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Bemerkenswert

fight

Das Bemerkenswerte an diesem YouTube-Video, in dem zwei sich auf einer U-Bahn-Station prügelnde Frauen zu sehen sind, ist nicht, dass sich zwei Frauen prügeln. Das Bemerkenswerte an diesem Video ist, dass jemand die Frauen, die mit etwas Pech schnell auf den Gleisen hätten landen können, nicht mit Hilfe anderer Fahrgäste auseinander bringt, sondern die Szene stattdessen lieber filmt, ins Internet stellt und bei Reddit darauf hinweist. Das Bemerkenswerte ist weiterhin, dass alle anderen Fahrgäste so lange interessiert zusehen oder sich abwenden, bis endlich eine einzelne Frau eingreift. Erst danach helfen weitere Menschen.

Und das Bemerkenswerte an diesem Video ist weiterhin, dass der Kollegin bei Buzzfeed dazu nichts anderes einfällt als „One girl even tries to pull the pants off the other. Viciousness!“.

Manchmal kotzt mich dieser ganze ach-so-hippe Zynismus einfach nur noch an.

45 Kommentare

  1. 01
    anton voyl

    sowas birgt natürlich eine widerliche sensationsgeilheit. allerdings glaube ich nicht, dass die passanten (oder der filmende) geholfen hätten, wenn sie kein handy gehabt hätten (siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Zuschauereffekt ).

  2. 02
    Merkosch

    Nach 7 Sekunden greift jemand ein. Klar, man weiß nicht, ob der Filmer sich erst nach 5 Minuten dazu entschlossen hat, zu filmen, aber gerade deshalb finde ich es nicht gut, da voreilige Schlüsse zu ziehen.

    Abgesehen daon sieht es ja nach einer „einvernehmlichen Schlägerei“ aus. (Damit will ich nix beschönigen, aber es ist dennoch etwas anderes, als wenn mehrere Leute auf einen Wehrlosen einprügeln).

    Es ist jetzt leicht zu sagen „ICH wäre dazwischengegangen“, deshalb sage ich es nicht. Denn ich wäre vermutlich auch nicht dazwischengegangen. Wie (Achtung, Mutmaßung!) 90% der Leute die so etwas behaupten.

  3. 03
    Falki

    Je mehr Menschen zuschauen, desto weniger helfen. Traurigerweise in Experimenten bewiesen.

    Hat auch was mit informationalem sozialem Einfluss zu tun.

    Man will nicht der Depp sein, der eingreift und deshalb wartet man erst einmal ab, was die anderen so machen und greift erst dann ein.

    Wer will sich schon vor vielen Menschen blamieren. Also lieber zugucken wie alle anderen und sich konform verhalten. Da macht man „nichts“ falsch.

  4. 04
    cmi

    Ich hatte bereits zu einer solchen früheren Situation mal gegoogelt und den Wikipediaartikel aus #1 gefunden und finde das ziemlich gut beschrieben. Erlebt man doch auch bei sich selbst, ohne das es dramatisch sein muss wie in dem Video (oder gar noch schlimmer). Erschreckend ist, wie man dann seine eigene Lähmung fühlt.

  5. 05
    Trin

    Ist es eigentlich zynisch, ein Video zu verlinken, dass man nicht gutheißt um auf den hippen Zynismus, den man ebenfalls nicht gutheißt aufmerksam zu machen?

    Auch hier weiß Wikipedia Rat: „Sozialer Zynismus – Hierbei handelt es sich um die Folge übermäßig hoher Erwartungen gegenüber der eigenen Person und anderen. Zyniker dieser Art übertragen ihre stark idealistisch geprägten Ansichten und Erwartungen auf Gesellschaft, Institutionen wie auch Autoritäten. Das Verfehlen dieser Erwartungen führt zu Enttäuschung, welche Gefühle der Desillusionierung und des Verrats auslöst.“

    Um jetzt mal mit weiterem Zynismus zu kontern, sage ich einfach dass hier mal wieder 3 Lieblingsbeschäftigungen des Menschen aufeinandertreffen:

    1. Sich gegenseitig auf die Fresse hauen.
    2. Bei 1. zusehen, mitfiebern, auslachen.
    3. Sich über 1. und 2. empören

    Und jetzt dürft ihr über mich herfallen.

  6. 06

    @anton voyl: @Merkosch: @Falki: @cmi: Alles richtig, alles bekannt und nicht nur hier oft diskutiert. Mir geht es aber gar nicht um Zivilcourage oder u.U. fatales Heldentum und ich rate jedem, das eigene Leben nicht zu gefährden (wobei es in dieser Situation anscheinend leicht gewesen wäre, gemeinsam mit anderen einzugreifen). Das alles ist sicher nicht zynisch, sondern menschlich.

    Mit „Zynismus“ meine ich den Reflex des Online-Stellens und vor allem die Tendenz speziell in sehr Klick-orientierten US-Blogs (Gawker etc.), alles, wirklich alles nur noch mit süffisanten Kommentaren zu veröffentlichen. Das finde ich in solchen Fällen zynisch.

  7. 07

    @Trin: Nein, es ist nicht zynisch, wenn ich das nicht tue, um mehr Klicks zu bekommen, sondern um eine evtl. spannende Debatte zu führen. Ich hätte die Links auch weglassen können, aber das wäre albern.

  8. 08
    marc

    @Johnny Haeusler: Wenn du das Online-Stellen solcher Videos kritisierst, kann man sicherlich auch die Verbreitung durch dich kritisieren, oder? Ob nun eine spannende Debatte folgt, wage ich zu bezweifeln. Abgesehen davon halte ich das Video, die Reaktionen der Leute und die Kommentare für nicht sehr empörend.

  9. 09
    Marvin

    Ich stimme @marc zu.

    Indem du bei #06 eingrenzt, dass es dir hier nicht um Zivilcourage geht, kann nur noch der Fakt, dass andere (wie Gawker) solcge Inhalte posten und zynisch kommentieren, als Anlass einer „spannenden Debatte“ genommen werden.

    Ich finde, damit instrumentalisierst auch du den anfänglichen Diskussionsgegenstand – eben das Schlägerei-Video – und erreichst eigentlich genau das gleiche wie Gawker. Du willst deren Vorgehen problematisieren und reproduzierst dabei ihr Verhalten indem du das Video selbst vervielfältigst und Klicks produzierst.

  10. 10

    Popcorn, Nachos mit „echter Käsesoße“, Eis. Das ist was zählt.
    Gibt es eigentlich „Brauner Bär“ noch?
    Einem Menschen helfen fängt eigentlich vor der eigenen Haustür an und nicht erst wenns „Auf die Fresse“ gibt.
    Helfen kann auch schon eine Tür aufhalten sein. Leider haben viele Leute das vergessen. Mal drüber grübeln. In diesem Sinne…

  11. 11
    flubutjan

    @Merkosch: Du erwähnst, dass es nicht so OK ist, „wenn mehrere Leute auf einen Wehrlosen“ losgehen.

    Ich möchte hier nur mal kurz darauf aufmerksam machen, dass in Deutschland gerade eine Stigmatisierungsorgie, die seit 1945 ihresgleichen suchen dürfte, gegen eine einzelne Person stattfindet. Fast das ganze Land scheint an der Hatz teilzunehmen, und die Verfolgte ist zudem noch ein halbes Kind. Wahrscheinlich nicht schwer zu erraten, ich meine eine gewisse Sara, die in die Menschenfeindlichkeitsmaschinerie des „Dschungelcamps“ vom Privatfernsehen (RTL) geraten ist.

    RTL vergiftet nicht nur mit DSDS, sondern eben auch mit dem Dschungelcamp die kommunikative Kultur in Deutschland: Stigmatisierung, Abwertung, Ausgrenzung, Empathieverweigerung und ein Sich-über-andere-Stellen, für das Hochmut gar kein Ausdruck ist, werden geläufig, erscheinen plötzlich vielen passabel, die sich derlei auch zum Vorbild nehmen. Da muss man sich nur mal die Kommentare zum Dschungellager auf Yahoo angucken – die Leute speien Gift und Galle gegen dieses Girlie, die Redaktuere schimpfen es „Heulsuse“, „dämlich“ usw. usf.

    Heute Mittag nahm sogar eine Moderatorin vom (öffentlich-rechtlichen!) Funkhaus Europa an der Menschenhatz teil und stieß mit Begeisterung und über Minuten in das Horn, das RTL und der seelisch scheinbar ernsthaft gestörte Dirk Bach uns allen seit einer Woche hinhalten.

    In einer annehmbaren Gesellschaft würde nicht diese altersgemäß Desorientierte am allgemeinen Pranger stehen, sondern die feige Meute, die sie mit Häme und Hass überschüttet. Aber die Verhältnisse, die sind nicht so.

    Mich hat seit längerem kaum ein Vorgang im Land derart beunruhigt wie das Geschilderte. Die Leute sind wie rasend, suchen und finden ein Opfer. Man fragt sich: Ist es bald wieder soweit? Werden sie es wieder tun?

    Der Sara kann man nur wünschen, dass sie diese geballteste Ladung Ablehnung eines ganzen Landes, ihres Landes, irgendwann verarbeiten kann. Denbkbar wäre, dass sie sich zu einer Art gesellschaftsdistanzierten kritischen Intellektuellen quasi mausern muss, die unser „gesellschaftlich Unbewusstes“ (Mario Erdheim) auf’s Korn nimmt.

    Ich glaube hier thematisch nicht allzu weit daneben zu liegen, denn um eins geht es bei RTL ganz gewiss: um Zynismus in einer ebenfalls zeittypischen Form.

    (Und wieder ist es zu verzeichnen, mein „Lieblings“thema : dieser wahnsinnige Überlegenheitsdünkel mit seinen kleinen und großen Machträuschen, das Grundübel. Wer sagt, wie Harald Schmidt, das Nazithema sei für ihn „erledigt“, der hat schlicht keine Ahnung. Die alten Kräfte, die „Feinde der Liebe“ (J. Assenge), sind noch weidlich am Werke.)

    Letzter Punkt: RTL kalkuliert in seiner Dramaturgie die sadistischen Neigungen des Publikums ein und bedient diese reichlich. Dazu noch eine Information: Man sollte ja meinen, dass zu dem Thema Sadismus ganze Bibliotheken wissenschaftlicher Literatur existieren. Nun – tun sie nicht (habe da seit Jahren ein Auge drauf). Sadismus – IST UNERFORSCHT. Daher vielleicht kein Wunder, was mit dem Sara-bashing gerade wieder bei uns los ist. Und mal sehen, was noch kommt.

  12. 12

    @marc: @Marvin: Mit anderen Worten: Man sollte auf nichts hinweisen, das als Ansatz für Gedanken funktioniert und nicht 100%ig „okay“ ist? Wie viele Kommentare hätten geschrieben „Wo ist denn das Video, das du meinst?“, wenn ich es nicht verlinkt hätte?

    Stimmt, ich instrumentalisiere das Video, um meinen Gedanken, die ich bei dem Buzzfeed-Posting hatte, auf meinem Blog zu veröffentlichen. Und diese Gedanken sind etwas völlig anderes als der lapidare Kommentar auf Buzzfeed.

    Das bedeutet nicht, dass hier immer alles supi und toll wäre. Aber wenn mein Posting „falsch“ oder zynisch ist, dann mache ich hier seit rund 9 Jahren etwas komplett falsch.

  13. 13
    Martin

    @flubutjan: Auch wenn es ein bißchen off-topic ist:
    Sara kriegt dafür eine Menge Geld und ich glaube auch, dass sie damit ganz gut umgehen kann. Ich glaube auch, dass sie sich selbst in dieser Rolle gefällt. Und in einer Woche kräht kein Hahn mehr danach.

    Ich fände es unerträglich, wenn in einem Video Menschen ernsthaft zu Schaden kommen und es dann online gestellt wird und sich Leute darüber lustig machen. Hier kann ich das nicht so erkennen.

  14. 14
    Merkosch

    @Johnny Haeusler: Ich denke nicht, dass das Hochladen auf Zynismus beruht. Das war vermutlich einfach ein reflexartiges Hochladen, um seine persönlichen 15 Minuten Ruhm abzuholen.

  15. 15
    Merkosch

    @flubutjan: Ganz ehrlich? Ich kann da jetzt keinen großen Bezug zu meinem Kommentar feststellen. ;)

    Abgesehen davon habe ich von dieser Hetzjagd nicht viel mitbekommen, was daran liegen mag, dass ich Artikel, die sich mit solchen Themen (Dschungelcamp, RTL-Kuppelsendungen, Trash-TV an sich) befassen, idR nicht lese.

  16. 16
    malefue

    zwei frauen prügeln sich: gähn
    leute schauen zu und helfen nicht sofort: gähn
    leute schauen sich das im internet an: gähn

    ich weiß ja nicht, aber sich darüber zu echauffieren erscheint selbst mir als sehr blauäugig-naivem idealisten ein wenig naja… blauäugig.
    grundlegendes menschliches sozialverhalten zu beweinen, ist wirklich die schlimmste form von hirnwichserei.

  17. 17
    flubutjan

    @Merkosch: Äh, ja, es hat wohl ein Partikel Deines Kommentars bei mir gewirkt wie eine Brausetablette, die man in eine Limoflasche schubst (Pschhhhhhhhhh!) Hoffe, Du fühlst nicht allzu benutzt.
    Am Dschungelcamp und diesem Sara-Thema kam zumindest ich überhaupt gar nicht vorbei, und das zunächst, ohne die Sendung zu gucken. Z. B. hatte die ZEIT was drüber und spiegel.de, die Yahoo-Startseite sowieso, und beim Zappen eines Nachmittags ging’s senderübergreifend Schlag auf Schlag. Als ich die Sendung dann einmal ansah, kam mir echt das große Brechen bei all den unverhohlen aggressiven Beleidigungen von Herrn Bach. Diesen Leuten ist es nicht nur scheißegal, wenn sie jemanden verletzen und schädigen, nein, sie wollen sogar genau das. Grusel.

    Ich habe mal bei einer sichtlich nicht-einvernehmlichen Schlägerei zweier älterer Männer lediglich die Polizei gerufen, nach Dazwischengehen war mir spontan überhaupt nicht, die kloppten sich auch nicht an der Bahnsteigkante. Musste dann in einem Strafrechtsprozess aussagen, der Täter bekam ’ne empfindliche Geldstrafe und lässt seinen Nachbarn jetzt in Ruhe.

  18. 18
    Marvin

    @Johnny Haeusler:

    Ich wollte damit nicht sagen, dass dein posting zynisch ist oder inhaltlich das gleiche darstellt wie bei Gawker. Nur formal ist dein Posting eben genau der gleiche Prozess, den du problematisieren willst. Der Widerspruch ist aber offenbar unvermeidlich, wenn man solche nicht „100%ig “okay”“‚en Beispiele verwenden.

    Ich werte das gar nicht. Und wie du ja treffend sagst, hättest du die Links ausgespart, hätten die Leute danach gebrüllt. Mit dem Video hast du zwar ein Beispiel für dienen berechtigten Gedanken, erfüllst aber gleichzeitig den oben beschriebenen Zusammenhang.

    Ein Dilemma.

    Ich sollte mich mal wieder meiner Abschlussarbeit zuwenden :P

  19. 19
    Merkosch

    @flubutjan: Benutzt? Ach Quatsch. ;)

    Die Sendung habe ich verfolgt, aber da ist schon vorher klar, was einen erwartet. Dirk Bach und Sonja Zietlow auf RTL, da darf man nicht viel erwarten. Die Sendung will unterhalten und wer bei dieser Art der Unterhaltung auf der Strecke bleibt, ist dem Sender egal. Es funktioniert: das mediale Echo, das Aufmerksamkeit und damit steigende Quoten und höhere Werbeeinnahmen mit sich bringt, ist da.

  20. 20
    flubutjan

    @Merkosch: 1. Die Absehbarkeit des Üblen macht das Eintreffen des Üblen nicht besser, oder?

    2. Ich persönlich erlaube mir auch manchmal, eben gerade an nichts Böses zu denken und krieg’s dann unvorbereitet unangenehm reingewürgt (Insofern wäre 1. teilweise widerlegt: Das Absehen schwächt die Erschütterung beim Eintreffen wohl ab. Aber: An der Qualität des Erschütternden ändert sich durch das Absehen an sich nichts).

    Was mich an Bach und Zietlow frappiert, ist, dass das alles auf einem sehr hohen professionellen Niveau läuft, also, dass ein großes Können, sehr gut beherrschte Technik usw. dafür eingesetzt wird, um das total rückständige, mittelalterliche Ziel der Sündenbockerzeugung in die Praxis umzusetzen, um die Meute auf ein schwaches Opfer loszuhetzen etc. Würde das ganze tolle Können nicht besser zu ebenso tollen Sachen/Zielen passen statt zu Barbarei?

    Du würdest vielleicht antworten: Möglich, aber die hätten nicht die gleiche Einschaltquote.

  21. 21
    Merkosch

    @flubutjan: Selbstversändlich hätte man nicht einmal annähernd hohe Einschaltquoten. Der Mensch ist sensationsgeil und zieht sich gerne am Unglück anderer hoch, das war schon immer so und wird auch immer so sein, sei es nun der Passant, der verächtlich dem Obdachlosen mit der gescheiterten Existenz nachblickt oder halt der Zuschauer, der sich an der Hetze gegenüber der Opfer der Unterhaltung erfreut.

  22. 22
    Martin

    Ich verstehe nicht die Kritik am Dschungelcamp. Wirkliche Opfer kann ich da nicht sehen. Sara hat ihre Lieblingsrolle gespielt: die Dramaqueen. Das war beste Unterhaltung. Und sie hat gut daran verdient.
    Die Witzchen von Bach und Zietlow sind meist nicht so dolle und manchmal auch etwas geschmacklos, aber ansonsten ist das wirkliche eine gute Unterhaltungssendung.

  23. 23
    Peter H aus B

    Habe das Video nicht gesehen, soll aber in NYC gefilmt worden sein. Das entspricht meinen Erfahrungen in dieser Stadt, extremer als anderswo, wurde/wird in New York nach dem Motto gehandelt: „mind your own business“. Ich habe Menschen auf der Strasse zusammenbrechen gesehen und keiner hat geholfen.
    Ich wollte, durfte aber nicht, meine erwachsene amerikanische Begleitung hat mich davon abgehalten (ich war da als 16 jähriger Teenie in den 80zigern, voller Vorfreude abgekommen und angeekelt wieder abgereist). Seitdem hadere ich mit den USA…

  24. 24

    Voyeurismus allerorten, sei es nun die Gier nach verbaler oder körperlicher Auseinandersetzung. Und die Medien befeuern dies, weil ein Bedarf da ist und damit ergo ein Geschäft gemacht werden kann. Was treibt uns aber an sich dieses anzuschauen, darüber zu reden und es zu einem Bestandteil unserer Kommunikation zu sein. Da scheint es archaische Antreiber zu geben, die uns suggerieren : Wenn andere übereinander herfallen, dann sind wir sicher, dann kann uns nichts passieren. Wenn das Maß, im wahrsten Sinne des Wortes, voll ist, können wir beruhigt sein, also her mit den schlechten Nachrichten. Die schlechten Dinge passieren dann anderen , nicht mehr mir.

  25. 25
    mafusa

    Hallo

    Eine ähnliche Situation hatte ich neulich am Kotti. Jemand griff mich schubsender Weise an und lies nicht mit sich reden. Als ich dann etwas die Menge suchte und hoffte das mir vielleicht jemand hilft, waren die einzigen Reaktionen, dass einer erschrocken aufsprang, laut „scheiße!“ schrie und sich aus dem Staub machte. Während die anderen einen Kreis um uns bildeten.
    Ich fühle mich ein wenig wie auf dem Schulhof.
    Ob das nun mangelnde Zivilcourage ist, weiss ich nicht. Dennoch finde ich es schade, dass wirklich niemand auf meine Bitte nach Hilfe reagierte. Vielleicht sehe ich das auch falsch, aber ich habe in solchen Dingen immer versucht zu helfen und wenn es nur ein anruf bei der Polizei ist.

  26. 26

    Wir sind eine Gesellschaft von Leser-Reportern. Filmen, knipsen und an 141Dingens schicken und schon winkt die Prämie. Im Netz heißt die Währung Klick und Links. Und weil wir uns wie Reporter fühlen, benehmen wir uns so. Wir dokumentieren und greifen nicht ein.

    Wir sehen Tier-Dokus, wo die Schlange die Maus verschlingt, und greifen nicht ein. Wir sehen in der Tagesschau wie Menschen verhungern und öffentlich verprügelt werden – die Reporter füttern nicht und greifen nicht ein. Wann hat ein Reporter zum letzten Mal versucht, einen Talibankämpfer davon zu überzeugen, die Waffe niederzulegen? Vielleicht sehen wir hier genau das, was alle fordern, gleiche Rechte und gleiches Ansehen für Blogger und andere Internetakteure wie für professionelle Journalisten.

  27. 27
    BenZol

    Was ist falsch daran, den Menschen den Menschen zu zeigen? Macht Euch doch nichts vor. Wir sind nicht so toll, einzigartig und moralisch erhaben wie uns Religion und Philosophie glauben machen wollen.
    Darüber hinaus finde ich es viel zynischer, zu glauben, man könne daran etwas ändern, indem man sich solchen allgemeinen Vorstellungen unterwirft.

    Hupe, wenn Dir dieser Widerspruch auch auffällt.

  28. 28

    @Matthias Schumacher

    Auch ganz deiner Meinung. Mir wird auch zuweilen zugeworfen, du musst auf deiner Seite mehr Action liefern, das muss spektakülärer werde.

    Nein muss ich nicht! Wer nur noch etwas spürt, wenn es extrem wird, dem kann ich nicht helfen. Bei mir gibt es kleine Geschichten aus dem Leben, nicht mehr aber auch nicht weniger.

  29. 29
    flubutjan

    @Merkosch:

    @Raoul:

    Ihr bringt’s m. E. beide auf den Punkt, der der Kern des Pudels ist, und würde diesen Kern gerne noch einmal formulieren (um vielleicht auch thematisch endlich bei dem Ausgangsvideo dieses Posts (sagt man so?) anzukommen):

    Ihr erwähnt

    – sich „am Unglück anderer“ „hochziehen“

    – Verachtung für den Obdachlosen

    – Freude, dass es bei einer Hetze deren Opfer gibt (das man nicht selber ist)

    – Genuss an: „Wir sind sicher, während andere übereinander herfallen“

    – Genuss an: „Die schlechten Dinge passieren anderen, nicht mir“

    All das bedeutet von der psychischen Disposition her: Wir unterliegen nicht dem miesen Kram, den andere auszustehen haben, wir sind daher in einer glücklicheren, besseren Lage, haben es besser, ergo SIND wir besser, mehr, höherwertig, überlegen, dominant. Und das gratifikatorisch-kulinarische Erleben dabei: der blanke Machtrausch.

    Und genau diese Haltung ist wohl auch bei der Hochladerin obigen Videos‘ zu vermuten.

    Diesen psychosozialen Konnex nenne ich bei jeder Gelegenheit DEN Motivationskern nahezu aller negativen sozialen Haltungen und Handlungen, vom Machismo bis zum Rechtsextremismus, von der städtischen Geländewagenfahrerei („Dominanzschüssel“) bis zum Serienmord.

    Dass das immer so sein wird, so pessimistisch möchte ich doch Fortschrittsgläubiger und Utopist absolut nicht sein.

    Schön wäre es, wenn sich die Wissenschaft vielleicht endlich mal wenigstens der klassischen „Dominanz-Störung“, dem Sadismus, zuwenden könnte.

  30. 30
    flubutjan

    @Merkosch: Übrigens: dass sich an der „Schlechtigkeit“ der Welt resp. des Menschen angeblich nie etwas ändern wird, ist ein eher konservativ-reaktionärer Mythos, der die Profiteure eben dieser Schlechtigkeit vor etwaigen Veränderungen bewahren soll.

  31. 31

    @Matthias Schumacher: Ganz spannender Aspekt. Fragt sich nur, welche Rolle Bürgerjournalisten ab dem Moment spielen, ab dem von allen nur noch dokumentiert wird. Ein Fotojournalist hat eine Aufgabe und entweder befinden sich bereits andere Parteien mit anderen Aufgaben in seinem Tätigkeitsfeld (Kriegsgebiete) oder aber er versucht durch seine Dokumentation Aufmerksamkeit für ein Thema zu generieren, dem er allein ohnehin nicht gewachsen wäre (andere Krisengebiete, anderes Unrecht und Leid).

    Insofern mag es vielleicht sogar sein, dass der Betreffende das oben verlinkte Video veröffentlicht hat, um das Geschehen wertfrei zu dokumentieren. Ganz verstehen kann ich den Reflex in diesem Fall jedoch immer noch nicht, obwohl ich mit allem möglichen technischen Quatsch ausgerüstet bin, wäre das Rauskramen meines Telefons das Letzte, an das ich in einer solchen Situation (die ja im Grunde recht harmlos war) denken würde.

    Und es stellt sich weiterhin die Frage, welche Rolle die Verbreitungskanäle danach spielen, dabei zeichnet sich meiner Meinung nach bei einigen Portalen oder Sites schon eine gewisse Gleichgültigkeit ab. Es wird gepostet, was Klicks bringt, und insofern unterscheiden wir uns alle nur in den entscheidenden Details der Auswahl und der eigenen Geschmacks-, Moral- und Ethikgrenzen.

    Im Grunde also alles wie immer… :)

  32. 32
    Jan(TM)

    @Raoul: @flubutjan: Darf ich mir eure Texte rahmen und über das Sofa hängen?

  33. 33
    flubutjan

    @Jan(TM): Machst Du ja doch nicht … :-)

  34. 34

    @Peter H aus B: Ging mir bei NY-Aufenthalten zwischen 1990 und 1995 komplett anders. Ich habe die Stadt und ihre Einwohner als hilfsbereit und aufmerksam empfunden. Bisschen rau, klar, aber als Berliner fühle ich mich damit schnell zuhause.

  35. 35

    @Johnny Haeusler: Natürlich ist so eine Cam immer ein Grund, um nicht eingreifen zu müssen. Die könnte ja beim Filmen runterfallen:)

    „Es wird gepostet, was Klicks bringt…“

    Genau. Aber was bringt noch Klicks? Man muss immer frecher werden, mutiger, wahnsinniger und wahnwitziger. Man könnte auch kreativ werden, aber mutig, wahnsinnig und frech geht schneller. Schneller als Recherche sowieso.

    Viele erregen sich übers Dschungelcamp. Bitteschön! Aber dass wir alle nur noch reagieren, wenn immer noch eins draufgesetzt wird, bemerken wir schon gar nicht mehr.

    Im übrigen muss man beispielsweise auch fragen, wo die jährlichen Videos „Polizeigewalt am 1. Mai“ herkommen. Zur Deeskalation trägt das Filmen nicht bei. Manchmal geht Dokumentation vielleicht vor. Ich weiß ja selber nicht genau;)

  36. 36
    fridge

    Video ist offline. Vielleicht ein ironischer Schlusspunkt.

  37. 37
    internet nicht offline

    Das Video ist im Internet und wird somit wohl nie verschwinden
    http://www.metatube.com/en/videos/48058/NYC-SUBWAY-CAT-FIGHT/

    Wobei dieser Fall aus Seattle noch schlimmer ist
    „Security gafft bei Schlägerei“ http://www.youtube.com/watch?v=A3pe-V8VX4U

  38. 38
    fruchtiger

    Seit wann hat Zynismus was hippes an sich Johnny ? Wenn YT Maßstab für menschliches Sozialverhalten wäre dann wäre diese Welt wohl kein schöner Ort.

  39. 39
    flubutjan

    Als Nachtrag hier noch die schlichte Definition von Sadismus:

    Sadismus ist ganz handfest tatsächlich die Freude, das Vergnügen oder die Lust an: den Leiden anderer.

    Eigentlich weiß man’s, ist doch aber (für Typen wie mich zumindest) immer wieder erstaunlich, oder?

  40. 40

    Yeah wow.
    „Reg dich nicht auf, Menschen sind so.“

    Ja, Zynismus ist deswegen hip, weil es als Birkenstock gilt, ihm nicht zu frönen und auch mal laut und deutlich „Nein“ zu sagen. Weil es so langsam mal gut ist mit dieser Scheiße von Postmoderne. Wenn die ganzen theorieüberfrachteten Antimoralisten und Distanzbewahrer auch nur ein einziges Mal in einer überfüllten S-Bahn so richtig zu Brei gedroschen würden, wäre die Welt eine bessere, gell? Ich komme nicht umhin, diese Gedanken hie und da zu hegen.
    Wenn man Gewalt thematisiert, kommt man nicht umhin, sie irgendwie darzustellen. Die Alternative wäre, nicht darüber zu reden. S-U-P-E-R!
    Das Video ist ja wohl wirklich harmlos im Vergleich zu anderen Dingen, die so kursieren und Johnny hat Recht damit, die grundsätzliche Haltung dahinter anzusprechen und zu kritisieren.
    Das allersimpelste: Empathie. Wie fühlt ihr euch, wenn euch jemand (möglicherweise wildfremdes) in der Öffentlichkeit schlägt, bespuckt, beleidigt und die 100 Menschen um euch herum schauen gelangweilt weg, packen ihre Handykameras aus oder schreien „LOL!“?
    Und nein, das ist nicht der Mensch an sich. Das ist unsere „westliche“, „kapitalistische“ etc. Art zu leben. Wenn es schlecht ist, sich zu exponieren, weil gefährlich fürs Image, welches auch noch große Teile unserer Entscheidungen beeinflusst, wenn ein solcher Konformitätsdruck herrscht und Widerspruch als sozial unerwünscht („uncool“ -> auslachen, „Gutmensch“) gilt, dann führt das eben auch zu solchen Dingen. Und da kann man sehr wohl etwas dagegen machen.
    „Menschen sind so“, dass ich nicht lache. Facebook- und Youtubemenschen vielleicht, aber auch die nicht nur.

    Bis vor 70 Jahren wurden afrikanische Indigene in deutschen Zoos ausgestellt. http://de.wikipedia.org/wiki/V%C3%B6lkerschau Macht ihr das immer noch? Weil Menschen so sind?
    Oder schaut euch doch einfach mal an, was bis vor ein paar Jahrhunderten mit „Hexen“, Homosexuellen, „Ketzern“ etc. gemacht wurde. Folter ist ein Wort, das der Wirklichkeit da gar nicht gerecht wird. Was für eine beschränkte Horizontlosigkeit, was ein Gartennazitum, da einfach achselzuckend weiterzulaufen. Wenn Menschen „so sind“, dann gnade euch, wenn sie euch mal kriegen.

  41. 41
    formlos

    @form:

    rädern, teeren und federn sind heute nicht mehr zeitgemäß. dafür gibts taser und waterboarding und whatnot. nur weil folter heutzutage weniger hart is als vor jahrhunderten heißt das nicht, dass die menschen sich gebessert haben.

    nicht alle menschen besitzen das selbe maß an empathie. tu nich so als, ob jeder mensch mit denselben attribute-set ausgestattet.

  42. 42

    @formlos: Jaja, genau. Der Mensch ist immer noch genau derselbe, der Mensch an sich. Wo wird denn z.B. an den Stätten der damaligen Inquisition heute gefoltert? Darfst du mir gern erklären.
    Die Kirche darf z.B. in Europa keine Kaiser mehr bestimmen. Obwohl doch die Menschen an sich so sind. Und tu nicht so, als täte ich so, du schiebst mir Dinge unter, die ich nicht behaupte.

  43. 43
    flubutjan

    „Und tu nicht so, als täte ich so, du schiebst mir Dinge unter, die ich nicht behaupte.“ Sorry, aber: ??? + :-D

    ‚Mit sich selber bloggen‘, Aufbaukurs, Teil II:

    Voltaire sagte, Humanität sei, die Leiden anderer unerträglich zu finden.

    Somit wären Humanität und Sadismus direkte Gegenspieler. Auch keine Überraschung eigentlich.

    Humanität————————————————————-Sadismus

    Interessant vielleicht, wo sich auf dieser Skala sogenannte Gutmenschen und wo die Gutmenschenverächter sich einordnen.

  44. 44

    Betrachtung

    Wenn ich mir
    Nelson Mandela
    als Vorbild anschaue,
    sehe ich die tlw.unnützen Befindlichkeiten
    so mancher Kommentare in einem anderen Licht.

    Ja,
    die Welt ist so Grausam
    weil es Menschen gibt, die augenscheinlich reflektieren können.

    Alles Gute

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