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Von wegen „Guten Morgen!“

„Hey,wo bleibt die Begründung?“ schreibt jemand mit falscher e-mail Adresse in einem Kommentar zu meinem The Streets Posting weiter unten und er tut es zurecht.

Letzten Dienstag, kurz vor 9h. Ich sitze mit meiner Liebsten im einzigen CafÈ am Heinrichplatz, in dem man bereits ab 8h frühstücken kann. Zeitungen lesen. Langsam in den Tag starten.

Der junge Mann, der am Fenster sitzt (nennen wir ihn Martin), blickt plötzlich erschrocken und ungläubig auf die Straße, springt dann von seinem Stuhl auf, brüllt in den Raum „Los, kommt mit!“ und rennt auf die Straße.

Ich gehe ihm hinterher und denke, dass er jemanden gesehen hat, der ihm sein Fahrrad klauen will oder so. Aber seine dafür etwas zu große Aufregung beunruhigt mich doch.

Als ich auf die Straße komme, rennen gerade etwa sechs junge Männer an Martin vorbei. Er versucht sie zu stoppen, hält einen fast fest, schreit ihn an, er solle stehen bleiben. Ich habe noch keine Ahnung, was passiert ist, gehe aber davon aus, dass Martin seine Gründe hat und will ihm helfen. Als ich fast bei ihm bin, zieht der Mann ein Messer und geht damit auf Martin los. Martin weicht zurück, hebt die Arme, wie man das als Zeichen der Kapitulation tut. Der Aggressor brüllt Martin an: „Willst Du Stress, Alter? Suchst Du Stress?“. Der Rest der Bande steht unschlüssig hinter dem Mann mit dem Messer, sie müssen weiter, sie sind offensichtlich auf der Flucht. Passanten nehmen Abstand, rennen weg.

Und in meinem Kopf rast es: „Fuck… was soll ich tun, was soll ich tun, was soll ich tun?“

Der Mann mit dem Messer wendet sich von Martin ab und die Gruppe flieht in großer Eile. Das Ganze hat wenige Sekunden gedauert. Ich will von Martin wissen, was überhaupt passiert ist. Aber Martin rennt den Jungs nach und brüllt zu mir, ich solle mitkommen.

Ich renne kurz los. Bleibe wieder stehen. Sehe die Jungs verschwinden, sehe, dass Martin keine Chance hat, sie einzuholen und frage mich insbesondere, wie wir beide eine Bande junger Männer stoppen wollen, deren Flucht scheinbar so dringend ist, dass sie sich den Weg mit einem Messer freimachen, wenn es sein muss.

Martin gibt auf, kommt völlig aufgelöst zurück, macht mir und anderen Vorwürfe. Warum haben wir ihm nicht geholfen, gemeinsam hätten wir sie stoppen können.

Martin hatte aus dem CafÈ heraus gesehen, wie die nun entkommenen Männer im oberen Stockwerk eines Busses dabei waren, jemanden brutal zusammenzuschlagen. Dabei haben sie mit solcher Wucht gegen den Kopf des Opfers getreten, der sich dicht am Fenster des Busses befand, dass die Scheibe komplett zerbrochen ist. Als der Bus an der Haltestelle hielt, flüchteten sie und Martin versuchte, sie zu stoppen.

Der Busfahrer hatte inzwischen alle Fahrgäste ausgeladen, beseitigte die Scherben der Scheibe und wartete auf die Polizei.

Und ich stand da mit meinem schlechten Gewissen und meinen zitternden Knien (und hielt absurderweise die gesamte Zeit den Plastik-Eierlöffel aus dem CafÈ in der Hand – es muss ein ziemlich Monty-Python-haftes Bild gewesen sein: Der Typ mit dem Messer, ich mit dem Löffel daneben. „Vorsicht! Der Kerl hat einen Plastiklöffel!“).

Ich hatte das Gefühl, komplett versagt zu haben. Vielleicht war hier gerade jemand schwer verletzt, vielleicht sogar getötet worden und ich hatte nichts getan, um die Täter zu stoppen. Martins Mut bei dem Versuch, dies zu tun und seine Verzweiflung, als ihm niemand dabei geholfen hatte, verbesserten mein Gefühl nicht gerade.

Wir hätten die Typen nicht bekommen, es wäre dumm gewesen, sich selbst in Gefahr zu begeben (noch dazu zu einem Zeitpunkt, an dem ich nicht einmal wusste, worum es ging), ich weiß das alles. Aber ich fühlte mich trotzdem, als hätte ich jemanden im Stich gelassen.

Wir machten unsere Zeugenaussage vor der Polizei, versuchten, besonders den Mann mit dem Messer zu beschreiben. Während ein Fotograf die zertrümmerte Busscheibe ablichtete, machten Gerüchte die Runde. Zwei habe man schon gefasst, das Opfer habe einen Messerstich im Bein.

Besonders kurios war die Tatsache, dass das Opfer gemeinsam mit den Tätern aus dem Bus geflohen war – wer weiß, für welche merkwürdige Fehde sich Martin da vor ein Messer gestellt hatte.

Ein unschöner Morgen mit vielen Gedanken. Immer wieder: Was wäre gewesen, wenn … ? Warum habe ich nicht …? Wieso haben die anderen …?

Aber am allermeisten machte mir meine unglaubliche Dämlichkeit zu schaffen.

Da stand ich sekundenlang und von ihm recht unbemerkt neben dem Mann, der mit einem Messer vor Martin stand. Und ich, der Gadget-Freak, der seine Kleinstgeräte blind bedienen kann, ich, das schlagfertige Großmaul, das alles besser weiß, schaffe es nicht, mein Handy heraus zu holen und mit der integrierten und ansonsten komplett nutzlosen Kamera ein Foto vom Täter zu machen. Da hätte Technik mal sinnvoll eingesetzt werden können und ich denke einfach nicht dran. Scheiße.

Und dann, im Büro, The Streets.

Wie passend.

3 Kommentare

  1. 01
    kristin

    the streets werden dich jetzt wohl bis in alle ewigkeit noch an diesen tag erinnern. mich erinnern sie immer an ’nen zusammenstoß mit ’nem auto, bei dem mein fahrrad danach totalschaden und ich zum glück nur riesige hämmatome an meinen beinen hatte. und dann komm ich nach hause, nachdem ich den sanitäter davon überzeugen konnte mich nicht ins krankenhaus zu karren , werf die frisch erworbenen erste platte von the streets ein und dann: „…cause it may will be your final day“. danke! vielleicht liegt irgendein seltsamer bann über mike skinner.

    klingt zwar echt abgedroschen und ich weiß, dass es das schlechte gewissen, das einen dann überfällt nicht besser macht, scheint aber immer wieder zu stimmen: „hinterher ist man immer klüger“. immerhin warst du anscheinend der einzige aus dem cafe der überhaupt reagiert hat. hey, und dann auch noch mit ënem plastiklöffel in der hand ;-)

    kristin

  2. 02

    Krasse Geschichte. Mir würde es wohl ähnlich gehen. Ist jetzt zwar zwei Jahre her, aber ich stöber hier gerade etwas rum. Bist du später nochmal in einer ähnlichen Situation gewesen und hast etwas besser machen können?

    P.S.: Der Eintrag über mir ist Porno-Spam.

  3. 03

    Danke, ist gelöscht!

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