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Der Tag am Meer


Zaza: Lass mal wieder rausfahren.
Ich: Jesus. Das hatten wir doch schonmal.
Zaza: Ja. Letztes Jahr.
Ich: Eben.
Zaza: Lass mal wieder rausfahren, lass mal wieder rausfahren, lass mal wieder rausfahren.
Ich: Du klaust mir meine Pointen.
Zaza: Kannst wieder ein paar haben, wenn wir am Meer sitzen. Du klaust ja ständig meine Pointen und schreibst Artikel damit. Wenn die Spreeblick-Leser wüssten, wie dröge und unlustig Du eigentlich…
Ich: Nanana. Komm.
Zaza: Entweder Du fährst mit, oder ich fang auch an, Kommentare unter Deine Fußballartikel zu schreiben.

Ans Meer also. Zaza ist in den Bergen aufgewachsen, die weiß überhaupt nicht, was das sein soll: das Meer. Einmal stand sie am Bodensee, da machte sie Augen wie ein Kellerhund und sagte: „So viel Wasser!“ Ja. Und alles passt in ein Bierglas, faszinierend. Wenn ich die Badewanne volllaufen lasse und eine Packung Meersalz reinkippe, holt sie das Schnorchelset raus und will nach Seesternen tauchen. Mit „ans Meer fahren“ meint sie also bestimmt „an die Ostsee fahren“. Da spuckt der Herrgott nach seinem Tagwerk einmal kurz unglücklich zwischen Skandinavien und Bernsteinküste, und schon glaubt Zaza, hinter dem Horizont komme, wenn man nur lang genug rudere, das gelobte Land. Stattdessen warten da Uppsala oder Kopenhagen. Nichts gegen Kopenhagen, Kopenhagen ist wunderschön, ich hab da mal im Winter Menschen auf zugefrorenen Brunnen Schlittschuhlaufen sehen. Aber bitte, die Ostsee.

Zaza: Wir fahren nach Rerik.
Ich: Rerik?
Zaza: Rerik.
Ich: Was zur Hölle ist denn Rerik?
Zaza: Sach mal, mehr als „Himmelherrgott“, „zur Hölle“ und „Jesus“ fällt Dir wohl auch nicht mehr ein. Bist Du zum Katholizismus konvertiert und hast mir das verschwiegen?
Ich: Also gut: Rerik. Was soll das sein?

Ich soll mich überraschen lassen. Als ich mich das letzte Mal von einem Ausflug hab überraschen lassen, das war letztes Jahr, da meinte Zaza auch, ich müsse mir dringend den Freitag Nachmittag freihalten, sie habe da was wunderschönes mit mir vor, was total ungewöhnliches, sie freue sich schon total auf den Ausflug, das wird toll, und hinterher gibts Picknick. So hab ich mich ködern lassen, das erste Mal in meinem Leben Blut zu spenden. Beim roten Kreuz. Für überhaupt kein Geld.

(Als Zaza mich das zweite Mal Blut spenden lassen wollte, hab ich dem Rotkreuzler beim Vorabgespräch gesagt, ich hätte letztes Wochenende tonnenweise Pillen gefuttert. Jetzt darf ich nie wieder, ha! Nicht, dass wir uns da falsch verstehen, ich finde Blut spenden wichtig und richtig. Allerdings finde ich Nadeln furchteinflößender, als Blut spenden gut.)

Diesmal hab ich mehr Glück, Rerik ist sehr kuschelig. In der Ferienwohnung sind sachdienliche Hinweise hinterlassen worden, damit ein jeder Freizeit-Sherlock Holmes weiß, in welchem Zimmer er sich gerade befindet: im WC ist ein großes Schild aufgestellt worden, wo WC drauf steht. So finden sich auch diesem Kulturkreis nicht Vertraute, denen handelsübliche Toiletten unbekannt sind, schnell und problemlos in der ihr noch fremden Umgebung zurecht.

Zaza: Schau mal, ein Friedhof!
Ich: Ja, stimmt, ein Friedhof.
Zaza: Wie toll! Ein Friedhof!
Ich: Ja, da liegen Leute rum und modern, was man noch nicht einmal mitansehen kann, weil überall Erde drüber liegt, damit Anverwandte schöne Blumen draufpflanzen und über die verwahrlosten Nachbargräber tuscheln können.
Zaza: Genau! Sehen will!
Ich: Was denn sehen? Die Blumen? Die Erde? Die paar Steine?
Zaza: Alles! Und zwar jetzt!

Zaza hat ein Faible für Friedhöfe, deswegen fand sie Paris auch sehr schön. Da liegen mehr Leute unter der Erde, als drüber lustwandeln. Wenn wir über Reisen sprechen, die irgendwann anstehen, heißt es nicht, wir könnten nach Prag fahren oder nach Wien, sondern: „Wir fahren zum Zentralfriedhof“ oder „Lass uns mal den alten jüdischen Friedhof sehen“.

Rerik muss gesund sein, einen so hohen prozentualen Anteil Ex-80jährige hab ich schon lange nicht mehr auf einem Haufen gesehen. Besonders süß sind die Berufsbezeichnungen auf den Grabsteinen, in Stein gemeißelte Visitenkarten für die Ewigkeit. Einer hat „Fleischermeister“ drauf schreiben lassen, ein anderer „Gebäuderestaurateur“.

Der Herr vom Rerik-Museum ist ein ganz Netter. Allerdings hat er zwei Semester zu viel Pädagogik studiert. Statt einfach zu sagen, was er so auf dem Herzen hat, muss er immer nachfragen, ob das nicht jemand anderes auch weiß. „Was glauben Sie, warum das ‚auf den Hund gekommen‘ heißt?“ Keine Ahnung. Vielleicht, wenn bei Hungersnöten schon alle Katzen als falsche Hasen verspeist worden sind, und man dann die Hunde röstet. Oder weil man vor lauter Hunger die Tischplatte durchgebissen hat, und drunter liegt der Hauswauzi. Oder… Nein, meint der Herr vom Rerik-Museum, das sei nämlich so, dass in den Haustruhen der Leute häufig auf dem Boden Hunde aufgemalt seien, und wenn man nichts mehr in der Truhe gehabt habe, habe man eben den Hund gesehen, und ergo deswegen hieße das „auf den Hund gekommen sein“.

Aha.

„Was glauben Sie, woher ‚auf die hohe Kante legen‘ kommt?“ Wenn ich jetzt beim Jauch wäre, würd ich die fünfhundert nehmen und nach Hause gehen. So geh ich eben zur Toilette. Und dann eine rauchen, draußen hat einer eine Skulptur hingestellt, aus einem Baumstamm geschnitzt. Es soll ein Wal sein, sieht aber aus, wie eine Metwurst, die sich mit einer Karotte gepaart hat, plus ein Gesicht vorne drauf. Zaza kommt raus und will zur Kirche.

Zaza: Kuck mal, der Kirchturm ist schief.
Ich: Das sieht bloß so aus. Das ist, weil die Wolken drüber ziehen und man dann so eine Verzerrung, also physikalisch ist das so, also mit der Lichtbrechung, also…
Zaza: Nee, kuck, der ist schief.
Ich: Nee… Perspektive… Hintergrund… Fluchtpunkte… ähm…
Zaza: Nix. Der ist schief. Weil nämlich, falls es mal brennt, damit der Kirchturm dann in eine bestimmte Richtung fällt, und nicht auf die Schiffe.
Ich: So ein Käse.
Zaza: Das hat der Museumsmann gerade erzählt.
Ich: Oh, kuck mal, da hinten, da sind Möwen, toll, nicht?

Jedenfalls: Ostsee.


Lohnt sich.

Danke an Stefanie Lamm und Hagen Hoffmann für die Fotos!

19 Kommentare

  1. 01

    Aufpassen! Die Ostsee ist wohl ein Meer! Und gegen die Nordsee sogar landschaftlich spannend … vielleicht nicht so spektakulär wie der Atlantik … aber besser als die Nordsee (die sowieso nur alle Jubelstunden da ist)

  2. 02
    peter h aus b

    Toller Text. Danke

  3. 03
    ber

    Jedenfalls: Ostsee.
    Lohnt sich.

    Da hamse aber nochmal die Kurve jekriegt Herr Valäng ;)

  4. 04

    Super. :D Ich musste lachen. Der Text ist toll. Und Zaza klingt sehr sympathisch obwohl ein wenig durchgeknallt. ;)

  5. 05
    christine

    Die Nordsee ist auch toll, ist doch auch prickelnd, wenn man an den Strand fährt und nicht weiß ob das Wasser da ist oder nicht :)

    Zudem sind Wattwanderungen toll… also bitte: Nordsee hat auch ihren Charme…

  6. 06

    Wer ist eigentlich Zaza?

  7. 07
    Frédéric Valin

    Ich mag die Nordsee ja auch, vor allem die Inseln. Aber von Berlin aus kommt man da schwer hin. Da muss man beinah Urlaub nehmen für.

    @Badratgeber: Zaza ist… Zaza.

  8. 08
    Thomas (Cuxhaven)

    @Christoph (Kiel): Nix gegen die Nordsee. Da gibt’s wenigstens zur Abwechslung mal Ebbe und Flut. Ostsee ist doch langweilig. Immer nur Wasser und Sand. Und Bernstein findest Du an der Nordsee auch (siehe Bernsteinmuseum auf Neuwerk). Und es geht doch nix über eine Schlammschlacht im Priel und und und… Oder, christine? ;)

  9. 09

    Na wenn man die Information mit dem schiefen Kirchturm nicht eines Tages mal gepflegt klugscheißerisch einbringen kann.

  10. 10

    „žMuseumsmann“ ist für sich alleine schon so hübsch!

  11. 11
    JST

    HAA! Gleich zwei Schleichwerbeskandale bei Spreeblick in einer Woche! Erst im TV am Samstag bei „Ein starkes Team“ mit der Reederei „Spreeblick“ und jetzt ein „Langnese“-Bild auf dem Blog! UUUUUUUUUUUUNGLAUBLICH!

  12. 12

    @JST: Die haben einfach mehr gezahlt als Häagen-Dasz.

  13. 13
    david

    zaza ist entweder beschränkt oder unglaublich zauberhaft.ich bin mir da bei meiner freundin auch nicht immer sicher,das ist ein tolles gefühl…

  14. 14

    @Frédéric: Hör mir bloß auf mit Häagen-Dasz. Nur weil ich mich beim Namen dauernd vertippt habe, wollten die am Ende nur noch in Naturalien bezahlen und jetzt sitz‘ ich hier auf 2,5 Tonnen Stracciatella.

  15. 15

    @Johnny Haeusler: Da gibst bestimmt was ab.

    Find ja die Ostsee auch spannender, an die Nordsee fahre ich erst wieder wenn ich 70 bin -> Zielgruppe.

  16. 16
    quasi

    danke – ein echt guter text – hat richtig spaß beim lesen gemacht {entschuldigt die rechtschreibung – is´n handy}

  17. 17

    Sehr schöner Text. Man kann die Sorglosigkeit direkt schmecken.
    Ich mag ja Nord- und Ostsee beide gleich gerne. Zum Segeln ist die Nordsee einen Tick spannender und Dank der längeren Wellen auch erträglicher. Bei Landgang bevorzuge ich allerdings auch die Ostseeküste. Die ist einfach vielfältiger. Obwohl das Wattenmeer ….. und Amrum, oh Amrum meine heimliche Liebe ….

  18. 18
    Claudia

    lustig :o) locker fluffig geschrieben und zeigt wunderbar den unterschied zwischen mann und frau auf…

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