicht ein Gorilla bist wäre es großartig wenn du zunächst unter deinem echten Namen kommentierst bevor du solche Forderungen stellst.

  62. 62

    diese reaktion geht aber am eigentlichen kritikpunkt vorbei. wäre ja völlig undurchschaubar, wenn hier alle „max“ und „andré“ heißen würden.

  63. 63

    Was ist denn der eigentliche Kritikpunkt?

  64. 64
    Frédéric

    @ Kingkong: Die meisten Leser verstehn das auch ohne Holzhammer.

  65. 65
    alleinsein in und aus wien

    und wieder danke für diese geschichte …

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