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WhatsApp, Facebook?

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Das Analysieren der finanziellen Dimension des Facebook-/WhatsApp-Deals überlasse ich lieber den Analysten, die heißen ja schließlich nicht ohne Grund so. Ich selbst bin nämlich bei der Analysten-Prüfung durchgefallen, weil ich jeden Deal dieser Größenordnung mit den Worten „Die spinnen doch komplett“ bewertet habe, das wirkte wohl etwas unseriös.

Mir fielen aber in den endlosen Twitter-Reaktionen einige Dinge auf, die ich gerne kommentieren möchte, denn meine Kommentatoren-Prüfung habe ich mit einer 3- erfolgreich abgeschlossen.

Zunächst war ich überrascht davon, wie vielen Menschen WhatsApp bis gestern noch kein wirklicher Begriff war. Mütter oder Väter waren das ganz sicher nicht, denn dass ältere Kinder und Jugendliche die vielen Facebook-Warnungen der letzten Jahre ernst genommen haben und teilweise komplett auf WhatsApp (und vereinzelt auch auf SnapChat etc.) umgestiegen sind, wissen Eltern. WhatsApp hat mit täglich rund 1 Million neuen Nutzerinnen und Nutzern nicht nur, aber eben auch im Jugendbereich einen Run hingelegt, der seinesgleichen sucht. Interessanterweise war es dabei meiner Beobachtung nach bei jungen Menschen vor allem die vor einigen Monaten eingeführte Audio-Funktion, die WhatsApp noch einmal beliebter gemacht hat: Das Versenden von Tonaufnahmen scheint Jugendlichen mindestens so viel Spaß zu machen wie Video- und Foto-Messaging, was ich nicht vermutet hätte. Mit Audio-Messaging verfügt WhatsApp übrigens über eine Funktion, die – soweit ich weiß – noch keiner der verschlüsselten Messaging-Clients anbietet.

Dabei sind wir aber schon mittendrin bei der Beantwortung der vielgestellten Frage, warum Facebook überhaupt WhatsApp gekauft hat: Wenn Facebook angeblich die jungen Nutzer weglaufen, und wenn diese scheinbar in Massen zu WhatsApp gerannt sind, dann holt sich Facebook die jungen Menschen eben mit Gewalt, also Geld, zurück. Und mehr noch: Mit dem Kauf von WhatsApp erhält Facebook ja nicht allein Zugang zu den Daten der Nutzerinnen und Nutzer der App, sondern auch noch zu den Daten derer Kontakte und damit u.U. zu Menschen, die bisher weder bei WhatsApp noch bei Facebook registriert sind.

Zudem hat WhatsApp auch bei nicht-besonders-viel-Internet-nutzenden Erwachsenen die SMS ersetzt, denn der Umstieg geht schnell und ist einfach, das Kommunizieren via SMS beherrscht auch die eben genannte Nutzergruppe. In Zeiten von mobilen Internet-Flatrates, in denen SMS aber häufig noch abgerechnet werden, ist es einfach kostensparend, Kurznachrichten über WhatsApp zu versenden, und dafür sollten selbst 200mb „Flat“ im Monat ausreichen.

Wahrscheinlich war es aber dann doch die Ahnung, dass man nun als WhatsApp-User plötzlich Facebook-Mitglied werden könnte, die so viele Menschen auf Twitter dazu veranlasst hat, ihren Ausstieg aus WhatsApp anzukündigen, einen anderen Grund kann ich mir nicht vorstellen, schließlich war der Umgang mit Daten bei WhatsApp schon vorher äußerst umstritten: Dass die App nämlich scheinbar das gesamte Adressbuch seiner Nutzer auf US-Server überträgt und dort auch die Kontaktdaten von den Menschen behält, die gar kein WhatsApp nutzen, das war schon lange bekannt und kritisiert. Die Vermutung, dass WhatsApp durch Facebook also „böser“ werden würde, halte ich für gewagt, zumal es auch albern erscheint, darüber zu streiten, ob nun Facebook oder Twitter oder WhatsApp oder Google oder Apple besser mit unseren Daten umgeht, vor allem, wenn am Ende sowieso alles noch einmal von Dritten komplett überwacht wird.

Ich behaupte außerdem, dass ein hochpreisiger Verkauf von WhatsApp von Beginn an das Ziel der WhatsApp-Gründer gewesen ist. Jan Koum hatte zwar oft betont, dass ihm die (70% der) Mitte 2013 eingeführten jährlichen App-Gebühr von umgerechnet 89 Cent für die Finanzierung von WhatsApp genügen würden. Ein paar Milliarden auf dem eigenen Konto sprechen dann aber offenbar doch eine andere Sprache, und wer kann es ihm verdenken?

Aus verschiedenen Gründen glaube ich außerdem nicht, dass wir in naher Zukunft einen signifikaten Rückgang der Nutzerzahlen bei WhatsApp sehen werden. Die Verbreitung ist einfach schon sehr hoch, der Umstieg nervt, wenn nicht alle Kontakte mitziehen, und ganz ehrlich: Wer einem Jugendlichen etwas von Datensicherheit erzählt, um sie oder ihn damit zum Verlassen von WhatsApp (oder Facebook, oder …) zu bewegen, wird nur ein müdes Lächeln ernten. Denn denjenigen jungen Menschen, denen so etwas eh egal ist, ist es eben egal; und diejenigen, welche die Entwicklung um die Snowden-Enthüllungen mitverfolgen, glauben genau deshalb auch bei verschlüsselten Clients nicht an die wirkliche Sicherheit oder Selbstbestimmungsrechte hinsichtlich ihrer Daten.

Wem das alles aber zu gruselig ist oder wird, dem bleibt tatsächlich nur der Umstieg auf Messaging-Apps, die Nachrichten und andere anfallenden Kommunikationsdaten verschlüsseln (Location, Namen, Metadaten der Verbindungen etc.). Dass um die dabei eingesetzten Technologien natürlich sofort Expertenstreits entbrannt sind, liegt in der Natur der Techniksache (moeffju hat eine kleine und verständliche Übersicht über die erhältlichen „Secure Messaging Apps“ verfasst und hier gibt es noch eine Analyse auf Englisch), vergessen sollte man aber bei allem Respekt vor den Anbietern verschlüsselter Clients auch nicht, dass man a) manchmal noch weniger weiß, wer wirklich hinter diesen Apps steckt und b) die Frage noch beantwortet werden muss, ob diese Anbieter einem potentiellen Ansturm von erheblich mehr Nutzerinnen und Nutzern inkl. der sich daraus ergebenden Technik- und Support-Anforderungen wirklich gewachsen sind.

Zusammenfassend und nun doch etwas analysierend sage ich also:

WhatsApp war nie besonders „gut“ und wird daher durch Facebook nicht schlechter; dass Facebook WhatsApp kauft, ist für Facebook sehr sinnvoll; der irrsinnige Preis ist irrsinnig, egal wie viel Dollars das pro Nutzer sind; Facebook hat nun wahrscheinlich auch viele Kontaktdaten von Menschen, die bisher weder WhatsApp noch Facebook nutzen; ich installiere jetzt alle „secure“ Messaging-Clients auf meinem iPhone und HTC Mini One (außer denen, die 10 Dollar im Monat kosten), WhatsApp bleibt vorerst ebenfalls im Einsatz.

8 Kommentare

  1. 01

    „Ich selbst bin nämlich bei der Analysten-Prüfung durchgefallen, weil ich jeden Deal dieser Größenordnung mit den Worten “Die spinnen doch komplett” bewertet habe, das wirkte wohl etwas unseriös.” korrigiert: „zu seriös”

    ;-)

  2. 02
    jochen

    – mir egal dass eine unverhaeltnismaessig hohe geldmenge den besitzer wechselt
    – mir egal dass millionen whatsapp datensaetze der whatsapp nutzer in die haende der facebook heinis fallen

    – mir nicht egal dass ich keine chance habe mich gegen verbreitung meiner daten zu wehren, die ausbreitung zu kontrollieren, der ueberwachung zu entgehen, selbst wenn ich keinen der dienste nutze … aber auch dass wird mir irgendwann hoffentlich egal sein

  3. 03

    Ich bin immer noch altmodisch und benutze email. Und ab und zu telefoniere ich sogar. Oder sende SMS.

    Schockschwerenot.

  4. 04

    @Armin: Das ist der Vorteil, den wir „altmodischen“ für uns locker verbuchen können. Und erreichbar sind wir auch immer, wenn wir es denn möchten.

  5. 05

    „Das Versenden von Tonaufnahmen scheint Jugendlichen mindestens so viel Spaß zu machen wie Video- und Foto-Messaging, was ich nicht vermutet hätte.“

    Diesen Trend haben wir auch beobachtet und versuchen ein paar witzige zu veröffentlichen :-)

    http://www.sprachnachrichtvongesternnacht.de/

  6. 06

    Das eigentliche Problem mit diesen ganzen Chat-Apps und dass grosse Firmen die aufkaufen liegt eigentlich ganz woanders. Dan Gillmor hat es recht gut hier unter Punkt 4 beschrieben:

    http://www.theguardian.com/commentisfree/2014/feb/20/whatsapp-facebook-mark-zuckerberg-no-benevolent-overlord

    „Apart from security and privacy issues serious enough to make anyone just finding out about the company more than queasy, WhatsApp is terrific if you want to communicate with other users of the same software, which at least runs on all major mobile platforms. The main value the telecom carriers bring to messaging, meanwhile, is that a text sent by one carrier’s customer to another carrier’s customer will, undoubtedly, arrive.

    If Gmail users could only send email to other Gmail users, and my Thunderbird desktop email software could only send to others using the same package, email would soon turn into a monopoly controlled by one company. The open internet created email standards that were available to everyone, and the monopoly never had a chance to happen.

    This is a debate that continues to play out at large – the FCC is debating net neutrality in light of the disastrous Comcast-Time Warner bid – but we need competition and cooperation among messaging app developers, too.“

    Sie schraenken die Offenheit des Internets weiter und weiter ein, da sie praktisch alle nur mit sich selber kommunizieren koennen. Im Hintergrund werden da vielleicht ein paar Standards genutzt, aber offen ist was anderes.

  7. 07
    Michael

    Mein Eindruck ist, dass Facebook beim U20-Volk (zumindest dem kleinen Teil, den ich kenne) schon einen Touch von „uncool“ hat. Warum das so ist, darüber kann man spekulieren (war vielleicht mit 12 noch ok, mit seinen Eltern befreundet zu sein, mit 15 ist es das nicht mehr). Jedenfalls überträgt sich dieser Touch jetzt auf Whatsapp. Bin sehr gespannt wie sich das in den nächsten Wochen auswirkt, wäre ja nicht das erste mal dass die Karawane weiter zieht.

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